Teil 35: Peru II - Ecuador I (Galápagos)

Nach anstrengenden Fahrtagen in den steilen und abgelegenen Tälern Perus mit seinen gewaltigen Gletscherriesen und abenteuerlichen Passüberquerungen erreichten wir endlich wieder die Pazifikküste und somit mein achtunddreissigstes Land - Ecuador. Hier waren Ferien in den Ferien angesagt. Wir flogen auf die Galápagos, einer Inselgruppe mit einer einzigartigen Natur, wo die Tiere quasi angstfrei leben, sodass man ihn sowohl im Wasser als auch an Land aussergewöhnlich nahe kommt. Es war ein unvergleichliches Gefühl, Seelöwen, Land- und Meeresschildkröten, verschiedenen Iguanas und vielen Arten von Vögeln hautnah zu erleben. Wir waren sieben Tage unterwegs auf einem Boot, für einmal kurzfristig pauschal gebucht.

Jetzt fehlt noch ein Teil bis zum grossen, ultimativen Flosstrip Richtung Amazonas und Brasilien, in drei Wochen sollten wir mit dem Bau des Flosses beginnen...

Fr, 30.06.2017: Zwischen Armut und McDonalds

In den letzten Tagen war das beklemmende Gefühl, das man auf Reisen manchmal hat, häufiger als auch schon, wenn man beobachtet, unter welchen Umständen die Menschen hier um ihr Überleben kämpfen, wie ältere Herren auf der Strasse kleine Tüten mit Popkorn verkaufen, kleine Jungs im Schulalter auf dem Zentralplatz ihre Dienste als Schuhputzer anbieten, alte, vom Leben gezeichnete Frauen am Strassenrand versuchen, Kräuter zu verkaufen oder junge Mädchen, manchmal noch mit einem Kleinkind auf dem Rücken, mit ihren Alpacas und Schafen dick eingepackt unterwegs zu einer Weide sind, die vielleicht etwas mehr Futter hergibt. Da fragt man sich jeweils, was in Gottes Willen man als gut betuchter Spasstourist nur in dieser Gegend zu suchen hat, und es ist dann nicht erstaunlich, wenn einem ein Fotowunsch abgeschlagen wird. Die materiellen Unterschiede sind in Huancavelica besonders augenfällig, weil Armut und vermeintlich besseres Leben mit modernen Geschäften, in denen die neusten Mobiltelefone verkauft werden, Hand in Hand gehen.

Noch krasser war der Unterschied in Huancayo, das ich um die Mittagszeit erreichte. Sam hatte hier einen interessanten Aufenthalt. Er wurde von einem motorradverrückten Einheimischen noch auf der Strasse abgefangen und zu sich nach Hause eingeladen. Genau hierhin fuhr ich also und erhielt ebenfalls Einblick in eine peruanische Familie des Mittelstandes, typischerweise mit zwei Kindern auf einem recht grossen Grundstück mitten in dieser Grossstadt wohnend. Eigentlich hielt uns nur noch etwas in dieser Grossstadt, nämlich das DHL-Büro, wo wir unsere neuen Postcards erwarten, die aber auch heute noch nicht angekommen sind. Nach langem Hin und Her schafften wir es, dass uns die Karten nach Piura in den Norden des Landes nachgeschickt werden, wenn sie dann endlich in Huancayo angekommen sind. Die Unterschiede in dieser Stadt sind noch grösser als in Huancavelica. Wir besuchten eine grosse Einkaufs-Mall mit verschiedenen Boutiquen westlichen Standards, einem McDonalds und einem Supermarkt, wie wir ihn in diesem Land noch nicht gesehen haben. Natürlich war es sehr angenehm, die Vorräte hier aufzustocken, zwar wieder einmal etwas mehr zu bezahlen, dafür zum Beispiel spanischen Chorizo zu finden. Wir waren die einzigen Touristen in diesem Luxustempel, und es war offenkundig, dass sich auch viele Einheimische Artikel aus solchen Geschäften leisten können. Das schlechte Gewissen liess hier augenblicklich nach, vielleicht ist es hier auch einfacher, die grossen Unterschiede zu verdrängen, aber tatsächlich liegt es wohl nicht an uns, diese zu beseitigen oder zumindest zu versuchen, wenigstens für etwas Ausgleich zu sorgen.

Erst um halb fünf Uhr hatten wir alle nötigen Besorgungen gemacht und versuchten, dem abendlichen Verkehrschaos der geschäftigen Stadt zu entkommen. Nur 37 km weit wollten wir noch kommen, wir peilten einen iOverlander-Campingspot an, den wir kurz vor dem Einnachten auch erreichten. Natürlich fuhren wir noch etwas weiter hinunter zum Fluss, wo wir auf einer abgelegenen Wiese unsere Zelte aufschlugen, sogar noch einen abgestorbenen Baum fanden, dessen Äste sich bestens verbrennen liessen. Wir hatten uns am Feuer einiges zu erzählen. Sam war guter Laune und kam aus dem Erzählen nicht mehr heraus, aber seine Haltung hatte sich nicht verändert, doch etwas allmählicher als ich die Schweiz zu erreichen. Wir werden deshalb wohl nur den südlichen Teil Kolumbiens bereisen, um dann in Peru mit unserem Flosstrip zu starten.

Heute Morgen in Huancavelica war es bewölkt und unangenehm kalt, es war höchste Zeit, diese etwas armselige Stadt zu verlassen. Auf guten Strassen ging es bald bergauf, ich passierte einige ärmliche Dörfer und war bald wieder über 4000 m.ü.M. In Izcuchaca machte ich einen Halt und staunte über das spezielle, alte, sehr hoch gebaute, altspanische Brückenhäuschen. Die ersten 140 km Tagesfahrt waren aber angenehm schnell geschafft, und ich erreichte Huancayo um die Mittagszeit.

Km: 76‘940 (183)

Sa, 01.07.2017: Himmelfahrt zum Höllenloch

In der Nacht war es immer wieder leicht am Nieseln, es war wohl deshalb weniger kalt als erwartet. Es ist ein herrliches Gefühl, sich im warmen Schlafsack mit all den wärmenden Kleidern darüber zu verkriechen, wenn es so beruhigend nett an das immer noch perfekt wasserdichte Aussenzelt tröpfelt. Auch um sieben Uhr morgens regnete es noch leicht, aber dann hörte es glücklicherweise auf, und als ich aufstand, waren schon blaue Flecken am Himmel zu sehen, und bald half die Sonne, das tropfnasse Zelt abzutrocknen.

Wir wollten heute einen möglichst grossen Schritt nach Nordwesten machen, aber auf Südamerikas Strassen weiss man nie so genau, was einen erwartet. Heute sollten wir aber fast durchwegs von gut ausgebauten Routen verwöhnt werden. Ab Jauja stieg die Strasse an. Je höher wir aufstiegen, desto weiter sah man auf entfernte Berge oder pastellfarbene, mit Steinmäuerchen abgetrennten Felder der Einheimischen. Auf über 4000 m.ü.M. war es gewohnt kalt, aber jetzt fuhren wir hinab in ein weiteres Tal. An den steilen Hängen werden die terrassierten Felder wunderbar bewässert. Schon seit Jahrhunderten verwendet man eine ausgeklügelte Kanaltechnik, in dem von Bächen Wasser abgezweigt und nach Bedarf auf die Felder geleitet wird. Tarma  war eine überraschend grosse und milde Stadt auf dem Talgrund. Hier kaufte ich eine besondere Spezialität – weissen Manjar, einen caramelisierten Brotaufstrich, äusserst lecker.

Aber dann führte die Strasse wieder steil bergauf zum nächsten Pass, der aber keine andere Seite zu haben schien, denn wir erreichten eine weite Hochebene. Wir wähnten uns gleichsam im Himmel, die Wolken lagen tief, in der Ferne waren gezackte Spitzen der peruanischen Anden auszumachen. Wir beobachteten beim Mittagslunch zwei Traktoren, wie sie versuchten, das angezündete Grasfeld im Zaum zu halten, indem sie Gräben in die Hänge zogen. Es war uns allerdings nicht klar, warum das Feld angezündet wurde. Was soll nur auf 4100 m.ü.M. angepflanzt werden?

Es war überraschend, dass auf dieser Höhe immer wieder rabenschwarze Wolken über das Land zogen und Schauer auslösten. Aber wir hatten Glück, dass die Strasse immer die Richtung der nächsten Aufhellung nahm. Wir passierten die Laguna Junin und eine unwirtliche und kühle Hochandenregion, die überraschend dicht besiedelt ist. Und dann erreichten wir die Minenstadt Cerro de Pasco, eine erstaunlich grosse Stadt, eine der höchstgelegenen der Welt auf 4300 m.ü.M. Dominiert wird dieser ungemütliche und schmutzige Ort von einem im Zentrum liegenden, riesigen Höllenloch von dreihundert Metern Tiefe und einem Kilometer Durchmesser, das wohl für die Menschen genügend Einkommen bringt, hier oben zu verweilen. Es werden seit Jahrhunderten Mineralien (Silber, Blei, Gold, Kupfer, Zink) abgebaut. Wir umkreisten dieses Höllenloch, mussten aber achtgeben, um nicht von anderen Höllenlöchern verschlungen zu werden, denn wir passierten gleich drei Löcher in der Strasse (ohne hineinzufallen) – die Schachtdeckel fehlten…

Wir waren froh, diesen unangenehmen und hässlichen Ort wieder verlassen zu können, folgten der Strasse Richtung Selva oder peruanischem Urwald steil bergab nach Huanuco, einer Region, in der Touristen nicht so beliebt sein sollen, weil Amerikaner hier offenbar einmal Organhandel betrieben haben sollen. Es ist noch nicht lange her, dass eine Gruppe Touristen aufgehalten wurde und nur dank der Hilfe des Pastors und der Polizei ungeschoren davonkam. Wir blieben glücklicherweise unbehelligt, folgten dem engen Tal steil bergab und begannen mit der Suche nach einem Lagerplatz, als es etwas wärmer wurde. Heute waren wir aber mit wenig Glück gesegnet. Entweder trafen wir auf unsägliche Müllhalden am Bergbach, oder das Land war einfach zu dicht besiedelt, um ungestört frei zelten zu können. Es war schon beinahe Nacht, als wir endlich einen nur halbwegs geeigneten Platz fanden. Mein Zelt steht leicht schräg auf holprigem Grund, aber es hat Holz, sodass wir problemlos über dem Feuer kochen konnten. Jetzt hat es zu regnen begonnen – Zeit, das schützende Zelt aufzusuchen.

