Teil 39: Brasilien III

Meine Yamaha läuft und läuft, aber sie beginnt allmählich zu schwächeln. Es gab kaum eine grössere Stadt auf meinem Weg Richtung Südbrasilien, in der ich nicht einen Boxenstopp bei einer Werkstatt einschalten musste. Ich hoffe einfach nur innig, dass sie durchhält bis Buenos Aires und dann von Madrid nach Hause. Wenn alles gut geht, werde ich am Freitag, 26. Januar 2018 im Böl einfahren. Ich würde mich freuen, wenn du diesen für mich grossen Moment miterlebst. Für Bratwurst (natürlich!), Pürli, Bier und Wein ist gesorgt!

Die ganz grossen Abenteuer habe ich erwartungsgemäss auf diesem Teil nicht erlebt. Es galt einfach, die riesigen Distanzen häppchenweise hinter mich zu bringen und mich jeweils an einem Strand wieder einige Tage zu erholen - und dies war in der Tat zum Teil ganz spassig.

Eben habe ich Rio de Janeiro verlassen und bin auch dem Weg nach São Paulo, wo ich mir ein neues Kettenkit organisiert habe, das am Montag montiert wird. Ich versuche dem Töff alle erdenklichen Streicheleinheiten zu geben und hoffe, dass er als Gegenleistung dafür durchhält und mich sicher nach Hause bringt...

Fr, 17.11.2017: Norddünen und Buschland

Jessy, Patricia und Pascal machten sich schon um acht Uhr auf den etwas komplizierten Weg nach Parnaiba. Ich beschäftigte mich nochmals mit meinem Blog Teil 38, aber das Internet war so schlecht, dass ich die Arbeit nicht abschliessen konnte. Am Morgen besorgte ich problemlos einen Ersatzschlauch für meinen Vorderreifen, dann kaufte ich in einem kleinen Supermarkt etwas Proviant ein. Lange war ich damit beschäftigt, meine Ladung wieder abfahrbereit zu richten.

Erst kurz nach zwei Uhr nachmittags fuhr auch ich los Richtung Osten. Auch ich wollte Parnaiba erreichen, aber ich wusste noch nicht, wie sehr mich die Strecke bis Paulino Neves herausfordern würde, denn noch vor einem Jahr war dies nur eine sandige Piste. Aber ich wurde positiv überrascht, denn in den letzten Monaten ist immerhin eine Schotterpiste mit nur noch wenigen Sandlöchern entstanden. Manchmal wähnte ich mich wegen des roten Gravels wie auf der Gibb River Road in Australien, wo mich der verhängnisvolle Beinbruchsturz heimsuchte. Der Abschnitt dauerte jedoch nicht lange, weil ich mich der Küste näherte und nochmals die Dünen küsste. Der Wind hatte Teile der Strasse mit Sand zugeblasen, ein Durchkommen war jedoch kein Problem. Bei einem Fotohalt wurde ich von einer brasilianischen Familie in ihrem Auto belagert, die nicht glauben konnte, dass ich mit meinem Töff schon 43 Länder bereist hatte. Einmal mehr kam es zu einer Fotosession.

Tutoia war auf neuer, geteerter Strasse bald erreicht, und es zeichnete sich ab, dass ich Parnaiba heute tatsächlich erreichen würde. Die Strasse führte mehrheitlich durch Buschland. In den wenigen Dörfern ärgerte ich mich über die Drempels, vor allem jene, welche nicht markiert sind, welche einen beinahe zum Abheben bringen, wenn man sie übersieht. Glücklicherweise hielt die Federung den Schlägen stand. Ich war genau rechtzeitig, um auf einer einen Fluss überspannenden Brücke den Sonnenuntergang zu beobachten, erreichte die Stadt bei der Dämmerung und traf auf dem Busbahnhof unglaublicherweise zufällig erneut auf Jessy, die sich jetzt doch dazu entschlossen hatte, per Bus schnell nach Fortaleza und bald weiter nach Salvador de Bahia zu fahren. Ich steuerte das Delta Hostel an, wo ich eincheckte und später in einem brasilianischen Strassenrestaurant einen Grillspiess verzehrte.

Es war schon zehn Uhr, als Patricia und Pascal aus Zug vom Ausgang zurückkehrten. Eigentlich gäbe es gleich mehrere ausgezeichnete Kite-Spots in der Umgebung, zudem wäre Jericoacoara, der berühmteste Küsten-(Party)-Ort nahe, den ich von Camocin über den Strand auf mit Töff erreichen könnte – die Gezeiten würden für morgen exakt passen. Aber will ich wirklich ein Sandabenteuer auf mich nehmen? Denn Jeri liegt in den Dünen, und nur eine tiefe Sandpiste führt auch wieder weg. Ich bin noch unschlüssig. Dafür stellte sich im Verlaufe des Gesprächs heraus, dass ich die Mutter der beiden kenne – Gaby Peikert aus Zug. Stöbi ist doch tatsächlich Pascals Götti und Sabine Patricias Gotte. Manchmal ist die Welt schon klein…

Km: 87‘020 (190)

Sa, 18.11.2017: Es geht auch ohne Hinterbremse

Erst am Morgen entschloss ich mich definitiv, den Touristenhort Jericoacoara auszulassen, weil er nur über eine tiefe Sandpiste oder via 40 km langem Strand mit drei Flussübergängen zu erreichen gewesen wäre. Ich hatte mir vorgenommen, Icarai de Amontada mit seinen feinen Stränden anzufahren. Aber dies war dann auch nicht so leicht, wie ich mir dies vorgestellt hatte.

Ich erreichte Camocim ohne grössere Probleme durch eine wüstenartige Steppenlandschaft. Kurz danach nervte mich das schon bekannte Klacken am Hinterrad, und ich bemerkte bald, dass sich der einer meiner beiden hinteren Bremsbeläge wieder gelöst hatte und das Geräusche auslöste. Also machte ich in Granja einen Halt, um zu versuchen, das Problem zu fixen. Der Bremskolben war aber so weit herausgekommen, dass es nicht möglich war, beide Bremsbeläge wieder in die richtige Stellung zu bringen. Durch den Bremshebel baute ich noch mehr Druck auf sodass der Kolben noch weiter herauskam und ich keinen der Beläge wieder an Ort bringen konnte. Unterdessen hatte ich auch bemerkt, dass eine der beiden Halterungen des Bremskopfes gebrochen war. Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Bremskopf ganz zu entfernen und ihn mit Kabelbindern auf der Seite zu befestigen und ohne Hinterbremse weiterzufahren. Dies bedeutete natürlich, mit noch mehr Achtsamkeit zu fahren, weil sich der Bremsweg jetzt um ein Mehrfaches verlängerte.

Aber ich erreichte Jijoca de Jericoacoara ohne Schwierigkeiten und machte mich hier auf die Suche nach einem Mechaniker, und tatsächlich fand ich einen, der mir eine metallene Verbindung baute, die den Bremskopf wieder fixierte. Es meinte jedoch, dass ich in Fortaleza die in Mitleidenschaft gezogenen Bremsbeläge dringend ersetzen solle. Bald war ich wieder unterwegs, aber die Bremse funktionierte immer noch nicht wirklich. Zwar hatten wir auch Bremsflüssigkeit nachgeleert, aber im Bremsschlauch scheint Luft zu sein, sodass die Bremse erst nach dem zweiten Bremsen zieht, nicht wirklich toll.

Zudem fuhr ich jetzt wegen des Zeitverlustes in die Nacht, erreichte Icarai de Amontada erst, als es schon lange dunkel war und machte mich auf die Suche nach einer Unterkunft, aber auch hier war mir das Glück nicht hold, denn dieser Ort war voller vor allem einheimischer Touristen, die wohl für das Wochenende hierher gekommen waren. Keine einzige preiswerte Unterkunft fand ich, und in einem Resort zu nächtigen, war mir dann doch zu teuer. So stillte ich in einem kleinen Restaurant erst mal meinen Hunger mit einem grossen Salat und verliess mich auf die beiden auf iOverlander eingezeichneten wilden Campingplätze. Maps me führte mich zum Strand, der noch einigermassen leicht zu erreichen war, dann folgte ich diesem auf einigermassen hartem Sand. Ich konnte es aber nicht riskieren, auf diesem Strand zu übernachten, weil mich irgendwann in der Nacht die Flut überrollt hätte, und neben dem harten Sand war es über ein steiles, sandiges Bord unmöglich, eine höher gelegene Stelle zu erreichen. Also wendete ich, fuhr erneut durch das an diesem Samstagabend sehr belebte Dorfzentrum. Bei einem nicht so luxuriösen Resort machte ich Halt, sprach mit einem Englisch sprechenden Kitesurf-Lehrer, aber die Rezeption war schon geschlossen, ein Einchecken unmöglich. So machte mich auf die Suche nach einer anderen Lösung. Aber auch hier stoppte mich schliesslich Tiefsand. So trat ich schliesslich den Rückweg Richtung Landesinneres an, wählte ein kleines Weglein, das mich weg von der Strasse führt auf ein weites, verlassenes Feld, wo ich endlich in Rekordzeit mein Zelt aufstellte und dort schnell einschlief.

