Teil 36: Ecuador II - Kolumbien und der grosse Flossbau

Seit bald einem Monat sind wir daran, unser Floss fluss- und reisetauglich zu machen.  So lange sind wir auch schon einquartiert im Casa Witoto in Coca (Puerto Francisco de Orellana) in Ecuador,  deren Familienmitglieder im Tourismus arbeiten, uns mit vielen Ratschlägen versorgen und uns vor allem einen idealen Bauplatz im Rio Payamino zur Verfügung stellen konnten. Unser Floss ist unterdessen ein kleines Monster, 12 m lang und 5 m breit, aber vielleicht auch ein bisschen ein Bijoux, obwohl die letzten Verschönerungsarbeiten noch anstehen.
Noch vor drei Tagen stellten wir diese etwas wahnsinnige Reise selber in Frage, als ein Kardan-Gelenk der Antriebswelle brach und sich zudem der Motor massiv überhitzte, sodass Sattel und Seitenabdeckung zu schmelzen begannen... Jetzt wird der Motor wassergekühlt durch Druckwasser, das hinter der Schiffsschraube via Schläuche zum Motor gepumpt wird.

Die gestrige Probefahrt verlief erfolgreich. Heute kümmerten wir uns um das viele Benzin, das wir mitnehmen werden - 800 Liter! Zum Glück kostet hier das Benzin weniger als 50 Rappen pro Liter.

Wir hoffen, den Bau am Wochenende abzuschliessen und endlich zu starten - bis zur ecuadorianisch-peruanischen Grenze noch zusammen mit Freddy, dem Sohn Witotos. Ungeführt würden wir wohl im Gefängnis landen - und dies wollen auch wir nicht...
Auf den nächsten Blogteil musst du wohl einige Zeit warten. Wir schätzen, dass wir ein bis zwei Monate auf dem Rio Napo und dem Amazonas unterwegs sind. Wer weiss, ob wir es tatsächlich bis Manaus/Brasilien schaffen.

Di, 25.07.2017: Su Velocidad 62, 93, 78..

Irgendein ecuadorianischer, übers Geld mächtiger Verkehrsminister hat die abstrus-geniale Idee gehabt, das ganze Land mit den auch bei uns bekannten, häufig bei Dorfeingängen gestellten, netten Digitaltafeln, die einen auf (zu hohe) Geschwindigkeit aufmerksam macht, zu überdecken. Der gute Mann hat allerdings nicht daran gedacht, dass solche Einrichtungen auch Service benötigen. Zwar werden sie dank einer Fotovoltaik-Zelle weiterhin mit Strom gefüttert, aber die meisten Digitalzellen der Tafeln funktionieren nicht mehr, sodass keine Zahl mehr zu erkennen ist, oder dann ist man vermeintlich ganz abenteuerlich unterwegs. Innerhalb eines Meters habe ich zum Beispiel mein Tempo von 62 auf 93 km/h erhöht, um gleich wieder auf 78 km/h abzubremsen. Natürlich kümmert sich kein Einheimischer um diese ohnehin nicht mehr funktionierenden Geschwindigkeitsvorschriften, denn hier wird südamerikanisch gefahren, und dies ist auch in Ecuador zügig und aggressiv.

Nach dem Auschecken heute Morgen fuhren wir in Guayaquils Stadtzentrum und genossen diesen Fahrstil (den ich mir dann zu Hause möglichst schnell wieder abgewöhnen muss), weil Sam in einer DHL-Büro seine fünfhundert Gramm schweren Carnet de passage in die Schweiz senden wollte, damit er bald in den Besitz der 3000 Franken Hinterlegung kommen kann. Teure Sendung: 75 US$! Ich suchte in dieser Zeit einen Yamaha-Händler auf, wo ich meinen rechten Seitenspiegel ersetzen wollte. Der Originalspiegel für 63 US$ war glücklicherweise nicht an Lager, sodass ich mit einem billigen Ersatzmodell für 11US$ versorgt wurde.

Es war schon beinahe wie gewohnt hochneblig trüb, aber mild an diesem Tag. Wir verliessen die grösste Stadt des Landes Richtung Norden. Es war eine wenig sehenswerte Fahrt in einer recht dicht besiedelten Region. Auch hier lagen Abfälle am Strassenrand, aber es war lange nicht so schlimm wie in Peru. Kurz vor Babahoyo machten wir einen Halt bei einem Schweisser. Eine Stange von Sams Kofferhalterung war gebrochen und lotterte und musste repariert werden. Der Halt nützte auch mir, mein Seitenständer hatte auf der einen Seite einen Riss und wurde ebenfalls in kurzer Zeit geflickt. Kostenpunkt: gratis, beziehungsweise 5 $ Trinkgeld!

Wir passierten einige Zuckerrohr-, Mais- und Reisfelder, bevor die Strasse wieder anzusteigen begann. Dem Pazifik sagten wir definitiv Adieu, und weil es steil aufwärts ging, bald auch dem Nebel, der wie ein Deckel über dem Tiefland hing. Wir erreichten einige schräge, mit Wasserparks (!) bestückte Dörfer, die jetzt wegen der kühleren Temperaturen allerdings stillgelegt waren. Schnell hatten wir wieder 2500 m.ü.M. erreicht, fanden bald einen idealen Lagerplatz oberhalb der Strasse am Rande eines Maisfeldes. Wir waren noch recht früh dran, wollten aber die Kälte in noch grösserer Höhe meiden. Wir sassen lange am Feuer, brieten ein „Swiss Steak“, ich kochte etwas Gemüse dazu. Anden, du hast uns ein weiteres Mal, die Luft ist frisch, aber noch nicht eisig…

Km: 79‘658 (158)

Mi, 26.07.2017: Jesus-Bilder, ein grimmiger Vulkan und ein (reise-)müder Sam

Wie hat Jesus ausgesehen? An diese Frage wurde ich am Morgen gleich mehrmals erinnert, denn die Region um Guaranda ist überraschend dicht besiedelt und mit öffentlichem Verkehr recht gut erschlossen. Unweigerlich überholte ich einige Busse und stellte mir diese Frage immer wieder, weil die Hinterseite mit grossen Jesus-Abbildungen verziert ist. War es wohl wirklich ein langmähniger Mann mit Bart und feinen, gutmütigen Gesichtszügen? Lustigerweise wird der junge Jesus immer mit Locken dargestellt. Wie ist es zur Veränderung gekommen? Jedenfalls glaubt man offenbar daran, dass die Insassen des Busses durch diese Abbildungen besser geschützt sind gegen Unfälle und andere Schicksalsschläge. Ja, kann man glauben…

Die Fahrt am Morgen führte durch appenzellerlandartiges, hügeliges Gelände auf gut ausgebauter Strasse. Allerdings wurden die Hügel allmählich zu Bergen, aber offenbar lässt es sich gut leben hier oben. Die Hügel sind überzogen von Maisplantagen, aber auch Früchte und Gemüse gedeihen hier oben hervorragend. Unser Ziel war der Chimborazo, mit fast 6300 m.ü.M. der grösste Vulkan Ecuadors, der bald nicht mehr zu übersehen war, aber heute aber teilweise von einer langen, weissen Wolkenkappe bedeckt war. Laut Karteninformation gibt es eine Zufahrtsstrasse bis auf 4800 m.ü.M., und diesen Punkt wollten wir erreichen. Je höher wir aufstiegen, desto grimmiger zeigte sich die Umgebung des mächtigen Vulkans. Nur die Vicuñas, die kleinen Lamas, die sich an der wenigen, spärlichen Vegetation auf dem Wüstenboden gütlich tun, schienen die harten Umweltbedingungen nicht zu stören, obwohl einem ein bissiger Wind durch Mark und Bein blies. Die Landschaft hier oben ist höhenbedingt überaus karg und lebensfeindlich. Wir erreichten ein einfaches Besucherzentrum auf über 4350 m.ü.M., wo uns eine Weiterfahrt verwehrt wurde. Dies war aber nicht weiter schlimm, weil es unterdessen eisig kalt geworden war. Ich hatte mich schon vorher genügend gegen die Kälte geschützt, Sam offenbar zu wenig, sodass er nur noch runter wollte von dieser Höhe, vor allem aber auf der Hauptstrasse Richtung Ambato, obwohl eigentlich abgemacht war, über Salinas und kleinere Strassen Richtung Norden zu fahren. Eher widerwillig stimmte ich zu. Aber wir kamen nicht weit, denn wir fuhren geradewegs in eine Regenfront, die Wolken stauten sich offenbar am Gebirge und hatten Lust, sich zu entleeren. Was jetzt? Wir verzichteten darauf, den Regenschutz zu montieren, fuhren zurück (!) auf die regengeschützte Seite des Gebirges und setzten den schon gestern gemachten Plan tatsächlich doch noch um.

Wir erreichten Salinas, einen beschaulichen ecuadorianischen Bergort, in dem wir auf einige Touristen trafen, aber auf keine Tankstelle, womit klar war, dass es eng werden könnte mit dem Benzin in Sams Maschine, die vor allem in der Höhe deutlich mehr Benzin verbraucht, ganz im Gegensatz zu meiner Yamaha, die immer weniger Treibstoff zu verbrauchen scheint. Erwartungsgemäss hörte jetzt die geteerte Herrlichkeit auf, aber der Gravel war gut zu befahren, und wir kamen recht gut voran. Der Weg begann jetzt auf der Lee-Seite der Anden steil abzusteigen. Endlich hatten wir auch in diesem Land eine etwas abgelegene Region erreicht, in der uns die Menschen in den kleinen Dörfern mit Verwunderung anschauten, aber auch immer wieder freundlich begrüssten und uns zuwinkten. Wir tauchten jetzt ab in den Urwald Ecuadors, der immer dichter wurde. El Corazon war das Ziel, das aber auf der anderen Talseite dieser zerklüfteten Bergregion liegt. In unendlich vielen Kehren ging es hinab bis auf 750 m.ü.M., als wir endlich den Fluss im Tal überqueren konnten und auf der anderen Seite wieder steil aufstiegen, um einem Dschungelgrat zu folgen mit Sicht auf gleich zwei Flusstäler. Allerdings hatte uns unterdessen längst der pazifische Nebel wieder eingeholt. El Corazon erreichten wir kurz vor dem Einnachten, aber noch wollten wir 13 km fahren bis zu einem Bach, wo wir von einem iOverlander-Platz wussten. Aber der Fahrweg war jetzt sehr ruppig, dafür die Abendstimmung mit der untergehenden Sonne umso schöner.