Km: 77‘267 (327)

So, 02.07.2017: Hundert Meter tief in den Fluss gestürzt – und überlebt…

Das heutige Schlüsselerlebnis geschah kurz nach dem Mittagslunch auf einer wegen des lästigen Regens überaus glitschigen Strasse. Ein Auto lag schräg im Strassengraben, die beiden Fahrer schienen verwirrt zu sein und fragten uns nach einem Mobiltelefon. Erschreckender war aber die Bremsspur auf der linken Seite der schmierig-schlammigen Strasse, die ins Nichts führte. Wir hielten sofort an, denn es war klar, dass nur Momente zuvor ein Auto von der Strasse abgekommen und die steile Böschung hinuntergestürzt war.

Zuerst sahen wir jedoch kein Auto, doch bald einen Erwachsenen, der einem auf dem Bauch im Fluss treibenden Jungen verzweifelt nachschwamm und es schliesslich schaffte, ihn ans Ufer zu bringen. Wir stellten unsere Maschinen sofort an den Strassenrand und stiegen bestimmt hundert Meter das steile, sehr rutschige Bord zum Fluss hinunter (Tatsächlich wäre ich in der Hetze selber fast abgestürzt…). Brauchten noch weitere Menschen unsere Hilfe? Wir trafen unten auf den verwirrten und verschrammten Vater des eben geretteten Kindes, der uns sagte, dass vier Passagiere im abgestürzten Auto waren, aber alle an Land seien. Das wimmernde Kind hockte klitschnass und weinend am Flussrand und hielt sich den Oberarm, der wohl gebrochen war. Sam trug den Jungen etwas den Hang hoch, wo ihn der Vater übernahm. Zwanzig Meter flussaufwärts entdeckten wir die beiden weiblichen Passagiere, beide im Schock wimmernd und im Gesicht voller Schrammen und am ganzen Körper blutverschmiert. Von hier sah man auch ansatzweise das Auto, das im Fluss versunken war. Es waren kaum zehn Minuten vergangen, als bereits Dutzende von Menschen von oben heruntergafften, einige waren heruntergestiegen und versuchten erste Hilfe zu leisten. Auch ein Polizist war bereits eingetroffen. Unsere Hilfe war unterdessen nicht mehr nötig, und wir stiegen wieder hoch zu unseren Motorrädern.

Dieses Erlebnis beschäftigte mich die folgenden Stunden. Es war schon beinahe unglaublich, dass alle vier Passagiere diesen Unfall nur mit leichten Verletzungen überlebt hatten. Es wurde mir wieder einmal bewusst, welch grosses Risiko wir eingehen, wenn wir auf dermassen desolaten und abgelegenen Strassen unterwegs sind. Es vergehen vielleicht Stunden, bis wirklich kompetente Hilfe eintrifft. Tatsächlich war heute wieder einiges an Fahrkunst gefragt. Wir erreichten die grosse Stadt Huanuco bereits nach dreissig Kilometern. Von hier stachen wir wieder in die Berge, und von Anfang an war die Strasse sehr schmal und wegen des nächtlichen Regens zwar noch einigermassen fest, aber glitschig und schwierig zu befahren. Natürlich waren wir bei diesen Verhältnissen wesentlich langsamer unterwegs als gestern, aber wenigstens regnete es jetzt nicht mehr – am Morgen mussten wir die Zelte nass zusammenpacken. Auf 3000 m.ü.M. wurde es neblig, wir durchfuhren einige armselige Dörfer, die mir noch trostloser und schmutziger erschienen als sonst. Alte Frauen lugten aus offenen, dunklen Eingängen ihrer Lehmhütten oder waren mit ihren Schafherden und einzelnen Kühen unterwegs auf derselben Strasse. Je höher wir aufstiegen, desto kälter wurde es natürlich, aus dem Nebel begann es auch wieder zu regnen. Das unangenehme Wetter hörte erst auf, als wir den höchsten Punkt erreichten. Es wurde jetzt eine Zeitlang freundlicher, und wir erwarteten eigentlich, das Schlimmste überstanden zu haben. Wir folgten jetzt hoch über dem Tal der engen Strasse entlang des steilen Hanges und stiessen dann unvermutet auf den beschriebenen Unfall.

Der Regen kam jetzt zurück, sodass wir wieder einmal den Regenschutz zu montieren hatten. Es war zwar erneut nur ein Schauer. Der nächste grössere Ort La Union ertrank aber beinahe in den von Himmel fallenden Wassermassen. Ich begann zu fluchen, weil Motorradfahren im Regen einfach nicht cool ist... Wiederum ein trostloses Bild, durch diesen Ort zu fahren, weil alles noch viel schmutziger erschien als es sonst schon war, zudem war die Strasse durchsetzt mit Schlaglöchern gefüllt mit braun-grauem Schmutzwasser. Nur weg von hier! Wir durchfuhren die engen Felsen eines Canyon, eine eigentlich sehr attraktiv zu befahren und mit massenhaft geeigneten, wilden Campingplätzen, aber der Regen holte uns erneut ein, sodass wir uns entschlossen, in Huallanca, einem kleinen Nest im Hostal Nancy (35 Soles) zu übernachten. Schon auf dem Weg hatte ich bemerkt, dass sich das Cockpit auf dem Gravel übermässig bewegt und vibriert, und jetzt sah ich, dass die metallene Verbindung zum Cockpit getrennt war, sodass ich im Dorf nach einem Schweisser suchte und auch fand. In wenigen Minuten waren die getrennten Metallteile wieder nagelfest verbunden.

Am Abend besuchten wir eine Polleria, wo wir wieder einmal über unseren geplanten Flosstrip sinnierten. Vorfreude ist die schönste Freude! Wirklich? Am liebsten würden wir schon morgen mit diesem ultimativen Projekt beginnen…

Km: 77‘450 (183)

Mo, 03.07.2017: Wenn ganze Berge abgetragen werden…

Der Tag begrüsste uns mit Sonnenschein, es hatte sich gestern also gelohnt, den gestrigen Fahrtag zeitig abzuschliessen. Die Fahrt begann auf angenehm guter Strasse mit einer weiteren Passfahrt. Wir freuten uns über die gute Sicht und die höher werdenden Berge und wollten eigentlich Huaraz nahe zweier interessanter Pässe durch die höchsten Berge Perus anpeilen.

Aber schon nach dreissig Kilometern wurde unser Plan über den Haufen geworfen, denn überraschenderweise mündete unsere akzeptabel gute Strasse in eine breitere ein, die direkt Richtung San Luis auf der einen Seite des einen Passes führte. Dies fanden wir zwar etwas eigenartig, weil sämtliche Navigationsgeräte diese Strasse nur als „gelbe“ Nebenstrasse anzeigten. Es zeigte sich einmal mehr, dass man sich nicht an die Farben der eingezeichneten Strassen halten kann – man weiss ohnehin nicht, was einen erwartet. Dies war auch diesmal nicht anders. Für einmal aber (vorerst) im positiven Sinne, denn die Fahrt auf der ausgezeichnet ausgebauten AN111 war eine Augenweide. Ich kam mir etwas vor wie auf dem Grimsel- oder Furkapass im Grossformat. Schnell erreichten wir Höhen um die 4500 m.ü.M., das Alpenwiesland wurde nur noch von einigen Schafen genutzt. Riesige, graubraune, verschrundete Felsbrocken schienen uns den Weg versperren zu wollen, aber die Strasse führte geradewegs in dieses Felsenwunderland und darum herum. Die vielfältigen Aussichten waren so grandios, dass ich alle paar Kilometer anhalten musste, denn in den Senken versteckten sich immer wieder neue Lagunas in den verschiedensten Farben im Morgenlicht. Bei einer kam ich nicht mehr aus dem Staunen heraus, weil Teile in der Sonne hell- bis türkisgrün leuchteten. Was für ein unwirkliches Bild!

Als wir die Laguna Nescafé erreichten, sollte sich die Szenerie aber schlagartig verändern, und sofort wurde uns bewusst, warum durch dieses Bergwunder eine derart gute Strasse gebaut wurde. Offensichtlich waren wir in Altamira auf ein Bergwerk gestossen, wo im grossen Stil Mineralien abgebaut werden. Zuerst erreichten wir eine eiskalte, wenigstens orange gestrichene Blocksiedlung, wo die Bergbauarbeiter offenbar wohnen und schlafen können. Aber das surreale Bild sollte erst noch kommen, denn offensichtlich werden hier ganze Berge abgetragen, um wertvolle Metalle aus dem Gestein zu filtern. Lastwagen im Maxiformat sind konstant daran, Kies und Felsbrocken über eine Halde zu leeren, welche hier das verschandelte Landschaftsbild prägen. Wir erreichten eine weitere grosse Laguna mit ausgewaschenem Sand und giftig-farbenem Wasser, von dem ich gar nicht wissen will, welche chemische Zusammensetzung es hat. Tatsächlich wird versucht, mittels Dämme dieses wohl eher ungesunde Wasser auf 4300 m.ü.M. zurückzuhalten. Natürlich erhält man keinen Zugang zu den Minen, auf einer gekiesten Strasse wird man um das riesige Bergwerk herumgeführt. Schliesslich stieg der jetzt viel schlechtere Fahrweg wieder an, sodass man einen guten Überblick über die ganze Anlage erhält. Der Mensch ist ja schon wahnsinnig, zu benötigten Ressourcen zu kommen – und vielleicht profitiere ja auch ich davon. Wer weiss, ob die verwendeten, raren Metalle in meinem Handy von hier stammen? Den Lunch essend, staunten wir lange über die riesige Anlage, die riesigen Lastwagen auf der anderen Talseite oberhalb der riesigen Schutthalden, wo Fahrwege wegen der riesigen Lastwagen autobahnbreit sind.

