Teil 26: Australien III: Broome - Geraldton (Westaustralien)

Fuss und Geist sind fit, ich bin wieder unterwegs. Aber noch habe ich in West-Australien nicht wirklich Feuer gefangen. Momentan geht es vor allem darum, die gewaltigen Distanzen in diesem Land, momentan noch südwärts, hinter mich zu bringen. Das Land in Westaustralien und trocken und windgehärmt, hat einige Sehenswürdigkeiten, die jeweils weit auseinanderliegen. Ich habe bereits wieder einige Reisegefährten gefunden, zuerst Achim aus  Ratingen auf seiner KLR, später Fränzi und Christian aus Rossrüti und überraschend viele weitere Schweizer Reisende.

Bald werde ich mich jedoch alleine auf den Weg machen zu einem ersten grossen Abenteuer in diesem Land, die Durchquerung der Wüste auf der Great Central Road. Vor 26 Jahren stand ich an jener rot-getünchten Staubstrasse, die von Westen zu den Olgas in Zentralaustralien führt. Damals träumte ich, jener Strecke einmal zu folgen - jetzt befahre ich sie, aber von Westen her - halt trip of a lifetime...

Sa, 22.10.2016: Start ins Abenteuer „Rondom“ Teil 2

Ich bin wieder unterwegs, momentan irgendwo über den Wolken Leibzigs, auf dem Weg nach Helsinki, von wo aus ich in der Nacht und fast den ganzen folgenden Tag nach Singapore fliegen werde. Sehr bald nachdem ich bereits die überaus angenehmen Umstände, Freunde und Verwandten in vollen Zügen genossen hatte, gedieh die Idee „Rondom“, eben meine Maschine über Südamerika und Afrika rund um den Globus zu bringen. Die Idee, die Schweiz von Westen her wieder zu erreichen, liess mich nicht mehr los.

Im gleichen Masse, wie mich dieser neue Plan faszinierte, habe ich jedoch auch Respekt vor dem Zurückkommen in die Schweiz. Und ich zweifle nach wie vor überhaupt nicht, dass ich dies auch tun werde. Aber wie leicht (oder eben schwer) wird es mir fallen, mich wieder die schweizerische Alltagsmaschinerie zu begeben und dort auch zu funktionieren? Eigentlich wollte ich dies ja mit einer Stellvertretung testen, aber dazu ist es nicht gekommen, zu sehr war ich mit anderen Dingen beschäftigt. Zum einen eignete sich dieser dreimonatige Exkurs, die unzähligen Eindrücke des ersten Teils meiner Reise zu verarbeiten. Wochenlang war ich zuerst damit beschäftigt, zwei dreihundertseitige Fotobücher zu gestalten, anschliessend begann ich mich den vielen Filmen zu widmen, sodass ich meine vergangene Reise beinahe eins zu eins nochmals erleben konnte. Viele Filme sah ich selber zum ersten Mal. Eigentlich würde man denken, dass eine dreimonatige Reiseauszeit reicht, um diese Verarbeitung abzuschliessen, aber dies gelang mir tatsächlich nicht, einerseits weil die Sichtung und das Schneiden dieser Unmengen von Film- und Fotomaterial extrem zeitaufwändig ist, andrerseits arbeitete ich mit dem neuen Pinnacle 20, das sich aber als ein grosses Ärgernis herausstellte, weil die teuer gekaufte Software immer wieder abstürzte und sich schliesslich der zweite Teil von vier Filmen nicht exportieren liess. Dutzende von Filmen ab Laos (Teil 3 und 4) blieben  noch ungesichtet und unbearbeitet. Tatsächlich fragte ich mich auch immer wieder, was ich mit all meinem produzierten Film-, Foto- und Textmaterial auch wirklich anfangen möchte. Ein Buch schreiben? Mit einer Filmdokumentation auf Tour gehen? Noch bin ich extrem unschlüssig, die ganz grosse Idee fehlt mir nach wie vor. Noch mache ich all die Arbeit vor allem für mich selber und die Interessierten, die sich bereits auf den nächsten Blog-Teil freuen.

Als es heute Nachmittag galt, den Böl und die mir lieb gewordene Umgebung und vor allem die Menschen in dieser erneut zu verlassen, war die Wehmut schon sehr gross, die mein Fernweh beinahe überschüttete. Denn in der beschränkten Zeit von drei Monaten habe ich all die sozialen Kontakte rund um mich herum wohl noch nie im Leben so genossen. Da gab es Eltern- und Schwesternbesuche, Pokerabende, Jassnächte, Saunabesuche, zwei Olma-Gänge, Besuche über Besuche, da ist die Zollerfamilie, Mäsi, aber auch viele andere, sind mir ans Herz gewachsen sind, und ich frage mich schon, was ich denn in der Ferne überhaupt suche, wenn es mir zu Hause auch so gefällt. Ich war auch mehrfach zum Essen eingeladen mit den nicht gerade angenehmen Folgen, dass ich seit Juni 2016 wieder acht Kilogramm (!) zugenommen habe. Ich schaffte es gerade noch, mich in zwei Hosen hineinzuzwängen, zu Hause bewegte ich mich aus Bequemlichkeitsgründen vor allem in Trainerhosen. Es geht mir also bestens, aber ich fühlte mich schon wohler, mein Bauch ist jetzt definitiv wieder zu gross, Abenteuer, Staub und Entbehrung tun Not... Natürlich fehlte mir der Sport und die Bewegung, nur während einiger Tagen hatte ich tatsächlich Muskelkater, nämlich als ich half, in sechs Tagen Zollers Eingangsbereich ihres Hauses zu renovieren… Natürlich lag leider nicht mehr Bewegung drin, denn es gab ja einen Grund, dass ich überhaupt in der Schweiz weilte. Dutzende Male überlegte ich wegen des tollen Sommer- und Herbstwetters, ob ich noch schaffe, den Säntis zu erklimmen, der mich beinahe täglich angeglotzt hat. Aber schliesslich wurde ich nicht genug fit, um diesen Trip zu wagen. Meine Geduld wurde wirklich auf die Probe gestellt. Nachdem ich Woche für Woche Fortschritte an meinem Fussgelenk feststellen durfte, ist es in den letzten Wochen eher zu leichten Rückschlägen gekommen. Allerdings sollte ich mich nicht wundern: Wadenbein gebrochen, Syndesmose-Band gerissen, Innenband am Fussgelenk gerissen und alles operativ wieder zusammengeflickt. Vor einer Woche erlitt Embolo, der Schweizer Fussballer, in einem Spiel exakt dieselbe Verletzung – und er fällt jetzt vier bis sechs Monate aus – mit seinen nicht einmal zwanzig Jahren…

Für die Verschlechterung des Zustands war vielleicht auch meine Physiotherapeutin etwas verantwortlich. Vor zwei Wochen fand sie exakt den Punkt am Innenband, wo die Verklebungen des Gewebes offenbar noch besonders offenkundig sind und bearbeitete diese Stelle massiv, sodass die Schmerzen während der folgenden Tage wieder heftiger wurden und vor allem der Fuss am Abend wieder stark anschwoll. Aber ich möchte ihr keinesfalls einen Vorwurf machen, ich gehe davon aus, dass die Verklebung nun gelöst ist! Nadine vom Physiopunkt Gossau tat einen guten Job und scheint mir wirklich sehr fachkundig zu sein. Dazu ist sie eine überaus nette Person. Heute sind die Beschwerden zwar noch nicht vollständig verschwunden, aber ich gehe mehr oder weniger schmerzfrei. Natürlich bin ich gespannt, wie der Fuss das Sitzen auf dem Töff, die langen Fahrtage, die Hitze in Westaustralien verträgt. Aber ich spüre mich ja gut und werde wenn nötig wieder ruhigere Tage einschalten (müssen).

Der Flug nach Helsinki geht netterweise nicht wie angenommen dreieinhalb, sondern eine Stunde weniger lang – die erste Stunde Zeitverschiebung habe ich schon hinter mich gebracht…

 

 

So, 23.10.2016: Warten in Singapore

Der über zehnstündige Flug nach Singapur war weniger aufreibend als erwartet, weil ich erstens sprichwörtlich recht guten Schaf fand und mit einer netten, gross gewachsenen Russin drei Sitze teilte, was mir einiges mehr an Bewegungsfreiheit verschaffte. Flugreisen sind für meinen Fuss nicht unerwartet torturös – ich mochte die aufkommende Schwellung gar nicht beachten. Aber in Singapur war es kein Problem, mich langsam und leicht hinkend fortzubewegen. Wegen der Zeitverschiebung erreichte ich am späten Nachmittag diese Weltstadt und habe jetzt sechseinhalb Stunden Aufenthalt.

Ich musste bei JetAir frisch einchecken und feststellen, dass mein Flug nur mit Handgepäck gebucht war, womit ich noch 35 Fr. Gepäckgebühr zu entrichten hatte. Jetzt sitze ich in einem weichen, roten Sessel und warte, bis eine der Liegen frei wird. Ein Schläfchen würde mir durchaus gut tun. Eben habe ich ein Premium Set Sushi verzehrt und bin jetzt frisch genährt ganz zufrieden, ich war auch ziemlich hungrig, denn der Finnair-Food war ziemlich übel, auch wenn der Flug sonst ganz okay war.

Es ist zehn nach sieben Uhr abends Ortszeit, ich warte auf den nächsten Flug nach Darwin. Um 23.05 Uhr geht’s los…

 

Mo, 24.10.2016: Zurück in Broome

Die zweite Nacht im Flugzeug war von der Flugzeit her zwar kürzer, aber gleichwohl anstrengender, weil ich diesmal die Ruhe nicht fand und kein Auge zutat. Zudem ist das Projekt „Abnehmen“ schon in vollem Gange. Wenn es Essen gibt, ist es von der übelsten Sorte – oder dann gibt es gar nichts – wie letzte Nacht.

Als ich Darwin erreichte, dämmerte es bereits. Die Regenzeit scheint sich Zeit zu nehmen, es war heute Morgen fast wolkenlos bei angenehmen 25°C. Niemals hätte ich am 12. Juni gedacht, so bald wieder aus dem kleinen Flughafengebäude zu treten. Und dies ging heute ausserordentlich fix. Ich scannte meinen Pass ein und passierte im Nu sämtliche Kontrollen. Klugerweise war mein im März gebuchtes Visum für eine vierfache Einreise innerhalb eines Jahres gut. Ich war hungrig und durstig und froh, dass wenigstens eine kleine Bar geöffnet hatte. Ein grosser Cappuccino, ein Käse-Schinken-Croissant und ein Cola halfen, die dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Aber ich hatte jetzt über fünf Stunden Zeit. Ich fand in einem nahen Park eine Bank, auf die ich mich hinlegte. Aber auch diesmal fand ich keinen Schlaf.