Wir campieren an einem wilden, ohrenbetäubenden Bach in der Urwaldwildnis Ecuadors. Genau ein Auto ist vorbeigefahren, seit wir hier sind. Das Feuer brennt, die Hörnli waren gut. Zu diskutieren gab heute die Planung der nächsten drei Wochen. Ich fühlte mich heute etwas gestresst von Sam, der lieber heute als morgen nach Hause zurückkehren möchte (ohne allerdings auf den Flosstrip zu verzichten) und mir deshalb etwas zu zielstrebig unterwegs sein will – und seine Unlust kam just in der Kälte nahe des Vulkans voll zum Ausbruch. Deshalb steht jetzt im Raum, ob Sam schon früher nach San Francisco de Orellana (Coca) fahren wird, um mit dem Bau des Flosses zu beginnen, während ich noch eine dreiwöchige Runde in Kolumbien drehe. Noch ist nichts beschlossen. Bestimmt werden wir morgen Quito zu erreichen versuchen, wo wir hoffentlich unsere neuen Postcards in Empfang nehmen können.

Km: 79‘936 (278)

Do, 27.07.2017: Zwischen botanischem Garten und Eiszeit

Die Greifarme der intensiven Taufeuchtigkeit begannen in den frühen Morgenstunden in dieser Dschungelschlucht allmählich ins Zeltinnere vorzudringen, indem das kondensierte Wasser an der Aussenhülle aufs Innenzelt und somit auf den Schlafsack zu tropfen wünschte. Es dauerte lange, bis die Sonne ihre Strahlen über die steilen Hänge schickte und die feuchten, unterdessen an Spannriemen aufgehängten Zelttücher mit dem Trocknungsprozess anfingen.

Ich kam mir beim Frühstück vor wie in einer mit Blumenstöcken überdosierten Stube, die mastigen tropischen Pflanzen schienen mir in dieser kurzen Zeit gleichsam entgegenzuwachsen. Den Flussdschungel verliessen wir schon um halb zehn Uhr, und was jetzt folgte, war ein Aufstieg der übleren Sorte, auf acht Kilometer machten wir tausend Höhenmeter, nach achtzehn Kilometern waren wir auf einem ruppig-felsigen Fahrweg 1800 Meter geklettert und hatten sämtliche tropischen Vegetationsstufen durchfahren. Wir wurden von erstaunten Einheimischen begafft, die ihre einfachen Hütten neben ihren Maisfeldern an den steilen Hängen meist auf schöner Aussichtsplattform gebaut haben. Vor allem freute ich mich über die immer grandioser werdende Aussicht auf das riesige, pazifische Nebelmeer, das auf 4000 m.ü.M. den Eindruck machte, als türmen sich Richtung Meer die Nebelschwaden immer noch höher auf, wohl eine optische Täuschung. Natürlich war es hier oben wieder deutlich kälter, aber wir konnten nicht mehr weiter aufsteigen, weil es nicht mehr höher ging, und sogleich wurde der Fahrweg etwas besser und weniger steinig und kehrenreich.

Wir erreichten das trockene ecuadorianische Hochland und mit der E30 eine breite, geteerte Strasse, die uns zurück in die Zivilisation brachte. Es war nicht mehr weit bis Zumbahua, fast nur von indigenen Ecuadorianern bevölkert, von wo aus wir nach zwölf Kilometern den Quilotoa Kratersee erreichten, einen touristischen Fixpunkt für Ecuador-Reisende. Es blies ein eisiger Wind über den Krater, sodass wir einige Meter in diesen abstiegen für die Mittagsrast. Es war überaus spassig zuzusehen, wie einige wenig geländegängige Touristen auf dem sandigen Weg hinunterrutschten oder sich mit Maultieren vom dreihundert Meter tiefer gelegenen See wieder hinausreiten liessen. Es wäre bestimmt möglich gewesen, dem Touristenrummel etwas zu entkommen, indem man zum Beispiel dem langen Weg um den Krater gefolgt wäre. Aber der Sinn ist uns nach etwas anderem, nämlich vorwärtszureisen und bald San Francisco de Orellana zu erreichen, um möglichst bald mit dem Flossbau zu beginnen. Tatsächlich habe ich mich unterdessen entschlossen, auf eine längere Runde in Kolumbien zu verzichten, weil ich keinesfalls einen Teil des Flossbaus verpassen möchte. Das Leben (und Reisen) besteht aus Kompromissen…

Aber zuerst fuhren wir jetzt auf dem Andenkamm gleichsam in die Eiszeit. Ein bissiger Wind, der feuchte Wolken aus Süden über die Bergkämme trieb, schien uns mit jedem Fahrmeter mehr durchbohren zu wollen, und das Hochland hielt uns scheinbar unendlich lang gefangen. Der Eiswind schien immer weitere Bergrücken heranzublasen, um uns weiter der Eistortur aussetzen zu können. Wenigstens begannen sich die Wolken nicht zu entleeren. Schliesslich entflohen wir dem Kälteteufel, indem wir endlich talwärts sausten. Wir erreichten die grosse Autobahn im Tal trocken. Hier war es weniger kalt. Die beiden mächtigen, bis tief hinunter frisch verschneiten Vulkane Cotopaxi im Osten und Illiniza im Westen blieben versteckt unter einer Wolkendecke. Wir lernten dafür die ecuadorianische, zweimal vierspurige Autobahn kennen mit gelben Schildern, die vor Vulkanausbrüchen warnen, Lichtsignalen auf der Autobahn und schleichende Lastwagen, die möglichst die rechte Spur mieden, wohl um die plötzliche Zufahrt anderer Fahrzeuge von irgendwoher zu ermöglichen oder verhängnisvolle Zusammenprälle zu verhindern. Man musste sehr auf der Hut sein, denn es wurde schnell gefahren, rechts überholt (wovon auch wir Gebrauch machten), zudem konnte man ab und zu wenden, um auf die vierspurige Gegenfahrbahn zu gelangen.

Die bunten Häuser der Hauptstadt Quito liegen weit verstreut an den Hängen einer Senke, in der es erstaunlich mild ist. Lustigerweise erreichten wir das Zentrum über einen Zubringer auf einem Grat, der uns ins Stadtzentrum brachte. Wir checkten ein im Hostal Posada Colonial, einem altehrwürdigen, wunderschön ausgebauten Gebäude. Wir bewohnen ein Zimmer mit riesiger Terrasse für nur 10 $ pro Person. Wir versuchten sofort, über TNT zu unseren Postcards zu kommen, die hoffentlich morgen ins Hostel gebracht werden.

Dann begab ich mich in Quitos abendliches Verkehrschaos und suchte zwei Yamaha-Händler auf. Bei Yamaha Granados konnte man mir das kleine Ritzel bestellen, das wir brauchen für den Motorantrieb unseres Flosses. Zudem kaufte ich eine neue hintere Bremsscheibe, von der ich mir erhoffe, dass die hintere Bremse nach dem Montieren wieder besser funktioniert.

Am Abend waren wir in der nahen Touristenmeile in einer alt belassenen, aber renovierten Gasse mit vielen Clubs und kleinen Restaurants. Interessanterweise schlossen die Lokale um Mitternacht, sodass wir nach einigen Drinks  gezwungen waren, unser Terrassenzimmer aufzusuchen.

Km: 80‘175 (239)

Fr, 28.07.2017: Gefangen auf der Terrasse

Es gibt schlimmere Orte, auf eine Postsendung zu warten als auf der Dachterrasse unseres Hotels, zu der man direkten Zugang von unserem Zimmer im zweiten Stock hat. An der Sonne zu frühstücken mit verschiedenen, allerdings etwas trockenen Brötchen von der Bäckerei gleich nebenan, ist eigentlich ganz nett. Gleichzeitig fühlten wir uns aber etwas gefangen, weil wir nicht wagten, das Hotel zu verlassen, denn wir hatten keine Ahnung, wann die TNT-Sendung mit unseren Postkarten ins Hotel geliefert wird.

Ich beantwortete einige längst fällige Mail, verblödelte Zeit im Internet, versuchte für unsere lange Flossstrecke google-maps-Satellitenkarten zu speichern, was mir nur teilweise gelang. Als um drei Uhr immer noch keine Sendung eingetroffen war, wollten wir telefonieren, wann wir mit den Sendungen rechnen können (das Wochenende über bleiben die Büros geschlossen…). Umso überraschter waren wir, dass die drei Briefumschläge an der Rezeption für uns bereit lagen – wir hätten also nicht so lange im Hotel ausharren müssen. Tatsächlich, heute kamen wir in den Besitz von nigelnagelneuen Postkarten, eindeutig am besten geeignet, im Ausland Geld abzuheben, weil deutlich am wenigsten Gebühren anfallen.

Am Abend flanierten wir durch die wunderschön erhaltene Altstadt mit den vielen renovierten Kolonialbauten und den unzähligen Kirchen. Sam fand über iOverlander ein Terrassenrestaurant (Vista Hermosa) mit herrlicher Aussicht auf das Lichtermeer der Stadt. Das Filet auf heissem Vulkanstein war ausgezeichnet. Beim Spaziergang durch die lebendige Altstadt begegnete mir ein offener Partybus, in dem wohl zwanzig Leute zu rhythmischer, einheimischer Musik tanzten. In La Ronda wurde Kitsch verkauft, ich verfolgte den Gesang eines gemischten Chors, beobachtete Touristen, wie sie Kleinkram verkauften, um wieder zu etwas Reisegeld zu kommen. Aber ich hatte keine Lust auf einen Barbesuch, kaufte ein Bier in einem Laden und las zu Hause auf der Terrasse an meiner Covenant-Story.