Wir waren froh, diese unwirkliche Szenerie wieder verlassen zu können, passierten nochmals eine herrlich naturnahe, dunkelgrüne Lagune in dieser Bergwunderwelt, die mich in ihrer Art gar an den Fälensee und das Alpstein erinnerte, bevor wir in unzähligen Kehren auf schmaler, gekiester Strasse in eine tiefes Tal abstiegen, indem es so warm war, dass wir der zuvor prima wärmenden Pullover entledigen mussten.

Die Strasse durch dieses Tal war erfreulich gut, und wir waren guter Dinge, San Luis tatsächlich noch heute zu erreichen, aber ab Huari  wurde der Fahrweg so schlecht, holperig, voller Schlaglöcher, dass wir nur noch langsam vorwärtskamen. Zudem war ist das Tal erstaunlich dicht besiedelt. Wir passierten Dorf um Dorf. Wir hatten längst aufgegeben, noch über den nächsten Pass zu kommen, weil die Zeit schon zu sehr fortgeschritten war, aber wir fanden auch keinen idealen Lagerplatz, sodass wir immer höher aufstiegen und erst auf über 3800 m.ü.M. zwischen dichten Büschen eine Stelle fanden, wo wir unsere Zelte aufstellen konnten und auch die Möglichkeit hatten, ein Feuer zu machen. Wir wurden aber von Einheimischen entdeckt, immer ein etwas mulmiges Gefühl, vor allem wenn des Nachts auch noch Betrunkene vorbeigehen (die uns glücklicherweise nicht entdeckt hatten), die von einem zum nächsten Dorf torkelten. Aber wir blieben schliesslich ungestört, diskutierten am Feuer brainstormmässig über unseren Flossbau, bis es zu kalt wurde und wir unsere Zelte aufsuchten.

Als ich ins Zelt einstieg, war die Zeltaussenhülle schon mit Rauhreif überzogen – es dürfte mich wieder eine eisige Nacht erwarten…

Km: 77‘609 (159)

Di, 04.07.2017: Verzuckerte Gletscherriesen im Töff-Eldorado

Schon früh ging die Sonne hinter den Bergketten auf der gegenüberliegenden Talseite auf und wärmte Zelt, Seele und vor allem Körper hurtig auf und vertrieb die eisige Nachtkälte. Bald war ich am Brotbacken, beobachtete Kinder auf ihrem langen Schulweg, die auf dem nahen Fahrweg zu Fuss ihren Vorschulspass hatten – überhaupt nicht anders als zu Hause (nur dass hier noch alle Kinder zu Fuss zur Schule gehen…).

Ganz stressfrei krochen wir den Rest des überaus holprigen und mit Schlaglöchern durchsetzten Fahrweges hoch und erreichten nach vielen Kurven die Passhöhe auf über 4300 m.ü.M., wo wir verwundert einige Ruderbötchen auf der blauen Laguna entdeckten, die wohl vor einiger Zeit einmal Touristen für einen Ausflug gedient hatten. Tatsächlich ist hier die Bergwelt wunderschön. Bei der Talfahrt wurde ich erneut ans Alpstein erinnert und wähnte den Schäfler und die Ebenalp zu sehen, nur fehlte auf dem Bild die Schäflerhütte und die Ebenalp-Bahn… Nur will diese Region offenbar niemand (mehr) sehen, zu abgelegen und zu schwierig zu erreichen scheint sie zu sein. Während der zwei Stunden Fahrt begegnete uns ein einziger kleiner Lastwagen. Um die Mittagszeit erreichten wir San Luiz und erreichten eine perfekt ausgebaute Strasse, die uns hoch zum Paso Olímpica bringen sollte. Wir waren auch hier beinahe die einzigen, genossen die vielen weit gezogenen Kurven, jedem Töfffahrer schlägt hier das Herz höher, vor allem wenn keine Tempolimiten bestehen oder reger Verkehr zur Vorsicht mahnt.

Mich beeindruckten jedoch noch viel mehr die mächtigen Berge mit ihren riesigen Gletscherabbrüchen, denen wir immer näher kamen. Auch hier sind die Moränen gross, abgeschliffene, kahle Felsen zeugen davon, dass die Gletscher vor kurzer Zeit einmal noch viel grösser gewesen sein mussten. Die weltweite Gletscherschmelze scheint auch hier nicht Halt zu machen. Ziel war der Tunnel, der uns auf die andere Seite der Gletscherriesen bringen sollte. Hier machten wir Mittagspause und trafen zuerst auf zwei Einheimische, die mit einem kleinen Jungen mit ihrer 150-cm2-Maschine hierher gekommen waren und später ein sympathisches kolumbianisches Paar, die mit ihrer 250-cm2-Yamaha daran sind, die Welt zu umrunden und mit ihrer Reise erst vor zwei Monaten begonnen haben. Ganz netter Kontakt!

Natürlich wussten wir schon lange vom alten Fahrweg, der über den Pass führte. Wir wollten auf die bequeme Tunneldurchfahrt verzichten und begannen mit der Hochfahrt auf einem schmalen Fahrweg. Bald erreichten wir eine kitschig hellblaue weitere Lagune. Die Herausforderungen sollten erst noch kommen. Einige Kehren weit kamen wir recht problemlos vorwärts, aber dann war da die erste von einem Steinschlag verschüttete Stelle. Sam baute bei seiner Honda einmal mehr den Luftfilter aus, während ich versuchte, die schmale, steile Stelle etwas von den gröbsten Steinen zu befreien. Sam wagte die steile Stelle als Erster, blieb jedoch stecken, sodass ich ihn schiebend aus der misslichen Situation befreien konnte. Dann war ich an der Reihe. Ich wusste, dass die Stelle nur mit Schwung zu bewältigen ist. Dieser war aber nicht genug gross, sodass es auch ich nicht ganz schaffte, stehen blieb, die Balance verlor und die Maschine hinlegte. Zu zweit würgten wir sie wieder hoch, und auch ich kam von hier weg. Es waren weitere enge Stellen, die all unser Gleichgewicht erforderte, aber wir sind unterdessen genügend gestählt, auch ganz nahe am verhängnisvollen Absturz spurtreu zu bleiben. Schliesslich krochen wir entlang einer Felswand und erreichten die Passhöhe auf fast 4900 m.ü.M. Hier oben lag noch Schnee wie auch auf den ganz nahen, gleichsam verzuckerten Gletschern, die sich wie danach sehnten, sich zu entblössen und unsere Sinne zu erfreuen.

Durch diese hohle Gasse muss er kommen, so kam es mir hier oben vor. Links und rechts lagen hohe und raue Felsen, wir kämpften uns einige Meter durch den rutschigen Schnee. Das Panorama auf der anderen Seite der Gasse war noch eindrücklicher, und die Passstrasse schien hier etwas leichter zu befahren zu sein. Aber dies war relativ. Auch hier hatten Bergstürze den Fahrweg teils verschüttet. Manchmal musste man sich ganz nahe an den gefährlichen Wegrand begeben, um den Felsblöcken auszuweichen. Der Weg schlängelte sich entlang steiler roter Felswände. Aber ich kam vor allem aus dem Staunen über diese grandiose Bergwelt nicht mehr hinaus, wollte alle paar Meter anhalten, um weitere Fotos zu schiessen. Wir erreichten eine Felshöhle mit einer geschmückten Maria, die uns offenbar genug Glück brachte, dass wir es schafften, ohne weitere Probleme und Stürze den Tunneleingang auf der anderen Seite der Bergmonster zu erreichen.

Es war jetzt ein Leichtes und gleichzeitig ein Genuss, die hundert Kehren auf perfekt geteerter Strasse talwärts zu brausen. Aber noch immer beeindruckten mich die spitzen Schneehörner, die matterhorngeformten Felsen und die gewaltigen Gletscher, die uns so nahe waren. Wir verloren jetzt schnell an Höhe, tankten an einem Bergbach unsere Wasservorräte nach. Kurz bevor wir die Talsohle erreicht hatten, hörte die gut ausgebaute Strasse plötzlich auf. Für einige Kilometer folgten wir wieder der altbekannten Rumpelpiste, und es wurde mir jetzt klar, warum die Strasse nicht mehr befahren und der Nationalpark nicht öfters besucht wird. Aber man ist daran, auch den letzten Teil der Strasse auszubauen.

Schliesslich erreichten wir das Tal bei Carhuaz, folgten der Hauptstrasse Richtung Norden auf der Suche nach einem Lagerplatz, den wir auch fanden, direkt am Fluss, aber ennet eines kleinen Sumpfstückes gelegen. Die Spur, die wir zogen, war tief – Sam danach beim Schieben meines steckengebliebenen Motorrades einigermassen paniert, der Zeltplatz aber perfekt und hoffentlich nicht mehr so kalt wie letzte Nacht, denn wir befinden uns nur noch auf 2400 m.ü.M.

Km: 77‘767 (158)

Mi, 05.07.2017: Von Gletschermonstern und Rüttelpisten

Gleich zwei schneeweisse, riesige Gletschermonster bestimmen die Szenerie im Valle Sarita. Diese erscheinen in ihrer Mächtigkeit gar bedrohlich. Kein Wunder, denn es handelt sich um die beiden höchsten Berge Perus, den Huascarán Norte (6652 m.ü.M.) und den Huascarán Sur (6768 m.ü.M.), mehr als viertausend Meter höher als unser Lagerplatz. Man kriegt beinahe die Genickstarre beim Hochschauen... Als wir unseren verbotenen Lagerplatz nahe des Flusses verliessen und es auch geschafft hatten, die kleine Sumpfpartie unbeschadet zu überstehen, wanderte mein Blick unwillkürlich immer wieder zu diesen Riesenbergen, die hinter den fruchtbaren, grünen Hängen des Tales beinahe surreal aussehen.