Endlich um 11.25 Uhr verliess ich mit AirNorth Darwin bereits wieder. In Kununurra machten wir einen Zwischenstopp, die Kimberleys sind unterdessen noch trockener geworden, Flussläufe ausgetrocknet, riesige Spuren von vergangenen heftigen Niederschlägen sind in der Landschaft auszumachen. Ich war froh, dass der letzte Flug bis Broome endlich ausgestanden war. Broome empfing mich mit einer Bruthitze. Ein Taxi fuhr mich die 2.5 km zu Clark Rubber, wo ich meinen unversehrten Töff in Empfang nehmen konnte. Die Hochsaison in Broome ist längst vorbei, es hat deutlich weniger Touristen. Ich montierte meinen neuen Helm und fuhr erneut zum Beaches of Broome, wo ich ein klimatisiertes Dormitory-Zimmer für zwei Nächte buchte (je 26 A$). Der Energiepegel war unterdessen beinahe auf dem Nullpunkt. Ich lag den ganzen Nachmittag am Swimmingpool, genoss das warme Wetter und schlief mitunter ein, um dann eher verwirrt immer wieder aufzuwachen und mich wieder zu drehen.

Eben bin ich von einem überraschenderweise geöffneten, kleinen Restaurant zurückgekehrt. Die Prawn waren aber keineswegs ein Gedicht, ich muss wohl froh sein, wenn ich keinen Durchfall kriege. Es ist acht Uhr, ich habe Lust zu nichts mehr – ausser schlafen…

Km: 45‘782 (7)

 

Di, 25.10.2016: Vierzehn Stunden geschlafen!

Als ich am Morgen endlich auf die Uhr schaute, erschrak ich, denn es war schon nach zehn Uhr, womit ich fast vierzehn Stunden geschlafen und jetzt gleich auch noch das Frühstück verpasst hatte. Ich fühlte mich aber eher, als ob ich nur zwei Stunden im Bett war. Aber dies sollte sich bald ändern. Nach einem Cappuccino und einem süssen Küchlein in der Zee-Bar kam ich schnell in die Gänge, vor allem als ich mich im Swimmingpool noch etwas abgekühlt hatte. Ich wollte heute mein Gepäck so reorganisieren, dass ich reisefertig bin. Dies war ziemlich zeitraubend.

Am Nachmittag fuhr ich nochmals zu Clark Rubber und brachte der Belegschaft eine Kiste Bier vorbei. So erfüllt man in Australien typischerweise nette Gefälligkeiten. Ich kaufte in einem Campingshop einen 10-Liter-Wassertank und versorgte mich im Woolworth mit den nötigen Lebensmitteln für die nächsten Tage. Gegen Abend fuhr ich an den Strand an genau jene Stelle, wo ich vor gut drei Monaten jene legendäre Aufnahme mit den Stöcken vor dem Sonnenuntergang gemacht hatte. Ich versuchte das Bild zu kopieren, diesmal natürlich ohne Stöcke. Das Meerwasser ist um einige Grad wärmer als vor drei Monaten – genauso wie die Luft, es hat des Tags weit über 30°C.

Dann benutzte ich die Backpackers-Küche für ein australisches Steak mit Salat. Es ist vor zehn Uhr, es ist ruhig hier, die Hauptsaison ist vorbei. Die Zeitumstellung habe ich mir letzte Nacht erschlafen. Fuss und Geist sind fit!

Km: 45‘795 (13)

 

Mi, 26.10.2016: Rekordort Broome

Es gab wohl keinen Ort auf meiner Reise, an dem ich länger geblieben bin. Diese kleine Stadt an der Nordwestküste Australiens hat zwar durchaus ihren Reiz mit ihren Stränden und angenehmen Unterkünften. Aber normalerweise hätte ich hier wohl höchstens zweimal übernachtet, da ist mir dann doch zu vieles zu gut organisiert. In meinem Backpacker’s Beaches of Broome sind momentan fast nur junge Frauen untergebracht, die sich ab und zu einen teuren Ein- bis Dreitagetrip gönnen.

Ich gab mir heute trotzdem noch einmal einen Tag an diesem Ort, damit ich mich noch etwas besser akklimatisieren kann. Es ist nämlich unerhört warm, weit über dreissig Grad, die Einheimischen sehnen sich nach der Regenzeit. Zudem hatte ich letzte Nacht grosse Schwierigkeiten einzuschlafen und heute Morgen dementsprechend aufzustehen. Die sechs Stunden Zeitumstellung schlauchen mich doch einigermassen. Deshalb liess ich es heute noch einmal ziemlich ruhig angehen, lag lange am Swimmingpool und war mit der Planung der nächsten Wochen beschäftigt. Erst am späteren Nachmittag fuhr ich nochmals zur Reddell-Beach, die diesmal vollkommen verlassen war. Anschliessend fuhr ich einige Kilometer dem sandigen Strand entlang, bis ich die Cable-Beach erreichte und mir dort beim Sonnenuntergang ein Bier genehmigte. Dann fuhr ich zurück zum Hostel, kochte einen Teller Nudeln mit Broccoli und bereitete die Packung so weit vor, dass ich morgen möglichst bald von hier wegkomme.

Es ist zehn Uhr, ich bin noch überhaupt nicht müde. Ich hoffe, heute etwas besser einschlafen zu können.

Km: 45‘817 (22)

 

Do, 27.10.2016: Erinnerungen an Turkmenistan und eine nette Nachtüberraschung

Nein, ich habe keine vergoldeten, munter über die Strasse hüpfenden Kängurus gesehen, die Wochentage wurden auch nicht nach den Namen eines Verwandten eines australischen Autokraten umbenannt, aber die Temperaturen auf der schier vor sich hinschmelzenden Strasse erinnerten mich sehr stark an die Brutofenhitze an jenen Tagen in diesem wüstengleichen Land. Und wieder bewegte ich mich heute in einer Wüste, zumindest am Rande davon. Anfangs durchquerte ich das schon bekannte Buschland mit zuweilen von Buschfeuern verkohlten Abschnitten, aber die Landschaft wurde bald noch karger und windgehärmter. Grashalme und die feinen Zweige ausgetrockneter Büsche hatten die Richtung des starken Westwindes angenommen und waren dementsprechend schräg gewachsen.

Ich stand am Morgen relativ früh auf, aber es verging zu viel Zeit, bis es endlich losgehen konnte. Ich fühlte mich sicher auf meiner Maschine, das Fussgelenk – fast exakt vor drei Monaten operiert – behinderte mich in keinem Masse. Ich hatte gut daran getan, mich im Woolworth mit zehn Litern frischen Wassers einzudecken. Das Hahnenwasser in Broome ist absolut ungeniessbar und schmeckt eher nach einer chemischen Legierung denn nach klarem Wasser (wenigstens sieht es so aus…). Die Fahrt war wenig Aufsehen erregend, es galt einfach, möglichst schnell möglichst viele Kilometer Richtung Südwesten zurückzulegen. Die Fahrt war eine Tortur, wiederum war es angenehmer, wegen der fast unerträglichen Hitze Helmvisier und Jacke zu schliessen.

Nach 350 km Fahrt musste ich nachtanken, trank ein Green Apple Schweppes, beinahe ungeniessbar. Die touristische Hochsaison ist unterdessen vorbei, die Cola-Vorräte scheinen nicht mehr nachgefüllt zu werden. Ich war ziemlich erstaunt, als eine Viertelstunde nach meiner Ankunft ein Motorradfahrer mit australischer Nummer heranfuhr. Es stellte sich heraus, dass es sich um Achim aus Ratingen handelte, der seit einigen Wochen in Australien auf seiner Kawasaki KLR 650 unterwegs ist. Lustigerweise ist er bekannt mit Bjarne und Mona, mit denen ich die Gibb River Road befahren hatte und die er letztes Jahr in der Türkei (Cappadocia) getroffen hatte. Achim wollte zu einem nur noch 50 km entfernten Campingplatz an der Eighty Miles Beach fahren, und ich schloss mich ihm an. Schnell waren hier unsere Zelte aufgestellt. Dieser Strand ist unendlich weit und lang, der von den Wellen aufgewirbelte Sand verleiht dem Wasser eine gräuliche Farbe. Allerdings hatte es keine Menschen im Wasser – es soll Tigerhaie geben, aber eine kurze Abkühlung liess ich mich trotzdem nicht entgehen.

Am Abend kochte ich Nudeln an Auberginen, dazu genossen wir zwei Biere, die wir an der Roadstation gekauft hatten. Es war schon weit nach acht Uhr, als wir nochmals den Strand aufsuchten, denn die Saison der fürs Eierlegen an den Strand kommenden Riesenschildkröten hat eben begonnen. Lange tat sich jedoch gar nichts. Ich genoss den lauen Wind, der mit der Zeit gar leicht erfrischend wirkte und den legendären australischen Sternenhimmel. Achim verliess nach einiger Zeit die Geduld, ich blieb noch etwas länger und machte mich aktiv auf die Suche nach den Riesentieren. Und tatsächlich: Da war eines unterwegs Richtung Sanddüne. Ich konnte es mir nicht verkneifen, einige Bilder zu schiessen, dafür liess ich das Tier dann schnell wieder alleine, das dann hoffentlich trotz Störung sein Geschäft doch noch erledigen konnte.

Die neue Reise ist ja schon ganz gut angelaufen. Hier läuft zwar nicht viel, auch der ältere, kaum zu verstehende Australier hat unterdessen seine Heja aufgesucht. Ich höre nur Wind und das Rauschen des Meeres, etwas Laub, das weggeblasen wird oder ein Insekt, das sich irgendwo verfangen zu haben scheint.

Km: 46‘217 (400)

 

Fr, 28.10.2016: Von toten Rindern und rasenden Monstern

Beinahe tausend Kilometer sind wir seit gestern Morgen gefahren. Ich habe zum ersten Mal am Abend eine gesunde Müdigkeit, seit ich wieder in Australien bin. Es ist mir im wörtlichen Sinne bewusst geworden, welch riesige Strecken zu fahren sind, um eine Sehenswürdigkeit zu erreichen. Man kann es natürlich auch anders sehen. Es ist genau Teil des Erlebnisses, diese unerhörten Distanzen in langweiligen, eintönigen, beinahe trostlosen Landschaften zu schaffen. Aber es graut mir etwas, all die vielen tausend Kilometer bis an die Ostküste Australiens bewältigen zu müssen – möglichst schon bis Weihnachten…

Auch bin ich es nicht mehr gewohnt, diese Brutofenhitze zu ertragen, wie mir dies sonst immer so leicht gelungen ist. Ich habe mir heute tatsächlich den Hals und die Handgelenke (!) verbrannt, die stechende Sonne hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Heute Abend nach dem Duschen habe ich zum ersten Mal seit Monaten wieder einmal Sonnencreme aufgetragen, das dreimonatige schweizerische Klima hat meine Haut wieder empfindlich werden lassen.

