Teil 28: Australien V

Noch immer befinde ich mich in Australien, Teil 28 unterschied sich jedoch grundlegend von Teil 27. Gleich zwei alte Freunde leben heute im Raum Brisbane. José kenne ich seit 1990, und bei ihm verbrachte ich Weihnachten und den Übergang ins Neue Jahr. Ich fühlte mich hier überaus gut aufgehoben. Danke José! Ebenso spannend war der zweite Kontakt - Dean, den ich 2001 auf einer Reise in Kuba kennengelernt hatte und der mich auch schon zweimal in der Schweiz besucht hat. Dean und seine Freundin Fiona setzten mir den Floh ins Ohr, sie doch nach Japan zum Snowboarden zu begleiten.

Und dies wird tatsächlich der nächste Abschnitt sein, nämlich für 12 Tage nach Japan zu reisen, den Schnee zu geniessen und dann weiter nach Santiago de Chile zu reisen. Der Töff bleibt noch etwas länger in Australien und wird Chile per Flugzeug fast gleichzeitig mit mir erreichen.

Die Fahrt nach Sydney wurde wenig abenteuerlich und teilweise sehr nass. Es ist Ferienzeit in Australien, und überall hatte es mir einfach zu viele Leute. Aber es war schon ein geniales Gefühl, in Sydney über die Harbour Bridge zu fahren und vor der Opera mit eigenem Fahrzeug mit St.Galler Nummer zu posieren. Der Polizei bin ich glücklicherweise immer wieder entkommen...

Jetzt freue ich mich auf den Exkurs in Japan. Die nächsten wirklichen Abenteuer erwarten mich dann wohl erst in Patagonien/Chile/Argentinien.

Do, 22.12.2016: Blogtag und „Ich rühr dich nicht an!“

Der Morgen begann sehr nett, denn José war schon früh daran, seine legendären Pfannkuchen zuzubereiten. Diesmal fehlten auch Rahm und verschiedene Früchte nicht, und wir sassen lange am Frühstückstisch. Dann fand ich Zeit, die ganze Blogarbeit mit den vielen Texten und Bildern zu vollenden, zusätzlich wurden 111 Bilder kommentiert auf Facebook geladen.

Mein Motorrad bekommt eine etwas ungewollte Ruhepause, denn momentan möchte ich mich nicht auf die Strassen wagen. Lustigerweise hätte ich hier in der Umgebung gleich mehrere Kontakte, vor allem in der Stadt Brisbane oder in Deans Worldsaway Retreat in den Bergen. Ich weiss noch nicht, auf welche Besuche ich mich wirklich einlassen werde. Im Moment heisst es: „Ich rühr dich nicht an!“ So werde ich sicher nicht straffällig…

Am Nachmittag waren wir nochmals unterwegs zur Sunshine Plaza, aber eigentlich kann mir der weihnächtliche Einkaufsrummel gestohlen bleiben, der auch hier nicht weniger übel ist als zu Hause. Ich fand Zeit für einige Telefone, am Abend schauten wir auf José Beamer-Leinwand einen Dokumentarfilm. Dann baute ich wie jeden Tag das Sofa in mein Bett um und fand eine gute Ruhe.

Km: 56‘216 (0)

Fr, 23.12.2016: Noosa Heads und King Ludwig

José konnte heute gleich zwei Vorstellungsgespräche für einen neuen Job führen. Zum ersten nach Noosa Heads begleitete ich ihn. Zu Fuss war ich im dortigen kleinen Nationalpark unterwegs. Ein gut hergerrichteter Weg führte zu einem Surfspot, ich fand einen kleinen Sandstrand, wo ich Menschen beobachtete und mich in die leichten Wellen warf. Es ist Ferienzeit hier in Ostaustralien, die Orte sind voll mit (einheimischen) Touristen, weshalb es für mich schwierig war, für diese nette Strand- und Küstenlandschaft Freude zu finden - viel zu überlaufen!

