Teil 32: Chile - Argentinien III

Die hohen Anden mit mehreren fast 5000 m.ü.M. hohen Passübergängen waren eine kalte Angelegenheit. Wir versuchen momentan, dem Winter zu entkommen, aber wenn man sich fast dauernd in solchen Höhen aufhält, ist dies nicht wirklich möglich. Schliesslich hat uns der Schnee eingeholt, der den kargen Wüstenbergen einen ganz besonderen "Charme" verliehen hat.

Wiederum hat es ein paar lustige Schmankerl in diesem Teil 32. Wir haben auf 4010 m.ü.M. in einer verlassenen Goldminenstadt in einer Höhle übernachtet, wenig später wollten uns die argentinischen Zöller nicht über den Paso Sico lassen, weil es zu viel Schnee und Eis habe und es einfach zu gefährlich sei. Schliesslich haben wir uns aber doch durchgesetzt, und es war wesentlich weniger schlimm als erwartet.

Jetzt befinden wir uns in einem der bekanntesten Touristenorte Chiles - in San Pedro de Atacama. Auf die verschiedenen touristischen Sehenswürdigkeiten haben wir wenig Lust, denn Ähnliches haben wir auf der Fahrt bereits erlebt, aber wir geniessen die milden und angenehmen Temperaturen in diesem auf 2450 m.ü.M. hoch gelegenen Ort.

Bald geht es weiter in Bolivien mit Trip zu weiteren sehr hoch gelegenen Salzseen. Ich hoffe, etwas besser schlafen zu können, die Höhe setzt mir erneut ziemlich zu.

Di, 04.04.2017: Schattengebirge

Um elf Uhr war in der Nähe meines Motorradshops unsere Wäsche abzuholen, und gemeinsam fuhren wir deshalb dorthin. Die Wäsche war bald aussortiert. Martin kam aber ziemlich in Stress, weil er sein Handy vermisste, weshalb wir ihn zurück zum Mendoza Inn navigierten, wo er sein wohl wichtigstes Utensil auch wirklich fand. Martin wollte sich auf der gut ausgebauten Strasse auf den Weg nach Uspallata am Fusse der Andenriesen machen. Sam und ich wollten auf der RN13, einer Nebenstrasse über die Cordilleren, eine Abkürzung nehmen.

Ich war etwas erstaunt, dass diese „Hauptstrasse“ am Stadtrand nichts mehr ein schmaler Kiesweg war, der zuerst durch Hunderte von Metern von Müllhalden führte. Als es dann anzusteigen begann, wurde der Fahrweg so ruppig, dass ich Sam hupend stoppte. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich habe ja gerne abenteuerliche Fahrten, aber heute hatte ich mich einfach nicht darauf eingestellt. Und als ich dann auf google maps feststellte, dass die Strasse auf über 3000 m.ü.M. führt, warf ich das Handtuch. Dies wollte ich mir heute nicht antun. So begab sich Sam alleine auf dieses Abenteuer, und ich kehrte um und war bald wieder am Stadtrand Mendozas. Nachdem ich in einem Supermarkt einige Besorgungen machte, staunte ich nicht schlecht, als ich bei der Abfahrt feststellte, dass mein Hinterreifen erneut ohne Luft war! Bei der nahen Tankstelle konnte ich den Reifen zwar wieder aufpumpen, und ich kam einige Kilometer weit bis zu einer weiteren Luftstation. Aber je näher ich dem Stadtzentrum kam, desto ärgerlicher wurden die Rotlichter und vor allem die Baustellen, die mich immer wieder stoppten. Im Stadtzentrum war ich mit vollkommen plattem Reifen unterwegs – noch 2.6 km bis zu „meinem“ Mech, den ich schliesslich mehr schlecht denn recht erreichte. Es war halb drei Uhr, Zeit für die argentinische Siesta, deshalb war auch niemand hier. Zwei Stunden wartete ich, bis die schwatzenden Mitarbeiter endlich erschienen. Unterdessen hatte ich das Rad selbständig demontiert, quasi als Aufforderung, bitte mein Rad zu einer Gomeria zu fahren, um den Schaden zu beheben. Der Trick funktionierte, und schneller als erwartet war das reparierte Rad wieder da. Zu dritt versuchten wir dann das Rad wieder zu montieren – eine ziemliche Geburt. Diesmal zog ich die Radmutter selber an, die man gestern leichtsinnigerweise nicht angezogen hatte…

Es war beinahe halb sechs Uhr, als ich endlich loskam von Mendoza und jetzt natürlich die schnelle RN7 nahm, die bald ihren Weg ins Gebirge nahm. Und was für ein Gebirge! Wie mächtige Kolosse versuchten sie gleichsam ein Näherkommen zu verhindern. Die einstige Eisenbahn schien diesem Druck vor langer Zeit nachgegeben zu haben. Nur noch einige alte Metallbrücken und einige überwachsene Gleise mahnen an die Gefahr der Berge, die schon früh am Abend riesige Schatten warfen. Erst vor Uspallata öffnete sich das Tal, sodass nochmals die Sonne sichtbar wurde. Aber es ist um einiges kühler hier oben. Morgen werden wir auf 4500 m.ü.M. einen frostigen Tag erleben.

Und noch etwas: Ich hoffe schwer, dass die Pannenphase jetzt endlich überstanden ist. Mehrheitlich war ich heute am Fluchen. Ich habe beschlossen, schon in Santiago meine Reifen erneut zu wechseln, es wird mir definitiv zu dumm, dauernd stehen bleiben zu müssen und auf Hilfe angewiesen zu sein. Und die Heidenau Pneus können mir von jetzt an gestohlen bleiben, die nicht einmal 9000 km gehalten haben. Der Ausklang des Tages war aber wieder sehr angenehm, denn ich traf meine beiden Kollegen essend in einem Restaurant – Sam hatte den wilden Ritt mehr oder weniger problemlos überstanden, aber ich beneide ihn keinesfalls. Lieber genoss ich ein fünfhundertgrämmiges Riesensteak mit Pommes und ein Glas Wein – der Tag ist gerettet.

Km: 67‘040 (154)

Mi, 05.04.2017: Der erste grosse Andenpass

Ideales, strahlendes, aber kühles Wetter begrüsste uns heute Morgen, den ersten grossen Andenpass unter die Räder zu nehmen. Ich rüstete meine Jacke mit dem wärmenden Futter aus. Es war unschwer zu erkennen, dass es sich bei dieser Strassenverbindung um eine Hauptverkehrsachse handelt, denn es waren viele schwer beladene Lastwagen und schon beinahe ein Übermass an Motorradfahrern unterwegs.

Die Strecke führt durch ein recht weites Tal mit im Morgenlicht rötlich schimmernden, zerfurchten Felsformationen. Häufig sieht man auf der gegenüberliegenden Talseite die Überbleibsel einer aufgegebenen Bahnlinie, manchmal verschüttet durch Steinschläge. Schade, dass diese Bahnlinie geschlossen wurde, es wäre bestimmt ein touristisches Highlight, per Bahn über diesen Pass zu fahren. Wir machten einen Halt bei der Puente del Incas, bei der durch heisse Quellen ganze Felspartien gelb-orange verfärbt wurden. Vor hundert Jahren betrieb man hier mit dem warmen Wasser noch ein Heilbad, in dem Haut- und Geschlechtskrankheiten geheilt wurden. Heute ist die eigentliche Brücke leider abgesperrt und für Besucher aus „Sicherheitsgründen“ nicht begehbar – auch für uns… Dann bekamen wir Einblick auf den höchsten Berg Südamerikas, den über 6600 m.ü.M. hohen Aconcagua, natürlich schneeweiss und mächtig – und der gar nicht so schwierig zu erklimmen sein soll – wenn man dann die Höhe erträgt…

Auf 3100 m.ü.M. bringt den normalen Verkehrsteilnehmer ein Tunnel auf die chilenische Passseite. Sam und ich wollten auf der recht gut zu befahrenen Schotterpiste aber die Passhöhe des Paso de Libertadores auf 3800 m.ü.M. erreichen. Auf halbem Weg wurde ich erneut durch eine Panne gestoppt – mein billiges Kupplungskabel riss erneut, und zusammen mit Sam montierten wir ein improvisiertes Ersatzkabel, das bis Santiago halten sollte. Vor allem die Abfahrt auf der chilenischen Seite mit vielen Spitzkehren auf sandiger Piste war imposant. In Portillo, wo vor vielen Jahren einmal die Ski-WM stattgefunden hat, trafen wir wieder auf Martin, der sich hier mit einer besonderen Dame aus England unterhielt. Gaby ist alleine auf ihrer GS 650 unterwegs – und hat wohl halb so viel Gepäck dabei wie wir – ziemlich genial.

Je weiter wir Richtung Santiago fuhren, desto wärmer und verkehrsreicher wurde es. Zwischen Los Andes und Santiago befuhren wir eine Autobahn, und in der Hauptstadt gerieten wir in das abendliche Verkehrschaos. Vor allem steckten wir einige Zeit in einem von Abgasen stinkenden Tunnel fest, sodass sich bei mir die Platzangst regte und ich um die Autos Slalom fahrend hurtig zum Ausgang fuhr, wo ich auf die beiden anderen wartete. Wir stiegen erneut in einer typischen Unterkunft für Motorradfahrer ab, der Casa Matte, die mich an die Villa Kunterbunt erinnert, nur dass dieses Haus viel sauberer gehalten ist. Wir trafen hier auf einen jungen Berner Koch, der uns mit einem Eintopf aus Getreide und Gemüse kulinarisch verwöhnte. Dann sassen wir noch lange bei Bier, Wein und chilenischem Schnaps zusammen und erzählten von unseren Reiseabenteuern. Es wird wohl schwierig werden, all die Dinge zu erledigen, die ich mir für morgen vorgenommen habe.