Allmählich schaffe ich es hier, mich den einheimischen Zeiten anzupassen – es ist schon um halb sieben Uhr dunkel und morgens um halb sechs Uhr hell! So starteten wir bereits um acht Uhr, aber auch um diese Zeit war es schon sehr heiss. Ein unangenehm trockener Gegenwind blies und zwang uns alle achtzig Kilometer einen Trinkhalt zu machen. Etwa achtzig Kilometer vor Port Hedland genossen wir den klimatisierten Verkaufsraum eines Roadhouses. Was für eine geniale Erfindung, so eine Air Condition! Die Landschaft blieb bis Port Hedland karg und steppenartig. Aber auch diese Industriestadt lud nicht für ein längeres Verweilen ein. Raffinerien, Minenfabriken, riesige Salinen, breite Boulevard in sandiger Umgebung hatten wenig Liebliches. Wir fuhren in die weitläufige Innenstadt und machten Halt im heruntergekühlten Woolworth, kauften weitere zehn Liter Wasser ein, um für das Schlimmste gewappnet zu sein, assen ein pikant gewürztes Hähnchen und tranken eine weitere Cola und waren entschlossen weiterzufahren, halt so lange, wie unsere Ärsche dies vertrugen. Wir wussten nur eines, dass wir heute den Karijini Nationalpark nicht erreichen würden, die Distanz dorthin war einfach zu gross. Ich schlug vor, irgendwo im Outback zu übernachten. Achim ist dies offenbar nicht so gewohnt, aber er stimmte zu.

Es blieb weiterhin sehr heiss, aber weil wir jetzt Richtung Süden fuhren, trug uns der Rückenwind in angenehmer Weise scheinbar mühelos vorwärts. Wir hatten jedoch achtzugeben, von den gewaltigen Road Trains nicht von der Strasse geblasen zu werden. Diese schon beinahe gewaltsamen Ungetüme waren in grossem Tempo unterwegs und waren nicht leicht zu überholen, weil der Weg dafür überaus lang ist. Diese Verkehrsmonster, die es nur in Australien gibt, sind auch verantwortlich, dass immer wieder tote, verwesende und dick aufgeblähte Känguru- und Rinderkörper leblos am Strassenrand liegen. Der süssliche Verwesungsgestank stieg uns jeweils schon von weitem in die Nasen, manchmal waren die toten Tiere nicht einmal zu sehen, aber die schon beinahe scharfen Gerüche zeigten einen kürzlich geschehenen, erbarmungslosen Zusammenprall der Verkehrsmonster mit einen Tier schon von weitem an. Die riesigen Gefährte sind schlicht nicht in der Lage zu bremsen, falls ein Tier unschicklicherweise auf der Strasse steht. Und die mit fetten Metallstangen geschützten Laster sind dann einfach stärker als die weichen Tiere, die keine Chance zu überleben haben.

Nach 150 km begann die Strasse leicht anzusteigen, es war eine Wohltat, dass die Landschaft endlich wieder etwas interessanter wurde. Uralte, rot leuchtende Felsen, manchmal runde Ungetüme auf anderen stehend passierten wir in grossem Tempo, runde Grasbüsche zauberten in der Nachmittagssonne eine eigenartig fremde Stimmung herbei. Eigentlich hätte es auf dieser Strecke an ausgetrockneten Flussläufen einige gute Rastmöglichkeiten gegeben, aber wir fuhren gleichwohl weiter. 45 km vor dem nächsten Roadhouse hätte eigentlich ein zwischen Felsen und dünnem Wald mit weissstämmigen Bäumen zu einem Halt eingeladen, aber der Idylle aller Ehre – uns war der Sinn nach etwas anderem. Unsere ausgetrockneten Körper dürsteten nach einer gelben, eiskalten Flüssigkeit, sodass wir auch diese Kilometer hinter uns brachten. Das Ausski Roadhouse  hatte nicht unerwartet überhaupt keinen Charme, wir sassen aber bald im klimatisierten Restaurant und tranken das wohl verdiente erste Bier. Was für ein Gefühl, wenn der erste Schluck dieser eisig-prickelnden Flüssigkeit den Halt hinunterrieselt, quasi als Dusche innen herunter! Scheissegal, wenn ein Fläschchen satte 8 A$ kostet!

Erst dann widmeten wir uns dem Aufstellen unserer Zelte. Wir verzichteten auf ein Nachtessen, das fette Poulet am Mittag nährte noch immer, dafür gab’s dann zwei weitere Biere. Ausserdem lud die Essenskarte nicht gerade dazu ein abzunehmen: Hamburger in allen Variationen, Pommes, Fleisch, aber sicher kein Gemüse oder etwas Leichtes. Logisch, die Truckerfahrer lieben das Währschafte…

Jetzt sitze ich vor dem Roadhouse und beobachte die Fahrer einiger Roadtrains, die wohl ebenfalls hier die Nacht verbringen. Wir sind unterdessen auf 438 m.ü.M., die grösste Hitze scheinen wir überstanden zu haben, zudem sind gegen Abend dicke Wolken aufgezogen, und es ist tatsächlich nicht sicher, ob es noch zu regnen beginnt. Eben jetzt fährt ein fünfteiliger Roadtrain, beleuchtet durch unzählige rote Lämpchen, weg Richtung Port Hedland. Das raue Business hat dieses verhärmte Land im Griff. Ein nur mit schmutzigen Unterhosen bekleideter, betrunkener Aboriginie, auf der Suche nach nur halb gerauchten Kippen und nach etwas Essbarem, hat logischerweise einen schweren Stand in diesem harten Industrieland. Immer wieder wurde er aus dem klimatisierten Restaurant gewiesen und wurde schliesslich von einem jungen Verwandten weggeführt. Es gibt auch in dieser Region viele Reservate, in denen die Ur-Einheimischen ihre eigene Kultur leben können, aber es ist scheinbar definitiv unmöglich, die dermassen verschiedenen Lebensweisen unter einen Hut zu bringen.

Das Restaurant ist seit neun Uhr geschlossen, ein Roadhouse ist nur ein Durchgangsort für Fernreisende, und ich werde mich jetzt (noch vor zehn Uhr) schlafen legen.

Km: 46‘756 (539)

 

Sa, 29.10.2016: Ein australischer Garten Eden

Wir starteten nicht gerade im Garten Eden, denn die ganze Nacht wurde ich gestört durch den lauten Generator und die ankommenden und wegfahrenden Road Trains, die Chauffeure liessen die Motoren beinahe stundenlang laufen… Nach einem Kaffee, Käse und Brot waren wir schon früh unterwegs Richtung Karijini Nationalpark. Die Strasse stieg sanft an und gab an einem Aussichtspunkt einen ersten Eindruck in diese zerklüftete, mit rostroten, verwitterten Felsen bestandene und von den Aboriginies seit 30‘000 Jahren verehrte Landschaft.

Wir machten bald Halt beim Visitor‘s Centre des Nationalparks. Ich löste eine Monatskarte für sämtliche Nationalparks in Westaustralien. Zudem wurde uns ein Campingplatz nahe der Dales Gorge zugewiesen. Wir bauten unser Lager auf und waren schon bald unterwegs hinunter in die erste Schlucht. Bei den Fortescue Falls lud kühles Wasser für ein Bad ein. Auf der anderen Seite dieses Naturpools beobachtete ich lange grosse, farbige Spinnen, die offenbar ihresgleichen einspinnten und nachher auffrassen. Das Farbenspiel in dieser Schlucht war wegen vorüberziehenden Wolken grossartig. Auf der Krete der Schlucht entdeckte ich knorrige Bäume mit schneeweissen Stämmen. Am Nachmittag machten wir eine stündige Wanderung zum Circular Pool, einem von schroffen, roten Felsen abgegrenzten Weiher. Nach einem erfrischenden Bad verfolgte ich einen Iguana, der überraschenderweise meine Anwesenheit kaum zu stören schien. Man sagt, dass diese Tiere zuweilen versuchen, an Menschen hochzukraxeln, verwechseln wegen ihrer Sehschwäche aber nur Baum und Mensch. Gegen Abend erstrahlte die üppige Landschaft an den kleinen Bächen in der Schlucht in schönstem Glanz. Ich war sehr vorsichtig unterwegs, um meinen Fuss nicht zu überlasten – und dies scheint bis jetzt bestens zu funktionieren, ich merke einfach, wie viel Muskulatur ich im linken Bein verloren habe. Ich fühle mich unsicher und habe meine Trittsicherheit verloren. Schliesslich erwanderten wir auch noch den Fern Pool, wurden aber bald aufgehalten, weil uns ein Wallaby, ein kleines Känguru auf einem Fels stehend beobachtete und brav Modell stand, um fotografiert zu werden. Der Fern Pool ist der grösste der drei Weiher, die wir heute besucht hatten, für die Aborignies ist es auch der heiligste. So ist es zwar erlaubt, im Wasser ruhig zu schwimmen, man soll sich aber ruhig verhalten und darf den Wasserfall nicht erklettern. Diese Zonen sind ihren Ritualen vorbehalten.

Es ist sehr angenehm, nach zwei langen Fahrtagen endlich eine Örtlichkeit lustbetont zu erfahren. Dazu passte das friedliche gemeinsame Kochen auf dem Benzinkocher – es gab gut gelungene Spaghetti al pesto mit Oliven und Tomaten. Zudem tranken wir einen Becher ausgezeichneten australischen Wein. Hier ist es endlich so ruhig, wie ich das im Outback erwarte, der Wind säuselt durch die Bäume, unser Zeltplatz ist fast leer, weil die Hochsaison längst vorbei ist.

Km: 46‘853 (97)

 

So, 30.10.2016: Ein Hauch von Gibb River Road im Karijini Nationalpark

Ich habe mich definitiv an die Zeitumstellung gewöhnt und war heute Morgen schon vor Achim wach. Ich war erstaunt, wie sehr es in der Nacht abgekühlt hat – ich musste gegen Morgen tatsächlich den dicken Schlafsack hervorholen (!). Nach einem Kaffee und Spiegeleiern machten wir uns gepäcklos auf Richtung Weano-Region. Eigentlich wurde uns auf der Information abgeraten, diese Abkürzung zu nehmen. Aber wir wollten es gleichwohl versuchen. Wir fanden die angekündigten big rocks auf der Strasse nirgends. Eigentlich rechnete ich mit einem schmaleren Weg, durchsetzt mit Steinen, aber diese Strecke war zwar voller Wellblech mit einigen tiefen Kiespartien dazwischen, war aber absolut problemlos machbar, zumal wir nur gut 40 km auf dieser Strasse unterwegs waren. Vieles an der Strasse erinnerte mich an die Gibb River Road, und ich fuhr wirklich mit gemischten Gefühlen auf diesem Gravel, aber es ging nicht lange, da war ich schon wieder ziemlich zügig unterwegs. Der Respekt verlor sich schnell, das Selbstvertrauen stieg an.