Wir hatten Yungay bald erreicht. Ich wechselte auf der Bank 300 US$, wir stockten unsere Vorräte auf dem Markt und kleinen Läden wieder auf. Immer wieder wundern sich die bunt gekleideten Marktfrauen, dass sich Männer um Grundnahrungsmittel oder Gemüse kümmern, es ist hier offensichtlich nicht üblich, dass sich diese Spezies auf Märkten herumtreiben…

Wir hatten schon gestern Abend beschlossen, nochmals in Perus Gletscher- und Bergwelt einzutauchen, indem wir einen weiteren Pass, den Llanganuco (4710 m.ü.M.) in Angriff nehmen würden. Dies sollte aber eine überaus beschwerliche Angelegenheit werden, denn die Qualität der Strasse hatte nicht mehr im Geringsten etwas mit derjenigen von gestern zu tun. Bis zum Eingang in den Huascarán Nationalpark war die Schotterpiste noch einigermassen gut befahrbar. Je weiter wir aufstiegen, desto mehr forderte uns der Fahrweg in seiner Holprigkeit heraus. Wir erreichten bald zwei hellblau leuchtende Lagunen mit ganz besonderer Vegetation, die Bäume hatten eine orange-schuppige Rinde, das Farbenspiel der Landschaft war mit dem Schilf im See perfekt.

Ich war überrascht, dass vor dem steilsten Aufstieg eine ganze Gruppe von Bussen parkiert hatte, offensichtlich wird dieser Pass von mehr Touristen besucht, weil sich wohl gleich mehrere Touren zu Lagunen oder Berggipfeln anbieten. Wir stiegen jetzt in unzähligen Kehren weiter bergauf. Dies forderte einen ziemlich heraus, weil kleine Bäche grosse Steine freilegten, die jetzt umkurvt werden mussten. Der Hang war so steil, dass es erstaunte, dass es hier überhaupt einen Fahrweg gibt. Belohnung für die Anstrengung waren die Gletscherberge, die jetzt immer näher kamen. Aber heute klauten die Wolken das warme Licht der Sonne, sodass sich die Begeisterung im Vergleich zu gestern in Grenzen hielt. Schliesslich erreichten wir die Portachuelo de Llanganuco, einen engen, herausgeschlagenen Durchgang auf der Passhöhe.

Es war kalt hier oben, wir sahen weit unter uns drei weitere kleine Lagunen. Bei der zweiten wollten wir rasten. Just jetzt zeigte sich die Sonne, sodass ich den Eindruck hatte, dass die hellgrünen Schlingpflanzen im See erwachen und uns zum See locken wollen.

Die Abfahrt ins Tal wurde lange und beschwerlich, denn der Fahrweg blieb an der Grenze der Befahrbarkeit. Ich versuchte meist, ganz am Rande der Piste zu bleiben, um den grössten Steinen und Löchern auszuweichen. Dies war aber nicht ganz risikolos, denn tiefe Abgründe taten sich auf, sodass grosse Konzentration gefragt war, um nicht abzustürzen, dies wirkte natürlich sehr ermüdend auf uns. Wir kamen deshalb nur sehr schleppend voran.
Aber dann erreichten wir die Waldgrenze und bald darauf das erste kleine Dorf. Auch hier waren alte Hirtinnen mit ihren Schafen, Kühen und Eseln unterwegs, andere Frauen, kaum 1.40 m gross, schleppten so viele Maispflanzen auf ihrem Rücken, dass man den Eindruck hatte,  die dürren Laubblätter bewegen sich unabhängig den steilen Bergweg hinab.

Die Hoffnung, dass die Strasse jetzt endlich etwas besser wir, zerschlug sich. Sie wand sich in vielen Kurven entlang des Berghanges. Natürlich war längst klar, dass wir viel weniger weit kommen als geplant. Schliesslich erreichten wir gegen Abend endlich das Valle Yanayamo und hofften, bald einen Lagerplatz zu finden. Aber erst nach Llumpo, einem weiteren Bergdorf, fanden wir auf einer Anhöhe einen siedlungsfreien Ort, wo wir die Mühen des Tages wegen der grandiosen Aussicht auf Täler und Berge im abendlichen Licht schnell abstreifen konnten – der süsse peruanische Vino tinto half uns dabei... Wir genossen die Szenerie, die Ruhe in dieser so abgelegenen Region, die uns mit ihren Holperstrassen wohl noch einige Zeit gefangen hält.

Bald brannte ein Feuer, wieder einmal gab es eine Pastavariation. Es ist erstaunlich mild hier oben, unterdessen hat sich auch noch der Wind beruhigt. Ohne Taschenlampe genossen wir das Essen – bald ist Vollmond, danke für das Gratislicht!

Km: 77‘899 (132)

Do, 06.07.2017: Verdurchfallt

Ich wunderte mich in der Nacht, dass die wunderbare Nachtstille unterbrochen wurden durch eher unangenehme Geräusche nur zwanzig Meter entfernt. Es waren aber nicht etwa Peru-Jaguare, die sich an meinem Brotteig gütlich taten, sondern Sam, der sich offensichtlich übergab und – wie er mir am Morgen erzählte, noch aus einem zweiten Loch ungeziemt flüssige Ausscheidungen von sich gab.

Als er sich am Morgen zu mir ans Feuer gesellte, war er ziemlich gezeichnet. Aber lieber verdurchfallt als verunfallt, dachte ich mir, aber dies half Sam im Moment nur wenig. Erstaunlich war nur, dass ich überhaupt nicht unter denselben Symptomen litt, obwohl wir gestern exakt dasselbe gegessen hatten. Vielleicht schützte mich die Chili-Zugabe zum Abendmenu, oder ich war doch etwas vorsichtiger mit dem Genuss nicht abgefüllten Wassers.

Immerhin war Sam noch fähig, zuerst einen Kamillentee zu trinken und dann zusammenzupacken. Die Strasse wurde wegen Sams Leiden nicht besser, aber wir wollten nur 25 km fahren bis Piscobamba, der nächsten grösseren Ortschaft, wo wir hofften, ein Hotel zu finden. Wir brauchten beinahe eine Stunde für diese kurvenreiche Fahrt, die zuerst tief in eine Schlucht und nachher hoch zu diesem 3200 m.ü.M. gelegenen Dorf auf einer Sonnenterrasse gelegen führte. Tatsächlich fanden wir ein Hotel, wurden zwar etwas unfreundlich empfangen, aber Sam kam zu seiner dringend benötigten Ruhe. Ich besorgte für Sam eine Flasche Cola und ein Bündel Bananen, wusch danach meine schmutzigen Kleider aus, duschte unter einer jener unheimlichen Einrichtungen, in denen das Wasser über Strom etwas aufgewärmt wird. Wieder gut gegangen…!

Der Nachmittagsschlaf beruhigte Sams Magen, sodass wir am Abend sogar zusammen in einem kleinen Restaurant ein einfaches Menu essen konnten – hier ein grosser Kostenpunkt: 17.50 Soles incl. Bier (5.50 Fr. zusammen). Es scheint also möglich zu sein, morgen weiterzureisen.

Km: 77‘924 (25)

Fr, 07.07.2017: Montezuma rächt sich auch an mir…

Es war kühl und feucht-stickig in diesem etwas heruntergekommenen Zimmer, und es schien, dass die unfreundlichen Bakterien an diesem klamm-kühlen Ort ein besonders gutes Klima gefunden hatten, um sich zu vermehren, denn morgens um sechs Uhr kam es auch in meinem Gedärmen gleich zu mehreren Explosionen, die ich wenigstens über den Aufenthalt im allerdings überaus eng gebauten Lokus etwas steuern konnte.

Ich legte mich nochmals hin, erwachte erst um halb zehn Uhr, aber es ging mir überhaupt nicht besser. Trotzdem wollte ich von diesem irgendwie unsympathischen Ort wegkommen. Sam ging es viel besser, sodass wir uns entschlossen weiterzufahren. Es sollte aber keine lang andauernde Unternehmung werden. Während der nur gut zwanzig Kilometer weit dauernden Fahrt fühlte ich mich schlecht und unkonzentriert. Die Holprigkeit der Strasse schien den Rhythmus meinem Magen zu übergeben, der bedrohlich knurrte ob der Missruhe.

Wir erreichten Pomabamba, einen etwas grösseren Ort, fanden beim Zentralplatz schnell ein Hotel, in dem wir sofort eincheckten (40 S/Zimmer), halb so teuer und doppelt so gut wie jenes in Piscobamba. Für mich gab es heute nur noch eines: Schlafen, Tee trinken, erholen. Ich hatte mir tatsächlich eine ziemlich üble Magen-Darm-Grippe geholt mit über 38°C Fieber!

Km: 77‘946 (22)

Sa, 08.07.2017: Noch ein Tag Ruhe

Fast vierundzwanzig Stunden lag ich im Bett, Radikal-Erholungskur, die einmal mehr den gewünschten Effekt hatte, nämlich dass sich erstens mein Magen-Darm-Trakt allmählich erholt hat und zweitens der Hunger allmählich zurückkam. Ich arbeitete etwas am Blog Teil 35, trank Tee, ass Bananen und Kekse.