Ich traf José in Noosa wieder. Wir sassen einige Zeit in einem Café, dann ging ich alleine runter zum weiten Strand, der künstlich immer mal wieder aufgeschüttet werden muss (!), weil bei Stürmen Tonnen von Sand ins Meer hinausgespült wird. Dann nahm ich den Bus, der verschiedene kleinere Orte an der Sunshine Coast anfuhr. Eine Stunde lang Sightseeing, ganz nett. Ich erreichte Maroochydore mit dem Sunshine Plaza, wo ich im Woolworths einige Zutaten für die Chinoise-Saucen für den morgigen Heiligabend einkaufte.

Am Abend war geplant, zum bayrischen Restaurant King Ludwig in die Berge hochzufahren. Tatsächlich begleiteten uns (allerdings in ihrem eigenen Auto) auch Josés Töchter Sophie und Saskia (17 und 13), aber Freude kam dabei wegen ihres zickigen Getues kaum auf. José hat keinen leichten Stand um seine beiden Kinder, die mir verwöhnt und verzogen vorkommen. Die beiden zogen noch vor uns wieder von dannen, während wir von der netten Wirtin einen Pflümli-Schnaps und ein weiteres Weizen geschenkt bekamen. Eigentlich wäre ich gerne noch etwas hier geblieben, denn wir gaben in unseren Lederhosen eine ganz nette Falle ab. Zudem hatten wir eine Weihnachtsmann-Mütze auf, ziemlich schräg. José ist immer noch gleich extravertiert wie früher, und mir macht’s natürlich auch nichts auf, etwas überraschend daherzukommen. Aber wir fuhren zurück, weil er mit seinen Töchtern noch sprechen wollte, aber die hatten sich schon in ihre Zimmer verzogen, als wir ankamen. Etwas traurige Vorweihnachtsstimmung, aber José bleibt erstaunlich aufgestellt, auch wenn man ihm die Belastung wegen der Unstimmigkeiten zuweilen ansieht… Schade!

Km: 56‘216 (0)

Sa, 24.12.2016: Wie zu Hause: Chinoise am Heiligabend

Ich nutzte den heutigen Tag, um etwas vorauszublicken. Noch tausend Kilometer fehlen, bis ich Sydney erreicht habe. Und von dort tritt mein Töff dann die grosse Reise über den Pazifik nach Chile an. Ich habe unterdessen konkretere Vorstellungen, wie ich nach Santiago kommen werde. Nach einigen Recherchen habe ich herausgefunden, dass es beinahe zum selben Preis wie per Direktflug auch noch eine spannende Reisevariante über Tahiti und die Osterinseln gibt. Es geht jetzt darum zu entscheiden, wann ich mich hier von meinem Töff löse, um dann als Rucksacktourist die Südsee etwas zu geniessen! Schöne Aussichten!

Am Nachmittag begann ich mit der Zubereitung von acht Saucen für unser Fondue Chinoise. Wir nahmen das ganze Rindsfilet etwas spät aus dem Gefrierfach. Josés Schneidemaschine gab nach kurzer Zeit den Geist auf, sodass wir das Fleisch von Hand schneiden mussten. Die Mädchen deckten den Tisch mit immerhin drei echten Kerzen, sodass so etwas wie weihnächtliche Stimmung aufkam. Die Fleischqualität war ausgezeichnet, die Saucen (Knoblauch-, Kräuter-, Senf-, Kapern-, Mango-Curry, Tomaten-, Meerrettich-, Indisch-Curry-) sehr gut, und so war es wie zu Hause. Man überisst sich. Von 1.6 kg Fleisch verzehrten wir 1.2 kg, wobei die Mädchen fast nichts davon assen. Die Stimmung heute war recht harmonisch, und ich war sogar in die Bescherung integriert. Chorizo und persönlich benamstes Nutella für mich, José freute sich über eine meiner Falt-Lesebrillen – womit ich jetzt nur noch einen Ersatz habe!

In der Nacht telefonierte ich noch mit Mama. Ich versprach ihr, dass ich nächste Weihnachten wieder bei ihnen sein werde. Paps ist erneut gestürzt – Nomen est omen. Wieder ist aber glimpflich davongekommen, die Wunden im Gesicht sind schon verheilt.