Nach 17 km wählten wir die Abzweigung zur Kalamina Gorge, zu dieser Jahreszeit sehr selten besucht, sodass wir die einzigen waren, die durch diese Schlucht wanderten. Zuerst war wie immer eine Steilstufe zurückzulegen. Wir erreichten dann einen langgezogenen, grünlich schimmernden, fast still stehenden Tümpel, der nur noch wenig Zufluss hat. Das Quellwasser dringt durch die flach liegenden, rostroten, eisenhaltigen Steinplatten, die grünlich vermoost sind. Natürlich erfrischte ich mich mit einem Sprung ins Wasser. Wir folgten diesem Bächlein lange talwärts. Die im Morgenlicht orange-rot leuchtenden Ur-Stein-Platten (sie sollten 30 Millionen Jahre alt sein und ein Meer-Sediment gewesen sein) wurden immer grösser, je weiter wir gingen. Die Felswände spendeten netten Schatten in der morgendlichen Hitze. Schliesslich erreichten wir den Arch-Pool, der abgeschlossen war von den hohen Felswänden und der nur schwimmend durchquert werden konnte. Zwar schwammen wir wirklich in diesem tiefen, langen Pool und machten uns danach auf den Rückweg, auf dem wir lange einem fremdartigen, langschnäbligen Reiher zuschauten, den wir vom Fischfang abhielten, weil er sich vor uns fürchtete.

Die letzten Kilometer Schotter waren schnell und ohne Probleme absolviert. In der Karijini-Ecologde tranken wir ein herrliches, eisgekühltes Cola. Wir fuhren dann hoch nochmals auf Schotter zum Oxer Lookout, aber trotz schöner Aussicht auf das weite Land mit den weissstämmigen Bäumen, dunkelrot-braunen Termitenhügeln und ledrig-stacheligen, in Büschen stehenden Blumen waren wir bald unterwegs hinunter zur imposantesten Schlucht des Nationalparks, die Hancock Gorge mit seinem Kermit Pool. Der Abstieg war diesmal sehr steil, und als wir in der Schlucht waren, wurde diese immer enger, sodass man zuweilen den kantigen Felswänden entlangkraxeln musste. Schliesslich waren wir förmlich eingekesselt von diesen zerrissenen, aber auch sehr glitschigen Felsen. Tatsächlich stürzte ich, verletzte mir aber instinktiv den rechten Fuss. Zwei kleine Wunden waren die Quittung für die Unachtsamkeit. Eigentlich wäre es möglich gewesen, die Schlucht auf der anderen Seite zu verlassen, aber die Parkadministration sperrt just dann den Durchgang, als es erst richtig spannend wurde. Ich konnte es nicht lassen, trotzdem einer Felswand entlang zu kraxeln. Ich war fasziniert von der marmorierten Farbstruktur der Felsen in Orange-, Grün- und Grautönen, bekam auch zwei weitere Felsenpools zu Gesicht, die aber nur mit Seil zu erreichen gewesen wären.

Wiederum war es die grosse Hitze, die gegen Abend förmlich in diese Schlucht legte, dass wir alsbald zur Eco-Logde zurückfuhren und zwei Bier tranken. Wir waren heute zu faul zum Kochen und assen hier ein Beef Curry. Jetzt mussten wir aber noch den weiten Heimweg antreten. Die Schotterpiste wollten wir uns im Dunkeln nicht mehr antun, dafür war der Umweg über die geteerte Strasse um ein Vielfaches länger. Respekt hatten wir weniger vor Verkehr oder Dunkelheit als vielmehr vor auf die Strasse springenden Kängurus, die immer wieder Motorradfahrer zu Fall bringen. Aber wir hatten Glück. Zwar hüpfte ein Tier in ziemlich unwillkürlichen Hakenschlägen der Strasse entlang, aber ich konnte problemlos abbremsen.

Das Schönste an diesem Ort ist aber die Ruhe; es hat keinen Strom, es gibt kein Internet, keinen Handy-Empfang. Die Leute haben Zeit, sich miteinander zu unterhalten.

Km: 47‘027 (174)

 

Mo, 31.10.2016: Nochmals 400 km entgegen der Zielrichtung

Die grosse Herausforderung in diesem Land wird es sein, all die grossen Distanzen innerhalb nützlicher Zeit zu bewältigen (ohne mein 3-Monate-Visum zu überschreiten). Auch heute waren wir den ganzen Tag unterwegs und haben auf der Australienkarte nur ein kleines Müsterchen zurückgelegt – und erst noch in westlicher Richtung (dabei ist das Ziel ja der Osten).

Aber alles läuft wie am Schnürchen. Die Bewegung in den Schluchten von Karijini hat meinem Fuss gut getan. Gewisse Muskeln haben ihre „Beleidigung“ offenbar aufgegeben und beginnen allmählich wieder normal zu arbeiten. Dr. Maier und Physio Nadine olé!

Die Fahrt war auch heute interessant. Zuerst ging’s über dieselbe Strasse Richtung Tom Price wie vergangene Nacht. Wir passierten den Mount Bruce, mit gut 1200 m.ü.M. der zweithöchste Berg Westaustraliens. Heute fiel mir aber besonders die vielfältige Flora auf. Lilafarbene und weisse pfeifenputzerähnliche Blüten stehen in Gruppen und Büscheln am Strassenrand, im Hintergrund stehen die zerfurchten Rotfelsen, häufig bewachsen von in runden Büscheln wachsendem blaugrünem Stachelgras. Und dazwischen leuchtet der Boden in rostroter Farbe im Morgenlicht – eine seltsame, aber überaus faszinierende Farbenkombination. Ich rechnete eigentlich damit, dass wir bald diese trockene und heisse, aber interessante Landschaft verlassen würden. Aber dieselbe Farbenfülle begleitete uns den ganzen Tag.

In Tom Price machten wir einen längeren Halt. Achim hatte zwei Schrauben für sein gestern beinahe verlorenes Nummernschild zu besorgen, ich brachte endlich beide Reifen auf den nötigen Luftdruck. Ab dieser Minenstadt wählten wir die kürzere Nordroute, während 50 km hatten wir nochmals Piste zu befahren, die aber recht gut im Stande war.

Schliesslich erreichten wir Nanutarra und kamen damit auf die Hauptstrasse, die von Port Hedland direkt nach Süden führt. Wir übernachten auf der Wiese bei einem Roadhouse. Achim ist eher bequem in Sachen Kochen, und heute liess auch ich mich mitziehen – es darf ja auch mal ein Hamburger und Pommes sein. Wir sassen lange im klimatisierten Verkaufslokal der Tankstelle. Zuvor reparierte ich wieder einmal meine Zeltmatte, die in den letzten Nächten je länger desto mehr Luft verloren hatte und in der Nacht gleich mehrmals wieder aufgeblasen werden musste… Mal schauen, ob ich alle Löcher gefunden habe.

Suchtmittel sind teuer in diesem Land. Heute habe ich zwar nicht geraucht. Ein weiterer Anlauf „Rauchstopp“ ist gestartet, dafür habe ich drei Carlton dry getrunken, je 7.50 A$. Aber das Päckchen Zigaretten kostet hier 28.50 A$. Rechne!

Km: 47‘446 (419)

 

Di, 01.11.2016: Sanddünen am Indischen Ozean

Die Nacht war gut, die reparierte Matte behielt ihre Luft, ich schlief hervorragend, die Temperaturen sanken wohl unter 20°C, aber ich war zu faul, um den Schlafsack aus dem silbernen Koffer hervorzukramen und legte die Töffjacke über mich.

Auch heute waren wieder viele Kilometer in meist eintönigem Gelände zurückzulegen. Den South Western Coast Highway verliessen wir nach 140 km und fuhren Richtung Norden nach Exmouth. Je näher wir an die Küste kamen, desto windiger wurde es. Lang gezogene, niedere Bergrücken durchzogen immer wieder die Ebene, der Wind bläst den roten Sand auf zu kleinen Dünen. Exmouth  ist in der Nebensaison nur noch ein verschlafenes Nest ohne Charme. Wir stockten hier in einem IGA unsere Vorräte auf und folgten der windigen Küste bis ums Kap. Die Landschaft ist hier noch karger und windgehärmter. Wir machten Halt im Yardie Caravanpark, auch dieser war beinahe leer. Ich stellte mein Zelt gleich neben dem kleinen Swimmingpool auf. Ein Bier trinkend warteten wir bis 16 Uhr, als die Rezeption endlich ihre Läden öffnete. Meine List sollte nicht funktionieren – ich dachte, ich könne das Zelt dann schon stehen lassen, wenn es schon aufgestellt ist, auch wenn ich zum Voraus wusste, dass dieser idyllische Platz wohl nicht zum Zelten gedacht ist. Die Bürofrau kroch mir noch auf den Leim, nicht aber der Manager der Anlage, der mich aufforderte, meinen Platz zu wechseln. Alles Diskutieren half nichts.

Gegen Abend fuhr ich alleine zum nahen Meer. Es gibt verschiedene Direktverbindungen zum riesigen, unbevölkerten Strand. Um dorthin zu kommen, muss man jedoch Sanddünen überwinden, aber Töff und Sand vertragen sich bekanntlich nicht wirklich. Natürlich wollte ich möglichst nahe zum Wasser fahren, aber da war sie schon, die erste, knietiefe Sandstelle. Der Hinterpneu grub sich gleich selbst ein, und erst im letzten Moment konnte ich mein Gefährt doch noch befreien. Und die nächste Sandstelle wartete schon auf mich. Aber auf die liess ich mich nicht mehr ein, stellte meinen Töff ab und stapfte durch den tiefen Sand Richtung Strand – wo ich weit und breit der einzige war. Weit entfernt nutzen drei Kite-Surfer den perfekten Wind – Erinnerungen an Madagaskar kamen auf, aber mein Fuss würde das Kiten wohl noch nicht vertragen. Ich war aber gleichwohl beeindruckt von der Szenerie: auf der einen Seite das wellenreiche, hellblaue Meer, das einen gleichsam auffordert hineinzuspringen, auf der anderen Seite  türmt der Südwind den feinen, weissen Sand zu immer höher werdenden Dünen auf. Nur auf den höchsten Punkten der Sandhügel hat es etwas ledrige Vegetation. Erinnerungen an Tunesien 1992, nur war damals die Begleitung viel netter… Fotografieren war ein Risiko, denn die Sandkörnchen suchen sich einen Weg durch Rucksack und Kameratasche. Aber ich war äusserst vorsichtig und schoss nur wenige Bilder. Gegen Abend wurde es durch den Wind erstaunlich kühl. Ich hätte nicht erwartet, dass ich so bald einen Pullover brauche. Wir kochten Spaghetti mit Gemüse und tranken ein Bier. Achim meldet sich danach jeweils früh ab, er ist definitiv nicht die Stimmungskanone, ich finde Zeit für meine Bilder.

Km: 47‘783 (337)

 

Mi, 02.11.2016: Cape Range Nationalpark

Unter einem Nationalpark stellt man sich landläufig etwas Grünes oder Fruchtbares vor, in dem die häufigen Tiere gleichsam in Schlaraffenland leben können. Ein solcher Park in windgepeitschter, ausgetrockneter, karger Landschaft kann aber mindestens so interessant und tierreich sein.