Erst am Abend drehten wir eine Runde auf dem Zentralplatz Pomabambas, wo sich typischerweise das Leben des Dorfes abspielt. Warm eingepackt sitzen die alten Herren mit ihren Hüten oder die bunt gekleideten, jungen Frauen von vor den Häusern und beobachten die Passanten, uns natürlich besonders genau. Wir entschieden uns für ein kleines, ziemlich rustikales Restaurant, in dem hinter der Theke ein ganzes Schwein bereitlag, um in die Einzelteile zerlegt zu werden. Ich zog eine fritierte Forelle vor, trank dazu gar ein Bier – man muss ja schliesslich wieder irgendwie zu Kräften kommen… Es ist definitiv auch hier Zeit wegzukommen, morgen hoffentlich etwas weiter als nur 25 km…

Km: 77‘946 (0)

So, 09.07.2017: Grün-Nuancen und Schluchtenstaub

 

Ich fühlte mich heute Morgen tatsächlich genügend fit, um die Reise fortzusetzen. Wie an so vielen Orten in Südamerika war heute Morgen eine Blaskapelle auf den Gassen Pomabambas unterwegs, die mich zwar wegen der häufigen Misstöne einmal mehr eher an eine Guggenmusik erinnerte. Als wir losfuhren, bereute ich es etwas, den Sonntagsmarkt nicht besucht zu haben, denn vor allem die Frauen der Umgebung hatten sich in ihre bunte Sonntagstracht mit den typischen weiten Röcken und den verschiedenartigen, farbigen Hüten geworfen. Wir wurden überaus freundlich verabschiedet, mussten im Hotel noch für verschiedene Fotos posieren.

 

Vor allem der erste Teil der Fahrt sollte sehr anstrengend werden, Buckelpisten mit tiefen Löchern, steinigen und schlammigen Abschnitten, weil die Bäche von den Hängen nicht im Zaum gehalten werden konnten, wechselten munter ab. Es war kühl, und weil wir konstant bergauf fuhren, wurde es keinesfalls wärmer. Wenn jeweils ausser Gras nichts mehr wächst, ist dies ein untrügliches Zeichen, dass wir wieder nahe 4000 m.ü.M. aufgestiegen sind. Die Aussicht auf der Passhöhe auf die entfernten Gletscherriesen, vor allem aber auf die bewässerten Felder, war genussreich. Peru ist ein Land der vielen Grüntöne, denn die Parzellen leuchten je nach Stärke der Bewässerung in den diversesten Schattierungen, jetzt besonders gut zu sehen auf der gegenüberliegenden Hangseite. Wir waren wegen der sehr anstrengenden, viel Konzentration erfordernden Strasse nur langsam unterwegs, erreichten aber schliesslich die etwas besser ausgebaute PE12A in einem Flusstal. Unterdessen war es viel wärmer geworden, dafür nervten die Massen von Sandfliegen während des Mittagslunches.

In der erstaunlich grossen Ortschaft Sihuas tankten wir auf und freuten uns ab jetzt über die zwar schmale und kurvenreiche, aber geteerte Strasse, die sogleich wieder steil bergauf führte. Der Aufstieg war deshalb leichter, bald erreichten wir die Abra Cahuacona auf über 4200 m.ü.M. Ein Fahrtag in Peru läuft fast nicht ohne Überraschungen ab. Zwar wussten wir, dass der Abstieg auf der andern Passseite fulminant sein wird. Bald hatten wir Einblick in eine tiefe Schlucht, die Nachmittagssonne warf Schatten in den Erosionsrillen der steilen Berghänge, sodass diese dunkel-oliv-grün leuchteten. Der Fahrweg schlängelte sich jetzt entlang eines steilen Abhangs, und überraschenderweise wurde die Landschaft immer trockener. Manchmal erhielt man den Eindruck, in der Welt tiefsten Vulkankrater zu fahren. Peru ist gesegnet mit wunderbaren Landschaften, aber um all die Orte miteinander zu verbinden, muss ein Riesenaufwand betrieben werden. Je länger desto mehr wurde mir bewusst, wie abgelegen der beschauliche, von den letzten zwei Übernachtungen bekannte Ort Pomabamba liegt. Kein Wunder, dass die Strasse dort in einem dermassen erbärmlichen Zustand ist. Hier in dieser Schlucht wurde ein Riesenaufwand betrieben, um ein kleines Teersträsschen zu bauen mit vielen Brücken und Steinabbrüchen, wo man wohl jedes Jahr neue Erdrutsche beseitigen muss.

Mich beeindruckte aber das schier unendliche dauernde Gefälle hinunter in diese Schlucht. Wüstenberge leuchteten in orangen und braunen Tönen wie Regenbogenberge. Endlich erblickten wir tief unter uns die Talsohle, die wir schliesslich in vielen imposanten Kehren auch erreichten. Ich war unterdessen etwas müde geworden und froh, dass der nächste wilde iOverlander-Campingplatz nicht mehr weit war. Wir übernachten an einem wilden Fluss inmitten von kahlen, staubigen Steilhängen mit Kakteen und Stachelpflanzen, die man kaum anfassen kann, ohne sich zu verletzen. Der grandiose Wechsel der Szenerie war heute einfach wieder zu begeisternd, wir befinden uns offensichtlich am Rand der Wüste entlang des Pazifiks. Natürlich war es ein Leichtes, ein Feuer anzufachen, allerdings stand beinahe nur stachliges Holz zur Verfügung. Wenigstens fand ich am Fluss noch etwas Schwemmholz. Wir sassen einige Zeit am Feuer, der Vollmond erleuchtet die Schlucht hell, die Kakteen neben dem Feuer stehen wie schwarze Stachelgötzen da und scheinen uns zu bewachen. Ein solcher Abend regt zum Philosophieren an – alte Fragen standen an, wir als Nichts in der Unendlichkeit des Alls und unfähig zu erkennen, wie dies alles entstanden ist – oder ob es gar einen Urheber des ganzen Wunderwerks gibt…

Km: 78‘124 (178)

Mo, 10.07.2017: Zelten im Lupinenmeer

Mein Zelt steht inmitten eines kleinen Feldes von dunkelblau-violetten Lupinen am Rande eines felsigen Absturzes und eines dünnen Eukalyptus-Waldes. Die tief liegende Sonne wirft Schatten in die zerfurchten Hügel, ein Rest des Vollmondes kämpft gegen die verbliebenen Sonnenstrahlen. Es ist bestimmt einer der schönsten und genialsten Campingplätze, den wir je gefunden haben. Es wird halt wieder kalt werden auf 3452 m.ü.M., aber die Aussicht und die abendliche Sonne, welche die Szenerie in warmes Licht taucht, sind die Belohnung dafür. Sam war es, der nach einem erneut erstaunlich beschwerlichen Aufstieg auf der Passhöhe anhielt und den Vorschlag machte, in diesem Wäldchen zu übernachten. Auf einem Fussweg durchquerten wir den unter Wassermangel leidenden Wald, jetzt sitzen wir an prominentester Lage und geniessen die Sonne, Sam liegt in der Hängematte, ich sitze auf der Geländekante und schaue in die Tiefe, einen Becher peruanischen Cabernet Sauvignon in der Hand. Ich war einige Zeit damit beschäftigt, den idyllischen Ort fotografisch ins beste Licht zu rücken, die Lupinen haben es mir schon angetan.

 Wiederum könnte sich dieser Ort kaum mehr unterscheiden vom gestrigen, als wir im Canyon del Pato am Morgen lange Zeit auf die Sonne warten mussten. Wiederum gab es frisches Brot, Kaffee, Eier. Die Fahrt durch diese Schlucht wurde wesentlich imposanter, als sie gestern war, denn die Felswände schienen sich küssen und uns den Durchgang verwehren zu wollen. Es war so eng, dass sich die peruanischen Bauingenieure sogar dazu entschlossen hatten, einige rau herausgeschlagene Tunnels in den Fels zu hauen – eine veritable Seltenheit. Es war mild an diesem Morgen, in Chuquicara waren wir nicht einmal mehr 500 m.ü.M. hoch! Gerne hätten wir den reissenden Wildbach einmal überquert, denn mit rotem Backstein gebaute, verfallene Minenruinen hätten sich für Besuch aufgedrängt, aber die Überquerung dieses wilden Wassers wollten wir uns dann doch nicht zumuten.

Jetzt ging es auf gut ausgebauter und geteerter Strasse wieder aufwärts, wir passierten weitere Minen (Kohle?) und machten Halt bei einer kleinen Fruchtplantage, wo ich einige Granatäpfel kaufte. Auf der PE-3N galt es jetzt, das Dach der Anden wieder zu erreichen. Tatsächlich waren wir schon am Mittag wieder auf 3000 m.ü.M. Je weiter wir fuhren, desto provinzieller schienen die Dörfer an den steilen Hängen zu sein. Wiederum werden mittels kunstvoll angelegter Kanäle die steilen Felder bewässert. Immer wieder sahen wir Menschen in diesen saftig-grünen Feldern am Arbeiten, oder Bauern mit sympathisch-treuherzigen Eseln kamen uns entgegen, manchmal beladen mit einer Holzbeige, dass einem beinahe selber der Rücken zu schmerzen begann.

Ich erinnerte mich an jenen verhängnisvollen Ausflug 2008 in Laos‘ Provinz, als ich in einem Dorf mit Gewehren angehalten und ausgenommen wurde. Wir sind momentan so weit weg von jeder Stadt und vermeintlich grosser Zivilisation, dass es ein Leichtes wäre, uns festzuhalten und gleichsam einen Wegzoll zu verlangen, aber die Einheimischen sind schüchtern und überaus friedfertig und hilfsbereit, wenn man sie nach etwas fragt. Wir stockten in Ferrer unsere Wasservorräte auf. Die Staatstrasse hatte unterdessen viel von ihrer perfekten Qualität eingebüsst; wiederum waren wir unterdessen auf gewundenen Kiesweglein unterwegs. Ich staunte hier über die Gepflegtheit der an den Hängen klebenden, kleinen Weiler, in denen Kirchen frisch renoviert und der Zentralplatz mit kunstvollen, geschnittenen Büschen verziert sind. Diese Dörfer erinnern mich in vielem an die Tessiner Dörfer in den Südalpen. Aber hier scheint die Bevölkerungsflucht noch nicht eingesetzt zu haben.