Und dann trank ich Cola: Die Knoblauch-Mayonnaise-Salz-Gewürz-Mischung verlangt nach Flüssigkeit, am liebsten nach solcher mit Kohlensäure. Da ist Cola genau das Richtige…

Km: 56‘216 (0)

So, 25.12.2016: Deutsch-malaysisch-australische Weihnachten mit 5 kg Truthahn

Mit überfülltem Magen schläft es sich jeweils nicht besonders gut, auch diesmal. Aber wir hatten wir Zeit am Morgen, sodass ich etwas länger liegen blieb. Am Mittag fuhren wir zu einer befreundeten Familie Josés nach Buderim, auf einem vor langer Zeit erloschenen Vulkan gelegen. Ich fühlte mich voll integriert in den beiden Familien, und natürlich wurde auch hier ein besonderes Festessen serviert. 5 kg Truthahn standen auf dem Tisch, Kartoffelsalat, malaysische, eingelegte Zwiebel, rekordscharfe Chilis, Salat und Bier.

Zuerst wurden aber die Crackers gezogen, an denen man jeweils zu zweit reisst, bis ein billiges Spielzeug zum Vorschein kommt, das der Gewinner natürlich behalten kann. Der hohe Plastik-Christbaum war rundum mit Kitsch geschmückt, das Essen war jedoch vorzüglich, gerne hätte ich aber meine gestern produzierten Saucen dabei gehabt, die gut zum Essen gepasst hätten. Nach dem Essen folgte eine ausgedehnte Ruhephase, während der sich die Kinder in ihre Zimmer verzogen, der Gastgeber Michael auf der Couch schlief (!), bis am späteren Nachmittag das Dessert serviert wurde. Charlotte, eine Norddeutsche, brachte eine original dänische Weihnachts-Nachspeise, ein Art Milchreis, verfeinert mit Rahm und Nüssen, in dem eine ganze Mandel versteckt war. Wer diese in seinem Teller fand, wurde mit einem speziellen Geschenk belohnt. Wir sassen jetzt in einer Art Wintergarten (obwohl es hier eigentlich gar nie richtig Winter wird), draussen schien sich das Wetter dem europäischen anpassen zu wollen, denn es regnete bis in den Nachmittag hinein. Dann spielten wir lange eine Art Scharade-Spiel, bei dem ein weihnächtlicher Begriff vorgespielt und von der versammelten Gemeinde erraten werden musste. Ich genoss die  friedliche Stimmung, auch wenn ich wirkliche Kerzen und auch einige gesungene Weihnachtslieder vermisste.

Um sieben Uhr waren wir schon wieder zu Hause und schauten uns einen sehr sehenswerten Film an, Rabbit Proof Fence (2002), der sich mit der Geschichte von Aborigines-Mischlings-Kindern befasst, die zwischen 1910 und 1976 zu Zehntausenden ihren Familien entzogen und in Umerziehungslager gesteckt wurden. Man glaubte tatsächlich, dass sich die schwarze, vermeintlich minderwertige Hautfarbe und die entsprechenden Verhaltensweisen auswachsen würden, wenn sie Heiraten mit anderen Weissen eingehen würden. Die wahre Geschichte handelt von drei Mädchen, die aus einem solchen Lager geflohen sind und tatsächlich nach 2400 km Fussmarsch zu ihren Familien zurückgefunden hatten, indem sie dem „Kaninchenzaun“ gefolgt sind, der anfangs des 20. Jahrhunderts quer durch Westaustralien gebaut wurde. Dieser fatale Irrglaube gehört irgendwie zum 20. Jahrhundert und erinnert mich an gewisse Geschehnisse in der Schweiz in der gleichen Zeit. Die australische Regierung entschuldigte sich für diese unglaublichen Geschehnisse, die in einen Genozid ausuferten, erst im Jahre 2008.