Wir übernachteten nicht weit vom Parkeingang, wurden diesmal nach kurzer Fahrt ohne Eintrittsspesen eingelassen (schon gelöste Westaustralien-Parkkarte) und machten bald Halt beim Visitor’s Center, um uns über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu informieren. Vorbei an diversen Zufahrten zum Strand oder kleinen Camping-Plätzen machten wir den ersten Halt bei Oyster Stacks, einer Stelle des kilometerlangen Strandes, wo das Riff sehr nahe an die Küste kommt. Ich war natürlich gespannt, wie ich das Schnorcheln hier in Australien empfinden würde. Es war eine Enttäuschung und trotzdem überraschend, dass es in dem kalten Wasser (22/23°C) überhaupt Korallen und wenigstens einige überaus bunte, tropische Fische gibt. Die Wassertemperatur liess einen nicht allzu lange im Wasser verweilen, zudem war die Sicht nicht besonders gut. Aber gleichwohl ist das Ningaloo-Reef Welt-Kulturerbe, denn im Winter kommen sehr regelmässig die riesigen, bis 30 m langen Walhaie in diese Meeresregion, um sich mit Plankton vollzufressen – und in einem Monat soll es hier von Schildkröten wimmeln, die Eier legen. Tausende süsser, junger Mini-Schildkröten versuchen dann in grossem Überlebenskampf das Meer zu erreichen, ohne von jagenden Wasservögeln erwischt zu werden. Ich bin einfach nicht in der richtigen Jahreszeit an diesem Ort.

Nachdem ich nochmals zum Visitor’s Center zurückfuhr, wo ich meine Kamera vergessen und glücklicherweise wiederbekommen hatte, erreichten wir bald den Yardie Creek, das grösste Gewässer in dieser Range. Ab hier könnte man auf sandigen Pisten weiter der Küste folgen bis Coral Bay, aber Sand und Töff vertragen sich nicht gut, zudem wäre es nur schon eine Herausforderung gewesen, diesen Fluss mit seinem sandigen Untergrund zu durchqueren. So beschränkten wir uns darauf, in der Mittagshitze dem unwirklich scheinenden Dunkelblau des Yardie Creeks zu folgen. Erosion durch Wasser und Wind haben den staubig grauen bis roten Hügelzug tief durchschnitten. Eigentlich wäre ich gerne zum Fluss abgestiegen, um ein Bad zu nehmen, aber die australischen Restriktionen in Nationalparks sind streng, und diesmal wollte auch ich mich einer solchen nicht widersetzen.

Auf dem Rückweg machten wir über zwei weitere Zufahrten Halt an verlassenen Strandabschnitten. Sand, Sand, Sand, Wind, verdorrte Büsche, ledrige Pflanzen mit kleinen Blüten, einige sich im Wasser tummelnde, kleine Wasserschildkröten – und endlich ein ganzes Rudel von Kängurus, die jeweils zuerst lange beobachten und einen konzentriert ins Visier nehmen, bis sie in wilden Sprüngen davon hetzen und im Busch verschwinden. Auf dem Rückweg trafen wir auf weitere munter am Strassenrand stehende Euro-Kängurus. Es ist nicht verwunderlich, dass viele tote, halb verrottete und auch veritable Skelette dieser Tiere am Strassenrand liegen. Man lässt sie wohl liegen, dass der Autofahrer konstant davor gewarnt wird, dass jeden Moment ein solches Tier auf die Strasse hüpfen könnte.

Obwohl gegen Abend Wolken aufzogen und der Dauerwind auffrischte, fuhr ich noch die Turquoise Bay an, den zweiten bekannten Schnorchelspot. Die meisten Leute waren mit einem Weicheier-Anzug im Wasser, aber ich bin weder Weichei noch bin ich im Besitze eines Anzugs, sodass ich mich halbnackt von der starken Strömung Richtung Riffausgang treiben liess. Erstaunlich schöne Korallen, ein gepunkteter Stachelrochen und eine ganze Schar von Riffhaien, die elegant an mir vorbeizogen.

Die Rückfahrt ohne Jacke war kühl, aber zum Glück nicht sehr lange. Zurück beim Zeltplatz nahm ich schnell eine wärmende Dusche (!), um dann die vom Wind verstreuten, am Morgen frisch gewaschenen Kleider in der ganzen Umgebung zusammenzusuchen.

Wir kochten in der Camping-Küche Nudeln mit Tuna und Peperoni, ganz gut gelungen. Jetzt sitze ich alleine im leeren Essraum, ich würde mir eine Zigarette wünschen, aber ich habe keine – zum Trost trinke ich ein weiteres Glas Rotwein.

Km: 47‘935 (152)

 

Do, 03.11.2016: Termitenbau-Krümelmonster

Unser Zeltplatz war heute Morgen wie ausgestorben, allerdings weckten uns die rosarot-grauen Kakadus mit ihren Stimmen-Variationen schon kurz nach der Dämmerung. Wie alte Schwatztanten hocken sie eng zusammengedrängt auf einem Ast und schwatzen sich die Schnäbel wund, nur dass diese nach einem eigenartigen Jammergeräusch Schnabel in Schnabel verhakt gewetzt werden(?). Vielleicht ist es aber auch einfach nur Zuneigung, man könnte es auch als ziemlich intimes Küssen verstehen, jedenfalls werden übernommene Speiseresten im Moment danach genüsslich weiterverwertet…

Wir waren heute Morgen gemütlich unterwegs und waren erst um zehn Uhr abfahrbereit. Noch einmal umrundeten wir die Yardie-Halbinsel, an deren nördlichem Ende wir hoch zum Vlaming Head Lighthouse fuhren mit exzellenter Rundsicht auf das Kap, das trocken-versteppte Land und das türkisblaue Meer. In Exmouth machten wir den nächsten Halt, kauften für die nächsten Tage ein. Die fast 200 km lange Fahrt Richtung Süden wurde langweilig und eintönig. Zeitweise schläferten mich die heissen Steppenwinde schier ein, Konzentration war gefragt, ich begann unter dem Helm zu singen oder um die Strassenmarkierungen Kurven zu fahren. Aber dann erfand ich ein viel spassigeres Spiel. Das trockene Land ist hier durchsetzt mit Termitenbauten, und mit etwas Fantasie lässt sich in jedem Bau ein Gesicht erkennen. Da lächelten mir Christoph Blocher oder andere Monster oder Comicfiguren entgegen, manchmal hatten die Bauten die Form von vierfachen Hängebusen oder die Augenachse des Gesichtes war nur leicht verschoben, dass das doppelte Kinn umso besser zur Geltung kann. Spassige Ausblicke, und immer erschienen wieder neue Karikaturen. So war die Coral Coast schliesslich doch schneller erreicht als erwartet.

Das Dorf inmitten von hohen Sanddünen und an einer türkisblauen Bucht gelegen lebt vom Tourismus, wir stiegen im People’s Caravanpark ab (18.50 A$/Nacht), stellten unser Zelt auf einem netten Wiesli auf und waren schon unterwegs zu einem Bier. Auf dem Weg buchten wir für morgen eine Tour auf dem Meer für 165 A$. Hoffen wir, dass das Programm das halten kann, was es verspricht. Nach dem verdienten Bier waren das Dorf und der lupenreine Strand bald erkundet. Wir waren hungrig und assen in einer Pizzeria (!) eine recht gute Pizza. Zum ersten Mal kamen Achim und ich so richtig ins Gespräch. Achim ist leidenschaftlicher Golfer und hat in Aspen mit Skifahren begonnen. Es war ein ganz vergnüglicher Abend. Aber je weiter wir nach Süden kommen, desto erfrischender und kühler ist der Wind. Ich trage jetzt einen Pullover, eine Nacht ohne Schlafsack wäre unangenehm.

Km: 48‘134 (199)

 

Fr, 04.11.2016: Manta Rays, Haie, stinkende Neopren-Anzüge und Kaltwasserschnorcheln

Dem Töff wurde heute ein Ruhetag gegönnt. Und Achim und ich fanden uns bereits um halb neun Uhr bei der Organisatorin der heutigen Tour in die Coral Bay ein. Wenn mein Töff meerfähig wäre, würde ich nie an einer solchen Tour teilnehmen, denn heute war Unterordnung alles. Schliesslich probierten 28 Teilnehmer vor Kälte schützende Anzüge an, eine Erklärung musste ausgefüllt werden, dass man auch wirklich an keiner einschränkenden Krankheit leidet(!), es ging unendlich lange, bis wir per Bus endlich zum Hafen gefahren wurden, wo wir das zweistöckige Boot bestiegen und uns des Langen und Breiten Regeln und Gefahren dieses Trips nähergebracht wurden.

Nach einigen Minuten Fahrt durch die herrliche, türkis- bis hellblaue Lagune erreichten wir schon den ersten Schnorchelspot. Das Tohuwabohu war gross, als sich alle mit Anzug, Flossen und Brillen ausrüsteten. Als einer von zwei von total 28 Schnorchlern verzichtete ich auf den ziemlich muffigen Anzug (ich hatte ihn immerhin dabei und vorher anprobiert) und war als Erster im Wasser. Schnell hatte ich das Riff erreicht und tauchte gerade einer Meeresschildkröte nach, als mich einer der Crew zurückpfiff, denn dieser erste Trip sollte gemeinsam in Gruppen erfolgen… Wir erreichten bald die self-cleaning-station diverser Riffhaie, die erhaben, schon fast gemütlich unter uns ihre Runden drehten und denen von kleineren Fischen offenbar kleine Schmarotzer auf der Haut weggefressen werden. Nach drei Viertel Stunden spürte auch ich, dass 23 Grad Wassertemperatur nicht wirklich warm ist, da half alles mentales Temperatur-Widerstehen nichts mehr. Während ich auf dem Boot aber bald dank trockener Kleider und einem sonnigen Platz aufgewärmt war, schlotterten die meisten anderen Passagiere in ihren stinkenden, nassen Anzügen weiter.

Gegen Mittag erreichten wir eine Stelle mit viel Plankton im Wasser (deshalb war auch die Sicht hier nicht so gut), an dem sich verschiedene Manta Rays gütlich taten. Insgesamt dreimal wurden wir im exakt richtigen Augenblick ins Wasser geschickt, die Gruppe hatte eng beisammen zu bleiben, und jedes Mal konnten wir tatsächlich einen Anblick dieser gewaltigen Tier mit bis zu vier Metern Spannweite erhaschen. Vor allem der letzte Versuch gelang perfekt, als sich gleich zwei Tiere in etwa demselben Tempo wie wir fortbewegten. Schönes Erlebnis!

Nach einem recht reichhaltigen Mittagessen auf dem Boot ging es danach bereits auf den Rückweg. Nochmals machten wir einen Halt für einen weiteren erfrischenden Schnorcheltrip. Diesmal durften wir uns tatsächlich alleine auf die Suche nach Fischen und Schildkröten machen. Ich umkurvte einige Zeit ein seichtes Riff und entdeckte zwei Stachelrochen, die sich gleichsam auf dem sandigen Meeresgrund ein Tänzchen vorführten.

