Teil 26: Australien III: Broome - Geraldton (Westaustralien)

Fuss und Geist sind fit, ich bin wieder unterwegs. Aber noch habe ich in West-Australien nicht wirklich Feuer gefangen. Momentan geht es vor allem darum, die gewaltigen Distanzen in diesem Land, momentan noch südwärts, hinter mich zu bringen. Das Land in Westaustralien und trocken und windgehärmt, hat einige Sehenswürdigkeiten, die jeweils weit auseinanderliegen. Ich habe bereits wieder einige Reisegefährten gefunden, zuerst Achim aus  Ratingen auf seiner KLR, später Fränzi und Christian aus Rossrüti und überraschend viele weitere Schweizer Reisende.

Bald werde ich mich jedoch alleine auf den Weg machen zu einem ersten grossen Abenteuer in diesem Land, die Durchquerung der Wüste auf der Great Central Road. Vor 26 Jahren stand ich an jener rot-getünchten Staubstrasse, die von Westen zu den Olgas in Zentralaustralien führt. Damals träumte ich, jener Strecke einmal zu folgen - jetzt befahre ich sie, aber von Westen her - halt trip of a lifetime...

Sa, 22.10.2016: Start ins Abenteuer „Rondom“ Teil 2

Ich bin wieder unterwegs, momentan irgendwo über den Wolken Leibzigs, auf dem Weg nach Helsinki, von wo aus ich in der Nacht und fast den ganzen folgenden Tag nach Singapore fliegen werde. Sehr bald nachdem ich bereits die überaus angenehmen Umstände, Freunde und Verwandten in vollen Zügen genossen hatte, gedieh die Idee „Rondom“, eben meine Maschine über Südamerika und Afrika rund um den Globus zu bringen. Die Idee, die Schweiz von Westen her wieder zu erreichen, liess mich nicht mehr los.

Im gleichen Masse, wie mich dieser neue Plan faszinierte, habe ich jedoch auch Respekt vor dem Zurückkommen in die Schweiz. Und ich zweifle nach wie vor überhaupt nicht, dass ich dies auch tun werde. Aber wie leicht (oder eben schwer) wird es mir fallen, mich wieder die schweizerische Alltagsmaschinerie zu begeben und dort auch zu funktionieren? Eigentlich wollte ich dies ja mit einer Stellvertretung testen, aber dazu ist es nicht gekommen, zu sehr war ich mit anderen Dingen beschäftigt. Zum einen eignete sich dieser dreimonatige Exkurs, die unzähligen Eindrücke des ersten Teils meiner Reise zu verarbeiten. Wochenlang war ich zuerst damit beschäftigt, zwei dreihundertseitige Fotobücher zu gestalten, anschliessend begann ich mich den vielen Filmen zu widmen, sodass ich meine vergangene Reise beinahe eins zu eins nochmals erleben konnte. Viele Filme sah ich selber zum ersten Mal. Eigentlich würde man denken, dass eine dreimonatige Reiseauszeit reicht, um diese Verarbeitung abzuschliessen, aber dies gelang mir tatsächlich nicht, einerseits weil die Sichtung und das Schneiden dieser Unmengen von Film- und Fotomaterial extrem zeitaufwändig ist, andrerseits arbeitete ich mit dem neuen Pinnacle 20, das sich aber als ein grosses Ärgernis herausstellte, weil die teuer gekaufte Software immer wieder abstürzte und sich schliesslich der zweite Teil von vier Filmen nicht exportieren liess. Dutzende von Filmen ab Laos (Teil 3 und 4) blieben  noch ungesichtet und unbearbeitet. Tatsächlich fragte ich mich auch immer wieder, was ich mit all meinem produzierten Film-, Foto- und Textmaterial auch wirklich anfangen möchte. Ein Buch schreiben? Mit einer Filmdokumentation auf Tour gehen? Noch bin ich extrem unschlüssig, die ganz grosse Idee fehlt mir nach wie vor. Noch mache ich all die Arbeit vor allem für mich selber und die Interessierten, die sich bereits auf den nächsten Blog-Teil freuen.