Km: 56‘216 (0)

Mo, 26.12.2016: Boxing- und Shoppingday

Stefanstag – in Australiens Läden der wohl umsatzstärkste Tag des ganzen Jahres. Und dem schlossen auch wir uns an. Wohlweislich fuhren wir per Bus zur Sunshine Plaza und warfen uns ins Getümmel von einkaufswütigen Einheimischen, die wegen des grossen Ausverkaufs irgendein Schnäppchen erhaschen wollten. Ich war auf der Suche nach einem leichten Trekkingschuh, den ich in Südamerika benutzen möchte und wurde im Merrell-Laden auch fündig. Einmal mehr kaufte ich mir wegen meines schmalen Fusses einen Damenschuh, der perfekt passt und gleich zu zweimal 20% herabgesetzt war (96 A$).

In einem grossen Fotoladen erkundigte ich mich nach dem neu herausgekommenen Nikkor-1-Objektiv mit sensationellen 10-100 mm Brennweite. Und ich beschenkte mich gleich selber, mit fast 10% Rabatt, inklusive neuer, grösserer Tasche für 540 A$ erhandelt. Weitere 10% werde ich dann am Flughafen Sydney bekommen, wenn mir die Mehrwertsteuer zurückerstattet wird. Das Gewusel in all den Malls wurde uns aber bald zu viel. Nach einem Smoothie führte mich José bei 30°C der Teerstrasse entlang Richtung Alexandra Hedland, viel zu warm für einen Spaziergang. Aber wenigstens erreichten wir das Meer, in dem ich mich etwas abkühlen konnte. Aber die Wellen waren heimtückisch und stark, zudem hatte es versteckte Felsbrocken im Sand. Achtung!

Dann fuhren wir zurück nach Sippy Downs. José hatte einen ganzen Barramundi eingekauft, den er am Abend grillierte. Dazu hatte es noch Saucen und 500 g Rindsfilet für eine zweite Tranche Chinoise. Heute genoss ich am Ende sogar noch etwas Suppe mit Sherry. Dann schauten wir nochmals einen Film: „The pursuit of happyness“, nettes amerikanisches Filmdrama.

Km: 56‘216 (0)

Di, 27.12.2016: Mission eigentlich erfüllt

Als ich im Mai 2015 zu Hause losfuhr, habe ich immer wieder erzählt, dass ich in Australien zwei alte Freunde besuchen wolle, bevor ich nach Hause zurückkehre. Beim einen wohne ich momentan, den zweiten wollte ich heute besuchen. Wie man weiss, haben sich die Pläne unterdessen geändert. Ich hatte mich schon gestern entschlossen, das Risiko einzugehen, mit meinem Töff zu Dean zu fahren, dessen Worldsaway Retreat unglaublicherweise nur 90 km von Sippy Downs entfernt ist. Weil ich wusste, dass Dean, den ich 2001 in Kuba zusammen mit Stöbi kennengelernt und der mich vor Jahren im Böl auch schon besucht hatte, zwischen Weihnachten und Neujahr zu Hause ist, war es beinahe eine Pflicht, ihn zu treffen.

Ich war mit minimalem Gepäck unterwegs und wollte seine kleine Touristenanlage über Nebenstrassen von der Polizei möglichst unbemerkt erreichen. Aber mir passierte beinahe ein verhängnisvoller Fehler, denn ich vergass, aus google maps „Woodford“ wieder zu entfernen, wo über die nächsten Tage ein grosses Folk-Festival stattfindet und das wir am Abend besuchen wollten. Natürlich war die Polizeipräsenz an solchen Orten grösser, und ich geriet beinahe in eine Kontrolle, aber glücklicherweise wurde ich nicht herausgewinkt…

Dafür konnte ich mich jetzt an der kurvenreichen Fahrt über den Mount Mee und vorbei am D‘Aguilar Nationalpark freuen mit herrlicher Aussicht auf die Glass Mountains, aber den Ort mit der fantastischsten Aussicht sollte ich erst noch erreichen, denn Deans Land liegt tatsächlich am äussersten Rand dieser steil aufsteigenden Hügelkette, die Einfahrt auf sein etwas steiles Gelände erschlug mich beinahe, weil ich einen solchen Ort nicht erwartet hatte.