Km: 87‘393 (373)

So, 19.11.2017: Bingo am Sonntagsstrand

Am Morgen wurde ich geweckt von einem freundlichen Bauern, der seine frisch gepflanzten Kokospalmen mit Wasser versorgte. Ich nahm’s gemütlich, kochte Kaffee und briet Eier. Dann kehrte ich zurück ins Dorf, wo ich direkt zur Pousada Canto das Águas fuhr, wo ein freies Zimmer zur Verfügung stand, allerdings nicht billig – 120 R$ pro Nacht (40 Fr.). Einchecken konnte ich aber erst um zwei Uhr nachmittags. Aber ich konnte mein Motorrad und das Gepäck einstellen und war bald unterwegs zum Strand, spülte im herrlichen Meer den gestrigen Reisedreck von meiner Haut und beobachtete die einheimischen, meist dickbäuchigen Touristen, wie sich schon vor elf Uhr am Biertrinken waren.

Dem schloss ich mich bald an. Zudem bestellte ich bald einen frischen Fisch, staunte über die vielen Mädchen, wie sie auf dem harten Sand ganz passabel Fussball spielen. Es war ein unglaublicher Lärm rund um mich herum, weil viele Familien ihre eigene Musikanlage dabei hatten, sodass ein Gewirr von verschiedenartigem Sound entstand. Bald begann in einer nahen Strandbar ein von unzähligen Menschen verfolgtes Bingo-Spiel. Was für ein reges Treiben an diesem in diesem Moment weiten Palmenstrand, die Ebbe hatten ihn riesig gross gemacht. Natürlich gönnte ich mir jetzt abseits etwas Ruhe am Strand, erfrischte mich im Wasser. Wie lange habe ich nur auf diesen Moment warten müssen! Auch hier ist der Wind perfekt, dem Kite Surfing zu frönen, diesmal bin ich vernünftig genug, meinen Fuss nicht noch mehr zu belasten. Verzicht ist angesagt, gar nicht so schwierig, denn Kurse und Materialmiete sind hier sehr teuer.

Gegen Abend machte ich eine kleine Rundfahrt nach Moitas, wo mit Dutzenden von riesigen Windrädern Strom erzeugt wird. Diese sind auch von Icarais Strand sichtbar. Ein spezielles Bild: Viele Kitesurfer nutzten am Abend denselben Wind, der auch diese Windräder antreibt. Am Abend spazierte ich durchs jetzt viel ruhigere Dorf, das im Gegensatz zu gestern wie ausgestorben schien. Ich ass eine Crepe mit Crevetten, später ein ausgezeichnetes Eis. Am Abend kam ich endlich dazu, meinen Blog Teil 38 abzuschliessen und online zu stellen – dank einigermassen gutem Internet.

Km: 87‘416 (23)

Mo, 20.11.2017: Ein fauler Strandtag

Es ist an der Zeit, wieder einmal etwas zur Ruhe zu kommen. Das perfekte Strandwetter mit fast wolkenlosem Himmel und Temperaturen bis 35°C, aber konstant mässigem Wind lud mich netterweise dazu ein. Während des Frühstücks kam ich mit einer italienischen Kiter-Gruppe vom Gardasee ins Gespräch, und natürlich gab es am Schluss das obligate Gruppenbild mit „Abenteurer“…

Ich nutzte die Ebbe, um mit dem Töff dem Strand entlang zu fahren. Als das Uferbord nur ein bisschen steiler wurde, kämpfte ich mit tieferem Sand und realisierte wieder einmal, wie schwer mein Fahrzeug ist, für solche Spässe einfach zu gewichtig, sodass ich es bald aufgab weiterzufahren, den Kite-Surfern etwas zuschaute und das lauwarme Meer genoss.

Am Nachmittag fand ich ein kleines Restaurant, in dem ich ein Bier trank und einen mit viel Knoblauch und Limonen zubereiteten, leckeren Fisch ass. Dann setzte ich mich nochmals in den weissen Sand am Palmenstrand, der heute wie entvölkert war. Offenbar kommen die Leute vor allem am Wochenende hierher, Icarai ist gleichsam eingeschlafen. Ich fand Zeit, die folgenden Wochen etwas zu planen, markierte Orte, die ich auf meiner langen Reise Richtung Süden vielleicht anfahren werde. Morgen hoffe ich erst mal nach Fortaleza zu erreichen, um mein Bremsproblem zu lösen.

Km: 87‘421 (5)

Di, 21.11.2017: Und wieder kommt ein Engel geflogen

Der in Jijoca vorgenommen Bastel ist definitiv nur ein Provisorium, denn das vom einen Bremsbelag ausgelöste Klack-Geräusch besteht immer noch, zudem dreht das Hinterrad nicht mehr rund, sodass mir eigentlich Wind und Weh war, weitere 190 km bis Fortaleza zu fahren. Aber die Engel begleiten mich weiterhin. Wohlweislich ich fuhr auch auf guter Strasse durch eher langweilige Buschlandschaft etwas langsamer, kam aber gleichwohl recht gut vorwärts.

Eingangs der Millionenstadt Fortaleza wollte ich mich orientieren, wie ich per GPS am schnellsten zur wohl grössten Yamaha-Werkstatt der Stadt kommen würde. Es ging nicht lange, als ein weiterer Engel zur Stelle war. Ein töfffanatischer Einheimischer auf seiner 250-cm3-Tenere hatte mich entdeckt und textete mich in Portugiesisch voll. Schliesslich kam auch meine defekte Bremse zur Sprache – und Jesuaia reagierte schnell. Er wollte mich unbedingt zur Töffwerkstatt geleiten, wies mich auf dem Weg immer wieder auf die unzähligen Blitzkästen hin, die ich bisher nicht wirklich beachtet hatte. Wir erreichten exakt den Ort, den ich auch anzupeilen versucht hätte. Es war jetzt natürlich viel leichter, den Mechanikern zu erklären, wo das Problem meiner Maschine liegt. Tatsächlich hätte man einen Original-Ersatz-Bremskopf an Lager gehabt – für 1100 Fr.! O nein, so viel wollte ich nicht ausgeben. Jesuaia, der Gute, verstand sofort. Es wurde von Schweissen gesprochen und wohl von anderen Lösungsansätzen, die ich nicht verstand.

Ein ganzes Arsenal von Polizisten-Yamahas stand im Fahrzeugpark, und als ein Mechaniker meine Bremse demontiert hatte, war ihm schnell klar, dass es eine einfachere Lösung gab, denn der Bremskopf der 250-er-Yamaha war unglaublicherweise identisch zu meiner. Der Mech war im Nu verschwunden und kam mit einem gebrauchten Teil eines ausgemusterten Polizeitöffs zurück, das er mir jetzt natürlich unter der Hand verkaufen wollte. 1500 R$ (450 Fr.) wollte er dafür haben, für ihn wohl nichts anderes als eine angenehme Gehaltsaufbesserung. Meine Verhandlungsposition war sehr schwach, und ich musste auf den Handel eingehen. Der Bengel hatte aber auch etwas Engelhaftes, denn beim Checken der Maschine stellte er fest, dass ich eine der Sperrschrauben bei der Vorderachse verloren hatte und die andere lose war – ein Glück, dass dies genau jetzt jemand bemerkte.

Zum ersten Mal seit Monaten verfüge ich wieder über eine wirklich funktionierende Hinterbremse, die eigentlich schon lange nicht mehr wirklich gezogen hat (auch Sam kam dem Problem nicht auf die Schliche). Der Wechsel des Bremskopfes hat sich schliesslich trotz der neuen, unangenehmen Ausgaben also wirklich gelohnt. – Und danke Jesuaia, du hast deinem Namen alle Ehren gemacht.

Zudem war es erst zwei Uhr, es gab also keinen Grund, in dieser Grossstadt zu bleiben. Ich kämpfte mich allmählich durch das Gewühl des städtischen Verkehrschaos und kam danach auf einer neu gebauten Autobahn ausgezeichnet vorwärts, sodass ich Canoa Quebrada schon vor der Dämmerung erreichte. Hier traute ich allerdings meinen Augen nicht, denn dieser Ort ist voller Touristen. So etwas habe ich lange nicht mehr gesehen. Aber ich liess mir die Annehmlichkeiten eines solchen Ortes durchaus gefallen. Die Pizza im Venezia war ausgezeichnet (wenn auch nicht billig), das Bier dazu hervorragend.

Km: 87‘789 (368)

Mi, 22.11.2017: Ein touristischer Strandort

Ich kam am Morgen schnell in Kontakt mit zwei frisch angekommenen, jungen Schweizern, Esther aus Weinfelden und Patrick aus Gähwil, die sich sofort für meine Reise interessierten und denen ich den ganzen Tag immer wieder ein Schmankerl meiner überstandenen Abenteuer erzählte. Ich traf sie später zufällig erneut am Strand, der über ein rotes, imposantes Sandsteinkliff zu erreichen ist und wegen der Ebbe grandiose Ausmasse hatte. Die vielen wasserfreien Stellen wurden genutzt von vielen wohl vor allem einheimischen Touristengruppen, die sich im Buggy über den Strand führen liessen, natürlich in flottem Tempo und nettem Motorenlärm, vor allem wenn sie versuchten, die Sanddünen hochzubrettern.

Aber der rötlich-weisse Sandstrand liess sich gleichwohl ganz gut geniessen, vor allem als die Spassfahrzeuge wieder verschwunden waren. Die schönsten Stellen sind leider verbaut mit auf Stelzen stehenden, einfachen Bars und Restaurants, und am Nachmittag tranken auch wir hier ein Bier. Die Flut war jetzt mächtig am Hereinkommen. Das Wasser stieg in einem Tempo, wie ich dies vielleicht noch nie erlebt hatte. Jedenfalls mussten wir bald unsere Stühle packen und uns strandeinwärts verschieben. Jetzt wurde auch klar, warum alle Lokalitäten auf Rundhölzern hoch über dem Meer stehen.