Als es heute Nachmittag galt, den Böl und die mir lieb gewordene Umgebung und vor allem die Menschen in dieser erneut zu verlassen, war die Wehmut schon sehr gross, die mein Fernweh beinahe überschüttete. Denn in der beschränkten Zeit von drei Monaten habe ich all die sozialen Kontakte rund um mich herum wohl noch nie im Leben so genossen. Da gab es Eltern- und Schwesternbesuche, Pokerabende, Jassnächte, Saunabesuche, zwei Olma-Gänge, Besuche über Besuche, da ist die Zollerfamilie, Mäsi, aber auch viele andere, sind mir ans Herz gewachsen sind, und ich frage mich schon, was ich denn in der Ferne überhaupt suche, wenn es mir zu Hause auch so gefällt. Ich war auch mehrfach zum Essen eingeladen mit den nicht gerade angenehmen Folgen, dass ich seit Juni 2016 wieder acht Kilogramm (!) zugenommen habe. Ich schaffte es gerade noch, mich in zwei Hosen hineinzuzwängen, zu Hause bewegte ich mich aus Bequemlichkeitsgründen vor allem in Trainerhosen. Es geht mir also bestens, aber ich fühlte mich schon wohler, mein Bauch ist jetzt definitiv wieder zu gross, Abenteuer, Staub und Entbehrung tun Not... Natürlich fehlte mir der Sport und die Bewegung, nur während einiger Tagen hatte ich tatsächlich Muskelkater, nämlich als ich half, in sechs Tagen Zollers Eingangsbereich ihres Hauses zu renovieren… Natürlich lag leider nicht mehr Bewegung drin, denn es gab ja einen Grund, dass ich überhaupt in der Schweiz weilte. Dutzende Male überlegte ich wegen des tollen Sommer- und Herbstwetters, ob ich noch schaffe, den Säntis zu erklimmen, der mich beinahe täglich angeglotzt hat. Aber schliesslich wurde ich nicht genug fit, um diesen Trip zu wagen. Meine Geduld wurde wirklich auf die Probe gestellt. Nachdem ich Woche für Woche Fortschritte an meinem Fussgelenk feststellen durfte, ist es in den letzten Wochen eher zu leichten Rückschlägen gekommen. Allerdings sollte ich mich nicht wundern: Wadenbein gebrochen, Syndesmose-Band gerissen, Innenband am Fussgelenk gerissen und alles operativ wieder zusammengeflickt. Vor einer Woche erlitt Embolo, der Schweizer Fussballer, in einem Spiel exakt dieselbe Verletzung – und er fällt jetzt vier bis sechs Monate aus – mit seinen nicht einmal zwanzig Jahren…

Für die Verschlechterung des Zustands war vielleicht auch meine Physiotherapeutin etwas verantwortlich. Vor zwei Wochen fand sie exakt den Punkt am Innenband, wo die Verklebungen des Gewebes offenbar noch besonders offenkundig sind und bearbeitete diese Stelle massiv, sodass die Schmerzen während der folgenden Tage wieder heftiger wurden und vor allem der Fuss am Abend wieder stark anschwoll. Aber ich möchte ihr keinesfalls einen Vorwurf machen, ich gehe davon aus, dass die Verklebung nun gelöst ist! Nadine vom Physiopunkt Gossau tat einen guten Job und scheint mir wirklich sehr fachkundig zu sein. Dazu ist sie eine überaus nette Person. Heute sind die Beschwerden zwar noch nicht vollständig verschwunden, aber ich gehe mehr oder weniger schmerzfrei. Natürlich bin ich gespannt, wie der Fuss das Sitzen auf dem Töff, die langen Fahrtage, die Hitze in Westaustralien verträgt. Aber ich spüre mich ja gut und werde wenn nötig wieder ruhigere Tage einschalten (müssen).

Der Flug nach Helsinki geht netterweise nicht wie angenommen dreieinhalb, sondern eine Stunde weniger lang – die erste Stunde Zeitverschiebung habe ich schon hinter mich gebracht…

 

 

So, 23.10.2016: Warten in Singapore

Der über zehnstündige Flug nach Singapur war weniger aufreibend als erwartet, weil ich erstens sprichwörtlich recht guten Schaf fand und mit einer netten, gross gewachsenen Russin drei Sitze teilte, was mir einiges mehr an Bewegungsfreiheit verschaffte. Flugreisen sind für meinen Fuss nicht unerwartet torturös – ich mochte die aufkommende Schwellung gar nicht beachten. Aber in Singapur war es kein Problem, mich langsam und leicht hinkend fortzubewegen. Wegen der Zeitverschiebung erreichte ich am späten Nachmittag diese Weltstadt und habe jetzt sechseinhalb Stunden Aufenthalt.