Dean war sofort zur Stelle, ebenfalls Fiona, seine Freundin. Ich wurde herzlich begrüsst und gleich an den massiven, offenen Bartisch eines seiner kleinen Häuser mit bombastischer Aussicht gebeten. Das Bier stand schon bereit. Auch Dean habe ich schon über zehn Jahre nicht mehr gesehen, und so gab es natürlich viel zu erzählen über die vergangenen Jahre. Dean hat dieses Stück Land vor 15 Jahren gekauft und versucht sich hier zusammen mit Fiona eine Existenz aufzubauen. Dean ist noch immer viel unterwegs als Maschinenmechaniker, beinahe hätten wir uns damals ja schon in den Kimberleys getroffen.

Ich habe die Ehre, im absolut schönsten Zimmer mit riesigem Fenster und luxuriöser Matratze zu übernachten. Dies ist bestimmt der nobelste und beste Schlafplatz meiner ganzen bisherigen Reise! Nach einigen weiteren Bieren fuhren wir zu dritt zum Woodford Festival, für das mir Dean bereits ein Ticket besorgt hatte. Das Festival ist perfekt organisiert, wir wurden freundlich empfangen, ein Parkplatz wurde zugewiesen, ein blauer Bändel am linken Handgelenk montiert, und schon waren wir auf dem dem liebevoll eingerichteten Gelände mit vielen Verkaufs- und Fressständen, wie man dies auch bei uns kennt. Auf 32 kleinen Bühnen werden Aktivitäten angeboten, von Musik über Yoga, Spielplätze für die Kinder, und alles ist überaus idyllisch zwischen bewaldeten Hügeln gelegen. Von den beiden bestellten Grilltellern wurden wir nicht satt, sodass wir von einem anderen Stand drei Arten türkische (!) Omeletten genossen. Dann spazierten wir zur natürlich geformten, riesigen Hauptarena, wo wir der Eröffnungszeremonie beiwohnen wollten – eine etwas schräge Angelegenheit mit diversen Ansprachen, Verdankungen (!) und dem 87-jährigen Bob Hawks, einem ehemaligen Premierminister Australiens, der „Waltzing Matilda“ sang. Es folgte ein Feuertanz  der Jindabarra-Aborigines, denen offiziell für die Nutzung ihres Landes gedankt wurde. Dann erschienen zwei riesige, von diversen Personen geführte und bewegte Puppen, inszeniert mit viel Feuer und Statisten, ganz sehenswert. Das Festival war somit offiziell eröffnet, aber Adalita, eine australische Sängerin mit Band, konnte nicht wirklich überzeugen. Paul Kelly, ein nationalweit bekannter Singer- und Songwriter, begleitet von seinen beiden Töchtern und  Charlie mit seiner liegenden Gitarre (slide guitar) war einheimische und internationale Folkmusik vom Feinsten. Teils waren die Lieder über hundert Jahre alt. Hühnerhautstimmung unter den vielleicht 10‘000 Zuschauern, äussert fein und gefühlvoll interpretiert. Den Namen vergesse ich nicht so schnell!

Dann verfolgten wir ein letztes Bier trinkend eine Band, die irische Musik spielte, leider vor wenigen Zuschauern, bevor wir uns gegen zwei Uhr auf den Heimweg machten. Das wunderschöne Zimmer konnte ich jetzt eigentlich nicht genug lange geniessen…

Und: Das etwas schräge Militärbild stammt aus dem Jahre 2003, als Dean im Böl auf Besuch war und ich ihm vorführen musste, dass die meisten Schweizer eine Waffe zu Hause haben - im selben Jahr gab ich die Waffe übrigens ab...

Km: 56‘314 (98)

Mi, 28.12.2016: Ein Tag im Worldsaway Retreat

Schon gestern hatte ich mich entschlossen, eine weitere Nacht zu bleiben an diesem idyllischen, windigen, überaus angenehmen Ort. Ich musste aber mein Zimmer verlassen, weil es für nächste Nacht gebucht war. Nach einem Kaffee und einem leichten Frühstück zeigte mir Dean sein Land. Auf selbst gebauten Wegen stiegen wir steil bergab in Dean’s Gorge, eine Schlucht inmitten von Wald gelegen. Momentan führt der Bach leider kein Wasser, weil der grosse Regen noch nicht gekommen ist, womit es auch kein Bad gab. Der steile Aufstieg wurde sehr anstrengend.