Km: 67‘299 (259)

Do, 06.04.2017: Rallye in der Grossstadt

Trotz durchgezechter Nacht erwachte ich am Morgen relativ früh und fühlte mich fit, die geplanten drei grossen Besorgungen zu erledigen. Zuerst fuhr ich zum Nikon Center, wo ich hoffte, eine neue Nikon 1 zu finden. Aber es hatte nur die älteren Modelle an Lager, mit denen ich mich nicht wirklich anfreunden konnte. Aber ich wollte unbedingt eine neue Kamera kaufen, um weiter meinem Hobby auf der Reise frönen zu können. Schliesslich entschied ich mich für eine 5500, Spiegelreflex, noch relativ handlich, aber doch wesentlich grösser als die Nikon 1. Leider passt mein Zoom nicht auf diese Kamera, sodass ich jetzt mit zwei Kameras unterwegs bin, die neue wird für den häufigen Gebrauch sein mit einem Objektiv 18 – 55 mm, die Nikon 1 wird jetzt konstant mit dem Teleobjektiv ausgerüstet sein. Natürlich schmerzt mich die neuerliche finanzielle Belastung für diese Kamera empfindlich, weitere 1100 Fr. sind weg, die mir dann hoffentlich bei meiner Reise nicht fehlen werden…

Anschliessend fuhr ich im Slalom durch den dichten Verkehr Santiagos an den Stadtrand zum Hospital Aleman, wo ich zu einer Impfung gegen Gelbfieber kommen wollte, die ich sowohl für Brasilien als auch für Afrika benötigen werde. Dies funktionierte leider nur, indem mir eine überaus nette und hübsche Ärztin ein Rezept ausschrieb. Immerhin ist dieses beste Spital Südamerikas so gut organisiert, dass ich sofort einen Termin bekam, der aber nicht billig war – 60‘000 Peso – fast 100 Fr. Sogleich ging ich dann zur Impfstelle ganz in der Nähe, wo sich die reichen Chilenen momentan zu Hauf gegen Grippe impfen lassen… Nach ziemlich grossem Bürokram bekam ich dann die verlangte Spritze. Jetzt hoffe ich einfach, dass ich die Impfung gut vertragen werde – in fünf bis 12 Tagen könnten Nebenerscheinungen wie Fieber oder Müdigkeit auftreten. Die Impfung kostete mich nochmals über 50 Fr.

Ich fuhr jetzt zurück zu unserer Unterkunft, um meinem Handy etwas Strom zu gönnen. Ohne Navigationsgerät wäre es ziemlich mühsam, sich in dieser Stadt zu bewegen. Es war schon später Nachmittag, als ich mich aufmachte zur Avenida Lira, wo es Dutzende Motorradgeschäfte gibt. Ich hielt Ausschau nach einem günstigen Pneu, wollte eigentlich zwei Mitas kaufen, von denen ich aber keine fand, sodass ich mich für zwei Michelin Sirac entschied, die gleich montiert wurden. Zu Fuss eilte ich zu einem Yamaha-Ersatzteil-Händler, wo ich tatsächlich ein neues original Kupplungskabel fand, dass allerdings auch sehr teuer war – 52 Fr. Dieses wurde mir nachher vom Pneuhändler ebenfalls montiert. Nochmals 240 Fr. wurde ich für zwei Pneus und Arbeit los – eigentlich sehr günstig. In Australien zahlte ich nur für den Hinterreifen mehr als 240 Fr. – für einen Heidenau, der mir nur 9000 km gehalten hat. Ich hoffe, dass dies der letzte Boxenstopp bis Kolumbien war und die nächsten Wochen wieder etwas pannenbefreiter unterwegs zu sein.

Auf dem Rückweg belohnte ich mich in einem ultrakleinen Restaurant mit hervorragenden Acocado-Sushi und Lachs-Sashimi – ein Gedicht! Dann sassen wir dem Internet frönend noch lange in der Stube, in der eine alte Yamaha XT steht – die Casa Matte ist eine typische Unterkunft für Motorradfahrer.

Km: 67‘351 (52)

Fr, 07.04.2017: Schuhkabinett und Stachelland

Obwohl es heute Morgen zwischenzeitlich leicht regnete, entschlossen wir uns, schon heute die Hauptstadt Chiles wieder zu verlassen. Zuerst fuhr Samuel mit seiner Maschine in die Stadt, um die Rahmenhalterung seiner Riesenkoffer zu schweissen, während ich mich dem Tagebuch widmete. Es war schon zwei Uhr nachmittags, als wir die Casa Matte  endlich verliessen. Wir verabschiedeten uns von Martin und dem Gastgeber Christian und fuhren auf der Autobahn 57 zurück nach Los Andes. Hier durchfuhren wir ein dicht besiedeltes Tal mit vielen Quadratkilometern von Reben, manchmal abgetrennt durch Lehm-Clos.

In San Felipe ging es auf einer ausgezeichnet ausgebauten Strasse (D41) endlich etwas in die Hügel. Sofort änderte sich die Landschaft. Aus staubig trockenem Boden wachsen hohe Kakteen. Es war erstaunlich einfach, einen Lagerplatz zu finden. Nach einer kurzen Passfahrt verliessen wir die Strasse querfeldein auf einem Feldweg und befinden uns jetzt in einer Mulde inmitten von stachligen Büschen und Kakteen. Es hat aber auch eine Feuerstelle. Mittlerweile haben wir einen ausgezeichneten Riecher, wo wir ungestört unser Lager aufstellen können. Offenbar lagern hier manchmal auch Einheimische, den herumliegenden Petflaschen zu urteilen. Lustigerweise fanden wir ein ganzes Sortiment von alten Schuhen, dessen Sohlen von der Sonnenwärme skurril verformt wurden. Schräges Schuhkabinett. Noch mehr Freude hatten wir an den mächtigen Kakteen mit den extrem langen und stabilen Stachelnadeln, die wohl problemlos einen Pneu durchstechen könnten. Aber von diesem Ungemach sollten wir heute verschont bleiben. Vielmehr hatten wir bei Bier und untergehender Sonne unseren Spass mit diesen Stachelpflanzen, indem wir in besonderer Weise mit unseren Motorrädern posierten.

Dann wurde wieder einmal ein Feuer gemacht. Die entstandene Glut nutzen wir für ein neues Nudelgericht mit Auberginen. Dann sassen wir bei Wein noch lange am Feuer und verbrannten herumliegende Abfälle. Wir stellten fest, dass die alten Schuhe ausserordentlich gut brennen und überlegten uns, was für eine Geschichte diese Kleidungsstücke wohl hinter sich haben und warum sie gleich mehrfach herumliegen.

Jetzt ist es absolut ruhig, das Outback hat uns wieder. Wir beide ticken sehr ähnlich, das Reisen zu zweit funktioniert ausgezeichnet. Nach einigen etwas luxuriösen Tagen mit Martin sind jetzt wieder Naturtage angesagt.

Km: 67‘483 (132)

Sa, 08.04.2017: Wenn sich Kakteen und Reben ergänzen

Wir waren heute auf einer Strecke unterwegs, von der wir nicht wussten, was uns strassenmässig erwarten würde. Es war deshalb nicht erstaunlich, dass wir überhaupt keine Motorradreisende sahen, die wohl alle die Ruta 5 nehmen, aus Sicherheitsgründen, weil sie Weicheier oder GS-Fahrer sind.

Die grösste Herausforderung heute war wohl, den Lagerplatz zu verlassen. Der zum Teil steile und sandige Feldweg war zwar noch problemlos zu schaffen, aber zuletzt war ein steiles, kiesiges Stück zu bewältigen, das mir einige Mühe bereitete. Besser wäre ich wohl wie Sam offensiver gleichsam mit Vollgas über diese Stelle gebrettert, sah bei ihm ziemlich locker aus. Es war nicht erstaunlich, dass es kühl war, denn wir befanden uns auf über 1200 m.ü.M., dafür führte jetzt die Strecke in vielen Kurven bergab in eine mit Kakteen bestandene Schlucht. Das Land ist hier überaus karg. Die Hänge sind überzogen von hohen Stangenkakteen, manchmal scheinen sie zu blühen. Wir erfuhren später im Chinchilla Reservat, dass dies Schmarotzer sind.