Km: 80‘175 (0)

Sa, 29.07.2017: Töff-Optimierungen und Pub Crawl

Zu zweit waren wir am Morgen unterwegs in den Nordteil Quitos, wo wir einige Ersatzteile zu finden hofften. Wir fuhren gleich mehrere Töffbuden an, bis sich Sam für einen neuen Reifen für sein Hinterrad entschlossen hatte, der aber erst am Dienstag montiert wird. Ich fand andernort einen neuen USB-Stromlader und einen Autowäscher, der meine Maschine einer Generalreinigung unterzog. Vor allem der Kühler war sehr staubig und deshalb wohl nicht mehr voll funktionstüchtig. Wenn wir auf dem Fluss unterwegs sind, ist dies aber definitiv nötig, denn der nötige Fahrtwind wird fehlen, wir haben für eine Wasserkühlung zu sorgen.

Zurück im Hotel waren dann gleich mehrere Arbeiten zu erledigen. Zuerst schlossen wir den neuen Stromlader an, auch den Converter, mit dem ich ab sofort fähig bin, den Computer über die Töffbatterie zu laden, wichtig für unseren Amazonas-Trip. Dann flickte ich den lahmen hinteren, linken Blinker mit Tape, der erigiert auch wieder viel besser aussieht… Die Kette bekam etwas Öl, und der Luftfilter wurde gereinigt.

Sam hatte am Nachmittag herausgefunden, dass in der Nähe ein sogenanntes Pub Crawl stattfindet. Dabei trifft sich ein bunt gemischtes Publikum in einer Bar. Zusammen zieht man dann von Bar zu Bar, wobei wir wussten, dass nicht wenig Alkohol fliessen wird. Vor allem der Treffpunkt in der Altar-Bar war spassig und hatte Klasse, weil einem für wenig Geld drei verschiedene Mojitos angeboten wurden, die wir allesamt probierten. Wir zahlten dann 10 $ und wurden in Quitos Partymeile nach Mariscal gefahren. Ich wäre gerne von Bar zu Bar gezogen, aber leider blieben wir schliesslich in einem Gebäude und besuchten drei Lokale, eigentlich nichts weiter als laute Discos, dazu im zweiten Stock einen Karaoke-Laden, der nur für jene lustig ist, die auch wirklich mitmachen. Das Zuhören war vielmehr eine Qual. Immerhin waren einige billige, alkoholische Getränke inbegriffen. Ich war weitaus der Älteste und fühlte mich zuweilen etwas fehl am Platz. Nachts um halb zwei Uhr nahm ich den Heimweg durch die leeren Strassen Quitos zu Fuss in Angriff, sodass ich beinahe wieder nüchtern war, als ich bei unserer Posada ankam.

Km: 80‘210 (35)

So, 30.07.2017: Fauler Sonntag

Die Nachwirkungen der gestrigen Nacht waren heute einige Zeit spürbar, sodass ich nur langsam in die Gänge kam, aber wenigstens schneller als Sam, der noch zwei Stunden länger in der letzten Disco geblieben war. Ich machte heute einige Zeichnungen unseres Flosses, vor allem des Unterbaus, der dann hoffentlich aus Bambus besteht. Wie viele Bambusstangen brauchen wir wohl, damit das Boot genug tragfähig ist? Wie werden sie untereinander zuverlässig verbunden? Ich werde für mich ein kleines, wasserdichtes Häuschen bauen, wohl drei Meter lang und knappe zwei Meter breit.

Wir diskutierten später über meine gemachten Pläne, die natürlich nochmals modifiziert werden müssen. Noch sind wir uns nicht einig, wie die Schwimmkörper genau aussehen und wie sie gebaut werden. Ziel soll es sein, dass sie stromlinienförmig im Wasser liegen, mit Bambus gar nicht so einfach zu bewerkstelligen.

Ansonsten sind wir momentan etwas blockiert in dieser Stadt; wir warten auf unsere Ersatzteile, Sam auf seinen Pneu, ich auf Ritzel und Bremsscheibe. Dazu möchte ich noch einen Ölwechsel machen.

Wir waren lange so träge, dass die Lust auf einen Spaziergang am Abend gross war. Wir spazierten nochmals Richtung Mariscal, gegen vier Kilometer weit, wo ich von einer Pizzeria wusste, die wirkliche italienische Pizzas zubereitet, die dann tatsächlich ausgezeichnet waren. Nur die Preise waren nicht italienisch, sondern vielmehr schweizerisch… Auf dem Rückweg machten wir wieder einmal unser Busspiel, kamen am perfekten Ort an. Schade, dass es kein Trolle war, von denen es in der Stadt so viele gibt.

Km: 80‘210 (35)

Mo, 31.07.2017: Wunderschöne, koloniale Altstadt

Bis jetzt hatte ich Quitos Altstadt erst in der Nacht gesehen. Heute war es endlich an der Zeit, die ab dem 16. Jahrhundert entstandenen kolonialen Gebäude und die unzähligen Kirchen in typisch spanischem Stil zu bewundern. Es war heute Montag reger Betrieb auf den Gassen, fliegende Händler versuchten einem immer wieder, Kleinigkeiten, Kitsch oder Früchte zu verkaufen. Überraschenderweise verlangte man für den Besuch der wichtigsten Kirchen Eintritt – bis 6 $, etwas unverschämt. Ein alter, gut Englisch sprechender Herr riet mir vom Besuch dieser „Gotteshäuser“ ab, weil das Geld ohnehin nur die Geistlichen bekämen… Tatsächlich hielt ich mich an seinen Ratschlag.

Viele der Gebäude, auch Kirchen, wurden von Erdbeben wiederholt beschädigt, teils fehlen die Türme der Kirchen, die immer wieder renoviert und repariert wurden. Ich betrat nur die Franziskaner-Kirche, wie üblich überaus prunkvoll mit viel Gold verziert, zwar schön anzusehen, aber schliesslich doch sinnlose Ressourcenverschwendung. Ironischerweise trifft man hier vor den Kircheneingängen regelmässig auf bettelnde ältere Frauen und Männer. Ich bestieg die Basilica del Sagrado Voto Nacional, eine neuere, nicht wirklich schöne Kirche, aber der Aufstieg hatte es in sich, weil er über sehr steile Treppen führte bis zu einem hoch gelegenen Türmchen, von dem man eine schöne Rundsicht über die Stadt hat. Auf dem Rückweg besuchte ich den ruhigen, überaus schön angelegten Kreuzgang des Santo Agustin, wo 1809 die Unabhängigkeit Ecuadors ausgerufen und die Papiere unterzeichnet wurden.

Am Abend waren wir nochmals in La Ronda unterwegs, wo es sehr ruhig war – das Ausgangswochenende ist vorbei.

Km: 80‘210 (0)

Di, 01.08.2017: 0° 0‘ 16.22‘‘ nördlicher Breite – Ecuador liegt auf dem Äquator

Erst vor elf Uhr kamen wir weg von unserer Posada. Gleich mehrere Orte wollten wir im Norden dieser riesigen Stadt möglichst bald erreichen. Aber der Verkehr war so chaotisch und stark, dass wir nur schleppend vorwärtskamen. Zuerst machten wir Halt in der Mariscal, wo ich mich beim Bancomate der Banco Austro mit neuen Dollars versorgte, die leider diesmal nicht wie frisch gedruckt aus der Maschine kamen – dabei sollen sie mir als neuen Notvorrat dienen, und dafür eignen sich neue Noten immer besser.

Dann machten wir Halt beim Töffhändler, bei dem Sam seinen Mita-Reifen bestellt hatte. Kurz vor Erreichen dessen ereignete sich ein Zwischenfall, als Sam einen Moment lang unachtsam war und einem Auto ins Heck fuhr. Glücklicherweise blieben seine Maschine und vor allem er selber heil, aber das Auto hatte einen leichten Schaden. 20 $ reichten, um den Fahrer zufriedenzustellen. Der Laden war voller Kunden, sodass wir einige Zeit zu warten hatten, bis wir endlich bedient wurden. Sam demonierte sein Rad selber, liess sich den Reifen aber maschinell wechseln (was sich rächen sollte). Ich wartete so lange, bis wir endlich selber begannen, den geplanten Ölwechsel vorzunehmen – unterdessen waren auch meine neuen Ölfilter eingetroffen. Am Morgen hatte ich festgestellt, dass ein Rohr meiner Kofferaufhängung gebrochen war, das bei einem nahen Soldador geschweisst wurde.

Dann kamen wir endlich weg und peilten den Yamaha-Händler an. Tatsächlich und glücklicherweise waren Bremsscheibe und vor allem vorderes Ritzel angekommen, aber ein Mechaniker war nicht zur Stelle, sodass sich Sam an die Arbeit machte. Überraschenderweise war das alte Ritzel, das wir dann für unsere Antriebswelle auf dem Floss brauchen werden, lose! Mit dem Montieren der Bremsscheibe warteten wir noch zu.

Es war später Nachmittag, als all die Mechaniker-Arbeiten endlich abgeschlossen waren. Im nahen Supermarkt assen wir ein Sandwich und deckten uns mit neuen Vorräten ein. Wir verliessen diese grosse Stadt, von der wir längst genug gekriegt hatten, auf einer übertrieben gross gebauten Autobahn, verfehlten aber die richtige Abzweigung und fuhren Richtung Flughafen. Die Hänge der Schlucht sind hier mit grauem Spritzbeton verunstaltet – grauenhaft…

Wir wollten jetzt mindestens noch den Äquator erreichen, aber nochmals wurden wir aufgehalten, als Sams neuer Hinterreifen platt war. Er gab dem Reifen nochmals etwas Luft, sodass wir die Äquatorlinie bei Sonnenuntergang erreichten. Nicht weit davon stiegen wir im Camping La Mitad (Mitte der Erde) ab, fast haargenau auf dem Äquator, der Hinterreifen der Honda brauchte dringend Zuwendung. Wir stellten unsere Zelte am Fluss auf einer Wiese unweit der verkehrsreichen, lauten Panamericana auf. Zuerst reparierte Sam aber noch den Schlauch des Hinterrades, der gleich mehrfach durchlöchert war. Es ist erstaunlich, wie weit er mit diesem Schlauch überhaupt noch gekommen ist. Weiss der Geier, was der inkompetente Mechaniker in Quito mit diesem Rad angestellt hat!

Immerhin wurden wir am Abend von den beiden jungen Mädchen bekocht – frische Forelle aus ihrem Teich, allerdings etwas überfritiert. Wir befinden uns noch auf gut 2600 m.ü.M., es ist erstaunlich kalt, und das Feuer fehlt, sodass wir schon früh unsere Schlafsäcke aufsuchten.