Im Abendlicht erschien der Sand des Kliffs noch röter, und Sand regt natürlich immer für einen Spass an, zum Beispiel vom Kliff hinunter in den Tiefsand zu springen. Dasselbe machten wir wenig später bei der mächtigen, weissen Düne nochmals. Viele Menschen fanden sich bald ebenfalls hier ein, um den Sonnenuntergang zu verfolgen.

Nach der Dusche und einem guten Znacht in einem Restaurant sassen wir noch lange in einer Bar und kühlten unser Inneres mit einer angenehmen, gelben Flüssigkeit. Canoa Quebrada ist eigentlich der perfekte Ort, als Tourist zur Ruhe zu kommen und an dem schon viele Europäer hängengeblieben sind. Er ist durchaus zu vergleichen mit irgend einem Strandort in Thailand, perfekt geeignet für Ferien, aber hier sesshaft zu werden wie Peter und sich hier eine Existenz aufbauen – nein, danke…

Km: 87‘789 (0)

Do, 23.11.2017: Steppenwolf

Deshalb fiel es mir heute Morgen nicht schwer, diesen Ort bereits wieder zu verlassen. Allmählich rennt mir die Zeit davon. Ich habe mir vorgenommen, einen ersten, etwas längeren Schritt Richtung Süden unter die Räder zu nehmen. Aber ich kam beinahe nicht weg, weil zuerst Manuel, der argentinische Gastgeber, so viel zu erzählen hatte. Dann versorgte ich Esther und Patrick noch mit einigen Kontakten für ihre Galapagos-Reise. Und als endlich alles geladen war, entdeckte mich ein Deutscher, der selber schon mit dem Motorrad unterwegs war und sich natürlich brennend für meine Erlebnisse und vor allem das Routing interessierte.

Ich kam erst nach zehn Uhr weg, viel zu spät, denn der Chapada Diamantina Nationalpark ist über 1200 km entfernt und jetzt wohl kaum in zwei Tagesreisen zu erreichen. Die Strecke führt eigentlich relativ geradlinig zum Ziel, aber die Fahrt wurde anstrengender als erwartet, denn je weiter ich ins Landesinnere fuhr, desto trockener und heisser wurde es. Der wohl über 40 Grad heisse Wind liess mich wieder einmal das Helmvisier freiwillig schliessen, es kamen Erinnerungen an Turkmenistan auf, als ich ebenfalls durch wüstenartiges, flaches Gelände fuhr und unter dem Anzug beinahe zu schmelzen begann. Ich wurde etwas überrascht durch das steppenartige, ausgetrocknete Land, das schon seit Monaten keinen Regen mehr bekommen hat. Einige Rinder halten sich immer nahe der Lagunen auf, die meist nur noch spärlich mit Wasser gefüllt sind. Mir setzte die Hitze einigermassen zu, weshalb ich regelmässig pausierte und mir einen kalten Drink gönnte.

Es blieb auch am Nachmittag überaus heiss, aber die Landschaft wurde etwas interessanter. Zum ersten Mal seit einiger Zeit fuhr ich in weiten Kurven durch eine verbrannte und felsige Hügellandschaft. Ganze Geländepartien sind vom Feuer (absichtlich?) verbrannt. Die seltenen Dörfer machen einen trostlosen und verlassenen Eindruck, kein Wunder bei dieser schier unerträglichen Hitze. Gegen Abend wurde es keineswegs kühler, dafür etwas grüner und fruchtbarer. Tatsächlich hatte es hier wieder mehr Menschen, die am Strassenrand sogar Mangos und andere frische Früchte verkauften. Je dichter die Siedlungen sind, desto langsamer kommt man vorwärts und umso schwieriger ist es, einen wilden Platz zum Campieren zu finden. Aber schliesslich wurde ich auch heute fündig. Auf einem Hügel habe ich sogar noch eine gute Aussicht und bin versteckt von der Strasse. Die Zufahrt war einfach, ein Bauplatz (für ein Restaurant?) wurde hier oben wohl aufgegeben und ist jetzt der perfekte iOverlander-Platz.

Es ist neun Uhr, es ist immer noch unverschämt heiss, die Luft scheint stillzustehen. Vielleicht beginnen in dieser ausgetrockneten Steppenlandschaft bald die Wölfe zu heulen…

Km: 88‘291 (502)

Fr, 24.11.2017: Ziel nicht ganz erreicht

Es war ein ziemlich schräges Gefühl, dass ich in der Nacht wegen einsetzenden Nieselregens (!) von oben ganz sanft benetzt wurde. Die wenige Feuchtigkeit verdunstete zwar gleich wieder. Wegen der Dunkelheit war es aber unabsehbar, ob die Tröpfchen in einen ausgewachsenen Regen mutieren, aber dies war glücklicherweise nicht der Fall, sodass ich das Zelt nicht für Regen umbauen musste, denn ich hatte als Moskitoschutz nur das Innenzelt aufgestellt. Die sanfte Benieselung stellte sich wegen der Hitze sogar noch als angenehm heraus… Es kam Wind auf und blies die Hitze förmlich davon, sodass es bald kühler wurde, sodass ich schliesslich sogar den Schlafsack auspacken musste, um nicht zu frieren. Typisch Wüste, des Tags unerträglich heiss, des Nachts kühl, halt die bekannten grossen Temperaturunterschiede – und zudem befand ich mich auf über 500 m.ü.M., was sich wohl auch temperaturregulierend auswirkte.

Ich stand schon vor sechs Uhr auf, machte wieder einmal ein Feuer, um Kaffee zu kochen, Brot zu backen und Eier zu braten – das alte Morgenritual. Schon vor acht Uhr war ich bereits wieder unterwegs, aber von Anfang an war zweifelhaft, ob ich genügend Fahrkondition aufbringen würde, um die beinahe 800 km bis Lençois wirklich zu schaffen. Wiederum wurde es von Stunde zu Stunde heisser, die Fahrt war wenig attraktiv, das Land ist hier überaus trocken und über weite Strecken verlassen. Ich erreichte über Salgueiro gegen Mittag eine erstaunlich grosse Stadt – Petrolina, fuhr weiter nach Senhor do Bonfim, aber bald wurde klar, dass ich es trotz guten Fahrrhythmus‘ nicht ins Ziel schaffen würde. Ich fühlte mich schmierig und klebrig, weshalb ich eine weitere Nacht im Freien verwarf und in Capim Grosso eine eingezeichnete iOverlander‑Pousada (Mangueiras, 60 R$) anfuhr, angenehm grosszügig angelegt und mitten in Mangobäumen gelegen, wo ich ein riesiges, sauberes, schon beinahe luxuriöses Zimmer bezog. Ich war nudelfertig, legte mich nach einem Bier hin für eine verspätete Siesta. Nach zwei intensiven Fahrtagen mit jeweils über 500 km auf der Strasse wird mir bewusst, wie riesig dieses Land ist und wie viel mir noch bevorsteht. Es war wohl der richtige Entscheid, einmal eine erste Etappe der riesigen Distanzen hinter mich zu bringen. Morgen sollte ich den Chapada Diamantina Nationalpark problemlos erreichen, um wieder einmal etwas Bergnatur geniessen zu können.

Km: 88‘814 (523)

Sa, 25.11.2017: Wo ist die Energie?

Auch heute waren nochmals gegen 300 km zu fahren, die mich einigermassen schlauchten. Ich wusste, dass der Chapada Diamantina Nationalpark ein grünes Paradies ist, und sobald ich losfuhr, begann sich die Landschaft allmählich zu verändern. Die trockenen Abschnitte mit verschiedenartigen Kakteen wurden seltener, saftig grüne Bäume erhalten offenbar genügend Flüssigkeit, um zu gedeihen. Und dieses Wasser bekam ich bald von oben zu spüren, denn je weiter ich fuhr, desto dichter wurde die Bewölkung. Lange Zeit hatte ich Glück, weil ich die immer häufigeren Schauer netterweise verpasste, die sich einige Kilometer entfernt entluden.

Kurz vor Lençois erwischte mich jedoch einer dieser Regengüsse, der aber glücklicherweise nicht sehr andauernd war. Die kleine portugiesisch-koloniale Ortschaft  Lençois ist am Fusse der bis 1500 m.ü.M. gelegenen Hügelkette gelegen, in denen es viele Wasserfälle und kleine Pools gibt, in denen man im kühlen Wasser herrlich schwimmen kann. Dazu gibt es einige Höhlen mit glasklarem Wasser, in denen sogar getaucht werden kann. Obwohl einigermassen abgelegen, wird die Region seit vielen Jahren von vielen Touristen besucht. Im Ort gibt es viele kleine Restaurant, natürlich ein Übermass an Unterkunftsmöglichkeiten, in der Nebensaison war es leicht ein Bett zu finden (Hostel Chapada, 40 R$). Eigentlich war heute mein Denken vielmehr auf die nächste Weiterreise fixiert, eigentlich fehlt mir die Energie, einige der unzähligen Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Allmählich wird mir bewusst, wie knapp die Zeit wird, Buenos Aires innert nützlicher Frist zu erreichen. Ich werde einige Highlights auslassen müssen.