Wir waren wirklich erstaunt über die gute Qualität der Strassen, die scheinbar kaum benutzt werden. Wir waren deshalb recht zügig unterwegs. In den Talsohlen und manchen Hängen werden Zitrusfrüchte und Avocados (?) angebaut. Drei Täler sind durch lange, einspurige Tunnels verbunden, in einem der drei drang Wasser ein, sodass wir uns ein Stückweit durch einen schlammigen Untergrund zu kämpfen hatten. In der entferntesten Gegend hatten wir auf vierzig Kilometern eine Schotterpiste zu befahren, die allerdings in gutem Zustand war, sodass wir fast gleich schnell wie auf Teer unterwegs waren. Um die Chinchilla in ihrem Reservat zu beobachten, waren wir zu früh. Chinchillas sind nachtaktive Tiere und verstecken sich des Tags, sodass wir sie nur auf Strassenschildern zu sehen bekamen. Je weiter nördlich wir kamen, umso interessanter wurde die Landschaft, denn neben kakteenübersäten Berghängen durchfuhren wir riesige Plantagen von Reben, und augenscheinlich lässt sich mit dem Wein recht gut verdienen, die Dörfer machen einen wohlhabenderen Eindruck als zuvor. Immer wieder kreuten wir eine alte, stillgelegte Eisenbahnlinie, die alten, ehrwürdigen, aber sehr dauerhaften Brücken scheinen sich nach Verkehr und der alten Zeit zu sehnen. Wirklich schade, dass die einmal sehr aufwändig erstellte Bahn offenbar nicht mehr einträglich zu bedienen ist.

Schliesslich erreichten wir Monte Patria, eine florierende Kleinstadt, wo wir einem Strassenhändler siebzehn an einer Schnur befestigte Seefische abkaufen. Wir lagern heute am Embalse La Paloma, einem Stausee, wo auch einige Chilenen campieren oder am Fischen sind. Leider erreichten wir diesen schönen Ort etwas zu spät, denn die Sonne war bereits hinter den Berghängen untergegangen, aber schnell war ein Feuer gemacht, über dem wir die Reyes grillten – ein kulinarisches Gedicht.

Km: 67‘828 (345)

So, 09.04.2017: Spinner- und Weintal

Die Elqui-Region um Vicuña ist bekannt als eine der besten Weinregionen Chiles. Die Landschaft ist aber geradezu unwirklich, denn eigentlich fallen hier so wenige Niederschläge, dass dies nie reicht, um Reben vernünftig wachsen zu lassen. Aber die mächtigen Andenberge mit den gewaltigen Gletschern bringen den staubtrockenen Tälern genügend Wasser, um die Talsohlen in saftig grüne Oasen zu verwandeln. Ausgeklügelte Bewässerungkanäle, ähnlich wie im Wallis, bringen sogar vielen Hängen genügend Wasser, dass Reben gedeihen können. Sobald das Gelände jedoch ohne Wasser bleibt, wachsen im besten Fall hohe, schlanke Kakteen, wie ich sie gestern schon gesehen hatte.

Das Tal zieht aber nicht nur Weinliebhaber an, sondern auch Sternkundler. Der meist wolkenlose Himmel lässt die Sterne auf der südlichen Hemisphäre besondern klar leuchten, deshalb hat es zum Teil futuristisch aussehende Observeratorien. Die Gegend ist aber auch bekannt für feinfühlige Menschen, die hier die kosmischen Energien besonders gut spüren und erfahren können, es sollen hier gar besonders oft UFOs gesehen worden sei. Nach dem Besuch eines Weinkellers (Cave de Valle) mit dem Degustieren einiger Shiraz- und Muscat-Weine machten wir uns auf die Suche nach einem Lagerplatz – eine Aufgabe, die uns normalerweise leicht fällt, aber diesmal waren wir erstaunt, dass auch in einem Seitental des Valle Elqui sämtliche mögliche Übernachtungsmöglichkeiten mit kleinen Häusern von kosmossuchenden Menschen besetzt waren, und als wir endlich einen Platz gefunden hatten, wurden wir von einem Englisch sprechenden Einheimischen gewarnt, dass wir wohl den Platz wieder zu verlassen hätten, weil wir auf dem Privatgelände eines 90-jährigen Opas seien, der die Polizei rufen wird, wenn er uns entdeckt – und Feuer machen gehe dann schon gar nicht.

Jetzt hocken wir hoch über dem Tal auf 1600 m.ü.M. oberhalb der Strasse inmitten verdorrten, abgestorbenen Stachelbäumen und Kakteen. Wir liessen es uns erneut gut gehen heute, denn nach der Weindegustation war es gerade recht, über dem Feuer wieder einmal ein Rindsfilet zu braten – zusammen mit dem gekauften Shiraz einfach hervorragend.

Heute Morgen entschlossen wir uns, auf die Küstenstadt La Serena zu verzichten und stattdessen von Ovalle Richtung Rio Hurtado zu fahren, entlang des Camino de los Estrellas. Dieses Tal war ebenfalls voll von saftig grünen Oasen, es ist offenkundig, dass der Weinanbau zu etwas mehr Lebensstandard verhilft. Wir begegneten einigen hübschen Dörfern und sogar grossen Feldern, auf denen mittels Fotovoltaik Strom gewonnen wird. Je länger wir heute fuhren, desto schmaler und staubiger wurde der Fahrweg. Wenig nach Hurtado ging es auf staubigem Schotterweg steil bergauf, und es wurde immer karger, dafür wurden wir mit herrlichen Aussichten auf Täler und Berge belohnt, manchmal erstaunlich verschiedenfarbig. Es ist offenkundig, dass das Gestein reich an Mineralien ist. Tatsächlich werden diese in Minen teils auch abgebaut. Schliesslich erreichten wir die Passhöhe auf über 2200 m.ü.M. Auch talwärts hatten wir Millionen von Kurven zu bewältigen. Herrliche Szenerie, unzählige Kakteen, und je weiter wir abstiegen, umso grüner wurde es, zumindest in der Talsohle, bis wir die unwirkliche Elqui-Region erreichten mit einem florierenden Vicuña, wo wir uns mit Fleisch und Kartoffeln eindeckten.

Wir sind jetzt nahe eines weiteren Highlights. Morgen geht’s über den Paso Agua Negra, über das „Schwarze Wasser“, einen 4700 m.ü.M. hohen Andenübergang. Ich freue mich vor allem über die Eisfelder, zudem nimmt es mich wunder, wie einfach Sams alte Honda diese Höhen bewältigen wird.

Km: 68‘048 (220)

Mo, 10.04.2017: Easy does it

„Easy does it!“ Diesen Aufkleber erhielten wir heute Nachmittag beim Aufstieg zum Paso Agua Negra von zwei Australiern, die per Fahrrad diesen 4753 m.ü.M. hohen Pass erklimmen wollten. Dieses Motto könnte wohl nicht zutreffender sein, wenn man unterwegs ist. Es ist so leicht, die verrücktesten Trips zu planen, aber Inhalt kriegen sie erst, wenn man sie macht! Auch der heutige Trip wird sich als ein weiterer Höhepunkt in mein Gedächtnis einbrennen, denn die Fahrt über diesen Pass war ein absolut einmaliges Erlebnis.

Auch heute Morgen liessen wir uns recht viel Zeit. Ich backte Brot, die letzten beiden Eier wurden verwertet. Erst um halb elf Uhr verliessen wir bei herrlichem Sonnenschein dieses Seitental des Valle Elqui. Bald hatten wir die Talsohle erreicht und fuhren jetzt in einem immer enger werdenden Tal frontal Richtung die höchsten Berge der Anden. Man stelle sich vor: Die Anfahrt zur Passhöhe ist 150 km lang und führt vergleichsweise durch die halbe Schweiz. Und so muss man sich auch die Berge vorstellen, die uns erwarteten. Zuerst wurde das Tal schnell staubtrocken. Ich wunderte mich über verlassene, verdorrte Rebenplantagen und zerrissene, beige, textile Windschutzplanen, die aus unerfindlichen Gründen aufgegeben wurden. War es wohl eine Überschwemmung oder schlicht Wassermangel, diese bereits seit wohl zwanzig Jahren stehenden Reben einfach austrocknen zu lassen? Heute präsentierte sich der hellgrüne Gletscherbach ganz friedlich. Zwar passierten wir noch einige intakte Rebenplantagen, aber der Glanz und die Perfektion des Valle Elqui fehlte. Das weite Tal verwandelte sich immer mehr in eine Schlucht, aber noch war die Strasse geteert, weshalb wir ganz gut vorwärtskamen. Nach neunzig Kilometern erreichten wir den chilenischen Zoll, und ab hier stiegen wir vor allem auf einer mehr oder weniger guten Schotterpiste konstant bergauf. Die Farben der immer mächtiger werdenden, wohl mineralienhaltigen Bergriesen erinnerten mich an Zuckerstengel, die ich früher auf dem Jahrmarkt gekauft hatte. Wir erreichten einen Stausee, und die Landschaft mit ihren braun-rötlich-orange-gelben Farbtönen erschien uns noch unwirklicher.

Vor allem waren wir gespannt, wie Sams Maschine die heute zu bewältigenden Höhenmeter schafft. Tatsächlich verminderte sich mit der Zeit deren Leistung, aber glücklicherweise war die Steigung nie übermässig gross. Wir passierten gefrorene Bäche, trafen kurz zuvor auf die beiden Australier. Kurz vor der Passhöhe erreichten wir die Eiszacken, eigentlich verblasene Schneefelder, die wegen der Sonneneinstrahlung sonderlich symmetrisch geformt sind und in der trockenen, toten Berglandschaft wie vergessene Riesenzähne eines verlorenen Andenraubtiers aussahen.