Km: 80‘304 (94)

Mi, 02.08.2017: Schneeberge am Äquator und eine Marien-Erscheinung in Las Lajas

Es war nicht ruhig in der Nacht, weil auf der Panamericana auch des Nachts reger Lastwagenverkehr herrscht, die röchelnden und dröhnenden Altmaschinen schafften es zuweilen, auf mich wie ein Wecker zu wirken. Sam war auch heute Morgen damit beschäftigt, sein Rad auszubauen und einen weiteren Plattreifen zu reparieren.

Aber dann ging’s los nordwärts Richtung Kolumbien, das wir heute erreichen wollten. Man erwartet auf dem normalerweise tropischen Äquator eigentlich keinen Schnee, aber hier ragen die Vulkane wie mächtige Mahnmalkegel in den Himmel, und sie sind so hoch, dass zumindest die Kappe vergletschert und weiss verzuckert ist. Diesmal war es der Volcán Cayambe, der mich ziemlich beeindruckte und dem ich gerne etwas näher gefahren wäre.

Das Klima in dieser erstaunlich dicht besiedelten Region ist überaus angenehm und recht mild und trocken, aber trotzdem fruchtbar. Die Panamericana ist auch hier trotz Abfahrten in Schluchten und steilen Aufstiegen unsinnigerweise vierspurig ausgebaut. Ganze Hügel wurden durchschnitten, um für die Strasse genügend Platz zu schaffen. Als wir nochmals auf deutlich über 3000 m.ü.M. aufgestiegen waren, veränderte sich die Landschaft, und ich wähnte mich im Toggenburg oder Appenzellerland, nur sind die grünen Hügel hier zweitausend Meter höher als in der Schweiz. Aber auch hier weiden Kühe auf den steilen Wiesen, zuweilen wird Mais angepflanzt.

Die Grenze zu Kolumbien war voll mit Fahrzeugen und Menschen, und wir befürchteten, dass wir hier eine ganze Weile nicht wegkommen würden. Aber erstaunlich schnell hatten wir in Ecuador ausgecheckt. Dann fanden wir heraus, dass wir für Kolumbien eine Versicherung für einen Monat zu kaufen hatten (21 US$), die wohl mehr Papier ist als Sinn macht. Auch in meinem neununddreissigsten Land wurden wir freundlich empfangen, der Papierkram mit der temporären Einfuhr eines Fahrzeugs ging recht zügig vonstatten. Wir fuhren hinein ins Gewimmel der ersten Stadt Ipiales, wo wir über einen Bancomaten 400‘000 kolumbianische Pesos bezogen (1Sfr = 3000 Pesos). Ich wollte dem nahen Las Lajas  einen Besuch abstatten, wo eine neugotische, ziemlich schräge Kirche in einer Schlucht steht, die von Tausenden vor allem einheimischen Pilgern besucht wird. Im 18. Jahrhundert soll es an einer Felswand zu gleich mehreren Marien-Erscheinungen gekommen sein. Heute wird zu Ehren Marias auch von bekannten Politikern Geld gespendet (weiss der Geier wem…), womit man sich auf einer Plakette auf dem blanken (heiligen) Felsen verewigen darf. Die erst achtzigjährige Kirche sieht mit ihren verspielten Türmchen aus wie ein Spielzeug. Über Geschmack darf man streiten. Ich empfinde sie als so kitschig, dass sie schon beinahe wieder schön ist. Wir spazierten in diese Schlucht und spotteten über den manchmal schon ziemlich schrägen katholischen Glauben – und Sam sollte dafür schnell bestraft werden, denn wenige Kilometer später beklagte er den nächsten Platten, nur sieben Kilometer vor unserem geplanten Camping-Spot. Weil der Leim des Flickzeugs untauglich ist, verwendeten wir meinen hinteren Ersatzschlauch, der offensichtlich auch nicht mehr dicht war, aber wenigstens erreichten wir unseren Zeltplatz. Sam war ziemlich entnervt und pröbelte um verfügbaren Leim herum, ohne auf eine dauerhafte Lösung zu kommen. Ich kochte über dem Feuer wieder einmal Pasta.

Obwohl wir auf weniger als 2500 m.ü.M. sind, kühlte es am Abend ziemlich ab, sodass wir bald unsere Zelte aufsuchten.

Km: 80‘540 (236)

Do, 03.08.2017: Kolumbianisches Nebelgebirge

Für einmal stand Sam vor mir auf und setzte meinen Rat um, nämlich mit meiner Yamaha 25 km zurück nach Ipiales zu fahren und zu versuchen, zwei neue Hinterradschläuche zu finden. Ich war in der Zwischenzeit damit beschäftigt, über dem Feuer frische Brötchen zu backen und nachher den eigentlich idealen Rastplatz vom vielen Unrat zu befreien. Unglaublicherweise liegen hinter Sams Zelt bestimmt zweihundert gefüllte, vom Regen aufgeweichte Pampers-Windeln. Wie die nur hierher gekommen sind?

Schneller als erwartet kehrte Sam zurück. Er war erfolgreich, hatte zwei Schläuche sowie Flickzeug gekauft, kam gerade richtig, denn die Brötchen waren fertig goldbraun gebacken. Den Hinterreifen hatte Sam bald erfolgreich geflickt, sodass wir bald unterwegs waren in diesem Canyon, in vielen Kurven aber allmählich aufstiegen, sodass es wieder kälter wurde. Aber wenigstens waren wir den dunkelgrauen Wolken entkommen, die mit Regen drohten. Der Galeras Volcán versteckte sich hinter einem Nebeldeckel, aber die Landschaft mit den unzähligen, mit Hecken abgetrennten, vielfarbigen Feldern war reizvoll und erinnerte mich an schweizerische Beschaulichkeit.

Bald erreichten wir Pasto, eine grössere Stadt in einer Senke gelegen auf 2500 m.ü.M. Wir verliessen jetzt die Panamericana definitiv und folgten der Nationalstrasse 10, stiegen auf über 3200 m.ü.M. und erreichten einen vermoosten Regenwald, von dem wir weit unter uns die Laguna de la Cocha erblickten. Aber graue Wolken drohten, diese zu verschlingen. Als wir bei diesem grossen See, der vor allem bei der Isla de Corota touristisch intensiv genutzt wird, anlangten, zeigte sich aber nochmals die Sonne. Wenig später holten uns aber die Wolken ein, und es begann zu regnen, sodass wir den Regenschutz montieren mussten. Es war aber nur ein Schauer. Als wir zum Paso Campanero aufstiegen, blieb es wegen des dichten Nebels zwar feucht, aber beinahe regenfrei. Die Nebelschleier verwandelten die eigenartigen Berg-Regenwald-Pflanzen in allerdings glücklicherweise statische Gnome. Jetzt ging es steil bergab ins abgelegene, aber sehr fruchtbare Valle Sibundoy, wo es wieder viel milder war. Wir wussten, dass ab San Francisco die Strasse wesentlich schlechter ausgebaut ist. Offensichtlich regnet es hier immer wieder, denn es waren kleine Rinnsale zu überfahren, der Regenwald war voller Moos, und es wurde steil und vor allem rau auf einer Schotterpiste mit vielen Wellen und Löchern, die von einigen Strassenarbeitern an verschiedenen Stellen aufgefüllt wurden. Es war überraschend, dass der Verkehr trotz der schlechten Strasse rege war. Wir überholten einige Lastwagen und erreichten in luschem und dichtem Regenwald eine weitere Passhöhe – nur noch auf 2700 m.ü.M. – zum letzten Mal befanden wir uns wohl auf solchen Höhen auf unserer Reise. Es gilt, den Anden endgültig Lebewohl zu sagen.

Je weiter wir talwärts fuhren, desto klarer wurde das Wetter und somit die Sicht. Die Wasserfälle liefen auf Hochbetrieb. Netterweise erwies der Regenwald seinem Namen nicht alle Ehre. Sam fühlte sich etwas grippig, sodass wir schon relativ früh bei einem i-Overlander-Platz Halt machten, hoch über dem Wald gelegen auf einem felsig-steinigen Weg. Ich war bald am Holz suchen, das aber sehr feucht war. Immerhin war es genug trocken, dass sich problemlos ein Feuer entfachen liess, auf dem einmal mehr gekocht wurde. Schon früh suchte Sam seine Heia auf, denn er fühlte sich unwohl, derweil ich noch eine Zeitlang am Feuer sass und teigte, den Mond und die Sterne studierte und hoffte, dass die allmählich aufziehenden Wolken nicht dichter werden.

Km: 80‘753 (213)

Fr, 04.08.2017: Gefangen im Zelt

Eigentlich ist es ein romantisches Gefühl, im warmen Schlafsack im Zelt zu liegen und den Regen aufs (dichte) Zeltdach prasseln zu hören. In der Nacht auf heute hat Petrus jedoch alle Schleusen geöffnet. Es ist sieben Uhr morgens, und die Lust, den einigermassen trockenen Innenraum des Zeltes zu verlassen, ist gering. Unaufhaltsam rinnt Wasser am Ende des Aussenzeltes beinahe in Sturzbächen zu Boden, und die Intensität des tropischen Niederschlages lässt um kein bisschen nach. Es war schon eine ziemliche Expedition, das Zelt kurzzeitig zu verlassen, um die Blase zu entleeren. Der Zeltboden war nach dem Betreten des Zeltes tropfnass. Wenigstens liege ich auf meiner orangen Exped-Matratze etwas fünf Zentimeter oberhalb des Zeltbodens, denn die Feuchtigkeit versucht wie ein Krebsgeschwür den Zeltboden zu überziehen. Noch bin ich einigermassen am Trockenen, aber irgendwann muss ich mich in diese Regenhölle begeben, möchte ich mich nicht definitiver Gefangenschaft aussetzen. Man stelle sich vor: möglichst alles im Zelt regendicht verpacken (inklusive mich selber) und dann all das regennasse Material, das schon ein Raub des Wassers geworden ist, zum Schluss das Zelt. Der Brotteig liegt noch am längst gelöschten Feuer in meinem kleinen Topf. Netterweise habe ich diesen noch letzte Nacht in einen Plastiksack verpackt – eine Vorahnung?