Quintessenz des Trips: Viel zu teuer, zudem bin ich natürlich überaus verwöhnt von verschiedenen Tauchabenteuern in Indonesien und den Solomonen, aber ich musste einfach wissen, wie ein solcher Trip in Australien abgeht. Wird wohl der erste und letzte sein. Mancher Leser wird sich jetzt vielleicht denken, der jammert auf extrem hohem Niveau oder er leidet an einer heftigen Deformation touristique, hat immer grössere Mühe, sich in eine Gruppe einzuordnen. Dies ist vielleicht tatsächlich auch etwas wahr, aber in meinem Reisestil erfährt man dermassen viel Freiheit und kriegt mit der Zeit das feine Gespür, wo die perfekten Erlebnisse zu holen sind – und dies war heute für mich definitiv nicht der Fall, auch wenn die traumhafte Umgebung in dieser Lagune einige der Unbillen wieder wettmachte.

Viel besser gefiel es mir in „Achims Hotel“, wo wir bei zwei Bieren über die Bucht schauten. Am Abend kochte ich Nudeln mit Gemüse; dies wurde zwar wegen der unerhört lahmen elektrischen Platten sehr zeitraubend, Achim holte schliesslich seinen Benzinkocher, auf dem er geduldig das Gemüse rührte. Das Menu gelang ausgezeichnet.

Perfekt ist momentan das Klima, die Tage sind sehr warm, am Abend kühlt es ab, in der Nacht braucht man den Schlafsack, aber man schläft dafür umso besser. Heute liess der auffrischende Wind auch etwas nach.

Km: 48‘134 (0)

 

Sa, 05.11.2016: Ein fauler Tag und etwas Blog

Unterdessen geniesse ich das perfekte Sommerklima in der Coral Bay und erlebe schon den zweiten Tag, an dem ich keinen Meter gefahren bin. Allerdings war es am Morgen bewölkt und die Meeresluft so feucht, dass sich beinahe literweise Tau auf meinem Zelt abgesetzt hatte, der Kondenswasser bildete, das mir am Morgen tatsächlich auf die Rübe tropfte und mich weckte. Zudem zeigte die Sonne schon um sieben Uhr ihre volle Kraft, begann das Zelt zu trocknen und die Zelt-Innentemperatur zu erhöhen, sodass ich bald aufstand. Aber ich hatte ohnehin schon genug geschlafen.

Nach dem Eierfrühstück suchte ich nach einem geeigneten Stromanschluss, den ich aber erst in „Achims Bar“ fand, wo ich einige Stunden mit dem Sichten und Sortieren meiner neuesten Bilder und Filme beschäftigt war. Dann wollte ich meiner Homepage ein neues Gesicht verpassen und füllte meine Blog-Seite mit den neuesten Erlebnissen. Teil 26 – geht nicht als der interessanteste in die Geschichte ein.

Am Abend traf ich auf Achim, mit dem ich in Fin’s Café einen grossen Fischteller ass. Das Bier gab’s dann auf dem Hügel in der Bar – typisch australisch: sechs Bildschirme: Wettspiele mit irgendwelchen Hunde- oder Pferderennen irgendwo auf der Welt, Cricket, Football, Rugby und immerhin etwas Fussball einer uninteressanten einheimischen Liga, aber das australische Bier ist gut und vielfältig.

Km: 48‘134 (0)

So, 06.11.2016: Totenköpfe im roten Sand

Endlich im Busch, und erst noch alleine! Das Lagerfeuer brennt, ich habe Australien nicht angezündet, alles ist unter Kontrolle, obwohl stattliche Flammen gegen die liegende Mondsichel über mir züngeln. Ein einsamer Planet scheint mir hell geben zu wollen, auf jeden Fall setzt er sich deutlich von all den anderen Gestirnen am Firmament ab. Eben ist die Nacht hereingebrochen, noch immer bläst mir ein lauer Wind ums Gesicht, hinter mir brennt das Feuer und wärmt meinen Rücken.

Es verging doch einige Zeit, bis ich endlich wieder die Ruhe im unendlichen Outback Australiens geniessen kann. Zwar hört man in der Ferne das Heranbrausen eines mit vielen bunten Lichtern geschmückten Road Trains, aber der Verkehr ist so minim, dass auch dies nicht stört. Ich nahm mir vor, bis fünf Uhr abends weiterzufahren Richtung Monkey Mia, als just eine Piste gegen Osten wegführte, der ich wenige hundert Meter folgte. Kurze Zeit später entdeckte ich auch schon einen idealen Lagerplatz, schön offen gelegen, mit genügend Holz in der Umgebung. Überrascht war ich einzig durch die herumliegenden Totenschädel irgendwelcher Säuge- oder Nagetiere. Tatsächlich hat es Ziegen in dieser trockenen Landschaft, wohl auch Kängurus, Emus und Dingos, die ich aber noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Ich liess diese nekrophilen Anblicke aber nicht auf ein schlechtes Omen schliessen.

Ich stellte schnell mein Zelt auf. Auch letzte Nacht hat es in der Coral Bay extrem stark getaut, sodass das Zelt am Morgen tropfnass war, sodass ich mich auch heute Nacht vorsorglich vor der Feuchtigkeit schützen möchte. Schnell war dann Holz gesammelt. Mit viel Respekt vor der Trockenheit liess ich es zuerst einmal klein angehen. Im Nu hatte ich eine perfekte Glut für meine zwei in Carnarvon gekauften Filetsteaks, die sehr schnell gegart waren. Gegrillte Kartoffelscheiben und getoastetes Brot als Beilage und dazu einige Cherrytomätchen, damit wenigstens noch etwas Gesundes dabei war. Wenn man am Feuer sitzt, wäre das der perfekte Moment für eine Zigarette, aber ich habe noch immer keine dabei und bin mittlerweile schon seit sieben Tagen rauchfrei. Dafür gönne ich mir einige Becher südaustralischen Rotweines – ein herrliches Mittel, um die Ruhe und Stimmung noch relaxter geniessen zu können.

Heute Morgen verliess ich den Zeltplatz erst um zehn Uhr, Achim begleitete mich nicht. Er ist ein aussergewöhnlich ruhiger, zurückhaltender, aber überaus netter Zeitgenosse, von dem ich mich herzlich verabschiedete – es kann sein, dass wir uns in Monkey Mia wieder sehen. Ich lernte heute Morgen ein Paar aus der Ostschweiz kennen, das sogar über meinen Blog informiert ist, und ich überlegte einen Moment, ob ich mich ihnen gleich anhängen möchte. Auf der Strasse Richtung Carnarvon traf ich sie erneut, als ich abrupt anhielt, weil ich auf dem Strassenbelag eine ganz besondere Kreatur gesehen hatte – ein thorny devil, das mit seinen Dornen rund um den kleinen Körper wirklich wie ein kleiner Teufel aussieht. Ich hob das Tier vorsichtig auf und setzte es wieder ab am Strassenrand. Zwar bewegte es sich noch, aber ich kenne die Verhaltensweise dieser Tiere nicht, mir machte es eher den Eindruck, dass der Tod nahe ist…

 

In Carnarvon machte ich im Woolworth einen längeren Halt, deckte mich erneut mit den nötigen Vorräten ein und entschloss mich hier definitiv, noch weitere hundert Kilometer zu fahren und irgendwo im Outback zu übernachten. Dieses Erlebnis ist definitiv mehr als 20 oder 30 A$ wert, wie ich in einem Campingplatz bezahlen würde, aber ich bezahle nichts – noch besser!

Km: 48‘485 (351)

 

Mo, 07.11.2016: Schweizer Tag

Was für eine andere Lagerqualität, wenn man am Morgen einfach etwas Holz auf das vermeintlich erloschene Feuer legt, etwas darin herumstochert, sodass es schnell etwas zu räucheln beginnt und wenig später schon wieder brennt. Das Wasser für den Kaffee sott schnell, die Brotscheiben waren im Nu getoastet für ein perfektes Frühstück.

Der Weg zum Overlander Roadhouse war wenig interessant. Immerhin bekam ich auf einer Anhöhe einen ersten Ausblick auf die Shark Bay. Weites, trockenes Land mit ausgetrockneten Salzseen, tiefblaues bis türkisgrünes Meer im Hintergrund, und wieder besuchte ich eine Gedenkstätte mit Gartenzwergen(!) und besonderen Steinen für Verstorbene – eigenartiger westaustralischer Brauch.

Beim Roadhouse traf ich auf einen Schweizer, der mich über Oliver Dudli aus Oberbüren kennt (!) und der mir empfahl, unbedingt bis zum Cape Peron zu fahren. „Würde ich ja schon gerne“, sagte ich, aber ich weiss, dass der Weg dorthin durch tiefen Sand führt. Auf dem Weg auf diese enge Halbinsel machte ich einen kurzen Abstecher zu den Stromatoliten, Millionen von Jahren alten, korallenähnlichen Formationen, die am Anfang des Lebens auf unserer Erde standen, denn sie begannen Sauerstoff zu produzieren, sodass sich auch andere Organismen entwickeln konnten. Hier traf ich erneut auf ein Schweizer Paar, diesmal schon weit im Pensionsalter, das sich über den Anblick eines St.Galler Nummernschildes freute. Tatsächlich sorgt dieses Nummerschild seit einigen Tagen immer wieder für Aufsehen. Viele Leute kommen auf mich zu und wollen etwas über meine Reise erfahren.

Sorgen machte ich mir unterdessen über ruckartige Beschleunigungsunterbrechungen, wenn ich Gas gab. Bei einem erneuten Viewpoint stellte ich tatsächlich fest, dass die Kette meines Töffs unerhört schlaff war – ich hatte zuerst vermutet, dass vielleicht ein Zahn meines Kranzes fehlt. Ich nahm mir jetzt die Zeit, das Gepäck vom Töff abzuladen und die Kette nachzuspannen und zu ölen. Erneut wurde ich hier von einem Schweizer, diesmal aus dem Westen, auf meine Reise angesprochen – dieser war besonders nett, denn er spendete mir ein kühles Bier! Meine Reparaturversuche hatten den gewünschten Erfolg. Über Denham erreichte ich Monkey Mia, einen kleinen Retortenort an wunderschöner Küste, bekannt vor allem wegen seiner täglichen Delphin-Fütterungen. Ich stellte mein Zelt auf einer Wiese auf (22.20 A$) und traf bald auf das Schweizer Paar aus Wil, mit dem ich mich gestern schon unterhalten hatte. Ich werde mich morgen ihnen anschliessend, das heisst in ihrem gemieteten Jeep versuchen, das Cape Peron zu erreichen. Wir sassen eben einige Zeit bei Wein an einem Holztisch und erzählten von unseren Reiseerlebnissen. Der Wind ist heute aber auffrischend kühl, allerdings dürfte es heute mit dem Schlafen nicht so einfach sein, denn die Wiese ist vollgepfropft mit Zelten von jungen Leuten, die nicht den Eindruck machen, bald auf ihre Rap-Musik und ihre Storys im Kreis zu verzichten…

Km: 48‘769 (284)

 

Di, 08.11.2016: Thorny Devils und 21 andere Kreaturen

Es war ein spezieller und grossartiger Tag heute und endete so gegensätzlich, wie er begonnen hatte. Ich war schon um sechs Uhr wach und begann mit dem Zusammenräumen meines Zeltes. Christian und Franziska aus Rossrüti, mit denen ich den ganzen Tag unterwegs sein sollte, standen etwas später auf. Nach einem kurzen Frühstück spazierten wir zum Strand zur grossen Delphin-Vorführung von Monkey Mia. Eine ganze Schar von Delphinen findet sich jeden Tag um Viertel vor acht Uhr ein, manchmal später noch zweimal, und wir konnten schon etwas früher die munter im Wasser spielenden Tiere beobachten.