Auf der Passhöhe trafen wir auf den Landcruiser eines Engländers, mit dem wir die Aussicht auf dem Pass genossen. Es war mir nicht neu, wie man sich auf dieser Höhe fühlt. Jede Anstrengung vermeidet man besser, weil man sofort ausser Atem gerät. Weil es schon recht spät war, begannen wir wenig später mit der Abfahrt Richtung Argentinien. Die Schatten wurden immer grösser und verwandelten die Zuckerfarben mehr und mehr in ein gräuliches Braun. Es war jetzt einfach wichtig, noch so weit wie möglich talabwärts zu fahren, denn eine Nacht auf über 4000 m.ü.M. wollten wir uns nicht antun. Nach einigen Kehren fuhren wir lange durch ein Hochtal, wo offensichtlich ein Tunnel nach Chile geplant ist.

Früher als erwartet war die Strasse perfekt ausgebaut und geteert, sodass wir sehr gut vorwärtskamen. Nach einem Polizei-Checkpoint, wo unsere Passnummern aufgenommen wurden, sahen wir am Bergbach den schon von den Australiern beschriebenen grossen Lastwagen, der offensichtlich von einem Schweizer Paar geführt wird. Sofort bremsten wir ab und wollten diese interessanten Leute kennenlernen. So geschah es, dass vier Schweizer im Niemandsland zwischen den beiden Zollstationen die Nacht verbringen. Die beiden sind in ihrem MAN-Lastwagen schon seit zwei Jahren in Südamerika unterwegs. Natürlich wurden viele Reisegeschichten ausgetauscht. Biere und Wein wurden getrunken, gemeinsam gekocht. Vor allem spendete der Wohnraum dieses Lastwagens genügend Wärme, um bis in alle Nacht zusammenzuhocken. Als ich spät nachts mein Zelt aufsuchte, hüllte ich mich in mein sämtliches, zur Verfügung stehendes, wärmendes Material, aber die Nacht sollte unangenehm werden, denn es war saukalt.

Km: 68‘278 (230)

Di, 11.04.2017: Müde

Es ist nicht so sehr erstaunlich, dass man am Morgen etwas länger schläft, wenn man erst nach halb drei Uhr in den Schlafsack eingestiegen ist. Ich fragte mich, warum ich mich heute den ganzen Tag müde und ausgelaugt fühlte. War es die kurze Nacht? Oder der schlechte, unruhige Schlaf auf 2850 m.ü.M. bei eisiger Kälte mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt? Oder spüre ich die Auswirkungen der Impfung gegen Gelbfieber?

Auf jeden Fall war ich schon froh, als die Sonnenstrahlen endlich die Zeltwand erhellten und die Innentemperatur schlagartig um mehrere Grade stieg. Sam, Mark und Barbara waren schon wach und bereits wieder am Diskutieren. Es war natürlich äusserst nett, als mir ein Nespresso serviert wurde. Vor allem genossen wir die Sonnenstrahlen bei wolkenlosem Himmel an diesem idyllischen Ort im Niemandsland zwischen den beiden Grenzposten. Sam reparierte mit Marks Nietmaschine den Riss in einem seiner Koffer. Dann erschien ein Grenzwärter und erkundigte sich, ob wir heute noch vorhätten, zum argentinischen Zoll zu fahren. Dies hatten wir tatsächlich auch vor. Es waren nur noch sechsunddreissig Kilometer zu fahren, bis wir erneut zu einem neuen Papier fürs Fahrzeug und einem Stempel im Pass kamen. Hier trafen wir erneut auf den MAN-Lastwagen von Mark und Barbara. Gemeinsam beschlossen wir, nur noch 29 km bis zum Dique Cuesta del Viento zu fahren, um gemeinsam die Nacht bei diesem Stausee zu verbringen. Vom Wind zerpeitschte, sandig steinige, zerfurchte Hügel leuchteten in den bekannten Zuckerstengelfarben über dem unwirklichen Blau des Sees. Und tatsächlich fanden wir einen Platz in einer Bucht des Sees. Ich brauchte dringend eine Erfrischung und tauchte sofort in den höchstens 18°C kalten See auf 1900 m.ü.M., die Körperreinigung weckte neue Lebensgeister, und ich fühlte mich sofort wohler. Bei einem Bier sassen wir lange vor dem Camper-Lastwagen an der Sonne, genossen parlierend ein Bier.

Dann assen wir im Innern des Wagens eine neue Nudelvariation und sitzen jetzt am Lagerfeuer. Der Wind hat etwas nachgelassen, der Mond leuchtet glasklar über dem See, dessen Hügelzüge scheinen ganz nah zu sein. Ich scheine mich etwas erholt zu haben, nur der gestrige Dornenstich am Knöchel des linken Zeigefingers schmerzt nach wie vor, es ist nicht mehr so kalt wie gestern, ich werde wohl besser schlafen können. Ausserdem ist es erst kurz nach Mitternacht.

Km: 68‘348 (70)

Mi, 12.04.2017: Ein Tag am See

Eigentlich wäre geplant gewesen, heute weiter Richtung Norden zu reisen. Ich begann auch schon mit dem Zusammenpacken meiner Sachen. Am Frühstückstisch (!) beschlossen wir aber gemeinsam, bei diesem strahlenden Wetter noch einen weiteren Tag an diesem unwirklich aussehenden See zu verweilen. Dies war mir mehr als recht, denn noch immer fühlte ich mich nicht vollständig fit. Erstens habe ich meinem Körper einiges an Arbeit wegen der gespritzten Gelbfieberviren aufgegeben, ich fühle mich müde und fiebrig. Zweitens plagt mich der Dornenstich an meinem Zeigefinger. Ich weiss nicht, ob die Schmerzen von einem Resten des Dorns unter der Haut herrühren oder nur vom Gift, das der Stachel tief unter der Haut hinterlassen hat.

Am Morgen fuhr Sam nach Rodeo, um für Verpflegung für den Tag zu sorgen, während ich mich dem Sammeln von Holz widmete, wieder einmal per Motorrad. Diesmal zog ich das gesammelte Holz mittels Spannsets genügend stark zusammen, sodass ich auf der Rückfahrt von meinem angehängten Holz nichts verlor. Mark und Barbara waren in ihrem Kajak unterwegs auf dem See, waren aber wenig erfolgreich beim Fischen und kehrten wegen des aufkommenden Windes bald zurück.

Eigentlich hatte ich vor, im See zu schwimmen, aber im Verlaufe des Tages frischte der Wind auf, der einen schon ohne Wasser auskühlte. Die Sonneneinstrahlung war jedoch so stark, dass ich mir während des Liegens auf einem Liegestuhl (!) die Rübe verbrannte. Natürlich nicht wirklich vernünftig, wenn man gegen fiebrige Gelbfieberschübe kämpft. Aber es war doch sehr angenehm, den ganzen Nachmittag vor Marks Lastwagen zu faulenzen, etwas zu diskutieren und einfach die Zeit verstreichen zu lassen oder die Ameisen zu beobachten, wie sie Brotkrumen vom Morgen abtransportieren, häufig mehrfach so schwer wie sie selber und im Wind nicht einfach zu transportieren, weil das Brot wie ein Segel wirkt. Auf der anderen Seite des Sees beobachteten wir einige Kite- und Wind-Surfer, wie sie den böigen Wind für ihre Kapriolen nutzten.

Sam hatte zwei Kilogramm Rind eingekauft, das wir zusammen mit einigen Kartoffeln auf einer riesigen Menge von Glut auf Marks grossem Grill garten. Es war kühl am Abend, weshalb wir uns erneut in den Lastwagen verzogen und lange zusammensassen. Ich verzog mich als Erster in meinen Schlafsack, weil ich mich einfach nicht vollständig wohl fühle. Zu lästig, wenn man sich eingeschränkt fühlt, aber gleichzeitig doch weiterreisen will.

Km: 68‘351 (3)

Do, 13.04.2017: Angeschlagen

Ich fühlte mich auch heute Morgen nicht viel besser, war aber gleichwohl schon als Erster auf den Beinen, um ein weiteres Morgenfeuer zu entfachen, denn ich hatte schon am Vorabend ein Kilogramm Mehl in einen gut aufgegangenen Brotteig verwandelt. Vier grosse, flache, nahrhafte Brötchen entstanden und waren Grundlage für ein angenehmes Frühstück mit Salami, Käse und vor allem einem herrlich starken Nespresso.

Heute wollte ich von hier wegkommen. Barbara, die Ärztin, versorgte noch einmal meinen nach wie vor schmerzenden Finger, diesmal mit Zugsalbe, von der sie mir einige Würstchen mitgab. Es ist nur zu hoffen, dass nichts mehr von diesem Dorn in meinem Finger feststeckt.

Erst nach dem Mittag fuhren wir los, zuerst entlang dieses Stausees, dessen Ausgang in eine veritable Schlucht mündete mit Dutzenden vor Kurven auf recht gut ausgebauter Strasse. Ab San José de Jachal ging’s nordwärts bis Villa Union, zuerst über einen kleinen Pass (Ciénaga) mit herrlicher Aussicht auf rötlich schimmernde, zerfurchte Bergkämme, offenbar uranreich, denn auf vielen Steinen war mit Farbe geschrieben: „Uran No!“ – Man wehrt sich offenbar gegen dessen Abbau… Bald erreichten wir wieder die altbekannte Ruta Quarenta. Eigentlich wollten wir hier in einem kleinen Hotel unterkommen, aber die schöne Abendstimmung zwang uns beinahe, noch etwas weiter zu fahren. Im Norden ragte der schneebedeckte Rücken des Cerro Belgrano (über 6000 m hoch) zum Himmel, wir durchfuhren eine eigenartige Landschaft mit roten Felsen wie in Australien, wenn da die mächtigen Riesenkakteen nicht gewesen wären. Beinahe bei der Passhöhe auf 2020 m.ü.M. folgten wir der alten Passstrasse durch die Schlucht, dem Camino del Inca, bestaunten die Kakteen vor eigenartig dunkeloliv-grünlichen, verwitterten und zerfurchten Hügelkämmen.