Eigentlich wollte ich mich heute Morgen am Sonnenaufgang ergötzen, denn wir campieren oberhalb der Strasse auf einer flachen, strassenbreiten Stelle mit wunderbarer Aussicht auf den kolumbianischen Regenwald. Aber jetzt sitze ich im Nieselnebel, der Regenwald gibt sich mit seinen Ausschüttungen die Ehre, und es kommen mir eigenartige Gedanken wie: Wenn der Regen nicht mehr aufhört, der steile Geröllhang über uns ins Rutschen gerät und uns begräbt oder der Weg, auf dem mein Zelt steht, einfach abrutscht und die zwanzig Meter unter uns liegende Strasse verschüttet? Dies darf einfach nicht geschehen, und solche Gefühle sind einfach Teile des Abenteuers. Momentan bin ich einfach froh, dass mein Zeltdach der bisher grössten Belastungsprobe standhält, sodass ich wenigstens von oben beinahe perfekt geschützt bin. Nur manchmal verirrt sich ein Wasserstäubchen im Zeltinnern, indem es durch das netzartige Innenzelt schlüpft und sich wie eine Feder auf mir absetzt.

Unterdessen beginnt ein rauer Wind am Zelt zu reissen, als ob er versuchen will, die Zeltaussenhülle trocken zu schütteln. Dies gelingt ihm natürlich nicht, weil weiterhin feuchte Staubnebel gleichsam Gischt die ganze Umgebung in ein unendliches Meer von Wassertropfen verwandeln wollen. Was ist zu tun? Abwarten, bis Petrus ein Einsehen hat und mit seinem Regenwirbel aufhört? Oder versuchen, die Flucht zu ergreifen und zu hoffen, dass in vierzig Kilometern, wenn wir die Regenberge verlassen haben, die Niederschläge aufgehört haben?

Nach dem Schreiben dieser Zeilen entschied ich mich für Abwarten, tatsächlich schlief ich noch einmal ein. Erst um Viertel vor zehn Uhr stand ich auf, die Intensität des Regens hatte etwas nachgelassen, die gegenüber liegenden Regenwald-Hänge waren unterdessen wieder sichtbar. Der Rucksack wurde noch im Zelt mit dem Duschvorhang (!) eingepackt. Unter meiner Liegematte hatte sich unterdessen ein See gebildet, der meinen Schlafsack leicht einfeuchtete. Wenigstens blieb es auf der einen Seite des Zeltes noch trocken. Mit Regenschirm bewaffnet (!) begann ich, die triefendnassen Sachen ausserhalb des Zeltes zu verpacken. Pfannen hatten sich mit Wasser gefüllt, der Brotteig war trotz des Regenschutzes klebrig-nass. Wir starteten den Tag ohne Feuer, wir kochten mit dem Benzinkocher die gestern übrig gebliebenen Nudeln auf, das mit der Eizugabe klappte jedoch nicht wirklich, weil ich gestern aus Versehen bereits gekochte Eier gekauft hatte.

Schliesslich war gepackt, wir eingepackt, und durch den Regen folgten wir dem neblig-trüben Waldhang in tausend Kurven talauswärts. Die Wasserfälle liefen auf Hochtouren – wenigstens hatte Petrus auch den dafür nötigen Knopf gedrückt. Die vermoosten Äste der regengeilen Bäume schienen uns Spalier stehen zu wollen und freuten sich, uns noch zusätzlich mit Wasser zu beträufeln. Wir kamen auf der regenpfützenreichen, mit grossen Rundsteinen uneben gemachten Strasse nur langsam, aber stetig voran. Schliesslich erreichten wir eine letzte Passhöhe auf 2200 m.ü.M., wo wir auf eine ganze Schar kolumbianischer Töfffahrer trafen, die auf dem Weg zu einem Töfftreffen auf der anderen Seite der Anden waren. Deren Maschinen glänzten noch, weil der grosse Dreck erst noch bevorstand. Ein letztes Mal hiess es für uns, möglichst bald das Tal zu erreichen. Dreizehn Male haben wir die Anden unterdessen überquert, dieses finale Mal hatte es nochmals besonders in sich, weil es wohl nie feuchter war wie diesmal. Und nochmals wurden wir bei der Abfahrt gefordert, weil es steil bergab ging. Zuweilen wurde man an die Death Road in Bolivien erinnert, mit dem Unterschied, dass diese Strecke erstaunlich stark befahren ist, in Bolivien sind auf der Strecke fast nur noch Touristen unterwegs. Je weiter wir abstiegen, desto wärmer wurde es. Schliesslich erreichten wir Villagarzon auf nur noch 400 m.ü.M., ich sog die feuchtwarme Tropenluft förmlich und genussreich ein, die Kälte haben wir definitiv verlassen und werden sie wohl erst wieder in Europa erfahren müssen. Wir waren in den Regenbergen lange unterwegs und doch kaum vorwärts gekommen. Jetzt war die Strasse endlich wieder geteert, dazu zeigte sich ein klarer, blauer Himmel, und wir wollten einen grossen Schritt zurück Richtung Ecuador schaffen.

Jetzt befinden wir uns in La Hormida unweit der Grenze, das uns einen sehr lebendigen, aber mit seinen Spezialbars auch einen zwielichtigen Eindruck hinterlassen hat. Wir logieren im wohl schmalsten Hotel, in dem ich je übernachtet habe. Das Gebäude ist wohl nicht breiter als drei Meter, und trotzdem findet sich auf vier Stöcken Platz für elf Zimmer. Auf der Dachterrasse habe ich mein tropfnasses Zelt aufgehängt, damit es nicht zu gären anfängt. In der Tropenhitze zu sehr zu gären hat mein Brotteig angefangen. Schade, er riecht unterdessen mehr nach verdorbenem Bier denn nach Hefe und musste entsorgt werden.

Noch eine Etappe fehlt bis zum Abschluss der Töffreise im westlichen Südamerika. Ein überaus spannender, wohl besonders abenteuerlicher Teil folgt ab morgen: die grosse Flossexpedition auf dem Rio Napo und später dem Amazonas. Zuerst werden wir uns dem Bau widmen…

Km: 80‘936 (183)

Sa, 05.08.2017: Eine Base am Rio Payamino in Coca gefunden

In der Nacht hatte es wieder intensiv geregnet und hatte mein auf der (gedeckten) Terrasse aufgehängtes Zelt wieder vollständig eingenässt. Als ich es einpackte, war es aber beinahe abgetrocknet. Es war nicht mehr weit bis zur Grenze, die Strasse aber teils schlammig tief, sodass sich der Farbton meines Motorrades wieder demjenigen Sams anpasste.

An dieser Grenze war es vergleichsweise ruhig. Schnell hatten wir aus Kolumbien ausgecheckt, allmählich werden die leeren Seiten in meinem Pass rar, ein Zeichen, bald heimzukehren? Bei der Einreise nach Ecuador versuchte Sam, den netten und kooperativen Beamten zu überreden, dass wir ohne Fahrzeugpapiere ins Land einreisen können, weil wir auf dem Fluss keine Zollstelle mehr passieren und demnach die Fahrzeuge nicht ordnungsgemäss ausführen können. Dies funktionierte natürlich nicht, weil wir dann auf Ecuadors Strassen illegal unterwegs wären. Wenn uns die Polizei aufhielte, würden unsere Fahrzeuge augenblicklich konfisziert. Aber nach Quito wollen wir auch nicht nochmals reisen, um dort das Problem (vielleicht) lösen zu können. Wir werden die Fahrzeuge wohl einfach ausführen, unsere Ausreise von der Immigrationsstelle bestätigen lassen und die Papiere dann nach Quito senden. Eigentlich könnten wir darauf auch verzichten, aber was ist, wenn wir wieder einmal nach Ecuador einreisen wollen? Reicht es, eine neue Passnummer zu haben?

Die letzten hundert Kilometer waren wenig reizvoll und führten durch beinahe flaches Gelände, meine Augen waren auf die wenigen Bambusbüsche gerichtet, die ich manchmal an feuchten Stellen am Strassenrand entdeckte. Coca (Puerto Francisco de Orellana) hatte auf den ersten Blick wenig Liebliches, irgendwo in der Nähe wird Öl abgebaut, es hat deshalb viel Industrie. Wir fuhren geradewegs auf die hohe, den Rio Napo überspannende Brücke, um einen Augenschein „unseres“ Flusses zu nehmen, der breit und erhaben, aber ziemlich schmutzig und mit erstaunlich zügiger Strömung gegen Osten zieht. Auf solchen gewaltigen Gewässern, die immer nur noch grösser oder breiter werden, sollten wir bald einen Monat lang unterwegs sein, mein Respekt stieg nochmals um einiges an…

Wir wussten von einer Deutschen, die an einem Nebenfluss des Rio Napo, dem Rio Payamina lebt und Touristentouren anbietet und von der wir Informationen und Hilfe erwarteten. Wir erreichten bald ein kleines Dschungelhäuschen, aber es war niemand hier, die Familie war offensichtlich ausgeflogen. Sam rief in den Wald und „weckte“ eine andere Person mit langen, schamanenhaften, schwarzen Haaren, zu dessen Haus direkt am Rio Payamina fuhren wir und wurden sehr freundlich empfangen. Es wurde schnell klar, dass wir in einem offenen Häuschen hoch über dem Fluss mit wunderschöner Aussicht auf den Regenwald campieren. Der Chef war zwar bald nochmals weg für eine kleine Tour mit einheimischen Touristen. Wir richteten uns gleichwohl ein und amüsierten uns über einen kleinen, braunen Affen, der in Freiheit lebt, aber immer wieder auf die untersten Äste klettert und den Kontakt mit den Menschen sucht.

Erst am Abend diskutierten wir lange mit Enrique über unser Flossprojekt, der wohl die perfekte Person ist, uns beim Bau oder Finden von Material zu helfen. Leider ist mein Spanisch noch immer zu wenig gewandt, sodass vor allem Sam verhandelte und sprach. Enrique wollte uns seine bereits bestehenden drei Flosse zur Verfügung stellen, aber die sind uns dann doch zu wenig professionell. Er hätte auch Zugang zu einem Motor, aber genau dies wollen wir ja nicht, wir wollen meine Yamaha umbauen und als Antriebsquelle nutzen. Unterdessen hatte Carola, Enriques Frau, ein einfaches Mahl mit Fisch zubereitet, wunderbar. Dann schliefen wir zum ersten Mal auf der Terrasse des offenen Häuschens. Bald begann es wieder zu regnen, aber die tropischen Geräusche hatten bald einschläfernde Wirkung. Und noch etwas: Netterweise hat es kaum Moskitos oder Sandfliegen – sehr angenehm!