Am Nachmittag wollte ich eigentlich etwas essen gehen, landete an einem Bach, dem ich bergaufwärts zu folgen begann. Immerhin hatte ich etwas Wasser dabei. Der Bach hatte in Jahrtausende altem, orange-pinkem Nagelfluh kleine Pools gebildet. Einheimische wuschen hier ihre Kleider aus, andere genossen ein erfrischendes Bad. Ich stieg weiter auf, traf auf viele einheimischen Touristen, die wie ich auf auf einem Spaziergang waren. Etwas weiter oben verkaufte man sogar Bier (und damit nährte ich mich…). Ich erreichte einen kleinen Wasserfall im Chapada-Dschungel, und die Überraschung war gross, dass ich hier erneut auf Jessy traf. Wir stiegen gemeinsam auf zu einem Aussichtspunkt hoch über Lençois, als ein neuer Regenschauer über das Land zog und wir uns auf den Rückweg machten. Eigentlich wollten wir den Abend noch gemeinsam verbringen, aber irgendwie verpassten wir uns. Schade und etwas traurig. Jessy schliesst sich morgen einem organisierten Trip an – und das will ich nun wirklich nicht. Das Dorf war am Abend voller Touristen, viele Restaurants machten trotz Nebensaison ein ganz gutes Geschäft. Gerade jetzt fühle ich mich etwas alleine, aber ich hoffe, dass mich die grandiose Natur morgen wieder etwas aufstellen wird.

Km: 89‘080 (266)

So, 26.11.2017: Wasserfälle, Naturpools und Morros

Schon am Morgen hatte ich Kontakt mit Juan-Pablo, dem Argentinier aus Buenos Aires, mit dem ich mich morgen auf einen zweitägigen Trip begebe. Normalerweise bucht man hier Otto-Normaltourist wie mittlerweile in den meisten Ländern der Erde Touren, und dies ist ein ganz gutes Business hier. Es ist, als ob man zu Hause auf den Kronberg einen Tourguide brauchen würde, der einem dann noch vorschreibt, wo man durchzugehen hat und mit welchem Tempo. Wir werden auf eine solche Tour verzichten und morgen versuchen, selbständig den Cachoeira Fumaça, einen der grössten Wasserfälle Brasiliens zu erreichen und dort oben im Zelt übernachten.

Heute fuhr ich meine Maschine wieder einmal ohne Gepäck und staunte, wie wendig sie ist. Von irgendwelchen eigenartigen Motorengeräuschen habe ich nichts gehört, als ob sie mir sagen wollte, dass ich sie ruhig öfters ohne Gewicht ausfahren solle. Ich änderte noch auf dem Weg meinen Plan und erreichte über eine ruppige Schotterpiste den Cachoeira dos Mosquitos, erreichbar über einen Weg steil bergab. Es hatte nur wenige andere Besucher hier, und bald war ich überraschenderweise gar alleine. Ich genoss vor allem die Szenerie, die mich etwas an Australien erinnerte mit den rötlichen, verwitterten Sandsteinplatten, über die ich ins Flusstal marschierte, aber auch wegen der völlig fremden Vegetation. Das Land ist voller Minisaurier, die aber schnell das Weite suchten, wenn Trampeltiere wie ich daherstampfen.

Natürlich liess ich mir ein erfrischendes Bad nicht entgehen, machte mich aber wegen des aufkommenden Schattens bald auf den Rückweg. Beim Poço do Diablo, einem erneut bräunlich-rot schimmernden Teich, wollte ich mich nochmals erfrischen. Weil die Strasse nah ist, war der Jahrmarkt hier gross. Brasilianer sind offenbar auch ein Volk, das ungerne einige Meter geht, gut sichtbar an den meist ziemlich unvorteilhaften Figuren der Menschen. Mein Ziel war aber eigentlich der Morro do Pal Inacio, ein riesiger, geschichteter Felsklotz, von dem man eine prima Aussicht auf die teils steilen Hügelketten des Nationalparks hat. Der Zugang zu diesem Berg wurde längst ausgebaut, sodass viele beim Sonnenuntergang hier oben waren. Kein Wunder, im Abendlicht leuchteten die steilen Sandsteinkliffs, und die Sonne versank in orange-rot-grüner Herrlichkeit. Dann wurde es kühler, sodass ich mich im Dunkeln auf den Rückweg nach Lençois machte. Hier traf ich auf den Juan-Pablo, mit dem ich in der Stadt ein kleines Abendessen verzehrte…

Km: 89‘198 (135)

Mo, 27.11.2017: Die Abenteuer werden kleiner

Eigentlich hatte ich in diesem Nationalpark einen Trip ins Valle do Pati im Sinne, das etwas abgelegen und viel weniger begangen ist. Aber die Motivation für diese lange und wohl ziemlich anstrengende Wanderung hielt sich in Grenzen, obwohl man bei einem Morro, einem schroffen Berg in einer Höhle auf 1400 m.ü.M. sogar hätte schwimmen können – natürlich ohne Eintritt zu bezahlen.

Es war mir schliesslich mehr wert, zusammen mit Juan-Pablo eines der typischen Highlights des Parks zu besuchen, den Cachoeira Fumaça, einen Wasserfall, der sich über 300 Meter in die Tiefe stürzt. Dank maps me war es leicht herauszufinden, wo der Zugang am leichtesten ist. Wir hatten deshalb auf die andere Seite des Massivs bis nach Caéte-Açu zu fahren, wo wir den Töff parkierten und mit Camingausrüstung und genügend Essen begannen, vorbei an einem verwaisten Parkwächter-Häuschen, den Berg hochzukraxeln. Wir wussten, dass nur gut fünf Kilometer zu gehen und 350 Meter Höhenunterschied zu bewältigen waren. Trotzdem begegneten wir nur Gruppen mit Führer, und ich wunderte mich einmal mehr, wie leicht diese hier zu Arbeit und einem sehr guten Verdienst kommen. Natürlich war es unmöglich, sich zu verlaufen, weil der Weg dermassen ausgetrampelt war. Weil wir spät unterwegs waren, kamen uns nur noch einige Leute entgegen, und bald konnten wir die spezielle Landschaft mit den vielen ledrig-blättrigen Bäumen und Büschen nur für uns alleine geniessen.

Bald erreichten wir ein Plateau, der Spaziergang wurde noch leichter. Immerhin mussten einige rötlich-braune, äusserst jodhaltige, kleine Tümpel überquert werden, sodass wir bald barfuss (!) unterwegs waren. Einmal schreckten wir eine grün-gestreifte Schlange auf, die sich natürlich im Nu im Gebüsch in Nichts aufzulösen schien. Da nützte alles Suchen für ein gutes Foto nichts mehr… Wir erreichten den Wasserfall am frühen Abend und waren nicht erstaunt, dass er nur wenig Wasser führte, denn wo sollte nur mehr Wasser herkommen auf dieser Hochebene? Aber die Aussicht an der senkrechten, schroffen Plattenwand war doch ein Spektakel, weil der Talwind das wenige Wasser in die Luft wirbelt, sodass gleich mehrere Regenbögen entstanden. Ich war bald unterwegs, um einen geeigneten Lagerplatz zu suchen, aber dies war gar nicht so einfach, denn der Boden ist hier überwuchert von überaus starken und widerstandsfähigen Pflanzen. Aber dann fand ich eine idyllisch gelegene Höhle an einem gelbbraunen Teich, der mich schon fluchen liess, weil ich glaubte, das Zelt ohne Nutzen hier hoch geschleppt zu haben. Aber als wir uns hier einzurichten begannen, kamen gleich beinahe unzählige Freunde, die Moskitos, die uns von hier bald wieder vertrieben. Auf dem erhöhten und windigeren Plateau stellte ich das Zelt auf (womit es doch gut war, dass ich es mitgenommen hatte). Glücklicherweise fand ich eine einigermassen ebene Stelle.

Die Stille an diesem Ort war zauberhaft, manchmal verirrten sich einige Tropfen des Wasserfalls bis zu unserem Zelt. Ich kochte über dem Feuer wieder einmal eine Pasta-Variation. Es war schon ziemlich friedlich hier oben, dem Touristenrummel waren wir perfekt entkommen. Wir wunderten uns noch, dass am Abend keine weiteren Touristengruppen erschienen.

Km: 89‘275 (77)

Di, 28.11.2017: Diamanten am Abyss

Ich war schon früh wach, denn ich hatte längst genug geschlafen. Hinter dem Geländeabbruch trug die Sonne einen Kampf gegen den Nebel aus, der aber nicht verhindern konnte, dass sich die grünen Hügelketten diffus in orangem Licht zu färben begannen. Während Juan-Pablo noch etwas weiterschlief (oder endlich schlief, weil ihm der harte Boden nicht behagte…), war ich am Abyss schnell fasziniert von der dynamischen Tröpfchenparade, dessen Mitwirkende sich tausendfach in Diamanten zu verwandeln schienen und ihren Flug zu verlängern versuchten, um vielleicht mit Glück an einer der vielen saftigen Pflanzen an der Wand haften zu bleiben oder aber knallhart auf dem nackten Fels aufzuprallen, sich nochmals zu zerteilen und schliesslich im See mit dem tiefblauen Wasser zu verschmelzen, der sich im verwunschenen Dschungeltal gebildet hatte.