Es war jetzt nicht mehr weit bis Chilecito, einer beschaulichen Kleinstadt in der Provinz La Rioja. In einer kleinen Hospedaje (Ruta 40) fanden wir ein günstiges Dorm-Zimmer für je 200 Pesos (12 Fr.) mit abgeschlossenem Parkplatz. Am Abend gingen wir aus zum typisch südamerikanischen Zentralplatz mit einem kleinen Ostermarkt. Wir assen eine recht gute Pizza mit einem grossen Salat und tranken ein Bier – immerhin darauf verzichte ich nach wie vor nicht. Man muss sich ja stärken…

Km: 68‘642 (291)

Fr, 14.04.2017: Impf-Fieber

Es war schon am Vorabend geplant, noch eine Nacht an Ort zu verbleiben. Ich fühlte mich denn auch schon am Morgen noch immer etwas kränklich und hatte tatsächlich etwas Fieber. So lag ich zeitweise im Bett, später aber auch am Computer, denn wir wollten wieder einmal Nachforschungen treffen, auf welche Weise wir in einigen Monaten den Atlantik Richtung Afrika überqueren wollen.

Schon bald erhielt ich eine Antwort von Mafra Tours, die mir vor drei Wochen noch Hoffnung gemacht hatten, dass ein Aussteigen in Dakar aus einem Grimaldi-Ro/Ro-Schiff möglich sein könnte. Dakar scheint momentan nicht erreichbar zu sein – ausser per Flug über Paris oder Lissabon, ein etwas unnatürliches Routing, auf das wir verzichten wollen.

Vor allem Sam schrieb heute weitere Frachtschiff-Reise-Gesellschaften an. Momentan ist es unsicherer denn je, wie und von wo wir Europa wieder erreichen werden. Vielleicht gibt es noch Möglichkeiten von Cartagena/Kolumbien, vielleicht sogar nach Tanger/Marokko. Wenn alle Stricke reissen werden, gibt es als Notlösung wohl nur die Möglichkeit, von Brasilien nach Lissabon zu fliegen – für Töff und uns.

Am Abend waren wir nochmals unterwegs in der Stadt, assen in der Vieja Molino zu Nacht und beobachteten auf dem Zentralplatz eine gediegen gestaltete, kleine Prozession – es ist ja wieder Karfreitag, scheint zu einer neuen Tradition zu werden, dass ich an diesem Tag einer Prozession beiwohne. Zuvorderst sassen in einem Ford Taunus ein Gitarrist und einige Sänger, die ganz feine, recht moderne Volkslieder sangen. Dahinter wurde das Leiden Jesu  von einem Statisten mit Kreuz dargestellt, kurz danach wurde sinnbildlich der gekreuzigte, golden verzierte Jesus in einer Vitrine von mehreren Männern getragen. Der Kreuzigungsgang wurde wie vor einem Jahr in Larantuka/Indonesien mit vielen Halten zelebriert, es wurde gebetet, gesungen. Natürlich endete der Zug bei der Parroquia Sagrado Corazon de Jesus, wo in der Kirche eine Messe zelebriert wurde.

Lustig fand ich ein Schaufenster mit Salomon-Werbung, unverkennbar mit riesigem Bild von Schäfler, Ebenalp und  Schrennenweg. Und dies in der äussersten Provinz Argentiniens...

Dafür fühlte ich mich jedoch zu müde. Schlaf wirkt normalerweise heilend, und darauf hoffe ich auch jetzt.

Km: 68‘642 (0)

Sa, 15.04.2017: Noch ein Ruhetag

Auch heute Morgen fühlte ich mich noch nicht viel besser, sodass wir einen weiteren Tag in Chilecito blieben. Sam kümmerte sich um einige Teile seines Motorrades, versucht vor allem, die Maschine noch besser höhentauglich zu machen, ich hatte einigen Nachholbedarf im Tagebuchschreiben.

Ich beschäftigte mich mit den Fotos der vergangenen Tage, schrieb am Blog Teil 32. Je später wir am Abend das kleine Hotel verlassen, desto belebter ist der Zentralplatz. In einer Resto-Bar ass ich ein Milanesa, wir tranken zwei dunkle Bier. Ich bin heute fieberfrei, aber noch immer nicht ganz auf dem Damm. Trotzdem sollte ich morgen bereit sein, endlich weiter nach Norden zu reisen – sofern das Wetter mitspielt – eine Störung ist angesagt…

Km: 68‘642 (0)

So, 16.04.2017: Dem Grau entflohen

Es liegt im Moment eine langgezogene Störung über Nordargentinien, der wir gestern wohl noch entkommen wären. Auch heute Morgen fühlte ich mich noch nicht ganz fit, aber ich wollte Chilecito unbedingt verlassen, auch wenn graue Wolken sich zu entleeren drohten.

Gleichwohl kamen wir erst nach elf Uhr weg, denn wir mussten uns mit frischen Vorräten, Benzin und Bargeld eindecken. Nicht überraschend war die Fahrt vorerst wenig Aufsehen erregend, die Ruta Quarenta führte über weite Strecken durch ausgetrocknetes Gelände geradeaus. Wenigstens wurden wir vom Regen verschont und kamen auf guter Strasse ausgezeichnet vorwärts auf unserem Weg Richtung Norden.

Kurz nach Belén gab es endlich ein paar Kurven durch ein weites Flusstal. In El Eje verliessen wir die Quarenta endgültig. Wir hofften, der Front ein Schnippchen zu schlagen, indem wir jetzt Richtung Westen auf die RP43 einbogen. Aber die Wolken hingen tief, und schliesslich fuhren wir durch feuchten, dichten Nebel, aus dem es leicht nieselte. Aber laut unseren Informationen verschiedener Wetterdienste sollten wir die Wolkendecke bald verlassen. Die Qualität der Strasse verschlechterte sich, die jetzt anzusteigen begann. Mehrere Male musste ein Flussbett mit Wasser durchquert werden – es musste also irgendwo geregnet haben.

Und dann kam der Silberstreifen am Horizont, und nach kurzer Zeit drang die Sonne zwischen den Nebelschwaden hindurch und verlieh einem beinahe ausgetrockneten Salzsee den schon lange erhofften, aber überaus überraschenden Glanz. Allerdings waren wir unterdessen so weit aufgestiegen, dass es empfindlich kühl war, zudem blies ein scharfer Wind, der wohl verantwortlich war, dass es wenig später wolkenlos war. Es war, als ob die letzten Gelbfieberviren reissaus nahmen, sogar mein Stachelfinger schien weniger zu schmerzen, ich wurde durchströmt von einer tiefen Freude über diese mondähnliche Landschaft und das klare Wetter. Bald hatten wir auf einer nicht einfach zu befahrenen, sandigen Piste die Laguna Blanca erreicht, notabene auf unterdessen 3250 m.ü.M.. Wir fuhren querfeldein hinter einen Hügelkamm, wo es beinahe windstill war. Die Sonne war bereits am Untergehen hinter einem verschneiten Fünftausender im Westen, ich war aber schon unterwegs zur Laguna, wo ich Dutzende von pinken Flamingos beobachten und fotografieren wollte. Für den perfekten Shot ging die Sonne aber einen Moment zu früh unter, aber die Abendstimmung mit den hellbraunen Bergketten, dem drohenden Nebel im Osten, dem gräulich-braunen Wasser der Laguna war auch so genial.

Sam hatte unterdessen bereits einen Haufen Holz gesammelt, wiederum nur kleine, knorrige Stücke. Die Feuerstelle bei einem ausgehöhlten, riesigen Findling könnte perfekter nicht sein, denn die Wärme der Flammen werden vom Fels zu uns zurückgeworfen. Ich lehne momentan an diesem Brocken, zu meiner Linken glühen die letzten Holzresten und geben wohlige Wärme ab. Natürlich waren heute wieder einmal Pasta angesagt, die wie immer wunderbar gelangen. Es ist absolut ruhig hier oben, Millionen von Sternen sagen dir wieder einmal, was für eine unwichtige Rolle du im Universum spielst, aber der Moment ist doch genial, auch wenn mich eine kalte Nacht erwartet.

Km: 69‘009 (367)

Mo, 17.04.2017: Von Mondfahrten und Höhlenbewohnern

4010 m.ü.M. – eigentlich erwarte ich eine mehr oder weniger schlaflose Nacht mit den bekannten Japs-Attacken, aber wenigstens ist es nicht kalt, obwohl draussen ein scharfer Wind über den Salaar del hombre muerte zieht. Unser Übernachtungort könnte spezieller nicht sein. Wir haben unser Lager in einer Höhle aufgeschlagen, in der es wenigstens windstill ist. Vor dem Höheneingang flackert noch ein Feuer, dessen Wärme heizt das Innere der Höhle etwas auf, vor allem wird aber der Nebengeruch der uralten Lama-Exkremente übertüncht. Es ist staubig, aber wir sind von den Wetterunbillen geschützt.