Km: 81‘081 (145)

So, 06.08.2017: Acht 12-Meter-Balsa-Stämme gekauft

Der Sonntag ist wohl nicht der ideale Tag, um mit dem Besorgen von Material für unser Floss zu beginnen. Wir waren bald unterwegs in die Stadt, um unsere Vorräte aufzustocken, denn es scheint, dass wir an unserem Lagerplatz öfters auch selber kochen werden. Dann besuchten wir das Tour-Büro Enriques (Witoto Tours) nahe der Marina. Enrique war mit Touristen unterwegs, aber dessen Frau stellte uns den Kontakt zu Edisson her, der uns offenbar mit Balsa-Stämmen versorgen kann. Balsa ist das bekannte leichte Holz, das uns als Unterbau für unser Floss dienen kann.

Unsere lang gehegten Pläne, unser Boot mit Bambus zu bauen, waren schnell verworfen. Während Sam mit der Tochter Enriques einige Motoren-Geschäfte aufsuchte (von denen die meisten natürlich geschlossen waren), fuhr ich zurück zum Rio Payamina, wo Enrique gerade daran war, einigen einheimischen Touristen „seinen“ Dschungel mit diversen Heilpflanzen vorzustellen und zu zeigen. Ich vergnügte mich mit einer Schar kleiner Äffchen, die sich genau jetzt in den Bäumen tummelten und eigenartige Pfeifgeräusche von sich gaben, aber so nervös in den Ästen herumeilten, dass es schwierig war, einige Fotos zu schiessen.

Noch vor zwölf Uhr war ich zurück bei Witoto, Edisson war unterdessen eingetroffen. Eigentlich erwartete ich, dass wir zu seinem Holzlager fahren würden, aber wir wurden zwei Kilometer zu einem teilweise gerodeten  Dschungelstück gebracht, wo er uns einen grossen Balsabaum zeigte, der sich nach seinen Angaben gut für den Bau unseres Flosses eignet. Wir bestellten gleich acht dieser dreissig bis sechzig Zentimeter dicken und zwölf Meter langen Stämme, dazu fünf dünnere Rundhölzer, um unsere je vier Stämme dicken Ausleger verbinden zu können. Bereits morgen sollten uns diese Hölzer auf dem Fluss zu unserer Hütte gebracht werden. Die Angelegenheit ist nicht ganz billig, weitere 600 US$ sind wir los! Wir werden herausfinden müssen, wie diese gewaltigen und im Ausmass natürlich schweren Hölzer zu verbinden sind, aber es ist natürlich toll, dass wir bereits morgen mit dem Unterbau unseres Flosses beginnen können.

Schon recht früh kehrten wir zurück zu unserem Fluss, der zwar bräunlich schmutzig ist, mich aber doch zu einem Bad einlud. Jetzt sitze ich in unserem offenen Häuschen. Der orange Sonnenuntergangshimmel spiegelt sich im ruhigen Wasser unseres Flusses. Auf dem Heimweg habe ich zwei Flaschen chilenischen Castillo del Diablo gekauft, normalerweise gegen zwanzig Franken teuer, diesmal aus Unkenntnis des Verkäufers aber sehr preiswert – 12 Fr. inklusive zweier Weingläser… Diese ersten Tropfen kredenze ich jetzt. Trotz Dämmerlichtes werde ich nur wenig von Moskitos geplagt. Es ist zwar schwül, aber durchaus angenehm, die Grillen zirpen, irgendwelche Vögel zwitschern fremde Melodien, anderes Getier verbreitet kuriose Geräusche. Ich bin im Dschungel, und der wird mich noch eine ganze Zeitlang nicht loslassen.

Km: 81‘097 (16)

Mo, 07.08.2017: Mañana

Über die Nacht hatte es wieder geregnet, und dies hielt bis in die frühen Morgenstunden an, sodass wir etwas später als gestern aufstanden. Ich fuhr am Morgen mit Carola und Enrique per Langboot zum Hafen, wo ich hoffte, gleich weitergefahren zu werden zum Ort des Geschehens, wo unsere Bäume gefällt und per Boot zu unserem Bauort geschleppt werden. Aber Edisson konnte offenbar nicht genügend Leute auftreiben, um die Bäume zum Fluss zu schleppen, sodass wir auf Mañana vertröstet wurden.

Deshalb begleitete ich Sam und den von Diana organisierten Einheimischen, der uns zu einigen Buden führte, wo wir hofften, zu den Teilen zu kommen, die wir für den Motorenumbau benötigen. Zuerst wurden wir gleich von mehreren „Fachleuten“ empfangen, wo offenbar Schiffsschrauben (spanisch Helises) repariert werden, die aber vielmehr an unseren Motorrädern interessiert waren, als uns wirklich kompetent beraten zu können. Ich konnte bei den Diskussionen an gleich mehreren Stellen nicht viel beitragen, weil ich von Motoren und Übersetzungen einfach zu wenig verstehe. Offenbar benötigen wir eine wesentlich grössere Schraube, weil mein Motorrad mit nur 600 statt mit 6000 Umdrehungen pro Minute (wie ein 40-PS-Aussenbord-Motor) läuft. Zudem möchte Sam mit einer Kardan-Welle arbeiten, welche die Verbindung zum Ritzel beweglich macht. Deshalb waren wir lange auf der Suche nach einem solchen gebrauchten Teil aus einem Auto-Motor (!), und erst spät, eigentlich schon nach Feierabend, fanden wir eine kleine Abbruchbude, in welcher der einzige Arbeiter gleich drei dieser von verschiedenen Fahrzeugen stammenden, allerdings schon ziemlich rostigen Teilen fand. 45 $ gaben wir für gleich zwei dieser Teile aus, zudem hat Sam hier die Möglichkeit, die Teile nach seinen Belieben zu schweissen, dass sie für uns wirklich nützlich sind.

Als wir endlich zurück an unserem Fluss waren, lud uns dieser zu einem Bad ein, dann versuchte Sam sein Glück beim Fischen – leider mit wenig Erfolg, immerhin zog er einen Mini-Wels heraus, den wir aber wieder in die Freiheit entliessen, weil er wirklich noch zu klein für eine sättigende Verwendung war. Stattdessen tranken wir ein Bier und kochten später einmal mehr ein Pasta-Menu. Eben beginnt es wieder zu regnen – scheint hier während der Nacht üblich zu werden.

Km: 81‘117 (20)

Di, 08.08.2017: Der grosse Holztransport

Wir waren gerade fertig mit Frühstücken, als Carola ein Telefon von Edisson bekam, dass er beim Büro von Witoto Tours wartete und dringend ein Seil benötigte, um die vorbereiteten Balsa-Stämme vom Dschungel zum Fluss zu schleppen. Also fuhren wir sofort zum Rio Napo, kauften hundert Meter Seil. Während Sam sich um kleinere Besorgungen kümmerte, begleitete ich Edisson und seine Frau flussabwärts, wo er in einer Siedlung gleich zehn Kollegen auflud, die uns helfen sollten, die Balsastämme aus dem Wald zu schleppen.

Mit dabei war auch eine kaum 1.50 m grosse, sehr fein gebaute Frau, eigentlich absolut ungeeignet für die harte, körperliche Arbeit, die den ganzen Tag folgen sollte. Sie hatte eine Tasche dabei, aber nie sah ich, was sie darin versteckte. Vielleicht begleitete uns eine Schamanin oder Heilerin, die bei einem Unfall sofort zur Stelle wäre oder hilft, einen solchen überhaupt zu verhindern. Ich fühlte mich auch sonst um zweitausend oder mehr Jahre zurückversetzt, wenn eine Sippe im Wald unterwegs ist und gemeinsam versucht, ein Waldstück zu roden oder für eine Behausung zu sorgen.

Zuerst wurde in Kürze mit Dutzenden von Machetenhieben vom Fluss her ein Zugang zum bereits gefällten Balsa-Baum frei geschlagen. Die weisse Balsa lag bereits geschält abtransportbereit im Dschungel. Schnell erfuhr ich, warum alle Einheimischen mit langen Klamotten bekleidet waren, weil man sofort von unzähligen Moskitos belästigt wurde. Es wurden meterlange, eben geschlagene Hölzer in Richtung des Flusses ausgelegt, in einer tiefen Kerbe im weichen Balsaholz wurde ein Seil befestigt – und dann ging’s los: „Dos – tres!“ – und der noch glitschige, frische Stamm wurde durch den Dschungel gezogen und rollte gleichsam über die Tremel. Manchmal schlug man jedoch an einer Bodenunebenheit oder an einem aufstehenden Holzstück an. Mit zwei schweren Stecken wurde mit Hilfe des Hebels der Stamm gehoben und in die richtige Richtung gezogen. Und weiter ging’s, bis der Stamm am Rande der Halde zum Fluss lag, auf den darunter liegenden Sand oder ins Wasser gezogen wurde. Balsaholz ist äusserst leicht und weich, und jetzt wurde sichtbar, wie gut dieses Holz schwimmt, auch wenn es erst frisch geschlagen wurde.

Am selben Ort wurden zwei weitere, riesige, zwölf Meter lange Holzbrocken zum Fluss geschleppt, in uriger Gewalt, gemeinsam, ohne irgendwelche Maschinen, wie in der Steinzeit. Der Zusammenhalt der Menschen, die Rufe in einheimischer Quichua-Sprache waren freundlich und aufbauend, und der Spass kam nicht zu kurz. Manchmal stolperte einer über eine Wurzel, fiel ins Wasser, sodass man herzlich lachte. Nach jedem Arbeitsgang gab es eine kurze Pause. Um bei Kräften zu bleiben, wurde ein Zuckerrohrschnaps ausgeschenkt oder frisches Wasser, angereichert mit Limonensaft und Zucker. Nach dem dritten Stamm, der jetzt im Fluss lagerte, fand ich nach dem Fotografieren selber Zeit mitzuhelfen, in die Rufe miteinzustimmen, zu reissen und zu zerren, im schlammigen Flusssand festzustecken. Ich begleitete einen schwimmenden Balsastamm flussabwärts, der an die anderen bereits im Wasser liegenden Stämme mit Schnur festgezurrt wurde.