Nach dem Sonnenuntergang wurde es hier oben schnell kalt, natürlich Zeit für ein Feuer. Wieder einmal war ich zu wenig vorsichtig, sodass sich bei unserer Feuerstelle ein naher Busch entzünden konnte. Das Feuer breitete sich glücklicherweise nicht aus und konnte dank des Wassers einer nahen, lecken, laut gurgelnden Quelle gelöscht werden. Wir diskutierten über unsere Weiterreise. Sam klagt offen über seinen Stalldrang, er vermisst seine Freunde und würde lieber heute als morgen mit unserem Flosstrip beginnen. Wir werden jetzt möglichst schnell versuchen, Ecuador zu erreichen und dann wohl von Kolumbien nur noch einen Augenschein nehmen, bevor wir dann wieder nach Süden nach Yurimaguas fahren werden, um endlich mit dem Bau unseres Flosses zu beginnen.

Km: 78‘287 (163)

Di, 11.07.2017: Unsägliche Berg- und Talfahrt ins Zuckerrohrfeld

 Ich war schon früh auf den Beinen, denn ich wollte miterleben, wie die Morgensonne die nächtlichen Schatten in den verschachtelten Tälern allmählich auffrisst. Beglückt wurden natürlich zuerst die höchsten Berggipfel, aber ich musste nicht lange warten, bis sie auch mir ihre sanfte Helligkeit und wohlige Wärme spendete, denn es war sehr kalt gewesen in der Nacht, der Rauhreif hatte die Aussenhülle meines Zeltes überzogen.

 Ich sammelte einige von einem früheren Brand verkohlte Eukalyptus-Äste, und bald brannte ein Feuer, das mich in seinem Geruch an Australien erinnerte. Als auch ich endlich alles fertig zusammengepackt hatte, wurden wir von Sams Honda weiter aufgehalten, denn ihr Hinterreifen war platt, sodass der Schlauch ersetzt werden musste. Erst gegen Mittag ging es endlich los. Zuerst war eine heikle Stelle über eine Felspartie zu meistern, wo auf keinen Fall zu viel links gefahren werden durfte, um einen fatalen Absturz in die Tiefe zu vermeiden.

 Wir hatten Pallasca, wunderschön auf einer Sonnenterrasse inmitten von grünen bewässerten Feldern gelegen, bald erreicht. Überraschenderweise war die schmale Strasse jetzt wieder geteert, dies nährte die Hoffnung, dass wir es heute an die Pazifikküste Perus schaffen würden. Zuerst galt es erneut, über imposante Kehren ein tiefes Tal zu erreichen, wo es viel wärmer ist, aber doch wenig fürs Siedeln benutzt wird. Man zieht es vor, hoch über dem Tal in kleinen Dörfern zu leben. Wir waren gezwungen, die verlorenen tausend Höhenmeter auf der anderen Talseite wieder wettzumachen. Die Herrlichkeit der asphaltierten Strasse währte nicht lange. Bald mutierte die Nationalstrasse PE-3N zu einer Schotterpiste der anstrengenden Art mit vielen Schlaglöchern, Staub- und Bulldust-Abschnitten, sodass wir nur mehr sehr schleppend vorwärtskamen. Wir erkletterten einsame Weiden in Höhen weit über 3000 m.ü.M., um gleich wieder grausam abzusteigen. Es war eine dauernde, sehr ermüdende Berg- und Talfahrt, die mich allmählich zu ärgern begann, vor allem, als sich die Qualität der Piste nochmals verschlechterte. Wir erreichten zwar Dörfchen um Dörfchen, kamen aber in diesen steilen Hügelbergen doch kaum vom Fleck. Erst um vier Uhr nachmittags erreichen wir Santiago de Chelo, einen grösseren Ort, von dem ich wusste, dass es der Ausgangspunkt zu einem Pass auf über 4000 m.ü.M. war. Es war ein Glück, dass jetzt die Strasse wieder breiter und asphaltiert war, aber durchsetzt mit vielen Schlaglöchern, der Teer ist wohl mindestens fünfzig Jahre alt. Aber wir kamen jetzt endlich einigermassen gut vorwärts, indem wir Slalom fahrend von einer zu nächsten gut geteerten Stelle bergwärts rasten. Nochmals erhielten wir in der Abendsonne Ausblick auf die jetzt weit entfernten Schneeriesen Perus und die tief unter uns liegenden grünen Patchwork-Hänge der gestern und heute durchfahrenen Bergdorf-Region. Es wurde erwartet kalt hier oben. Auf dem Wiesland weiden einige Lamas, nur noch wenige Menschen harren hier oben aus in ihren einfachen Lehmhütten.

 Wir erreichten ein Bergwerk mit einem Stausee, der im Abendlicht giftig schimmerte, im wahrsten Sinne des Wortes. Man versucht hier offenbar, ausgewaschene, giftige Flüssigkeiten mit Tüchern auf den Dämmen (!) zurückzuhalten, was nur beschränkt gelingt, denn als wir talwärts Richtung Trujillo rasten, begleitete uns ein orange-bräunlich gefärbter Bach, der so ziemlich nichts mehr Natürliches aufwies und bestimmt sämtliches Leben im Wasser ausgelöscht hat. Wir wollten jetzt nur noch Höhe verlieren, in möglichst geringer Höhe einen warmen Schlafplatz finden, verirrten uns aber auf der einen Hangseite, die einfach zu steil zum Campen ist. Es war unterdessen stockdunkel geworden. Wir assen in einem einfachen, etwas schmuddeligen, kleinen Restaurant ein einfaches Menu und rasten dann auf der breiten, jedoch verkehrsreichen Strasse Richtung Küste. Es ist in der Dunkelheit nicht einfach, das Gelände zu lesen und einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Gleich dreimal landeten wir in einem Zuckerrohrfeld, einmal blieb Sam im Schlamm eines Bewässerungsgrabens stecken, sodass wir seine Maschine von Hand (!) wenden mussten.

 Auch jetzt befinden wir uns auf einem sandigen Zufahrtsweg in ein solches Feld. Sam ist daran, eine Zuckerrohr-Pflanze zu schälen, deren süss-saftigen Inhalt wir jetzt eben genossen haben. Jetzt kredenze ich noch eine Büchse Bier, aber ich sollte das Zelt aufstellen, denn der Tau scheint hier intensiv zu sein, meine Jacke und die Töffkoffer fühlen sich schon feucht an. In den letzten zweieinhalb Stunden Fahrt haben wir das Vierfache der Strecke gefahren, die wir zuvor in sechs Stunden zurückgelegt haben…

Km: 78‘553 (266)

Mi, 12.07.2017: Meine hässlichste Fahrt

 Wenn in Freundebüchern von Kindern eine Sparte „Meine hässlichste Fahrt“ zu finden wäre, würde die heutige bestimmt unter den „besten“ Drei meiner ganzen Reise figurieren. Es war feucht am Morgen, unverkennbar befinden wir uns wieder in der Nähe des offenbar auch hier oben noch immer kalten Pazifiks, Nebel hüllten Hügel und hohe Zuckerrohrpflanzen ein, aber wenigstens war es einigermassen mild, aber keineswegs tropisch warm, obwohl wir uns auf nur mehr acht Grad südlicher Breite befinden.

 Wir erreichten am Morgen bald Trujillo, eine grosse Küstenstadt, die in ihrer Schmutzigkeit und Hässlichkeit im gräulichen Licht vermeintlich beinahe nicht zu überbieten ist. Die Strassen sind staubig und voller herumliegenden Abfalls, häufig ungeteert, viele Backsteingebäude sind armselig und gerade noch knapp bewohnbar, das Verkehrschaos ist typisch peruanisch aggressiv, man muss sich den Gepflogenheiten anpassen. Ich war froh, die Panamericana, die breite Hauptstrasse erreicht zu haben, wo wir sofort gut vorwärtskamen. Manchmal war die Strasse zu einer Autobahn ausgebaut, zuweilen sah man Spuren der Unwetter dieses Jahres, als neu gebaute Doppelspuren vom vielen Wasser einfach weggespült wurden.

Die Hässlichkeit Trujillos wurde im kühl-grauen Nebel aber noch überboten, als wir in die Nähe von Chiclayo kamen. Ich erreichte die Smokey Mountains der Region, die mich an ähnliche Einrichtungen auf den Philippinen erinnerten. Hier werden die Abfälle auf offenem Feld deponiert. Der Wind sorgt dafür, dass die kleinen Plastiksäcke kilometerweit herumgeblasen und verteilt werden, ein unsägliches Bild. Ich habe wohl noch nie einen Landstrich gesehen, der vom Menschen mehr ausgebeutet und dem so wenig Sorge getragen wird. Da halten Autos an, ganze schwarze Säcke mit Unrat werden dem Strassenrand übergeben in Sinne von: „Nach mir die Sintflut!“ Chiclayo schaffte es tatsächlich, Trujillo in seiner Trostlosigkeit und Schmutzigkeit noch zu überbieten.