Wir befinden uns in der Mina Incahuasi, einer alte Ruinenstadt, die einmal floriert haben muss, als noch Kupfer abgebaut wurde. Heute ist die Szenerie unwirklich, wenn nicht sogar unheimlich. Es würde mich nicht wundern, wenn irgendwelche alte Minenseelen in Höhlen und verlassenen und zusammengefallenen Steinbauten herumgeistern würden. Auch auf dieser Höhe ist es uns gelungen, ein Feuer zu entfachen, dank eines liegengebliebenen Palettes und etwas Kleinholz. In Antofagasta de la Sierra, einem Dorf mitten in den Hochanden Argentiniens, konnten wir etwas Schinken und Käse kaufen für Pasta à Carbonara, aber die Nudeln blieben auch nach zwanzig Minuten Kochen pappig, weil das Wasser auf dieser Höhe einfach nicht genügend heiss wird, um Nudeln auch wirklich zu garen.

Es war ein Tag, an dem ein Höhepunkt den nächsten jagte. Von allem Anfang an wähnte ich mich auf dem Mond. Stundenlang fuhren wir durch eine Bergwüste, nur selten unterbrochen durch überraschend auftretendes Wasser, das wenigstens Leben für ein paar Grasbüschel oder manchmal tatsächlich kräftig strotzende Pappeln spendet. Das wenige Leben zieht immer auch weiteres an, entweder Menschen, die tatsächlich auch auf diesen unwirtlichen Höhen eine Lebensgrundlage finden können – oder dann sind es Guanacos oder Lamas, die sich an dem wenigen, stachligen Grün gütlich tun.

Die morgendliche Fahrt führte zuerst zurück zur Hauptstrasse. Verwirrte Guanacos ergriffen die Flucht vor unseren ratternden Maschinen, dann führte die recht gut ausgebaute Strasse bald regelmässig bergauf, bis wir zum ersten Mal die 4000 m.ü.M. erreicht hatten. Erneut war die Aussicht auf die verschiedenfarbigen, mineralienreichen Berge der Umgebung atemberaubend. Ich hielt immer wieder an, um zu fotografieren. Gerne hätte ich auch gefilmt, aber meine GoPro gab heute ihren Geist auf. Zuerst ärgerte ich mich über die Macken der SD-Karte mit den Error-Meldungen, aber irgendwann liess sich die Kamera nicht mehr starten und die Akkus nicht mehr laden.

Wir erreichten mit El Peñon ein überraschend grosses Dorf mit Fussballplatz (!) mit einem schreienden Esel, vor allem aber vielen Lamas, die das relativ saftige Gras genossen. Wir stiegen ab auf eine steinige Hochebene, Sam übte sich im Fahren auf dieser Steinwüste, ich versuchte, den immer übler werdenden Wellblech-Abschnitten konstant kurvend auszuweichen. Dann erreichten wir eine Region mit brandschwarzen Vulkanen, von denen mehrere erst kürzlich aktiv gewesen sein müssen, denn riesige Brocken von schwarzer Lava säumen die Strasse. Sam versuchte einen dieser Schutthügel fahrend zu erklimmen, scheiterte aber wegen zu tiefen Sandes und legte seine Maschine hin. Ich machte es nicht besser, als ich die Piste verlassen wollte über herausgepfadete Sand- und Kiesresten am Strassenrand.

Ab Antofagasta de la Sierra wurde die Szenerie noch atemberaubender, aber auch schwieriger zu befahren. Nackte, orange, zerfurchte Felsen lagen wie vergessen in der gewellten Wüstenlandschaft, die am Morgen noch weit entfernten, schneebedeckte Riesenmonster von Bergen kamen immer näher. Gegen Abend wurde es immer kälter, als wir die Unendlichkeit der Sand- und Kiesberge auf 4500 m.ü.M. ad absurdum führen wollten. Wolken stahlen uns die Sonne, sodass uns der Wind zu erstechen versuchte. Aber dann frass die Sonne die grauen Unheilbringer auf, und sofort machten wir uns auf die Suche nach einem windgeschützten Lagerplatz und wurden eigentlich schon fündig. Das Bier war schon geöffnet, als wir auf der Karte sahen, dass wir nur noch zehn Kilometer von dieser Ruinenstadt entfernt waren. Eigentlich dachten wir, in einem verfallenen Haus einen windgeschützten Platz zu finden. Ich fand bald die Höhle, in der wir jetzt hausen (hoffentlich werden wir von keinem Puma heimgesucht…), die Umgebung ist voll von Minen, sodass wir bald weitere Löcher fanden, die aber entweder zu eng oder zu abenteuerlich zu erreichen sind, zumindest per Töff.

Jetzt lehne ich am Fels in der Höhle, er scheint meinen Rücken auszukühlen, nicht wirklich nett, denn er ist von der heutigen frischen Fahrt verspannt und sehnt sich jetzt mangels Massage nach einem warmen Schlafsack – wie mein ganzes Ich. Viel weiter entfernt von jeglicher Zivilisation kann man nicht sein, weitere dreihundert Kilkometer durch dieses Hochland werden uns morgen erwarten. Was für ein Erlebnis! Es ist schon unglaublich, wie ich mich auch nach beinahe zwei Jahren Reisen immer und immer wieder begeistern kann, auch wenn der Massstab immer höher wird.

Km: 69‘243 (234)

Di, 18.04.2017: Eiszapfen und Salzsee

In unserer Höhle war es beinahe windstill und vergleichsweise mild, zusätzlich zu meinen beiden Schlafsäcken legte ich auch meine Töffklamotten über mich, um mich zusätzlich zu wärmen. Es war aber nicht die Kälte, die mich schlecht schlafen liess, sondern die dünne Luft auf über 4000 m.ü.M. Zwar litt ich nicht unter Atemnot, aber ich schlief äusserst unruhig, und das Wechseln der Schlafposition war jedesmal umständlich, weil es gewohnt eng ist in gleich zwei Schlafsäcken und die Kleider über mir ihre wärmende Position verloren.

Momentan habe ich das Gefühl, dass mich der Winter wie ein hungriger Krake mit seinen Fangarmen verfolgt und und jeden Tag neu packen will. Zwar sind wir fast konstant Richtung Norden unterwegs, aber es ist und bleibt sehr kalt – kein Wunder, wenn man sich in solche Höhen begibt. Heute Morgen war zum ersten Mal das Wasser am Ausfluss meines Wassercontainer gefroren, es hatte sich ein Eiszapfen gebildet. Glücklicherweise war noch etwas Holz übrig von den gestern gefunden Paletten, Wärme wirkt belebend, ein heisser Kaffee und Spiegeleier ebenfalls, aber ich war langsam unterwegs heute Morgen, jeder Schritt schien mir zu viel. Ich war müde, weil ich schlecht geschlafen hatte, zudem hämmerte es in meinem Schädel. Dafür freute ich mich, dass ich meine GoPro wieder zum Laufen brachte.

Wir verliessen die verfallene und verlassene Ruinenstadt auf sandigen und ausgewaschenen Wegen (wo ich meine Maschine wieder einmal hinlegte…) und folgten dem salzig-weissen Weg entlang des Salaar del hombre muerte bis zum kleinen Friedhof ausserhalb der Stadt und hofften zu erfahren, wann an diesem trostlosen, eisigen Ort gelebt und wann er aufgegeben wurde. Offenbar wurde hier einmal Gold abgebaut, die jüngste Grabsteininschrift stammt aus dem Jahre 1959, ist also noch gar nicht so lange her, seit Menschen hier eine Existenz aufbauten und mit Gold reich zu werden hofften.

Quer durch den Salzsee führt eine allerdings abgesperrte, schnurgerade Piste, der wir für einige Minuten folgten. Aber auf halbem Weg schien sich der See gleichsam übergeben zu haben. Gefrorene, braun-weisse Schollen verhinderten ein Weiterfahren. Sam nutzte eine Abkürzung zum Rand des Sees, während ich zurückfuhr und die sichere Möglichkeit nutzte. Wir folgten der RP43 am Rande des Salzsee, meist sehr ruppig mit unangenehm tiefen Wellblech-Abschnitten. Manchmal hatte sich durch das Salz aber auch eine glatte Wegoberfläche gebildet, wunderbar zum Befahren. Am Ende des Sees wurden wir überrascht durch einige passierende Lastwagen, die offenbar unterwegs zu neueren Minen waren. Das Land hier ist sehr reich an Bodenschätzen, es wird Gold, Silber, Kupfer, Platin, Lithium, Uran abgebaut. Wir profitierten von der recht guten Strassenqualität, aber von Westen her zog eine steif-eisige Brise heran, meist mehr Sturm als Wind, der uns zu durchbohren versuchte. Zudem wurden dunkle Wolken herangeblasen, welche die Sonne verdeckten und das Fahrerlebnis noch mehr einschränkten. Es war einfach den ganzen Tag saukalt, und wir bewegten uns fast nie unter 4000 m.ü.M. Zudem war die Schotterpiste sehr heimtückisch zu befahren. Sandabschnitte drohten, das Wellblech schien den Takt meines Kopfhammers zu kennen.