Es war mir bis zum Schluss schleierhaft, ob das Land, aus dem die Bäume geholt wurden, auch wirklich einen Besitzer hat, jedenfalls holten wir Stämme aus vier verschiedenen Waldstücken aus dem Dschungel. Als Edisson nach dem sechsten Stamm zurück nach Coca fuhr, weil seine Frau ihre kleine Tochter stillen wollte, begleitete ich ihn und kaufte für die Crew zwei weitere kleine Flaschen von Caña-Feuerwasser (je 2 Fr.), dann fuhr ich zurück zu Witoto‘s Platz. Sam wartete hier auf die Ankunft der Hölzer, aber wir mussten weitere zwei Stunden warten, bis die versammelte Crew mit acht angebundenen Balsas an unserem Ufer anlegten. Sam band die Stämme fest und wollte bereits beginnen, drei der Stämme in einer Dreierkombination zusammenzubinden, was misslang und zudem noch ein Spannset verloren ging. Wir diskutierten lange und intensiv über die Art und Weise, wie die nicht gerade gewachsenen Stämme zusammengefügt werden sollen. Noch sind wir uns nicht einig, die Meinungen gehen auseinander. Morgen sollte uns Edisson beim Zusammenfügen unterstützen. Ich frage mich einfach, ob es Sinn macht, je vier Stämme nebeneinander zusammenzufügen. Gerne hätte ich die beiden klar dünnsten auf die je drei grössten gelegt, um etwas Höhe zu gewinnen. Morgen werden wir dann mehr wissen, was möglich sein wird.

Immerhin war heute ein strahlender und heisser Tag. Als ich zu Witoto’s zurückkehrte, nahm ich zuerst ein Bad und wusch dann im Fluss, der deutlich tiefer steht als vorgestern, meine Kleider aus. Das funktioniert ganz gut, auch wenn das Wasser mehr braun denn klar ist.

Unser Flosstrip dürfte schliesslich doch einigermassen ins Geld zu gehen, Sam erfuhr, dass unsere gewünschte Schiffsschraube 500 $ kostet… Und noch brauchen wir grosse Mengen an Holz, von dem wir keine Ahnung haben, was es kostet.

Km: 81‘132 (15)

Mi, 09.08.2017: Baumstamm-Puzzle

Es wird gearbeitet bei Witoto’s, in Enriques Haus mit Beton die Küchenkombination ausgegossen oder am auf Stelzen hängenden Langboot herumgewerkelt, das übermorgen bereit sein sollte. Deshalb bin ich momentan umgeben von fünf kleinen Kindern, deren Vater mit der Handwerksarbeit beschäftigt ist und die mir einige Apero-Guetzli abgenommen haben und mir jetzt ganz nahe gekommen sind, weil die natürliche Neugier von Kindern einmal mehr wirkt, wie überall auf der Welt, obwohl ich gar nicht gross mit ihnen kommunizieren kann.

Aber auch ich war heute ziemlich aktiv am Arbeiten am Floss. Ich war stundenlang im Wasser, um die Balsastämme herumzuschieben, denn weil weit nicht alle gerade gewachsen sind, versuchte ich, sie auf dem Wasser in jene Position zu schieben, damit sie möglichst gut zusammenpassen. Irgendwann erschien Edisson, der mir half, die jeweils vier Stämme zusammenzufügen. Dafür schlugen wir aus einem herumliegenden Hartholzstamm hölzerne, möglichst spitze, kantige Nägel zurecht, mit denen wir die harten Rundhölzer auf dem weichen Balsaholz befestigten. Dies war vor allem mit dem ersten Rundholz nicht so einfach, weil die unterdessen zwar schwache Strömung des Rio Payamina die riesigen Balsahölzer immer wieder verschob. Ich kniete im Uferschlamm, um die Hölzer anzuheben, in welche die harten Nägel gerammt wurden. Zwar wurde ich am Morgen noch gewarnt von einer Anakonda, die sich im Wasser herumtreibt und die angriffig werden könnte – oder von kleinen Wasserschlangen, die sehr giftig sein sollen, aber dies kümmerte mich wenig. Ich vertraue weiterhin darauf, dass Schlangen viel mehr Angst vor mir als ich vor ihnen habe. Und tatsächlich bekam ich nicht einmal eine von ihnen zu sehen.

Zum ersten Mal nutzte ich die Dienste einer Machete, mit der ich drei dicke Äste auseinanderhieb, die beim Herumrangieren der Stämme störten, ich half beim Zurechtschlagen der Holznägel. Schliesslich galt es zu entscheiden, ob der jeweils vierte, kleinste Stamm als Flosserhöhung auf den drei bereits montierten Stämmen oder daneben als weitere Schwimmhilfe verwendet wird. Edisson stand mir beratend keinesfalls zu Hilfe und erachtete beide Möglichkeiten als valabel, aber weil diese Stämme nicht wirklich auf die jeweils anderen drei passten, montierten wir sie als vierten Schwimmkörper. Zwischen der hintersten Querverbindung und derjenigen nahe der Mitte bleiben vier Meter Abstand, um genügend Platz für Schiffsschraube und Rohr zu lassen, und an dieser Schiffsschraube arbeitete Sam heute den ganzen Tag. Weil eine reparierte gleichwohl auf 500 $ zu stehen kommt, kaufte er sich zwei Wracks für nur 200 $, die er jetzt bei Pepe, dem Alteisenhändler in der Weise umbaut, dass die Schaufelblätter umgekehrt drehen. Damit ist viel Schweissarbeit verbunden, die wohl einige Tage dauern wird.

Ich werde morgen die Querverbindungen fertigstellen und wohl damit beginnen, das erhöhte Grundgerüst für unseren Boden zu bauen. Dies wird wohl nicht einfach sein, weil die Balsahölzer doch ziemlich unregelmässig gewachsen sind – Schiften wird angesagt sein.

Enriques Familie ist heute ziemlich vollständig versammelt, sodass wir zum Essen eingeladen sind. Heute waren überaus viele einheimischen Touristen auf Besuch, die sich natürlich für unseren Flossbau interessierten und kaum glauben können, dass wir mit unserem tatsächlich gewaltig grossen Floss mehrere Wochen auf dem Fluss unterwegs sein werden. Ich war gezwungen, mein wenig Spanisch anzuwenden – dies war ein anderes Abenteuer…

Km: 81‘132 (0)

Do, 10.08.2017: Eine fiebrige Erscheinung im Dach

Es flogen schon am Morgen ziemlich viel Späne, aber nicht weil ich mit der Machete um den Schwimmkörper unseres Flosses herumwerkelte, sondern weil sich unsere Bauideen ums Floss nur ausnahmsweise deckten. Sam kann dabei mit seinem vermeintlichen Besserwissen zuweilen ziemlich arrogant verletzend sein und provoziert in mir dadurch natürlich eine nicht minder aggressive Gegenreaktion. Es war mir ganz recht, dass Sam bald den Metallarbeiten nachging, in die ich ihm natürlich um keinen Millimeter dreinrede. Eine Schiffsschraube zu kaufen, käme uns auf 500 $ zu stehen, zu teuer, wie Sam fand, sodass er Pepe, den Schrotthändler aufsuchte und begann, eine solche Schraube (die zudem noch anders herum dreht wie normal) herzustellen. Da kann er sein Handwerk perfekt umsetzen.

Ich wollte mich an die Arbeiten am Schwimmkörper machen, merkte aber bald, dass mir die nötige Fitness dazu fehlte. Ich fühlte mich kraftlos und unmotiviert. Offenbar hat mir die ganztägige gestrige Baderei in der Flussbrühe nicht gut getan, irgendwelche Käfer haben mich verseucht und etwas Fieber ausgelöst, sodass ich den ganzen Tag nur herumlag, in der Hoffnung, dass ich mich möglichst bald erhole.

Im Fieberwahn studierte ich die Struktur des Palmblattdaches und entdeckte im Giebel etwas Orange-Braun-Schwarz-Weisses. Jaja, dies sei die Hausschlange, die hier wohne, meinte Enrique – eine wunderschöne Boa Constrictor, die sich bis zum Abend allerdings überhaupt nicht bewegte und erst in der Nacht verschwand.

Als Sam von seiner Arbeit zurückkehrte, lag ich im Zelt und versuchte zu schlafen. Es ist nicht besonders angenehm, bei tropischen Temperaturen liegend eine Grippe auszukurieren. Er besorgte mir einen Bund Bananen und eine grosse Flasche Cola. Mein scheinbar verschlossener Magen deutete darauf hin, dass die Störung wieder mit der Verdauung zu tun hat. Schlafen, Erholung und viel Trinken war erneut das Motto, und ich hoffe, bis morgen wieder fit zu sein.

Km: 81‘132 (0)

Fr, 11.08.2017: Fieberunsicherheiten

Am Morgen fühlte ich mich nur wenig besser. Das Dilemma war dasselbe wie gestern: Eigentlich wollte ich unbedingt am Floss weiterbauen, aber meine Kräfte liessen dies vorerst einfach nicht zu, sodass ich bis zum späten Nachmittag herumlag, mich vor den vielen einheimischen Touristen, die genau heute hier ankamen, versteckte, weil ich wirklich keine Lust auf spanischen Smalltalk hatte. Wenn man sich mies fühlt, beginnt man natürlich jedes Mal nachzudenken, was für eine Seuche man diesmal erwischt hat. Ist es Malaria, Dengue-Fieber, also ziemlich übel – oder nur eine leichte Magenverstimmung?

Erst als die beiden Gruppen laut tratschender Einheimischer abgezogen waren, zeigte sich auch heute die Schar graubärtiger, überaus nervöser Affen, Bebe leche genannt, die sich an den aufgehängten Bananen, die eigentlich für Dominga, dem Jorongo-Äffchen, das Menschen gegenüber so überhaupt nicht scheu ist, gedacht sind. Aber wir bekamen auch noch Besuch von einem anderen Tier. Eine der Hunde begann überraschend zu bellen und wollte nicht mehr aufhören – eine grosse Schildkröte hatte sich unter das Vordach des Hauses geschlichen.