 Erst als wir die Stadt verliessen und die menschlichen Siedlungen dünner wurden, war die Natur allmählich wieder Meister übers jetzt sehr trockene, wüsten- oder steppenartige Land. Es hatte recht wenig Verkehr, sodass wir Piura nach langer Fahrt schon am späten Nachmittag erreichten, wo wir im Hostel Qispi Kay eincheckten, sehr unscheinbar, aber sauber und überraschenderweise mit einer Handvoll bereits hier logierender Gäste, darunter zwei Schweizerinnen, eine davon gar aus St.Gallen. Wir bestellten eine mittelmässige Pizza über die Gasse, spielten eine Zeitlang UNO, aber ich war müde, schlief noch vor Mitternacht in der Hängematte ein, während Sam sich mit Einheimischen noch einige Stunden unterhielt…

Km: 78‘999 (446)

Do, 13.07.2017: Ein ziemlich stressfreier Grenzübertritt

Es war unmöglich, im Qispi Kay auszuschlafen, denn ab sieben Uhr wurde man vom Geschnatter diverser Frauen geweckt, die darauf warteten, im Tanz- und Fitnessclub, der sich im selben Gebäude befindet, einige Gramme zu verlieren. Dummerweise war die einfache Eingangslobby direkt unterhalb unseres kleinen, offenen Balkons…

 Wir waren deshalb schon früh am Zusammenpacken und nach dem offerierten Frühstück auch bald bereit für die Weiterreise. Zuerst hatten wir uns mit dem chaotischen Verkehr von Piuras Innenstadt anzufreunden, suchten das kleine DHL-Büro, wo wir hofften, unsere von Huancayo nachgesandten Postkarten abholen zu können. Aber daraus wurde leider erneut nichts, die Karten sind offenbar nicht einmal in Huancayo angekommen. Ziemlich ärgerlich!

 Mit gesunder fahrerischer Aggressivität verliessen wir jetzt denn halt diese wenig sehenswerte Stadt. Wiederum war es schockierend, die Abfallberge vor allem am Rande der Stadt zu sehen, die unstrukturiert einfach irgendwo abgelagert werden. Es schwebt ein konstanter Geruch von verbranntem Plastik und gärendem Kehricht in der Luft.

 Wir verliessen jetzt die Panamericana, hundert Kilometer nur waren es bis zur Grenze auf einer wenig befahrenen Strasse in kaum besiedeltem Gebiet – und je weniger Menschen es hat, desto weniger Abfälle liegen in der Landschaft. Wir hatten einige Flüsse zu überqueren. Meist lag nur noch ein Rinnsal auf dem betonierten Übergang, manchmal lag das Wasser aber noch recht tief, mit unseren zwei Rädern liess sich immer ein einfacher Weg über diese heiklen Stellen finden. An der Grenze erreichten wir zuerst die Customs-Stelle, wo man uns zur drei Kilometer entfernten offiziellen Grenzstelle schickte, wo unsere Pässe abgestempelt wurden. Dann fuhren wir zurück und konnten jetzt den Papierkram für unsere Motorräder erledigen. Die beiden netten Männer schienen Dick und Doof nachahmen zu wollen, es war auf jeden Fall eine ziemliche Geburt, bis jedes Stempelchen seinen Platz innehatte.

 Unsere erste Zollstelle in Ecuador war wohl an Freundlichkeit und Langsamkeit nicht zu überbieten. In aller Ruhe wurden alle Formalitäten erledigt, es wurde uns eine kleine, praktische Ecuador-Karte ausgehändigt. Das ganze dauerte seine Zeit, weil die Internet-Verbindung sehr schwach war, aber schliesslich hatte wir unsere Papiere und kamen sogar ohne Fahrzeug-Versicherung aus.

 Die kleine Karte brachte uns auf die neue Idee, mit unserem Flosstrip vielleicht schon in Ecuador zu starten (und auf die beschwerliche Rückreise nach Yurimaguas in Peru verzichten zu können). Die Zeit war jetzt fortgeschritten, wir fuhren kaum mehr dreissig Kilometer, freuten uns an der trockenen, jedoch sauberen (!) Landschaft und fanden zwischen den Hügeln eine ideale Stelle, unsere Zelte aufzustellen. Bald war ein Feuer gemacht. Heute gab es wieder einmal Quinoa mit Gemüse.

 Jupiiiee, ich habe mein achtunddreissigstes Land erreicht!

Km: 79‘133 (134)

Fr, 14.07.2017: Verdorrte Maisfelder, Urwald und eine Grossstadt

Diesmal weckten mich nicht schnatternde Frauen, sondern das Bedürfnis, meine Blase zu entleeren, diese Nacht bereits zum zweiten Mal, um drei Uhr hatte ich noch ein nicht identifizierbares Wesen mit orange leuchtenden Augen angeschlichen, vielleicht einen Wüstenfuchs, der schliesslich nur fünf Meter entfernt doch die Flucht ergriff.

 Weil wir uns von der Küste vorübergehend etwas entfernt hatten, strahlte heute Morgen die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Tatsächlich stieg die gut ausgebaute Betonstrasse weiterhin leicht an. Weite Hügelzüge waren überwachsen von Mais, der aber einen ausgetrockneten Eindruck machte, aber gleichwohl gemäht wurde und die Frucht am Rande der Strasse oder sonstigen freien betonierten Abschnitten getrocknet wurde. Dass wir uns allmählich wieder dem Äquator nähern, zeigte uns der dichte Urwald an, der die steileren Hänge überzieht. Es war eine friedliche, durchaus sehenswerte Fahrt durch wenig besiedeltes Land, manchmal unterbrochen von Dörfern, die einen besseren und wohlhabenderen Eindruck hinterliessen als die letzten in Peru.

 Aber dann kamen wir wieder in Küstennähe, und der Hochnebel meldete sich zurück. Nachdem die Strasse für eine Weile zu einer Autobahn mutierte, wurde sie just dann wieder schmaler, als es mehr Menschen und Siedlungen gab. Vor allem galt es jetzt, die wenig interessante Strecke bis Guayaquil möglich schnell und schmerzlos hinter uns zu bringen. Einen Hauch vom wahren Ecuador erlebten wir an einem unserer wenigen Stopps, als zwei riesige, noch nie gesehene Echsen die Flucht ergriffen und auf einem Baum verschwanden.

 Wir erreichten Guayaquil am frühen Abend – Sam führte souverän durch die Stadt zum Nuca Pacha Hostel in der Innenstadt, wo wir ein Dorm für US$ 11.50 bezogen (ja tatsächlich, hier bezahlt man mit US-Dollars). Wir genossen ein Bier im Swimmingpool trotz des noch immer bedeckten Himmels, aber es war genug mild für eine Abkühlung. Am Abend besuchten wir ein Sushi-Lokal in der Nähe, gestopft voll mit anderen Gästen – ein gutes Zeichen, die Sushi und Sashimi mit frischem Fisch waren denn auch Extraklasse…

Km: 79‘500 (367)

Sa, 15.07.2017: Galápagos? Yeeeppp!

Es war ziemlich schräg, als am Morgen schon vor halb sieben Uhr vom Nachbarn des Hostels die Musikboxen so laut aufgedreht wurden, dass an ein Ausschlafen nicht mehr zu denken war. Zudem versuchte sich der offenbar eben vom Ausgang Heimgekommene im Karaoke-Singen. Die Frequenzen kratzten so sehr im Ohr, dass es besser war, schnell aufzustehen, um sich keinen Gehörschaden zu holen.

Ich war gespannt auf den heutigen Tag, denn ich hatte keine Ahnung, ob ich mich bis zum Abend zu einem teuren Trip auf die Galapagos-Inseln entschlossen hatte. Wir informierten uns zuerst über den hier angebotenen Siebentages-Trip im Hostel, bei dem nur höchstens acht Teilnehmer gemeinsam unterwegs sind, der uns aber mit 1440 US$ (ohne Flug) doch recht teuer erschien. Deshalb fuhren wir per Bus in die Stadt, um nach Alternativen Ausschau zu halten. Den öffentlichen Verkehr zu benutzen war einmal mehr ein kleines Abenteuer für sich, weil wir ziemlich blind in den ersten daherbrausenden Bus einstiegen und uns dann über maps me informierten, welche Strassen er durch die Stadt nimmt. Bei der Hinfahrt hatten wir nur zum Teil Glück, waren nach dem ersten Bus eine Zeitlang zu Fuss unterwegs und nahmen dann einen zweiten Bus ins Stadtzentrum zur Plaza de San Francisco, wo wir einige Reisebüros vermuteten, die wir schliesslich tatsächlich fanden.

 Aber keines der Angebote konnte uns überzeugen, sodass ich mit meiner Raiffeisenkarte einen Bancomaten plünderte, um möglichst viele Bardollars zu haben, denn wir hatten uns entschlossen, auf das Angebot im Hostel einzugehen. Tatsächlich waren immer noch drei von acht Plätzen frei. Es konnte uns auch ein Flug nach Baltra organisiert werden, der billiger als die besten Angebote im Internet war (387 US$ pro Person). Aber wir wollen uns den Trip auf diese Wunderinseln leisten, erstens weil die Natur dort wohl so speziell ist, dass man gar nicht darauf verzichten kann (oder sollte), wenn man schon einmal in der Nähe ist, zweitens tut es ganz gut, einmal eine Weile ohne Motorrad unterwegs zu sein, das jetzt zu einigen Freitagen kommt. So werde ich wieder einmal Ferien in den Ferien geniessen und hoffentlich um einige geniale Erfahrungen und Erlebnisse reicher werden, auch wenn ich für den Trip gegen 2000 US$ ausgeben werde. Wir konnten 2000 $ in bar bezahlen und die restlichen 1654 $ auf ein deutsches Konto überweisen – Raiffeisen sei Dank! Ich hatte auch nochmals zweimal telefonischen Kontakt mit Postfinance. Wir fanden heraus, dass unsere Postkarten per TNT (und nicht DHL) versandt wurden, aber noch immer nicht in Huancayo angekommen sind. Netterweise werden uns jetzt nochmals zwei neue Karten nach Quito gesandt.

 Gegen Abend fuhren wir nochmals per Bus in die Stadt (diesmal mit Glück direkt ins Zentrum) und folgten dem Malecon, der Flaniermeile entlang des grossen, braunen Rio Guayas, erstaunlich grosszügig und schön angelegt. Natürlich waren wir nicht die einzigen, die Einheimischen fotografierten sich dutzendfach vor dem grossen Guayaquil-Schriftzug. Bei den kleinen Essensständen entschied ich mich für eine Fischsuppe, die mich aber leider nicht überzeugen konnte. Ich bin froh, wenn ich keinen Durchfall kriege…

 Per Taxi ging’s dann zum Hostel (5 $), dann packte ich mein Material um, natürlich werde ich morgen mit möglichst  wenig Material unterwegs sein.