Die Gesteinsschichten haben hier veritable Platten gebildet, die man mit etwas Mut begehen kann, aber nie zu hundert Prozent weiss, ob sie nicht lieber ein Frass der Tiefe werden wollen. Irgendwann wird dies einmal der Fall sein, ich hoffte, dass dies nicht gerade jetzt der Fall sein würde. Und auch mich packte eine unbestimmte Art von Höhenangst. Je näher ich mich an den absoluten Absturz wagte, desto mehr schienen die Zehen dem unbeschreiblichen Gefühl des Einschlafens zu unterliegen, oder die Beine schienen wie magnetisiert von der Tiefe angezogen zu sein, ein irgendwie süchtig-machendes oder auch beängstigendes Gefühl.

Ich hatte längst wieder Feuer gemacht und Kaffee und Eier zubereitet, als auch Juan-Pablo endlich aufstand. Wir machten uns auf einen Spaziergang rund um diesen feuchten Abyss, trachteten nochmals in die Tiefe. Als die Bewölkung zunahm, wurde es auch kühler, und schon vor Mittag machten wir uns auf den Rückweg. Viel schöner wäre es schon gewesen, dass ganze Hügelland zu überqueren und in Lençois zu landen, aber jetzt hinderte uns der Töff vor einer Fortsetzung, der wieder abgeholt werden wollte. Wir begegneten einigen geführten Touristengruppen und erreichten schon um die Mittagszeit Caéte-Açu. Die Parkwächterin war erstaunt, dass wir erstens alleine und zweitens mit so viel Gepäck unterwegs waren – Campieren beim Wasserfall ist verboten, ungeführt zu wandern vielleicht auch…, was uns jetzt nicht mehr kümmerte.

Auf demselben Weg fuhren wir durch die reizvolle, saftig grüne Hügellandschaft zurück nach Lençois. Ich packte meine Ladung wieder um, wusch einige Kleider aus. Eigentlich war ich am Nachmittag gar nicht so faul, wie ich mir dies vorgestellt hatte. Das Essen in einem der vielen nett eingerichteten Strassenrestaurants in den engen Gassen Lençois‘ war einmal mehr nicht wirklich extraprima, halt bife -  gell Häne!

Dass dieser Nationalpark Diamantina heisst, hat seinen Grund. Lange Zeit wurde in Bächen nach Diamanten gesucht, und immer wieder wurden schöne Exemplare gefunden, übrigens dieselbe Art, die man in Namibia in Afrika findet – vor Jahrmillionen war jener Landstrich mit Südamerika noch verbunden. Dies sieht man noch heute an der Form der beiden Kontinente. Leider begegneten mir heute nur Diamanten in Tropfenform…

Km: 89‘353 (78)

Mi, 29.11.2017: Mehr oder minder erzwungene Oberflächlichkeit

Am Morgen wusste ich noch nicht sicher, ob ich am Abend wirklich Salvador de Bahia würde erreicht haben, denn ich wollte den nicht allzu langen Umweg zum Poço Azul in Kauf nehmen, eigentlich war ich genau wegen dieser ultrablauen, unterirdischen, magischen Gewässer in diesen Nationalpark gekommen. Natürlich hatte ich erneut mit derselben Krux zu kämpfen, dass die spannendsten Orte touristisch voll ausgebeutet werden. Deshalb war ich schon um acht Uhr unterwegs, um diese Höhle möglichst für mich alleine geniessen zu können.

Es war tatsächlich ein Leichtes, auch diesen abgelegenen Ort problemlos zu finden. Tourveranstalter warnen dich, dass es schwierig sei, die schönsten Plätze zu finden, halt die typische, verständliche Geschäftsidee, ein Package mit gleich mehreren Viewpoints recht teuer zu verkaufen,  dafür aber nur beschränkte Zeit zur Verfügung zu haben, sich wirklich auf einen Ort einzulassen. Tatsächlich war ich bei weitem der Erste, der Poço Azul erreichte. Ein verschlafenen Führer oder besser Aufpasser kam schnell aus seiner Hütte und wies mich an zu duschen (!, Sonnencreme soll das Wasser nicht verschmutzen…), eine Schwimmweste zu fassen und 30 R$ zu bezahlen. Dann wurde ich eine Holztreppe in einen Schlund geführt, der mit glasklarem Wasser gefüllt ist und wegen des Lichteinfalls bläulich-violett schimmerte. Das Wasser wirkte wie ein Spiegel, sodass sich die zerschrundeten Felswände gleichsam verdoppelten. Ich genoss die Stille, die zauberhafte Stimmung und die überaus starken Farben dieses Naturwunders, aber auch ich konnte mich wegen des lästigen Aufpassers nur oberflächlich mit der Szenerie einlassen. Natürlich stieg ich auch ins Wasser, zerbrach den Wasserspiegel und staunte über die unglaubliche Klarheit des Wassers, aber wegen der obligatorischen Schwimmweste (weiss der Geier, warum man so eine zu tragen hatte) blieb ich auch hier nur auf der Oberfläche, dabei wäre ich zu gerne etwas in die Tiefe getaucht. Eigentlich hätte ich es hier gut den ganzen Tag ausgehalten, aber es war absehbar, dass bald eine Flut von Menschen die Stille bricht, sodass ich nach kaum einer Stunde die Höhle wieder verliess. Ja, es war wunderschön, und doch konnte ich nicht wirklich mit diesem idyllischen Ort verschmelzen.

Als ich die Höhle verliess, kamen schon die ersten kleinen Gruppen, um den Ort ebenso wie ich zu entweihen… Ich war jetzt aber bereits wieder unterwegs Richtung Salvador, erreichte wieder die Hauptstrasse BR242. Bald säumten die bekannten Kakteen die Strasse, es war wieder viel trockener geworden. Je näher ich der Grossstadt kam, desto intensiver wurde der Schwerverkehr – und dieser hatte es in sich. Vielleicht erlebte ich jetzt als Motorradfahrer die gefährlichsten Situationen der ganzen Reise, wenn dich voll beladene, dreissig Meter lange Sattelschlepper mit 120 km/h versuchen zu überholen. Das eine Auge war immer auf die Ladung gerichtet, die sich genau jetzt hoffentlich nicht löst, das andere auf die Bewegung der Räder, um bei einer unerwarteten, schnellen Richtungsänderung der Lastwagen schnell reagieren zu können. Ich wollte mir auch gar nicht vorstellen, in was für Schwierigkeiten ich gekommen wäre, wenn ich genau jetzt einen Platten erlitten hätte…

Aber glücklicherweise ging alles gut, ich erreichte Salvadors Verkehrchaos wohlbehalten und schlängelte mich durch die stehenden Wagenkolonnen. Nahe des Stadtzentrums verpasste ich eine Abzweigung und musste einen langen Umweg in Kauf nehmen, dafür passierte ich einen Yamaha-Laden, den ich anfuhr, wo man einen Ölwechsel vornahm, den einen, am Morgen zerbrochenen Seitenspiegel und den verbogenen Bremsgriff ersetzte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen davon tatsächlich gebrauchen kann – aber dies war heute der Fall, er wurde aus der Luftfilterabdeckung ausgebaut und perfekt montiert. Noch am Morgen hatte sich meine Maschine unerlaubterweise hingelegt – ohne schützende Seitenkoffer hatte sie sich selbst verletzt…

Ich stieg in der historischen Altstadt in der Galeria 13 ab, wo ich gleich mit grossem Hallo empfangen wurde, denn Töfffahrer sind hier selten gesehen. Das Hostel ist zu eng gebaut, um die Maschine zu parkieren. Aber bei der Zulu-Bar war bald eine Lösung gefunden, und hier assen sämtliche Hostel-Gäste auch zu Nacht, eine ganz bunt-lustige Mischung von Leuten – und auch Juan-Pablo traf ich hier wieder zufällig, der auch in der Galeria eingecheckt hatte. Es war nicht verwunderlich, dass es heute etwas später als normal wurde…

Km: 89‘880 (527)

Do, 30.11.2017: Grossartiges Stadtzentrum und typische Hostelkontakte

Es ist immer angenehm, sich für einmal nicht ums Packen kümmern zu müssen, und ich fand mich bald wieder in den regenbogenfarbenen, renovierten Altstadthäusern der ehemaligen Hauptstadt Brasiliens, deren Völkergemisch bis heute einen eigenartig afrikanisch-indigenen Groove vermittelt, sichtbar in wilden Capoeira‑Tänzen überall in den Gassen verbunden mit überaus häufigen Festivitäten, die während des Carvevals ihren Höhepunkt findet. Das Essen in der Stadt ist noch immer afrikanisch angehaucht. Der strenge katholische Glaube, sichtbar in unzähligen Barockkirchen ist noch immer vermischt mit afrikanischen Gottheiten und Candoblé-Zeremonien. Natürlich wurde die mehrheitlich schwarze Bevölkerung vor Jahrhunderten als Sklaven in die Stadt gebracht, um die Festung auf den Hügeln fertigzustellen. Die Sklaven rächten sich manchmal auf ihre Weise, indem sie Engel mit besonders grossen Geschlechtsteilen oder in eindeutig zweideutigen Stellungen darstellten.