Ich musste bei JetAir frisch einchecken und feststellen, dass mein Flug nur mit Handgepäck gebucht war, womit ich noch 35 Fr. Gepäckgebühr zu entrichten hatte. Jetzt sitze ich in einem weichen, roten Sessel und warte, bis eine der Liegen frei wird. Ein Schläfchen würde mir durchaus gut tun. Eben habe ich ein Premium Set Sushi verzehrt und bin jetzt frisch genährt ganz zufrieden, ich war auch ziemlich hungrig, denn der Finnair-Food war ziemlich übel, auch wenn der Flug sonst ganz okay war.

Es ist zehn nach sieben Uhr abends Ortszeit, ich warte auf den nächsten Flug nach Darwin. Um 23.05 Uhr geht’s los…

 

Mo, 24.10.2016: Zurück in Broome

Die zweite Nacht im Flugzeug war von der Flugzeit her zwar kürzer, aber gleichwohl anstrengender, weil ich diesmal die Ruhe nicht fand und kein Auge zutat. Zudem ist das Projekt „Abnehmen“ schon in vollem Gange. Wenn es Essen gibt, ist es von der übelsten Sorte – oder dann gibt es gar nichts – wie letzte Nacht.

Als ich Darwin erreichte, dämmerte es bereits. Die Regenzeit scheint sich Zeit zu nehmen, es war heute Morgen fast wolkenlos bei angenehmen 25°C. Niemals hätte ich am 12. Juni gedacht, so bald wieder aus dem kleinen Flughafengebäude zu treten. Und dies ging heute ausserordentlich fix. Ich scannte meinen Pass ein und passierte im Nu sämtliche Kontrollen. Klugerweise war mein im März gebuchtes Visum für eine vierfache Einreise innerhalb eines Jahres gut. Ich war hungrig und durstig und froh, dass wenigstens eine kleine Bar geöffnet hatte. Ein grosser Cappuccino, ein Käse-Schinken-Croissant und ein Cola halfen, die dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Aber ich hatte jetzt über fünf Stunden Zeit. Ich fand in einem nahen Park eine Bank, auf die ich mich hinlegte. Aber auch diesmal fand ich keinen Schlaf.

Endlich um 11.25 Uhr verliess ich mit AirNorth Darwin bereits wieder. In Kununurra machten wir einen Zwischenstopp, die Kimberleys sind unterdessen noch trockener geworden, Flussläufe ausgetrocknet, riesige Spuren von vergangenen heftigen Niederschlägen sind in der Landschaft auszumachen. Ich war froh, dass der letzte Flug bis Broome endlich ausgestanden war. Broome empfing mich mit einer Bruthitze. Ein Taxi fuhr mich die 2.5 km zu Clark Rubber, wo ich meinen unversehrten Töff in Empfang nehmen konnte. Die Hochsaison in Broome ist längst vorbei, es hat deutlich weniger Touristen. Ich montierte meinen neuen Helm und fuhr erneut zum Beaches of Broome, wo ich ein klimatisiertes Dormitory-Zimmer für zwei Nächte buchte (je 26 A$). Der Energiepegel war unterdessen beinahe auf dem Nullpunkt. Ich lag den ganzen Nachmittag am Swimmingpool, genoss das warme Wetter und schlief mitunter ein, um dann eher verwirrt immer wieder aufzuwachen und mich wieder zu drehen.

Eben bin ich von einem überraschenderweise geöffneten, kleinen Restaurant zurückgekehrt. Die Prawn waren aber keineswegs ein Gedicht, ich muss wohl froh sein, wenn ich keinen Durchfall kriege. Es ist acht Uhr, ich habe Lust zu nichts mehr – ausser schlafen…

Km: 45‘782 (7)

 

Di, 25.10.2016: Vierzehn Stunden geschlafen!

Als ich am Morgen endlich auf die Uhr schaute, erschrak ich, denn es war schon nach zehn Uhr, womit ich fast vierzehn Stunden geschlafen und jetzt gleich auch noch das Frühstück verpasst hatte. Ich fühlte mich aber eher, als ob ich nur zwei Stunden im Bett war. Aber dies sollte sich bald ändern. Nach einem Cappuccino und einem süssen Küchlein in der Zee-Bar kam ich schnell in die Gänge, vor allem als ich mich im Swimmingpool noch etwas abgekühlt hatte. Ich wollte heute mein Gepäck so reorganisieren, dass ich reisefertig bin. Dies war ziemlich zeitraubend.

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