Es ist nicht erstaunlich, dass Monkey Mia eine der grössten Touristenattraktionen Westaustraliens ist. Gleich Dutzende von Menschen warteten in dreissig Metern Entfernung vom Strand auf das grosse Schauspiel, manchmal sind es es mehrere hundert! Mensch und Tier haben es hier auf wundersame Weise geschafft, quasi symbiotisch miteinander zu leben und voneinander zu profitieren. Es spricht für die Intelligenz der Tiere, auf die Wünsche der Menschen einzugehen, beinahe eine Art von Kommunikation gefunden zu haben und exakt immer um dieselbe Zeit zu erscheinen. Die Volunteers, d e r  Traumjob für junge Mädchen, führen durch eine einzigartige Show. Dabei ist es nicht gestattet, den Tieren zu nahe zu kommen oder sie zu berühren, aber wenn man Glück hat, kann man sie auch einem Meter Distanz beobachten. Den Delphinen werden nach ausführlicher Einführung von drei oder vier Mittouristen nur einige Fische verfüttert. Man versucht, eine Abhängigkeit von geschenktem Futter zu vermeiden. Wenn die Mädchen ihre leeren Kessel kehren, erkennen dies die Delphine sofort und schwimmen sofort zurück in tiefere Gewässer. Es war absolut beeindruckend, diese faszinierenden Tiere aus nächster Nähe beobachten zu können. Dies war auch zuvor schon möglich auf dem Steg, als eine Gruppe im Wasser herumalberte, aber kein Interesse am offerierten Fressen hatte. Es war schon beinahe eine Nebensache, dass eine ganze Reihe von Pelikanen sich ebenfalls am Strand aufhielt. Gestern klaute einer der Vögel offenbar einem Knaben einen Fisch aus der Hand, der eigentlich für einen Delphin gedacht war. Deshalb bekamen die Pelikane heute an einem anderen Ort eine eigene Portion Fisch.

Auch heute Morgen traf ich nochmals auf die zwei älteren Zürcher Ehepaare, die förmlich den Narren an uns gefressen hatten. Die einen trafen wir erneut in Denham, wo wir noch tankten und den Kühlschrank in Fricks Wagen mit Bier füllten! Auf dem Weg erblickte ich ein ganzes Rudel Emus.  Schon seit einiger Zeit hörte ich immer wieder sehr viel Positives über den François-Peron-Nationalpark, aber eigentlich strich ich einen Ausflug dorthin, weil er nur über eine tiefe Sandpiste zu erreichen ist. Umso glücklicher war ich, dass ich heute die beiden Frischverheirateten Franziska und Christian in ihrem 4WD-Geländefahrzeug begleiten durfte. Und ich merkte sehr bald, dass es ein weiser Entscheid war, diese 45 km nicht mit dem Motorrad zurückzulegen, denn je länger wir fuhren, umso tiefer wurde der rote Sand. Genau zwei tiefe Spuren Auswahl hätte ich gehabt, aber ich hätte aus zwei gleichen Übeln auswählen müssen. Die Landschaft ist gewohnt trocken (nur 230 mm Niederschlag pro Jahr), trotzdem gibt es 800 Pflanzenarten in diesem kargen Land, die in dieser Trockenheit überleben können, und wo es Pflanzen hat, da hat es Tiere. Zwar wurden wir den ganzen Tag von überaus aggressiven und lästigen Fliegen geärgert, aber ich sollte heute soviele Tiere sehen wie noch nie auf meiner Reise.

Wir kamen erstaunlich gut vorwärts auf der anfangs noch nicht so tiefen Sandpiste, wurden aber gleich dreimal gezwungen zu halten, zuerst wegen einer Echse, die aber schnell die Flucht ergriff, als wir näherkamen. Dann lag mitten auf der Piste ein Thorny Devil, jenes mit Dornen besetzte, wunderliche Ungetüm, das einen vergrössert einen riesigen Schrecken einjagen würde. Als wir uns ihm näherten, verhielt es sich beinahe apathisch und rührte sich nicht von der Stelle und stellte sich tot – dankeschön, könnte nicht perfekter sein für eine lupenreine Beobachtung. Dann begegneten wir eine eigenartigen Echse mit Schlangenkopf, aber extrem kurzgeratenem Leib, die sich zwar versuchte im Gebüsch zu verstecken, aber sich netterweise ebenfalls gut beobachten und fotografieren liess.

Als der Sand tiefer wurde, schlossen wir zu zwei deutschen, taiwanstämmigen, jungen Frauen auf, die im Sand feststeckten. Etwas Anschieben half bereits, ihnen aus der Patsche zu helfen. Weniger Freude hatten wir an zwei überholenden, arroganten Möchtegern-Langschwanz-Fahrern, die sich heillos überschätzten und ebenfalls im Sand steckenblieben; der eine hatte sich förmlich in den Sand eingegraben… Mit etwas Hilfe und weiterem Herablassen des Reifendruckes (unter 20 PSI) konnten jedoch auch diese beiden Fahrzeuge aus ihrer misslichen Lage befreit werden. Christian fuhr die ganze Zeit sehr souverän, und wir hatten nicht eine kritische Situation zu meistern.

Nach zwei Stunden Pistenfahrt erreichten wir Cape Peron, benannt nach einem französischen Entdecker im achtzehnten Jahrhundert, die den hier lebenden Einheimischen eigentlich freundlich gesinnt gewesen wären, sie aber mit einem Schuss aus einem Gewehr so verängstigten, dass sie Hals über Kopf flohen, sodass kein wirklicher Kontakt zustande kam. Es war wohl so, wie wenn heute ein Alien auf der Erde landen würde – wie würdest du dann reagieren?

Wir waren bald unterwegs auf einem Dünenweg mit rotem Sand zu einem zweiten Aussichtspunkt. Die Farbkombination zwischen mehrfachblauem Meer, rotem, weissem und gar schwarzen Sand zwischen ledrig-grünen Büschen und einer Art buschigen Trockenblumen ist einzigartig. Beim Aussichtspunkt kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus, weil sich unter uns die Tiere im Meer fast schon wie in einem offenen Zoo tummelten. Wir sahen gleich drei verschiedene Arten von Haien (Riffhai, Tigerhai, Shavu Nose Hai), mindestens zwei verschiedene Arten von Schildkröten, vorbeiziehende Manta Rays, aber sensationellerweise auch mindestens drei Dugongs, riesige Seekühe, die den Meeresboden von Seegras säubern. Dazu sassen Hunderte (!) von Kormoranen auf den felsigen Klippen oder am Strand in riesigen Gruppen, Seemöwen, zwei Meeradler, die alle auf der Jagd nach den reichen Fischgründen an diesem Kap waren. Mindestens eine Stunde lang standen wir hoch über dem Meer, und immer wieder tauchte ein weiteres Tier aus den Fluten auf! Unglaublich! Nur dank der Abgelegenheit und dem unendlich riesigen, unverdorbenen Indischen Ozean ist diese Ursprünglichkeit hier wohl noch möglich.

Auf dem Rückweg trafen wir auf ein weiteres Thorny Devil, das sich wiederum kaum regte, dann stiegen wir ab zum Strand und freuten uns über das prächtige Farbenspiel des bunten Sandes. Dann erreichten wir die Kormorankolonie, die uns sehr anständig Platz machte, sodass wir passieren konnten, indem die Tiere ins Wasser schwammen oder davonflogen. Der Strand hier roch so richtig nach Fisch, die Exkremente dieser Fischfresser können auch gar nicht anders riechen. Wir folgten dem überaus pituresken Strand, und natürlich musste ich auch noch von diesem Wasser kosten, auch wenn Wasser- und Lufttemperaturen eher kühl waren. Wir begegneten einer weiteren hellgrün-gelben Kreatur, die uns mit ihren hohen Augen peinlichst genau beobachtete und sich in die Wellen warf, wenn wir ihr zu nahe kamen – eine Krabbe. Beim Auto genossen wir ein erstes Bier, sahen ein wildes Kaninchen davonhopsen, auch ein Känguru machte sich aus dem Staub.

Dann fuhren wir zur 4 km entfernten Bottle Bay – es war unterdessen schon recht spät. Wir stellten unser Camp auf, kochten Gemüse und Spaghetti und sitzen jetzt am Feuer. Wie immer magisch, die Wärme des Feuers, die Zeichnung der Glut, das Aufflackern kleiner Ästchen. Ich bin am Tagebuchschreiben, es ist sternenklar, windig und kühl. Gerne ziehe ich mich jetzt in meinen wärmenden Schlafsack zurück.

Km: 48‘798 (29)

 

Mi, 09.11.2016: Auf dem Dach durch den Sand und eine weitere Nacht im Outback

Fast am äussersten Zipfel der Peron-Halbinsel erlebten wir an der Bottle Bay eine kühle Nacht, wurden am Morgen aber nicht von der Sonne geweckt, denn es war stark bewölkt, sodass wir uns nach dem ausgiebigen Frühstück entschlossen, aus dem Nationalpark hinauszufahren und eine nächste Etappe nach Süden zu schaffen. Die Rückfahrt wurde problemlos, aber doch recht spassig, weil wir uns abwechselnd aufs Dach des Landcruisers setzten, die weite Rundsicht genossen und die sandig-tiefe Fahrt über die Piste filmisch festhielten. Einige Kilometer sass auch ich am Steuer des Toyotas und wühlte mich ohne Schwierigkeiten durch den tiefen Sand.

Innerhalb von 24 Stunden gewöhnt man sich schnell an die Annehmlichkeiten, die eine Reise mit einem Auto mit sich bringen: Geschirr, Kühlschrank, genügend Platz auf für unnötige Dinge, aber beim Ausgang des Parks hatte ich wieder meine Maschine zu satteln, liess aber einen Teil meines Gepäcks im Auto. In Denham versorgten wir uns in einer schönen Metzgerei mit drei riesigen Scotch Filets, die wir am Abend über dem Feuer braten wollten.