Am Nachmittag liess ich die Glieder in einer Hängematte liegend baumeln. Deans Idee, dass ich sie nach Japan zum Snowboarden begleiten solle, liess mich nicht mehr los, bis ich endlich in meinem Handy nach geeigneten Flügen nach Tokio und dann weiter nach Polynesien und die Osterinseln suchte. Der Flug nach Japan wäre in der Tat äusserst billig, aber die Kosten der Folgeflüge liessen mich von dieser verrückten Idee wieder etwas abkommen. Aber der Gedanke, in Töffkleidern durch drei Meter tiefen Pulverschnee zu brettern, wäre schon äusserst reizvoll…

Nach einem gesunden Abendessen mit viel Gemüse und einigen Gläsern Wein übernachtete ich diesmal in Deans einfacher Unterkunft. Das Haus ist zwar recht gross, die Garage, der Wohnraum und all sein Material bestehen aus einem Raum. Das Bett wurde aus einem Sofa in eine Liege verwandelt. Ich schlief ausgezeichnet, denn die Temperaturen hier oben sind angenehm kühl.

Km: 56‘314 (0)

Do, 29.12.2016: Mein persönlicher australischer Baum

Fiona klagt manchmal darüber, dass sich Dean auf seinem Grundstück keine freie Minute gönnt. Ich kann ihn verstehen. Seit 15 Jahren ist er an der Arbeit, sein Anwesen zu optimieren, um vielleicht einmal zu 100 % davon leben zu können. Die Voraussetzungen dafür scheinen mir gut, denn die Lage ist fast unschlagbar. Auch heute Morgen war es sonnig, zwar etwas dunstig, aber die vulkanischen, steilen Glass House Mountains in der Ferne sind faszinierend.

Hundert kleine Bäume standen heute Morgen bereit auf der Terrasse, und ich wollte Dean helfen, diese zu pflanzen. Zuerst fuhren wir hoch zum Eingangsbereich, wo ich meinen ganz eigenen Baum pflanzen durfte, einen kleinen fig tree, noch ganz dünn und nur mit zwei Blättern, der ab heute mein ganz persönlicher Baum in Australien ist, über dessen Leben ich in Zukunft regelmässig informiert werde. Natürlich hob ich für „meinen“ Baum ein ganz besonders grosses Loch aus und verwendete etwas mehr vom stinkenden Fischdünger. Nicht viel weniger Inspiration wendete ich aber für die anderen 99 Bäume auf, die wir im Verlaufe des Tages auf seinem Gelände pflanzten. Vielleicht habe ich auf diese Weise meine grosse CO2-Schuld wenigstens zu einem Prozent gut gemacht, um unsere Welt mit etwas zusätzlichem Sauerstoff zu versorgen.

Bei einem Bier genoss ich nochmals die grandiose Aussicht und recherchierte erneut für ein etwaiges Japan-Abenteuer, und ich fand eine ziemlich attraktive Lösung, einen Flug von Sydney über die Gold Coast nach Tokio, Soeul, Houston nach Santiago de Chile für gut 1000 Fr., 300 Fr. billiger als ein Direktflug über Auckland nach Chile! Der Nachteil: Ich würde die Osterinseln verpassen.

Gegen Abend fuhr ich frohgemut zurück Richtung Sunshine Coast, verfuhr mich aber erneut und passierte prompt einen Polizisten auf Motorrad, der mich aber glücklicherweise nicht anhielt. Ich erreichte Sippy Downs unbehelligt. José schien sich über mein Wiedererscheinen über alle Massen zu freuen, denn er hatte schon zwei riesige Lachsforellen angerichtet, zu denen die übriggebliebenen Chinoise-Saucen ganz gut passten. José war richtig gesprächswütig, dabei war ich vom Bäumepflanzen ordentlich müde. Zudem zwickt mich mein linker Fuss wieder mehr als auch schon. Bald ist der Unfall ein halbes Jahr her, und die vollständige Heilung lässt sich nach wie vor Zeit.