Trotz noch immer nicht gesunkenen Fiebers begann ich am Abend, wenigstens eine weitere Querverbindung der beiden Schwimmkörper zu montieren. Zudem meldete sich der Hunger zurück. Als Sam von seinen Arbeiten zurückkehrte (er hat heute erstmals versucht, seine Installation mit meinem Motorrad zu verbinden, was ganz gut gelang), kochte ich eine Gemüseomelette, aber Magen arbeitet nicht gerne, das Fieber stieg gleich wieder an, sodass ich mich entschloss, mich erneut früh hinzulegen.

Km: 81‘139 (7)

Sa, 12.08.2017: Und wieder selbst geheil(Iig)t

Unsere Gastgeber waren die ganze Nacht rund um unsere Hütte unterwegs, um ein zweites Langboot fertigzustellen. Wie immer in solchen Ländern wird wenig Rücksicht auf Schlafende genommen, es wird laut diskutiert, was allerdings wenig verwunderlich war, denn als es dämmerte, lag das Boot zwar im Wasser, war aber offensichtlichtlich nicht genügend wasserdicht. Ich war schon längst wach, weil ich während der letzten zwei Tage so viel geschlafen hatte. Und tatsächlich hatte sich das Fieber über Nacht verflüchtigt. Es war also wie immer: Die Ruhekur und meine Selbstheilungskräfte verfehlten ihr Ziel nicht. Diesmal musste ich nur etwas geduldiger sein.

Wir waren schon vor sieben Uhr gemeinsam am Frühstücken, Sam widmete sich danach erneut dem Schiffsschrauben-Anschluss an mein Motorrad, während ich zur Stadt fuhr zu Witoto’s, hier auf Diana traf, die mir einen Kontakt zu Edisson herstellen sollte, denn ich wollte viele Bretter und Vierkanthölzer für den Boden und die Hütten bestellen. Aber dieser war nicht erreichbar.

So besuchte ich Sam an seinem Arbeitsplatz und beobachtete ihn eine Weile bei den Schweissarbeiten. Wir assen gemeinsam für drei Dollar ein Mittagsmenu in einem nahen, kleinen Restaurant, dann fuhr ich zurück zum Floss und war den ganzen Nachmittag damit beschäftigt, die Balsahölzer mit Seilen oder Hartholzstücken zu verbinden, eigentlich eine ganz nette Arbeit am Wasser, wenn man die Gefahr eines Sonnenbrandes nicht ausser Acht gelassen hätte… Zudem brachte ein Gewitter gegen Abend etwas Regen und vor allem vorübergehend einige lästige Sandfliegen. Die Balsastämme werden dann überaus glitschig, und tatsächlich rutschte ich auf einem aus, glücklicherweise ohne mich zu verletzen. Ärgerlich war, dass ich unser Planungsheft im Flusswasser versenkte und dies nicht einmal bemerkte, sodass ich mit der ganzen Holzplanung nochmals von vorne beginnen kann.

Eine Woche in Coca ist bereits um, wohl mindestens zwei Wochen werden wir noch benötigen, um von hier fahrend loszukommen… Ob ich dann auch fahrend nach Hause komme, ist momentan mit einem Fragezeichen verbunden. Etwas verspätet habe ich von Strassenverkehrsamt St.Gallen die Einladung erhalten, meinen Töff vorzuführen – und dies bereits übermorgen Montag. Conny hat telefonisch einiges unternommen, den Termin zu verschieben, aber ich werde am Montag beim Amt wohl anrufen müssen – einmal mehr, da bin ich ja mal gespannt, wie kooperativ sie sich diesmal verhalten. Ich weiss nur eines: Normalerweise ist es nicht möglich, einen derartigen Termin monatelang zu verschieben. Wird es wohl einen dritten Zeitungsartikel zum Thema geben?

Km: 81‘158 (19)

So, 13.08.2017: Weiterhin viel Arbeit am Flossunterbau

Es ist nicht gerade der ideale Tag, eine Holzbestellung für Boden und unsere Bootshütten in Auftrag zu geben. Auch heute Abend weiss ich noch nicht genau, woher ich das viele Holz für den Ausbau beziehen werde. Dies war weiter nicht schlimm, weil ich ohnehin noch weitere Zeit für das Fertigstellen des Unterbaus benötige. Und als Einzelunternehmer (zumindest was das Holz betrifft) macht man jeden kleinsten Arbeitsgang selber. Und natürlich habe ich auch heute den Aufwand der Arbeit erneut unterschätzt.

Am Morgen hieb ich mir die Lehrerfinger wund, als ich mit der immer stumpfer werdenden Machete weitere Hartholznägel herstellte, 32! Dies hätte eigentlich reichen müssen, aber ein Rechnungsfehler liess mich als letzten Arbeitsgang weitere herstellen, obwohl ich schon beinahe ein schlechtes Gewissen hatte, weiter vom herumliegenden Holz zu verwenden, das so schwer ist, dass es im Wasser sinkt – denn die manchmal etwas garstige Hausherrin fände es nett, wenn ich fragen würde, wenn ich weiteres Holz benötige, dabei habe ich nur die Resten verarbeitet, die vor einigen Tagen schon Edisson vorbereitet hat.

Die Arbeiten am Floss waren dieselben wie gestern. Ich montierte weitere Querverbindungen aus extrem hartem Holz zwischen den beiden vierstämmigen Auslegern. Dazu schlug ich in die weichen Balsastämme Vertiefungen, sodass die einigermassen krummen Äste möglichst genau auf die Balsas aufliegen. Jetzt rammte ich je zwei der Hartholznägel schräg in die Balsastämme, sodass die Hartholzäste fixiert waren. Dies war eine ziemlich auswändige Arbeit, zudem ärgerte mich die Axt, deren Metall sich immer wieder löste, sodass ich versuchte, mit Splinten den brüchigen Griff zu verstärken.

Um noch für mehr Sicherheit zu sorgen, verband ich auch am rechten Ausleger jeweils zwei Stämme mit einem massiven Seil, das möglichst straff gespannt werden musste – meine alten Flosserfahrungen halfen mir dabei… Aber meine Hände litten weiter, denn sie waren weich vom dauernden Wasseraufenthalt – heute Abend sind sie ziemlich zerschlissen. Das braune Wasser lädt jeweils regelmässig zu einer Abkühlung ein. Als letzten Akt des Arbeitstages wusch ich mich im Fluss, und dann wurde ich belohnt mit einem Bier – ein typisches Zeichen, dass ich wieder gesund bin. Die Abendstimmung in der Hütte über dem Fluss ist tropisch traumhaft, jeden Abend wird einem ein neues Farbenhimmelsgemälde präsentiert. Irgendwo dampft es immer, sodass sich Wolken auftürmen, hinter denen die Sonne untergeht mit allen unwahrscheinlichen Farbkombinationen – gestern war es lachsfarbig und grünblau, heute orange und grauschwarz. Es ist wohl die schönste Zeit des Tages, auf der Terrasse zu hocken und zu warten, bis es dunkel wird. Nur einige wenige Stechinsekten (es hat hier tatsächlich auch Bremsen!) vermiesen einem zuweilen die Freude und den Genuss etwas. Aber ich habe es mir definitiv schlimmer vorgestellt.

Km: 81‘180 (22)

Mo, 14.08.2017: Bretter und Vierkanthölzer

Es war nicht weiter schlimm, dass ich übers Wochenende zwei Tage gewartet hatte, um von Doris oder Carola Bescheid zu bekommen, ob sie ihre Freunde jetzt bereit sind, uns Holz zu liefern. Auch heute Morgen erfuhren wir wenig Verheissungsvolles, sodass wir uns selbständig auf den Weg zu zwei Sägereien machten, wo wir hofften, zu günstigen Bedingungen möglichst viel leichtes Liviana‑Holz zu bekommen. Das Gewicht des Materials ist nach wie vor entscheidend wichtig, denn Gewicht bewegt sich nicht gern (das gilt nicht nur für menschliche Wesen), oder es muss mehr Energie, in unserem Fall Benzin aufwendet werden.

Die zweite Bude war etwas grösser, allerdings war die Auswahl an Längen beschränkt, sodass wir uns kurzfristig für andere Baulösungen zu entscheiden hatten. Wir bestellten eine ganze Menge von Vierkanthölzer und sechzig drei Meter lange Bretter, die frisch gesägt wurden und teils noch tropisch feucht und dementsprechend schwer sind. Am Morgen wurde uns eine erste Ladung von Brettern per Haus geliefert.

Anschliessend fuhr ich zum nahen Tia Supermarkt, wo es Wifi gibt und von wo aus ich dem Strassenverkehrsamt St.Gallen per Skype anrief. Und o Wunder, da hat Conny ganze Arbeit geleistet. Es bestand bereits ein Vermerk, dass ich meinen Töff bis Ende Februar 2018 vorgeführt haben muss. Ich kenne aus Reiseerzählungen anderer Schweizer, dass sich die Ämter anderer Kantone weit weniger kooperativ verhalten haben. Umso besser, ein Problem so leicht aus der Welt geschafft zu haben. Jetzt muss ich nur noch die Pflicht erfüllen, im Februar wirklich in der Schweiz anzukommen…

Bis das Holz eintraf, schlug ich per Machete noch weitere Holznägel, um die Querverbindungen fertig zu fixieren, während Sam mit der Motorsäge die alten Balsastämme in kleinere Stücke teilte und anpasste, die als erster Unterbau für unseren Boden dienen soll. Ich schnürte diese Stämme fest. Dann schleppte ich die vielen Bretter in die Nähe unseres Flosses, eine ermüdende Angelegenheit in der Nachmittagssonne.

Erst gegen Abend traf der zweite Teil des Holzes ein inklusive zweier zehn Meter langer Bambusstangen, die uns als Mast für die Segel (!) dienen sollen. Dann schleppte ich die ersten schweren Kanthölzer zum Floss, sodass wir mit dem Aufbau des Bodens beginnen konnten, der erstaunlich plan werden dürfte. Sorgen macht uns höchstens das Gewicht des weiteren Aufbaus, wir hoffen, dass die Querverstrebungen ausserhalb des Wassers bleiben.