Immer wieder passierten wir neue Salzseen, die zuweilen im Sonnenlicht glitzerten, der Sturm hatte orange-rote Sanddünen aufgeworfen. Die dunklen Wolken schienen uns zu verfolgen. Erst als wir auf die RP129 abschwenkten, veränderten sich das Wetter und die Landschaft schlagartig zum Angenehmen. Man sieht es den eigenartig vschiedenenfarbigen Felsen förmlich an, dass sie mineralienreich sind. Nur der Wind blieb uns treu, aber jetzt blies er in den Rücken. Kurz vor San Antonio de los Cobres wurden wir förmlich den Abra Gallo (4630 m.ü.M.) hochgetrieben, allerdings immer wieder eingenebelt durch aufgewirbelten Staub, aber die Strasse war erstaunlich gut und die Aussichten wirklich sehenswert.

Jetzt sind wir aber froh, in einer gedeckten Unterkunft zu sein. In La Esperanza bewohnen wir ein einfaches Zimmer (350 P. zusammen), wir haben einen Lama-Znacht gehabt. Kopfschmerzen sind weg, aber ich habe mir wegen des kalten Windes eine Augenentzündung geholt, weil ich zu oft mit offenem Visier gefahren bin, weil es unterdessen so zerkratzt ist, dass meine Sicht eingeschränkt ist, wenn es geschlossen ist. Definitiv der Zeitpunkt, mein Ersatzvisier zu montieren, das ich von der Schweiz mitgenommen habe.

Ich bin gespannt, wie ich diese Nacht schlafe, denn noch immer ist die Luft dünn, wir befinden uns auf 3700 m.ü.M.

Km: 69‘498 (255)

Mi, 19.04.2017: Schnee in der Nacht

Auch im Haus war die Nacht kalt, aber die schweren, peruanischen Wolldecken spendeten genug Wärme. Wir staunten nicht schlecht, als wir am Morgen die Dächer des Dorfes frisch verschneit sahen. Aus blauem Himmel schneite es nach wie vor immer wieder ganz leicht.

Wir hatten also wieder einmal alles richtig gemacht – oder auch einfach Glück gehabt. Denn eigentlich wussten wir aus den Wetterkarten, dass es am Mittwoch Schnee geben kann, deshalb waren wir gestern auch zügig unterwegs und wollten San Antonio de los Cobres unbedingt erreichen, aber schliesslich war es die erstaunlich gute Strassenqualität, dass wir es überhaupt schafften. Und jetzt wollten wir uns gar nicht vorstellen, was für ein Erwachen es gewesen wäre mit zwanzig Zentimeter Neuschnee auf dem Zelt, und dies bei mehreren Minusgraden…

Als wir uns zum Frühstück setzen wollten, zitierte uns der Chef des Hauses gleich zu unseren Motorrädern, die beide auf der Seite lagen und nur haarscharf die Seitentüre eines Autos verpasst hatten. Zuerst glaubten wir, dass der Wind der Übeltäter war, aber schnell sah ich, dass Sams Hinterreifen platt war, deshalb nicht mehr stand auf dem Seitenständer, zur Seite kippte und auch mein Motorrad umriss.

Ich hatte schon vorher beschlossen, noch eine Nacht in diesem kalten Ort zu bleiben. Sam wollte eigentlich einen Trip auf den höchsten Pass der Quarenta machen, aber dieser verzögerte sich jetzt, weil er den Schlauch zu reparieren hatte, und als er endlich losfuhr, war er bald wieder zurück, weil das Schneegestöber am Pass nach wie vor im Gang war. Ich fand Zeit, meine dauerbenutzten Pullover wieder einmal auszuwaschen und einem Grossflicken zu unterziehen. Dann sichtete ich die vielen Fotos der vergangenen Tage.

Am Abend schlenderten wir durch die schön und neu angelegten Gassen dieses Dorfes, es war eiskalt, die immer gleichen Läden war jetzt geöffnet, vitaminreiche Nahrung zu finden ist schwierig, weil alles mühsam hierhergekarrt werden muss, aber wir fanden ein wunderbar geheiztes, kleines Restaurant (Quinoa Real), wo wir einen ausgezeichneten Vorspeiseteller serviert bekamen. Das Bife mit Quinoa als Hauptgang war so stark gewürzt, dass sich jetzt eine Stunde später bereits mein Magen regt, der offenbar wieder einmal nach einer Generalreinigung verlangt…

Km: 69‘498 (0)

Do, 20.04.2017: Brückenkapriolen und Übernachtung am argentinischen Zoll

Der Magen verhielt sich während der Nacht wider Erwarten ruhig, dafür blieb ich wegen Japs-Attacken zwischen halb drei und fünf Uhr schlaflos. Zu unangenehm, das Gefühl zu haben, beim Atmen nicht genügend Sauerstoff aufnehmen zu können. Dafür hatte über Nacht der Wind etwas nachgelassen, beinahe sämtliche Wolken hatten sich verzogen, aber alle Berge der Umgebung waren weiss überzuckert.

Um zehn Uhr waren wir bereit, folgten nochmals der Ruta Quarenta, weil wir dem siebzig Meter hohen Eisenbahn-Viadukt La-Polvorilla einen Besuch abstatten wollten. Auf dem Weg trafen wir unglaublicherweise nochmals auf Barbara und Mark aus Solothurn. Die Brücke ist heute eine Touristenattraktion, die tatsächlich per Bahn erreicht werden kann, die in weniger als einer Stunde ankommen sollte. Das interessierte uns weniger als die raffinierte und schlanke Stahlkonstruktion, die uns beinahe einlud, zumindest die untersten Verstrebungen zu erklimmen. Dabei liessen wir es bewenden und folgten dem Fussweg hoch zur Brücke. Mark und ich überquerten den schmalen Steg, in der Hoffnung, dass jetzt hoffentlich kein Zug kommt. Ich mochte nicht denselben Weg zurückgehen und stieg über eine rutschige Geröllhalde bergab. Barbara offerierte mir einen himmlischen Nespresso, dann zogen Sam und ich von dannen, denn irgendwelche Touristenhorden konnten uns gestohlen bleiben.

Bald hatten wir die RN51 erreicht, die jetzt überraschend bis auf fast 4500 m.ü.M. anstieg. Natürlich hatten wir unterdessen die Schneegrenze längst überschritten, aber die Schotterstrasse war aper, weil sie nicht nur vom Schnee, sondern auch von unebenem Gravel befreit wurde. Es war heute weit weniger kalt als erwartet. Wir durchquerten erneut einen riesigen Salar. Hier musste Sam anhalten, denn sein Hinterreifen hatte offensichtlich Luft verloren. Er pumpte den Reifen mit meiner geerbten, automatischen Pumpe auf, in der Hoffnung, dass er bis zu unserem Lagerplatz halten würde.

Aber wir fuhren nicht mehr weit. Am argentinischen Zoll wurden wir zurückgehalten, eine Weiterfahrt untersagt, weil es in den Bergen noch zu viel Schnee und Eis habe, dabei hatten wir heute Morgen extra bei der Polizei in San Antonio de los Cobres nachgefragt, ob der Paso Sico offen ist. Die Zollbeamten waren aber so nett, dass sie uns eine unentgeltliche Unterkunft anboten (!), dies passte uns ganz gut in den Kram, denn uns erwartete eigentlich eine Nacht im Freien auf über 4000 m.ü.M. bei mehreren Minusgraden, sodass wir ganz dankbar für ein sogar geheiztes Zimmer waren. Zudem war Sams Reifen bereits wieder platt, den er jetzt in aller Ruhe reparieren konnte.

Allerdings fühlt er sich schon den ganzen Tag nicht ganz fit, jetzt liegt er etwas fiebrig im Bett. Nach einem Spaziergang auf einen nahen Steinhügel bei herrlichem Abendlicht war es an mir zu kochen. Da sah ich einen Wolf, der in den Abfällen der Müllkippe der Zollbeamten wühlte und nach etwas Essbarem suchte. Ich nutzte die grosse Küche, um unser Material wieder einmal etwas zu reinigen. Mit der Kocherei war es so eine Sache, Nudeln sollte man auf dieser Höhe gar nicht zuzubereiten versuchen, weil auch die beste Sauce die entstehende Pampe nicht in ein Gedicht verwandelt.

Morgen werden wir Argentinien zum letzten Mal in Richtung Chile verlassen, hoffentlich auf dem geplanten Weg über den Paso Sico. Vielleicht erwarten uns da einige Schneeabenteuer…

Km: 69‘642 (144)

Fr, 21.04.2017: Verschneite Wüstenlandschaft

Es war ein Glück, auf dieser Höhe in einem geheizten Zimmer übernachten zu können, denn es war sehr kalt. Allerdings kämpfte ich erneut mit Atemstörungen, sodass ich einige Stunden wach lag und am Morgen dementsprechend unausgeruht war.