Gleichzeitig war ich auf der Suche nach einem Kettenspray – mein Kettenkit knackt und würgt erneut immer mehr und muss wohl bald erneut ersetzt werden. Die Stadt ist am Rande jedoch heruntergekommen mit grau-zerfallenden Betongebäuden, und hier fand ich mich bald wieder, später im Spitalviertel, wo natürlich weit und breit kein Motorradgeschäft zu finden war. Schon am frühen Nachmittag kehrte ich zurück ins Hostel, wo mich der motorradverrückte, etwas hyperaktive Hostelbesitzer Jonathan mit seiner Maschine zu einem kleinen Motopeças führte, wo ich zum gewünschten Kettenspray kam. Vor allem wollte er mich dort jedoch vorstellen, für Motorradliebhaber bin ich offenbar das siebte Weltwunder…

Ich genoss die Happy Hour im Hostel mit zwei Caipirinhas, integrierte mich in die typische Hostelgemeinde mit mehr oder weniger interessanten Travellern. Viel interessanter wurde es wenig später mit einem englisch-marokkanischen Paar, das sich brennend für meine Reise interessierte. Die beiden warteten auf den Bruder der Marokkanerin, der spätabends hier ankam, ein ziemlich wilder und aufgestellter Typ, der viel zur Unterhaltung beitrug. Vorher war ich aber mit Juan-Pablo, Brett und einer ganzen Gruppe von jungen Leuten im Cafelier, einem hoch über dem Meer gelegenen, wunderschönen Restaurant, später noch in einer Bar, wo wir lange Pingpong spielten (!). Aber schliesslich langweilte ich mich, ich war müde, wurde von den Marokkanern aber schliesslich doch gehindert, mich einigermassen rechtzeitig schlafen zu legen…

Km: 89‘892 (12)

Fr, 01.12.2017: Drempelfallen und laute Brasilianer

Nein, die Brasilianer waren heute nicht laut, weil ihnen die Schweizer Fussballnationalmannschaft an der WM 2018 als Gegner zugelost wurde. Aber es ist schon von Vorteil, über eine Unterkunft nicht gerade im innersten Zentrum eines Ortes zu verfügen, denn immer wieder sind Autos mit riesigen Boxen auf den Dächern unterwegs, welche in riesiger Lautstärke für irgendein Produkt werben, lustigerweise meist in derselben singenden, anpreisenden Stimme. Aber dies ist nicht alles. Ich wich heute einem grossen Umweg aus, indem ich von Salvador die Baia de Todos os Santos per Fähre überquerte, um direkten Zugang zur angepeilten BA001 zu bekommen. Wie schon vielerorts in der Stadt frönten auch hier einige Jugendliche der wild-laut-rhythmischen Capoeira-Musik, die aus den mitgebrachten Miniboxen drönten – und niemand schien sich daran zu stören, auch wenn unweit eine andere Gruppe „ihre“ Musik ebenso in voller Lautstärke genoss.

Im Moment fühle ich mich etwas getrieben, weil ich innerhalb eines guten Monats noch mehrere tausend Kilometer zurückzulegen habe. Eigentlich hätte ich es in dieser Stadt gut noch einen Tag ausgehalten, aber es zieht mich magisch vorwärts. Ich wurde von Eunice aus Portugal und Brett aus San Francisco ziemlich euphorisch verabschiedet, drehte eine letzte Runde durch das beeindruckende historische Zentrum Salvadors und machte mich auf den Weg zum Fährhafen. Aber mein Navi leitete mich gleich mehrfach ins Leere beziehungsweise in wohl neu geschaffene Einbahnstrassen, schliesslich erreichte ich den gewünschten Ort unter Fluchen doch noch und hatte wohl keine Fähre verpasst, denn viele Autos und Passagiere waren am Warten, bis der Einlass auf die riesige Fähre endlich gewährt wurde. Die Überfahrt dauerte eine Stunde, und los ging die Fahrt Richtung Süden – ein gutes Gefühl, wenn die Richtung für einmal wieder stimmt. Bis Valença kam ich gut vorwärts, und hier wunderte ich mich, dass mich maps me auf einen langen Umweg leiten wollte. Ich fand den Grund schnell heraus. Die Strasse war jetzt überaus holprig, ich durchfuhr reihenweise kleine Käffer, in denen man durch unzählige Drempels gebremst wird, die unsäglichen Bodenwellen, die einen zwingen, das Tempo zu drosseln. Dies verhindert wenigstens abzuheben oder die Einwohner zu gefährden. Das Heimtückische ist, dass die meisten dieser „Bremsen“ markiert sind, es gibt aber immer wieder solche, von denen man überrascht wird, sodass die Federung des Töffs gestaucht wird – glücklicherweise auch heute ohne unangenehme Folgen.

In Camamu führte mich maps me erneut an der Nase herum und wollte mich zwingen, das historische Zentrum zu besichtigen. Schliesslich fand ich die richtige Brücke über einen mächtigen Tropenfluss doch noch. Jetzt wurde die Strasse wieder massiv besser, und ich fand mich überraschenderweise plötzlich wieder in luschem Dschungel, der mich in seiner Wild- und Unberührtheit erfreute. Ja tatsächlich, nach Tagen in wüsten- oder steppenartigem Gelände vertrage ich durchaus wieder etwas tropischen Urwald.

Mein Strandbedürfnis ist durchaus noch nicht gestillt, deshalb fuhr ich Itacaré an, das mir vorerst einen verschlafenen Eindruck machte. Ein altes portugiesisch-koloniales, grün gestrichenes Gebäude wurde in ein Hostel umfunktioniert, wo ich in einem kleinen Zimmer für 35 R$ bezog. Ich war hungrig und war bald auf der Gasse und bemerkte bald, dass dieser Strand- und Surfort voller Touristen ist. Dies kümmerte mich heute wenig, denn etwas Reiseferien tun mir bestimmt gut. Im Jilo ass ich rekordgut. Ich beobachtete die brasilianischen Jungs und Girls beim Fussballspielen in diversen Variationen: Kleinfeldfussball im Sand, Fussballtennis zwei gegen zwei, Jonglieren im Sand mit einer kleinen Bank. Nach einigen Jonglierkunststücken landet der Ball auf dieser Bank und musste vom „Gegner“ anschliessend übernommen werden, eine ganz spannende Variation, und ich staunte, wie das Mädchen im Spiel dem Jungen keine Chance liess. Marta lässt grüssen… Nach einem Spaziergang durch die wegen der Nebensaison nur wenig begangene Touristenmeile, in der das Hippie-Feeling durchaus noch etwas zu spüren ist und viele junge Reisende ihre geknüpften Bändchen und Kettchen zu verkaufen versuchten, fühlte ich mich jedoch bald müde und liess mich von der Dunkelheit und Stille einlullen und schlief schnell ein.

Km: 90‘138 (246)

Sa, 02.12.2017: Buchtenstrände

Wenn man nach Itacaré reist, erwartet man Strände, und genau deswegen bin auch ich hierher gekommen. Aber es war bedeckt heute. Durch den diesigen Himmel drückte zwar immer wieder die Sonne, aber die kräftigen Farben des bis zum Meer reichenden Dschungels und des Palmenstrandes blieben blass. Deshalb blieb ich einige Zeit im Hostel, arbeitete etwas am Blog, aber das langsame Internet hier ist ein Ärgernis.

Ich entschied mich, einmal einen Augenschein der Strände zu nehmen, die sich nahe des Dorfes befinden. Sie liegen allesamt in Buchten, die fürs Surfen gut geeigneten Wellen prallen mit ziemlicher Wucht gegen die Küste. Im Laufe des Tages wurden die Strände immer kleiner, weil die starke Flut einen grossen Teil der Sandflächen verschlang. Zuerst blieb ich einige Zeit in einer kleinen Bucht, machte es mir auf einer Art stachligen Grases gemütlich, ass eine Kokosnuss und wurde wie schon in Salvador von einem netten Einheimischen angequatscht, der sich als Zeuge Jehova ausgab. Dann fuhr ich noch eine Bucht weiter, wo ein Dschungelbach gestaut wurde. Der entstandene braune Tümpel wurde von vielen Einheimischen für ein Süsswasserbad benutzt. Der eigentlich idyllische Ort am Sandstrand ist ziemlich verbaut. Unter Dutzenden von Sonnenschirmen tranken die Menschen Bier und stopften sich mit fettreicher Nahrung voll. Es ist nicht verwunderlich, dass die meisten Brasilianer deutlich übergewichtig sind. Es war bestimmt nicht die Art Orte, die ich liebe, weshalb ich bald zurück zur Unterkunft fuhr.

Am Abend wurde ich Zeuge einer wahnwitzigen Veranstaltung einer brasilianischen Sekte, deren Wortführer schon beinahe gewalttätig in vielen Hallelujas die vielen Zuschauer von Gott zu überzeugen versuchte. Für mich tönte sein Geschimpfe jedoch nur abstossend, vor allem als die Menschen die Hände in die Höhe hoben und auf irgendein Wunder hofften. Was für ein unsäglicher Unsinn, dermassen zu missionieren und vor allem zu zetern! Ich verstand zwar kaum ein Wort, aber es war unschwer herauszuhören, dass mit Menschheit bald bestraft würde, wenn man ihm nicht glaubte. Die Menschen wurden gefangen durch aufgestellte Spielgeräte für die Kinder, an denen die unsäglichen Worte wie vorbeiflutschten. Sie schienen die einzigen zu sein, die immun gegen den riesigen, verbreiteten Unsinn des geschalten Sektenführers sind.