Km: 79‘500 (0)

So, 16.07.2017: Die Zahnärztin Dolores Saltos von Galápagos

Der Wecker rief schon um halb sechs Uhr, dass wir aufstehen sollen. Nach weniger als zehn Minuten standen wir schon auf der Strasse und hielten auf den menschenleeren Gassen Ausschau nach einem Taxi, das uns zum Flughafen bringen sollte. Tatsächlich hatten wir Glück und waren schneller als erwartet dort. Hier warteten wir einige Zeit, bis wir einchecken konnten. Zuerst wurde unser Gepäck peinlichst genau kontrolliert, wofür wir weitere zwanzig Dollar zu bezahlen hatten.

Es war ein ziemlich gutes Gefühl, wieder einmal zu fliegen, sozusagen in die Ferien zu verreisen. Als wir in Baltra, der kleinen Insel auf Galápagos, die nur für Flüge benutzt wird, ankamen, war es herrlich mild. Ich hatte den Eindruck, schon lange nicht mehr so reine Luft eingeatmet zu haben. Diese besonderen Inseln sind ein teures Pflaster, wir hatten jetzt die Eintrittsgebühr für den Nationalpark zu bezahlen (100 US$, Einheimische bezahlen nur 6 $...). Dann fuhren wir mit einem Bus an den Inselrand und setzten mit einem Boot auf die grössere Isla Santa Cruz über. Jetzt waren es noch 42 km bis ans Südende dieser Insel. Puerto Ayora ist der grösste Ort der Inselgruppe und touristisch perfekt eingerichtet. Man hatte nie den Eindruck, dass der Ort überladen ist, obwohl es auch hier ein Überangebot an Restaurant und kleinen Hotels gibt.

 Wir checkten im Hotel Lirio del Mar ein (33.60 US$ für zwei). Dies dauerte seine Zeit, weil der Mann an der Rezeption wohl die ganze Nacht unterwegs war und noch nicht mit Biertrinken aufgehört hatte… Wir waren sehr hungrig und gingen nur fünfzig Meter weit bis zum The Rocks, wo wir einen Teller herrlichen Seafood genossen. Wir flanierten dann durch die Hauptgasse, amüsierten uns über ein Schild, auf dem eine Zahnärztin namens Dolores Saltos ihre Dienste anbot. Die arme Dame ist hoffentlich nicht für so viel Schmerz (dolores) verantwortlich, dass ihre Patienten während der Behandlung zu Saltos gezwungen sind…

 Am Nachmittag fand ich Zeit für eine Siesta, bevor ich bewaffnet mit Kamera noch einmal einen Spaziergang unternahm. Obwohl ich im Ort unterwegs war, sonnten sich auf der Strasse Dutzende schwarzer Meeresleguane – man musste tatsächlich achtgeben, dass man nicht auf einen stand. Auf stämmigen Kaktusbäumen tummeln sich unbekannt aussehende Vögel, ungewohnt zutraulich, die einen zwar beobachten, aber keinesfalls sofort wegfliegen. Es gibt 13 Finkenarten auf der Insel, von denen einige jedoch am Aussterben sind. Dasselbe Schicksal könnten die Galápagos-Schildkröten ereilen. Leider wurden Ratten eingeführt, die sich an den gelegten Eiern gütlich tun, sodass nur noch uralte Exemplare frei auf der Insel leben. Deshalb hat man ein Aufzuchtprogramm gestartet, sodass die jungen Schildkröten in geschützter Umgebung aufwachsen können, sodass wenigstens diese Art nicht ausstirbt. Verloren ist unterdessen eine andere, noch viel grössere Art, die von Matrosen exzessiv gejagt wurde, bis sämtliche Tiere gegessen waren. Die letzte seiner Art, George, ist 2012 als Einzelgänger verstorben. Riesenschildkröten wurden jahrhundertelang als Lebendnahrung auf Schiffen mitgenommen, auf sehr grausame Art wurden die Schildkröten einfach rücklings auf den Panzer gelegt, sodass sie nur noch hilflos dahinvegetieren konnten.

 Wir verweilten einige Zeit in diesem kleinen Park, besuchten dann einen kleinen Strand mit ganz besonderer Vegetation. Charles Darwin war schon Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Inseln und konnte hier einige seiner Thesen beweisen, viele endemische Tiere haben sich aufgrund der Lebensumstände in eine andere Richtung entwickelt als jene auf dem Festland. Schildkröten beispielsweise haben hier viel längere Hälse, um an höher wachsende Nahrung zu gelangen und einen beim Kopf weniger schützenden Panzer.

 Am Abend besuchten wir erneut einen kleinen, etwas abgelegenen Sushi-Laden, diesmal allerdings nur mit mittelmässiger Qualität. Später trafen wir auf einen wahre Food-Meile, in der Massen von Lobstern angeboten wurden…

 Jetzt ist der Ort schon recht ruhig. Galápagos zieht viele Pärchen oder Familien mit älteren Kindern an, es ist definitiv nicht der Ort für laute Partys.

Km: 79‘500 (0)

Mo, 17.07.2017: Santa Cruz und Galeta Tortuga Negra

Es war etwas ärgerlich, dass wir heute Morgen wieder zurück zum Flughafen fahren mussten (obwohl wir eigentlich in Puerto Ayora hätten abgeholt werden müssen). Wir wollten per Anhalter bis zur Fähre kommen und versuchten, das kleine Städtchen zu Fuss zu verlassen, als ein Taxi anhielt und uns einen Transport für 20 US$ anbot, und diese Offerte schlugen wir nicht aus. Wir waren bei weitem nicht die einzigen, die unterwegs zum Flughafen waren, also hätten wir wohl auch einen Bus gefunden, aber man sagte uns, dass am Morgen der letzte Bus um acht Uhr fährt... Das Boot über den Kanal war voll, einer der vielen Busse brachte uns zum Flughafen.

Hier kamen wir eine Stunde zu früh an und warteten auf den Kapitän des Merak-Bootes. Jonathan, ein gut Englisch sprechender, freundlicher, junger Mann nahm uns im Empfang. Wir hatten aber noch auf weitere Passagiere zu warten. Und bald darauf erschien eine ecuadorische Familie mit zwei Kindern. Wir fuhren zum kleinen Hafen. Die zwei grossen, dort liegenden Katamarane waren natürlich nicht für uns bestimmt, dafür das kleine Segelboot, zu dem wir per Schlauchboot hinausfuhren. Für sechs Passagiere sorgen vier Crew-Mitglieder für das leibliche Wohl der Gäste.

 Bald waren wir per Motor (lieber wäre ich gesegelt) unterwegs zur Galeta de las Tortugas Negras, eine enge, mit Mangroven bewachsene Bucht, in der sich zuerst vor allem Pelikane tummelten, die auf Galápagos das auf der Welt einzigartige Verhalten haben, die Blue Foot Boobies nachzuahmen, das sind Vögel mit blauen Füssen, indem sie mit ihrem eigentlich zu grossen Gewicht senkrecht vom Himmel stürzen, ins Wasser eintauchen und versuchen, einen Fisch zu erhaschen. Dies sieht wegen der Schwerfälligkeit dieser Vögel einigermassen spassig aus. Je weiter wir in die Mangroven hineinfuhren, desto interessanter wurde die Tierwelt. Zuerst sahen wir eine ganze Menge junger Weiss- und Schwarzspitzflossen-Haie, die im seichten Wasser auf der Suche nach Nahrung waren.

 Wir hielten Ausschau nach grossen Wasserschildkröten, die wir schliesslich in einem Seitenarm der Mangrovenbucht auch fanden. Es hat hier gleich zwei Arten, erstens diejenigen mit schwarzem Panzer, die sich nur hier auf den Galápagos heimisch fühlen, zweitens die grünen Wasserschildkröten, die ich letztmals auf den Solomon Islands gesehen hatte und die im ganzen Pazifik verbreitet sind. Netterweise bekamen wir die sympathischen Köpfe der riesigen Tiere immer wieder zu sehen, weil sie ab und zu nach Luft schnappen mussten. Eine Zeitlang tummelten sich gleich fünf Tiere um unser Schlauchboot herum, tauchten auf und ab, sodass man gar nicht mehr wusste, wohin man jetzt schauen soll.

 Wir umrundeten gegen Abend Isla Baltra und deckten uns im Kanal mit Proviant ein. Wir genossen ein gutes Abendessen mit Fisch, der recht hohe Wellengang setzte vor allem der Mutter der Familie zu, sodass sie besser nichts ass... Der Plan war, dass wir über Nacht San Cristobál, die östlichste Insel der Gruppe erreichen wollten. Sobald wir auf dem offenen Pazifik waren, wurden die Wellen grösser und wilder, sodass ich bald beschloss, mich ebenfalls hinzulegen, um einer etwaigen Seekrankheit vorzubeugen. Ich weiss auf Erfahrung, wie ich mich in solchen Situationen zu verhalten habe.

Km: 79‘500 (0)

Di, 18.07.2017: Was für eine Natur-Wunderwelt auf San Cristobál!

Während das Boot die immer gewaltiger werdenden Wellenbewegungen unaufhaltsam und klaglos mitmachte, wurden mein Magen und mein ganzer Körper dazu gezwungen. Wie in einer Berg- und Talbahn hob es einem die Innereien und vermittelten einem ein schales Gefühl. Zum Glück bin ich ein Kunstschläfer und kann ganz gut alles abschalten, was um mich herum passiert. Allerdings musste ich mitten in der Nacht aufs Klo, stehend macht man die Wellenbewegungen noch mehr mit, sodass es galt, das Geschäft möglichst bald hinter mich zu bringen. Als ich wieder im Bett lag, war mir ziemlich übel, aber erneut schaffte ich es einzuschlafen.