Am Zoll begannen dann die langwierigen Diskussionen, ob wir wegen des offenbar noch liegenden Schnees und Eises für diese Passfahrt die Bewilligung erhalten würden. Eigentlich wurde uns die Weiterfahrt aus Sicherheitsgründen schon verweigert, als wir vor dem Zollgebäude mit der zuständigen Person weiter diskutierten, Sam meinte, dass wir es einfach versuchen wollten, ich zeigte ihm einige Bilder von überstandenen, etwas wilden Trips auf meinem Handy, und schliesslich meinte er: „Pero despacio!“

Diese Aussage war wie Signal für all die Anlaufstellen beim Zoll, an dem die argentinischen und chilenischen Stellen zusammenarbeiteten, all den Papierkram zu erledigen. Und um elf Uhr sollte es endlich losgehen. Die zwölf Kilometer bis zur offiziellen Grenze auf guter Schotterpiste war noch problemlos zu bewältigen, nach der Grenze war gar ein Stück, breit wie ein Boulevard, geteert (!), aber jetzt wartete der tief verschneite Abra El Laco (4562 m.ü.M.) auf uns. Dieser Strassenabschnitt ist momentan im Bau, sodass wir auf eine schmale Umfahrungsroute geleitet wurden, die meist schneefrei war. Aber der Wind verschüttete viele Stellen mit knietiefem Schnee, jetzt glücklicherweise nass. In der Spur zu bleiben war gleichwohl schwierig. Am besten gelangen die Durchfahrten im Schnee neben der Spur. Einmal drehte es mich um neunzig Grad, aber ich konnte meine Maschine noch knapp halten. Sam kämpfte zusätzlich zum Schnee mit der schwachen Motorenleistung seiner Honda auf dieser Höhe und war etwas schneller unterwegs, sodass es ihn zweimal hinlegte, einmal als die Hilfsspur unvermittelt durch tiefe Schneemaden auf die Hauptstrasse führte. Ich konnte noch abbremsen und mir eine Spur mit vergleichsweise wenig Schnee aussuchen und schaffte dies erstaunlich gut. Sam hatte seine Maschine schnell wieder aufgestellt und konnte sich aus dem Schneeloch trotz seiner beinahe profillosen Reifen erstaunlich leicht befreien.

Aber die Passhöhe war jetzt geschafft, auch dank einiger gepfadeter Abschnitte beim Aufstieg. Dreissig bis fünfzig Zentimeter Schnee wären wohl zu viel gewesen, um sich irgendwie durchzuwuseln. Wir hätten auf die Hauptstrasse und durch schneeärmeres, offenes Gelände ausweichen müssen. Lange Zeit verlief die Fahrt durch diese wundersame, beschneite Landschaft immer noch deutlich über 4000 m.ü.M., immer wieder waren Schneeabschnitte zu bewältigen, die aber allmählich seltener wurden. Wir hatten die Überfahrt also relativ gut ohne schwerwiegende Probleme geschafft. Wir erreichten die hellblaue, vereiste Laguna Tuyaito mit einem riesigen, weissen Vulkan im Hintergrund und waren überrascht, dass hier gleich mehrere Tourbusse parkten mit vielen weiblichen, netten Touristinnen, die sich über den dünn verschneiten Hang bis hinunter zum See wagten. Wir waren vor allem zufrieden mit der Szenerie und dem über die Grenze geschmuggelten Salami und argentinischem Zopf. Wenig später wollte ich eigentlich auch bei der Laguna Agua Calientes anhalten, aber hier hatte es mir einfach zu viele herumspazierende Touristen, um die unwirkliche Landschaft mit den sich im hellblauen Wasser spiegelnden, roten Felsen zu geniessen. Dass wir mit San Pedro de Atacama uns einem touristisch stark entwickelten Ort näherten, merkten wir spätestens dann, als wir uns zwei weitere Lagunen anschauen wollten, für die man tatsächlich Eintritt verlangte. Die Laguna Miscanti und die Laguna Miñiques sind von mächtigen, schneebedeckten Vulkanen umgeben. Das Blau der Seen wirkt in der winterlichen Landschaft noch tiefer und unergründlicher, aber auch hier waren wir bei weitem nicht die einzigen Besucher. Wenn man lange Pionier war, will man es immer sein, aber dies ist hier offensichtlich nicht mehr möglich.

Auf geteerter Strasse durch eine Steinwüste auf jetzt deutlich unter 3000 m.ü.M. erreichten wir San Pedro de Atacama, ein Ort vollgepfercht mit Touristen, an dem es nicht einfach war, eine günstige Unterkunft zu finden. Gleich dreimal umrunden wir im Einbahnverkehr den dicht bevölkerten Ort, als Sam seinen platten Vorderreifen bemerkte und diesen am Rande einer belebten Strasse zu reparieren hatte, während ich im Eden Atacameño ein Doppelzimmer mit schönem Innenhof und abgesperrtem Parkplatz bezog. Wir peilten jetzt El Churruá, eine kleine Pizzeria an und im dichten Menschengewirr in den Gassen unglaublicherweise erneut auf Mark und Barbara stiessen. Die Pizza zu viert war gut, der Drink später in einer Bar noch besser. Es wird wohl doch nicht so schwierig sein, sich an diesem Ort wieder einmal etwas zu sozialisieren, die Annehmlichkeiten westlicher Zivilisation zu geniessen.

Km: 69‘885 (243)

Sa, 22.04.2017: Feuertaufe und Schweizer Treff

Ich schlief wieder einmal richtig gut, weil ich mich nur noch auf 2450 m.ü.M. befinde und die Luft wieder sturzi-verträglicher ist. Nach einem angenehm guten Frühstück begleitete ich Sam in den Gassen San Pedro de Atacama. Wir hatten völlig atouristische Absichten und suchten zwei Ferreterias auf, wo Sam nach einem Gewindeschneider und anderen Hilfsmitteln suchte, um die Richteschraube am Vergaser so verändern zu können, damit seine Maschine in der Höhe nicht so schnell müde wird. Es war nicht einfach, die verlangten Artikel auf Spanisch zu beschreiben. Schliesslich half eine Zeichnung, aber die gewünschten Teile waren nicht verfügbar.

Aber statt einen Bus ins hundert Kilometer entfernte Calama zu nehmen, um dort vielleicht zu den gesuchten Teilen zu kommen, entdeckten wir auf dem Rundgang durch den Ort Marks und Barbaras Lastwagen. Sie hatten bereits Gesellschaft von einem Paar aus St.Margrethen, Bettina Mattle und Hanspeter Eberhard und ihrem Sohn Linus. Wir machten mit unserer Gegenwart den Schweizer Treff perfekt. Den ganzen Nachmittag blieben wir schwatzend auf diesem eigentlich nicht wirklich gediegenen, staubigen Platz. Unterhalten wurden wir von einer Feuerwehrübung, bei der vier Kandidaten ihre Feuertaufe zu bestehen hatten, im wahrsten Sinne des Wort, denn sie hatten durch Feuerringe und vorbei an brennenden Pneus zu rennen und wurden ordentlich eingenässt.

 

Schliesslich war es Abend, wir waren längst hungrig, sodass wir die schon gestern besuchte Ayllu-Bar besuchten, wo wir ein grosses Menu mit viel Fleisch, unter anderem Llamo-Carpaccio bestellten. San Pedro de Atacama ist allerdings ein relativ teures Pflaster mit beinahe europäischen Preisen – den vielen Touristen sei Dank. Und doch war es ein sehr angenehmer, fauler Tag bei mildem Sonnenschein, ideal um neue Kräfte für die kommenden Abenteuer zu tanken.

Km: 69‘885 (0)

So, 23.04.2017: Wieder einmal eine Spur von „Absturzi“

Die Geschichte des Tages ist schnell erzählt. Ich setzte meinen Blog Teil 32 online, besuchte am Nachmittag nochmals Barbara und Mark, bei denen ich ein Bier trank und nochmals zu 300 US$ kam, weil ich sie per Bancomat mit chilenischen Pesos versorgte.

Am Abend besuchten wir zusammen mit dem Spanier Roq ein altes, typisches chilenisches Restaurant, wo uns nochmals eine üppige Fleischportion aufgetischt wurde. Ich kam mir vor wie in einer Hafenkneipe vor hundert Jahren, alles war etwas heruntergekommen, und als dann auch noch drei Chilenen auftraten und alte einheimische Volkslieder zum Besten gaben, war die Stimmung perfekt. Der gut spielende Gitarrist hätte seine Musik eigentlich gerne verstärkt, aber das Gerät funktionierte nicht, sodass stattdessen halt umso lauter und herzergreifender gesungen wurde. Zum ersten Mal erlebte ich südamerikanisches Temperament, das noch verstärkt wurde durch zwei junge Einheimische, die (für mich) in komplizierten Schrittfolgen einen offenbar traditionellen Tanz vorführten.

Roq, Barbara und Mark zogen irgendwann von dannen, Sam und ich blieben zurück und kamen in Kontakt mit den Mitgliedern der Band. Sam versuchte sich in Spanisch, der Lärmpegel wäre für mich auch für deutsches Geschwätz zu hoch gewesen, um mehr oder weniger intelligent zu parlieren, denn unterdessen hatte ein uruguayanischer Sänger die Bühne betreten und setzte die Kneipenshow fort. Nach einem weiteren Drink machten wir uns erst weit nach Mitternacht auf den Heimweg. Genau diese Art Erlebnis fehlte bis jetzt auf diesem Kontinent. Begeisterndes Temperament mit perfekt passender Musik!

Km: 69‘885 (0)

Mo, 24.04.2017: Calama statt Chuquicamata

Ich wollte heute Sam nach Calama begleiten, um an einem Ausflug nach Chuquicamata, der grössten offenen Kupfermine der Welt, teilzunehmen. Sam wollte in der Stadt danach auch noch einige Ersatzteile für seine Maschine besorgen.