Ich ergriff betroffen die Flucht, besuchte das Casa Jilo und genoss nochmals ein Ceviche. Vor allem die Kokossauce hatte es mir sehr angetan, ich versuchte herauszutüfteln, was alles darin steckt, um sie zu Hause irgendwann einmal „nachbauen“ zu können. Ich verspürte wenig Lust auf die Samstagabendpartys, die bis spät in die Nacht andauern sollten und freute mich vielmehr an der Ruhe im Hostel.

Km: 90‘144 (6)

So, 03.12.2017: Ein Strand wie im Bilderbuch

Nach einer kleinen Wäsche war ich schon bald unterwegs mit dem Töff zur Praia Havaizinho, von der ich mehr erwartete als von den gestern besuchten Stränden. Ein ausgetretener Pfad liess mich vorerst noch nicht daran glauben, aber ich wurde nicht enttäuscht. Beim ersten Strand standen zwar noch die bekannten brasilianischen Verpflegungsstände, aber der Strand mit unzähligen Palmen, abgegrenzt von schroffen Felsen, die den Angriff der nie aufhörenden Wellen stoisch zu ertragen schienen, war schon ganz sehenswert.

Ich folgte dem Weg durch einen Palmenwald entlang der wilden Küste und erreichte nach einigen Minuten eine enge Bucht mit einem weiteren Strand, und hier schien ich der einzige Besucher zu sein. Ich legte mich unter eine Palme und genoss die Szenerie. Aber die Idee, ohne Badehosen ins Wasser zu steigen, war vielleicht doch etwas frech, denn bald erschienen zwei Gruppen mit ihrem Führer, der die Touristen über den ausgetretenen Pfad geleitete.

Zum ersten Mal auf dieser Reise öffnete ich gleich zwei Kokosnüsse auf eigene Faust, und dies ging mit dem Schweizer Sackmesser erstaunlich gut. Es war die perfekte Zwischenverpflegung und der ideale Durstlöscher. Lange Zeit beobachtete ich bei der hereinkommenden Flut einige gelbe Krabben, die sich wie aus dem Nichts aus dem Sand gruben und ihre Tanzspiele im feuchten Sand vorführten. Aber man durfte sich ja nicht bewegen, oder sie verschwanden gleich wieder in ihren Sandhäusern.

Am Nachmittag wollte ich noch einen weiteren Strand sehen, folgte jedoch nicht dem Weg, sondern der Steilküste. Die Wellen waren jetzt besonders gewalttätig, sodass ich aufpassen musste, dass mich die Gischt nicht einnässte oder gar mit ins Meer riss. Die Wanderung auf dem schroff-steilen Fels endete abrupt, als mir eine querliegende, kleine Schlucht den Durchgang verwehrte. So sass ich lange Zeit auf dem Fels und beobachtete die Wildheit des Meeres. Unglaublicherweise tummelten sich im Wasser eine ganze Reihe von Schildkröten, die ihre Anwesenheit immer wieder verrieten, wenn sie an die Wasseroberfläche kamen, um nach Luft zu schnappen. Aber ich beneidete die Tiere nicht, denn der Kampf gegen die gewaltigen Wellen schien unaufhörlich zu sein und sie immer wieder bedrohlich nah gegen die Felsen zu spülen. Ich verzichtete auf eine Kraxelaktion, um die Schlucht zu umklettern und kehrte auf demselben Weg zurück zu meinem Strand und dann gleich weiter zu meinem Töff.

Am Abend genoss ich nochmals die Annehmlichkeiten eines noch etwas ruhigen Touristendorfes. Das Überangebot an Restaurants ist gross. Eines davon kam zum Handkuss.

Und noch dies: Heute erhielt ich endlich Antwort von Dakar Motos. Es scheint, dass ich nicht über Lissabon nach Hause fahre, sondern über Madrid. Der Cargo-Transport in die spanische Hauptstadt ist ganze 500 Fr. billiger.

Km: 90‘176 (32)

Mo, 04.12.2017: Palmenkühe und ein speziell gelegener Strandort

Als ich am Morgen losfuhr nach der ewig lästigen Packerei freute ich mich während der Fahrt über den überraschend wilden Dschungel, den Brasilien in dieser Region zu bieten hat. Ich kam mir vor wie auf einem riesigen Ko Chang, denn die gut ausgebaute Strasse führte durch eine unberührte Hügellandschaft mit nahezu unberührten, unendlich langen Stränden, die nur zum Teil für den Tourismus ausgebaut sind. Erst vor Ilheus wurden die Siedlungen wieder dichter, der Reiz der Landschaft verschwand. Die brasilianischen Dörfer und Städte erscheinen mir wenig reizvoll, die Backsteinbauten sind selten fertig gebaut und eng verschachtelt und erinnern mich mehr an die Favelas, durch die ich schon in Salvador gefahren war.

In Itabuna spielte mir mein maps-me-Navi einmal mehr einen Streich, indem es mich mitten durch die vom Verkehr verstopfte Innenstadt führte. Als ich die BR101 endlich erreichte, kam ich aber erneut gut vorwärts Richtung Süden. Der Dschungel wurde aber bald abgelöst durch die bekannten Rinderfarmen – ein ziemlich schräges Bild, wenn man Kühe sieht, die unter den Palmen nach Schatten suchen. Die Hügel waren jetzt nur mehr eine Graslandschaft, die Wälder waren längst abgeholzt worden. Hier war es deutlich wärmer, deshalb war ich froh, dank der guten Strasse mit erstaunlich wenig Schwerverkehr durch den Fahrtwind genügend Ventilation zu erhalten.

Schon recht früh erreichte ich die Abzweigung Richtung Caraíva, einen weiteren angepeilten Strandort. Ich war mir unsicher, welche der zwei mögliche Zufahrten ich wählen soll, entschied mich für eigentlich unpraktischere, denn so hatte ich Caraíva über einen Fluss mittels Kanus zu erreichen. Aber ich hatte mich wohl richtig entschieden, obwohl die Zufahrt anstrengender wurde als erwartet, denn der Fahrweg war eine Mischung zwischen Lehm- und Sandweg – und dies über 40 km! Aber ich war zeitlich gut dran, sodass mich dies wenig kümmerte. Ich wich den Schlaglöchern geschickt aus, ebenso den tiefen, vom Regen entstandenen Rinnen auf der Strasse. Ich fuhr durch ausgedehnte Baumplantagen (!), weitere Kuhweiden, es roch eigentlich ganz ähnlich wie auf einem Spaziergang auf die Hundwilerhöhe.

Schliesslich erreichte ich Nova Caraíva und den besagten Fluss, wo man mir gleich mehrfach einen gesicherten Parkplatz anbot – für 15 R$ pro Tag, ganz schön unverschämt teuer (5 Fr.). Deshalb fuhr ich etwas zurück und fand dort einen etwas günstigeren Parkplatz, konnte auch mein Gepäck einstellen, denn ins Dorf wollte ich nur die wichtigsten Dinge mitnehmen. Die Überfahrt war nur nur ein Katzensprung, wieder wurden mir 5 R$ abgeluchst. Aber der Ort gefällt mir: Ein bisschen hippiemässig, aber doch gut ausgebaut, jedoch absolut ohne Verkehr. Wer will, kann sich das Gepäck über die Sandwege durch kleine Pferdefuhrwerke zur Unterkunft transportieren lassen. Ich fand schnell ein beinahe volles Hostel (Aruanda), wo ich in einem Dorm ein Bett für 50 R$ bezog. Es war schon dunkel, als ich mich auf einen ersten Rundgang machte. Die Hauptsaison steht kurz bevor, die Pousadas stehen fast noch leer, aber dies wird sich bald ändern. Es ist nicht billig hier, aber ich werde an die 4000 Island in Laos erinnert, ein ganz besonderer Groove. Hier werde ich es wohl zwei weitere Tage bestens aushalten.

Km: 90‘593 (417)

05.12.2017: Das Haus der jungen Frauen

Es gibt Schimmeres als schier der einzige männliche Besucher eines Hostel nahe der Mangroven und des Meeres zu sein. Dieser Ort scheint auf jeden Fall vor allem junge Frauen anzuziehen, und dies ist nicht wirklich unangenehm, obwohl eine Unterhaltung nicht einfach ist, weil alle fast nur Portugiesisch sprechen. Schon am Morgen lernte ich die 24-jährige Laura kennen, eine schon fast beängstigend kontaktfreudige Brasilianerin, die schon einige Zeit hier weilt. Laura ist wirklich eine besondere Person und vielleicht deshalb so offen, weil sie an einem kleinen Hirntumor leidet (!), der sie aber momentan kaum beeinträchtigt, solange sie ihre Medikamente brav einnimmt.

Bald liess ich mich von ihr gerne rund um die speziell eingerichtete Halbinsel führen, auf der es als Transportmittel nur Maultiere gibt, die mühselig Gepäck oder Sand oder Biernachschub zum gewünschten Ort transportieren. Die Wege bestehen aus Sand, an denen verschiedene Restaurants und kleine Läden auf Besucher warten. Wir erreichten bald eine riesige Sandbank, die durch die starken Gezeiten und dem ins Meer strömenden Fluss gebildet wird. Wir folgten dem wellenreichen Strand, setzten uns unter eine Palme, ich wurde den ganzen Tag bestens unterhalten. Laura spricht ganz gut Englisch und hat sogar deutsche Vorfahren, lebt in Porto Alegre im Süden Brasiliens, wo offenbar sehr viele deutschstämmige Menschen leben.