Bald waren wir auf dem Weg Richtung Overlander, machten einen kurzen Halt, als uns Achim auf seiner KLR entgegenkam. Kurze Zeit später bogen wir Richtung Stromatoliten ab, die Fränzi und Christian noch nicht gesehen hatten. Ich beschäftige mich während dieser Zeit mit meinem Magengerumpel und verschaffte mir dabei die nötige Erleichterung. Unterdessen hatten sich die Wolken (von beiden Konfliktzonen..) verzogen. Nach einigen Dutzend Kilometern begann ich mit der Suche nach einem geeigneten Gratis-Lagerplatz. Wir bogen deshalb ab auf eine rote, sandig-staubige Piste, aber der beidseitige Zaun verhinderte die Anfahrt zu einem Lagerplatz. Deshalb fuhren wir noch einige Kilometer weiter. Mein Näschen war gut, als ich über festen Sand in lockeres Buschland einfuhr und einen perfekten Lagerplatz fand. Aber Fränzi war gleichwohl etwas skeptisch, sich den Gefahren des Outbacks vermeintlich schutzlos auszuliefern, aber schliesslich sprang sie über ihren Schatten, und wir stellten unser Lager auf. Holz hatte es in Hülle und Fülle, Chrigi hob ein kleines Loch für die Feuerstelle aus. Wir genossen bei zwei Bieren die Abendsonne. Als es nach der Dämmerung deutlich kühler wurde, wärmte uns das Feuer, dessen Glut perfekt war für das Braten unserer Steaks und dreier Kartoffeln. Den leckeren Schmaus verzehrten wir am Licht spendenden, wärmenden Feuer. Dann sassen wir noch lange am gemütlichen Lagerfeuer und unterhielten uns mit alten Geschichten.

Es erwartet uns wohl die kälteste Nacht, man merkt, dass wir immer weiter gegen Süden vordringen, den südlichen Wendekreis haben wir längst überfahren, es ist heute undenkbar, dass ich noch vor einer Woche noch ohne Schlafsack durch die Nacht kam. Es ist Frühling hier, der Sommer ist im Anzug – es ist absolut perfektes Töffwetter.

Km: 49‘018 (220)

 

Do, 10.11.2016: Silberbusch und rosa Broccoli

Unterdessen sind wir im Kalbarri Nationalpark angekommen. Je weiter ich in den Süden komme, umso mehr realisiere ich, dass hier Frühling ist. Während des Tages ist es an der Sonne angenehm warm, aber wenn die Sonne untergegangen ist, frischt es wegen des Windes ordentlich auf. Diese Nacht werden es nicht mehr als 12°C sein! Als wir heute Abend Fotos und Filme ausgetauscht haben, waren wir zwar schon erstaunt, dass uns vom Meer her eine schwarze Wand förmlich entgegenraste. Schliesslich mussten wir unsere technischen Geräte notfallmässig vor dem niederprasselnden Gewitterregen retten. Glücklicherweise dauerte der Zauber nicht allzu lange. Schnell zeigte sich die Sonne wieder, und über dem Meer bildete sich ein doppelter, intensiver Regenbogen.

Fränzi und Chrigi waren erst um fünf Uhr damit beschäftigt, einen Berg Wäsche zu waschen – der Strom fiel hier heute den ganzen Tag aus, und als die Wäsche bereit war zu trocken, begann der Regen, sodass wir auf die Hilfe eines Tumblers zählen mussten. Am Abend besuchten wir zu Fuss Finlay’s Fresh Fish BBQ, einem Fischrestaurant mit kleiner, aber feiner Karte. Eine gute Flasche Wein besorgten wir uns vom nahen Bottle Shop, denn in diesem Restaurant wird kein Alkohol ausgeschenkt, aber es gilt B.Y.O – bring your own. Die Portion war matrosenmässig riesig, der Service typisch australisch unkompliziert und einfach. Das gute Essen wurde nicht serviert, sondern man musste es an der Theke abholen – es wurde in einem Kartonteller (!) serviert…

Die Nacht im Outback letzte Nacht überstand auch Fränzi problemlos, es war ein milder Morgen, perfekt für ein ausgedehntes Frühstück mit selbst gebackenem Brot und Spiegeleiern, zubereitet natürlich über dem Feuer, dessen Glut vom Vorabend noch so heiss war, dass im Nu wieder ein neues Feuer entfacht war.

Die Fahrt führte dann südwärts durch dichter werdendes Buschland, wiederum wenig Aufsehen erregend, bis sich 20 km vor der Abzweigung Richtung Kalbarri Nationalpark die Landschaft mit einem Male grundsätzlich veränderte. Jetzt dominierten riesig weite, gelb-trockene Kornfelder, viele Pflanzen stehen in voller Blüte, darunter auffallend viele silbrig glänzende Büsche mit dünnfädigen Halmen oder dichte Millionenblüten, die aussehen wie rosa Riesenbroccoli. Bald fuhren wir die Schlucht des Murchison-Rivers an, der das ganze Jahr Wasser führt und abgegrenzt ist von den bekannten, zerrissenen, roten Felsen, die eine tiefe, hier aber auch recht weite Schlucht bilden. Natürlich nahm ich auch ein Bad im erfrischenden Wasser. Die dringend nötige Generalreinigung verpasste ich mir aber im Anchorage Caravan Park, allerdings nur mit kaltem Wasser, weil es ohne Strom kein warmes gab.

Fränzi und Chrigi sind mir zwei sehr nette Reisebegleiter, unsere Wege werden sich aber wohl bald trennen. Die beiden fahren weiter südwärts, ich biege bald ab zum grossen Ost-Wüsten-Abenteuer. Die Great Central Road ist zwar noch 1500 km entfernt, kommt aber mit jedem Tag näher, das nächste Abenteuer ist nah. Sorgen mache ich mir höchstens über meinen Fuss, der mich seit einigen Tagen wieder mehr schmerzt…

Km: 49‘237 (219)

 

Fr, 11.11.2016: Ein Familienausflug und ein pink-farbenes Meer

Es war so kühl heute Morgen, dass ich nicht gerne aus dem wärmenden Schlafsack kroch, zudem war ich mir noch unsicher, wie meine nächsten Tage wirklich aussehen werden. Ich stellte nur fest, dass es die nächsten drei Wochen wohl in sich haben werden mit der Durchquerung der Wüste bis Yulara. Ich möchte jetzt in Geraldton doch noch einen kleinen Service an meinem Motorrad vornehmen lassen, ausserdem möchte ich meinen Hinterreifen ersetzen, ich möchte einfach doch alle Unsicherheiten aus dem Weg geräumt haben.

So wollte ich heute diese Kleinstadt 160 km weiter südlich erreichen, um mit der kleinen Töffbude in Kontakt zu treten, aber so weit sollte es nicht kommen. Denn schon recht früh am Morgen erschienen das schon früher immer wieder angetroffene Horgener Pensionärenpaar Ruth und Eugen. Sie waren es wohl, dass sich auch Fränzi und Christian entschlossen, nochmals in den Kalbarri Nationalpark zurückzufahren. Wir packten zusammen, luden das Gepäck in Eugens grosses Wohnmobil und fuhren als grosse Schweizer Ladung 30 km bis zum Loop mit dem Nature’s Window, teils über eine recht ruppige Gravelroad. Es kam mir schon beinahe vor wie ein Familienausflug, wobei ich als geschiedener Sohn der beiden Pensionäre mit meinen zwei Kindern hätte unterwegs sein können. Dies war ja schon eine lustige Konstellation. Bei diesen Aussichtspunkten hatten wir eine ausgezeichnete Sicht über die Murchison-Schlucht, die schwer erodierten Klippenabstürze hinunter zum wenig Wasser führenden Fluss sowie weitere spektakuläre Wildblumen, diesmal kam zu den am gestrigen Tag entdeckten noch der Riesen-Blumenkohl dazu, in den ich hineinkroch, sodass nur noch der Kopf aus den Blüten herausschaute. Was für ein Spass!

Zurück in Kalbarri besuchten wir die zentrale Bar mit angebautem Restaurant und assen Hamburger oder ein Seafood Basket. Dann packte ich meinen Töff wieder einmal vollständig, verabschiedete mich von meinen Schweizer Freunden und folgte der Küste Richtung Süden. Aber ich wurde schnell von verschiedenen Viewpoints entlang der Küste aufgehalten. Ich folgte einem kleinen betonierten Weg bis zum Red Bluff und hatte eine grandiose Aussicht auf das wild-tobende, hellblaue Meer, die herrlichen, weissen Strände und die steilen, zerrissenen Felsklippen, die jäh zum Meer hinunterstürzen – Rosamunde Pilcher lässt grüssen…

Als ich noch ein weiteres Mal zum Meer zu einem Aussichtspunkt hinunterfuhr, traf ich erneut auf Christian, Eugen und Co. Das Hallo war gross, und es war nichts als logisch, dass wir jetzt einträchtig gen Süden fuhren. Einen letzten Halt wollten wir in Port Gregory machen, und hier kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn eine Algenart färbt das seichte, überaus salzhaltige Meer pink (!) – da soll mir mal einer sagen, dass Wasser blau aussieht. Die Salzkristalle setzen sich an Pflanzen am Ufer und an Steinen fest – ein unnatürliches Bild. Unterdessen war es bereits fünf Uhr nachmittags und ich strich mein Vorhaben kurzfristig, noch Geraldton zu erreichen. Stattdessen fuhren wir zu fünft zum nahen Caravanpark, tranken nach dem Aufstellen unserer Lager an der Sonne ein Bier. Den Sonnenuntergang genossen wir am nahen Strand. Wiederum frischte der Wind so stark auf, dass es draussen ungemütlich wurde, sodass wir in Ruths und Eugens Wohnmobil sassen und Spaghetti al pesto kochten. Wir sassen noch lange bei Wein in der gemütlichen Enge dieses Wohnwagens – mit mehr oder weniger spannenden Gesprächen, die sich über Hunde, Wohnwagen in Churwalden, Reiseerlebnisse auf Kreuzfahrtschiffen, Unfälle mit Wohnwagen drehte. Der Tag war ziemlich schräg, die Zusammensetzung der Gruppe speziell und dadurch das Heimfeeling so nah…

Km: 49‘315 (78)

 

Sa, 12.11.2016: Im faulen Rank

Es war nur noch ein Katzensprung bis Geraldton, einer sympathischen Küstenstadt nur noch 500 km von Perth entfernt. Es war auch heute sehr kühl und windig, ich fahre unterdessen mit Nierengurt und Handschuhen (!). Aber viel weiter südlich komme ich vorerst nicht. Es trennen mich noch einige hundert Kilometer von der Great Central Road, einer Wüstenregion, welche Westaustralien mit den Sehenswürdigkeiten in Zentralaustralien verbindet. Diese Strecke wird für mich wohl das nächste grosse Abenteuer bedeuten, denn um die tausend Kilometer werde ich mich auf Schotter- und Sandpisten abmühen. Sie führt durch Aborignies-Gebiet, weshalb ich gestern online versuchte, zwei Permits durch diese Gebiete zu ergattern. Zudem möchte ich meinen Töff wieder auf Vordermann bringen, der Hinterreifen wird gewechselt, ein weiterer Ölwechsel vorgenommen.