Der Strand ist schön, aber nicht wirklich traumhaft, das Wasser ist durch den Fluss bräunlich gefärbt und deshalb bei weitem nicht genügend klar, um zu schnorcheln. Ich pflückte von einer Palme zwei frische Kokosnüsse, die bald geöffnet waren und für perfekten Wassernachschub sorgten. In einer Strandbar assen wir ein Ceviche und tranken ein Bier. Ein herrlich milder Wind wirbelte unsere Haare auf, die Zeit verflog im Nu, bis wir hungrig wurden und im Hostel gemeinsam eine grosse Portion Pasta kochten. Die Menschen in Caraíva bereiten sich auf die Hochsaison vor, die Kirche wird neu gestrichen, die blitzsauberen Läden mit vielen Souvenirs und farbigen Badeutensilien werden auf Hochglanz poliert.

In der Hängematte liegend mitten im vor Kraft strotzenden Mangrovenwald trank ich ein weiteres Bier, bevor wir nochmals einen Rundgang durchs Dorf machten, aber schwere Wolken kündigen eine Wetterumstellung an, sodass mir das ideale Licht für wirklich schöne Fotos des Dorfes fehlte. Die Kraft des Wassers des einsetzenden Flusses am Ende der Halbinsel faszinierte mich eine Weile, weil die Wellen von allen Seiten auf mich ein wirbelten. Später spazierten wir zu fünft (ich als Hahn im Korb – wie gesagt nicht ungenehm) nochmals zu Strand, um den Mondaufgang zu erleben. Der Erdtrabant liess sich allerdings Zeit, weil er lange hier den Wolken versteckt blieb. Aber dann zeigte er sich doch noch, trug weiterhin einen Kampf mit den jetzt hellgelb beleuchteten Wolken aus, die aber schliesslich stärker waren und ihn zum Verschwinden brachten. Wir sassen noch eine Weile im Garten des Hostels, bis ich in mein Kajütenbett stieg und sofort einschlief. Ich wusste eigentlich nicht, wovon ich müde geworden war, aber es war ein perfekter Tag…

Km: 90‘593 (417)

06.12.2017: Haut-Peeling mit rotem Ton

Nach dem Frühstück begleitete ich Laura, Paula aus Treviso und Marcela aus Brasilien auf einen Spaziergang zur Praia Satü. Dabei hatten wir zuerst den Rio Caraíva zu überqueren. Wiederum wollte man uns je 5 R$ für die überaus kurze Überfahrt abnehmen, aber darauf gingen wir nicht ein. Weil wegen der Ebbe das Wasser ziemlich niedrig stand, die Strömung jedoch gegen den offenen Ozean zog, versuchte ich gleichwohl, eine möglichst seichte Stelle zu finden, um die Überquerung zu Fuss zu schaffen. Und tatsächlich gelang es mir relativ problemlos, den Fluss zu überqueren. Ich kehrte zurück und führte die Girls über den Fluss, und dies funktionierte bestens.

Wir folgten bei herrlichem Sonnenschein dem weiten, absolut unbevölkerten, goldgelben Strand Richtung Norden und erreichten nach einer halben Stunde eine feuchte Stelle mit rot gefärbtem Ton, der uns förmlich zu Farbspielen einlud. Bald sahen wir aus wie Indianer, indem wir uns mit dem feuchten, erstaunlich farbechten Ton einschmierten, eine ziemlich spassige Aktion, die natürlich zu einigen Bildern einlud. Wenig weiter erreichten wir die Praia Satü, wo wir ein Bier tranken. Die schon länger aufgezogenen Wolken wurden jetzt aber schnell noch dichter, und bald begann es zu regnen. Der Wind hatte gekehrt und blies jetzt von Süden, sodass wir uns bald im mit Regentropfen geschwängerten Gegenwind zurück nach Caraíva kämpften. Jetzt war der Wasserstand so hoch, dass wir nicht mehr wagten, ohne Hilfe eines Bootes den Fluss zu überqueren. Es blieb den ganzen Nachmittag grau, immer wieder regnete es, sodass wir im Hostel blieben und gegen Abend begannen, ein Pasta-Menu zuzubereiten. So ist das Hostel-Leben: Man lernt sich schnell kennen, und schon unternimmt man gemeinsam etwas, und schliesslich kocht und isst man sogar noch zusammen.

Das Wetter macht mir momentan etwas Sorgen. Aber ich wusste ja, dass im Dezember in Minas Gerais, der Provinz um Rio de Janeiro, am meisten Niederschläge fallen. Der Regenschutz wird wohl bald wieder einmal zum Einsatz kommen auf dem weiteren Weg Richtung Süden.

Km: 90‘593 (0)

Do, 07.12.2017: Mich noch einen Tag vor dem Regen gedrückt…

Auf dem Weg nach Rio de Janeiro erwartet mich Unangenehmes. Dies ist mir eigentlich seit einigen Tagen bewusst, denn momentan jagt die eine Regenfront die nächste, und ich befinde mich in Caraíva genau am Rand dieser Regengebiete. Zudem ist die Gesellschaft in diesem Hostel durchaus bleibenswert, und so entschloss ich mich halt, noch einen weiteren Tag hier zu verweilen. Dies ist ja ganz gut so, denn allmählich sollte ich auf diesem Trip etwas zur Ruhe kommen.

Am Morgen war das Wetter noch erstaunlich gut, weshalb ich mit Laura noch einmal zum Strand spazierte. An unserem ganz privaten Palmenstrand besorgte ich uns nochmals zwei Kokosnüsse vom Baum, die eine ganz frisch mit hervorragender Kokosmilch, die andere etwas älter mit grossartiger Kokosnuss, halt beides fantastisch, egal ob älter oder jünger… Lange Zeit blieb uns das Glück erhalten, schon lange begannen sich die Wolken rund um uns immer höher aufzutürmen, aber der blaue Fleck genau über uns spendete uns noch eine ganze Weile herrliche Sonnenstrahlen. In einer von Felsen gebildeten Lagune nahmen wir ein Bad, aber dann wurden die Wolken doch stärker, und es begann zu regnen, aber vorerst nur für kurze Zeit, sodass wir die letzten Sonnenstrahlen des Tages Bier trinkend in einem Strandrestaurant verbrachten. Aber dann übernahmen die Wolken definitiv das Szepter, und es begann zu schütten, aber wir erreichten gerade noch rechtzeitig unser Hostel, wo zwei andere Girls bereits eine Art brasilianisches Couscous vorbereitet hatten, wozu ich netterweise eingeladen wurde.

Sorgen macht mir jedoch tatsächlich die etwas übermässig vom Himmel gekommene Feuchtigkeit. Ich bin ja mal gespannt, wie einfach ich mein Motorrad morgen auf den (jetzt wohl schmierigen) Lehmpisten wieder auf die Hauptstrasse führen werde.

Am Abend feierten wir in einer Pizzeria den Abschied, denn unsere Wege werden sich morgen wieder trennen. Laura reist in den Norden nach Itacaré, ich werde mich auf den Weg Richtung Rio machen. Die Faszination dieser jungen femme fatale wurde je länger umso grösser. Wir besuchten eine mit Liebe eingerichtete Bar, wo wir drei brasilianische Artesanal-Bier kredenzten. Erst nach zwei Uhr kam ich zu Bett.

Km: 90‘593 (0)

Fr, 08.12.2017: Gewittersturm auf dem Friedhof

Ich stand schon früh auf, um Laura zu verabschieden. Dies geschah auf liebenswerte Art und Weise, es war wieder einmal ein Abschied der unangenehmen und traurigen Art... Ich legte mich nochmals eine Weile hin, konnte aber nicht mehr einschlafen, sodass ich bald definitiv aufstand, um meine wenigen Sachen zusammenzupacken. Ich verliess Caraíva mittels Kanu, spazierte hoch zu meinem Töff, der offensichtlich gut bewacht wurde. Alles war noch so, wie ich ihn verlassen hatte. Es braucht immer viel Zeit, bis meine Packung wieder reorganisiert ist. Es war stark bewölkt, zuweilen schafften es einige Tropfen, zu Boden zu kommen.

Die Fahrt zur Hauptstrasse wurde so heimtückisch, wie ich es befürchtet hatte. Zwar half der Sand, genügend Grip zu haben, um nicht rettungslos auszurutschen und die Maschine hinzulegen. Aber die steilen Partien hatten es in sich. Die lehmige Piste war glitschig, und die entstandenen Wasserrinnen waren teils tief, absolut ungeeignet, in diese zu rutschen. In den zwar lauschigen, aber noch feuchteren, kleineren Tälern hatten sich auf der Piste kleine Seen gebildet, ich durchfuhr tiefe, schlammige Stellen, aber immer mit der nötigen Geduld, sodass es zu keiner einzigen schwierigen Situation kam. Aber ich brauchte über eine Stunde für die 43 km bis zur Hauptstrasse BR101.

Ich fuhr jetzt nicht weit bis zu einer Tankstelle, wo ich Benzin nachfüllte, meine Pneus wieder auf Normaldruck aufpumpte, vor allem aber meine Kette reinigte und sie mit Öl versorgte. Das ganze Kettenkit ist unterdessen wieder grenzwertig. Zwar lässt sich die Kette noch nicht (wie auch schon erlebt), vom hinteren Kranz zu heben, aber die Knackgeräusche beim Anfahren tun mir in den Ohren weh. Ich sollte das ganze Kit möglichst schnell ersetzen, um nicht