Und noch etwas: Seit zwei Monaten bin ich rauchfrei! Nicht schlecht, aber über dem Berg bin ich gleichwohl noch nicht, weil mich die Lust nach Zigaretten immer mal wieder einholt.

Km: 56‘423 (109)

Fr, 30.12.2016: Ein Ausflug nach Caloundra

Von einem Anflug von Regenzeit ist an der Sunshine Coast (wie es der Name halt sagt) nach wie vor nichts zu spüren, es war heute sogar fast wolkenlos. Für ein weiteres Vorstellungsgespräch hatte José heute nach Caloundra zu fahren, und ich begleitete ihn.

Ich verbrachte die Zeit am Strand, an dem das Meer wegen der Ebbe förmlich in Bewegung war. Man sprang im Süden auf der Stadtseite ins Wasser und liess sich Richtung offenes Meer treiben. Dieser Zauber dauerte zwar nicht lange, weil die Strömung sehr stark war und man achtgeben musste, es wieder aus den stark ziehenden Fluten zu schaffen. Weil es so warm war, liess ich mich in einer Stunde gleich viermal Richtung Norden befördern.

Dann spazierten wir der belebten Küste entlang mit vielen luxuriösen Hotels und Eigentumswohnungen zur King’s Beach, einem noch belebteren Strand mit vielen Kindern, die sich auf ihren kleinen Surfbrettern von den Wellen Richtung weissem Sandstrand treiben liessen. Ich genoss Sonne, Wärme und relative Ruhe.

Zu Hause nahm ich mich Josés chaotischem Kühlschrank an und reorganisierte und reinigte ihn. José bereitete unterdessen Känguru-Schnitzel zu mit Bohnen und Mais. Zudem feierten wir Vorsilvester mit einer ersten Flasche Champagner. Ich spüre aber, dass es allmählich Zeit ist, Richtung Süden zu reisen, vor allem Queensland zu verlassen. Ich bin selber gespannt, wie ich die nächsten dreissig Tage verbringen werde. Es scheint zu einer Art “Reiseferien” zu kommen…

Km: 56‘423 (0)

Sa, 31.12.2016: Silvester in Brisvegas

Brisbane ist die wichtigste Metropole in Queensland und wird von Einheimischen gerne auch Brisvegas genannt. Tatsächlich ist in der Stadt ein Hauch von Las Vegas spürbar, aber es gibt nur ein Casino, dafür Einkaufszentren und Malls mit allen weltbekannten Marken.

Wir waren schon sehr früh unterwegs in die Stadt, weil wir in den South Bank Parklands Josés Minizelt aufbauen wollten, in das wir eine Kühlbox mit Champagner stellten, denn im Verlaufe des Tages werden die Eingänge kontrolliert. Es ist verboten, alkoholische Getränke ins Gelände mitzunehmen. Wir wollten uns hier einrichten, weil das Silvester-Feuerwerk von dieser Stelle am besten zu verfolgen ist. Unser Vorhaben gelang bestens, wir waren die ersten, die sich auf dem Rasengelände einrichteten. Anschliessend fuhren wir zu Marco Deininger, einem Freund Josés, wo wir dessen leere Wohnung zum Übernachten nutzen konnten. Von der Sydney-Street fuhren wir auf der Flussfähre ins geschäftige Stadtzentrum, bummelten durch die Gassen mit den Wolkenkratzern, tranken einen Kaffee in einem Coffee Shop. Im David Jones waren wir einige Zeit auf der Suche nach einem Marken-T-Shirt für Saskia. Wir flanierten durch riesige Food-Malls mit allen Arten von Fastfood. Hier ass ich eine Portion Sushi, bevor José in einem Bottle-Shop einen Sechserpack Bitburger kaufte. Im botanischen Garten machten wir es uns im Schatten eines grossen Baumes bequem und tranken je zwei Biere. Wiederum in der Stadt tranken wir in einer italienischen Bar ein weiteres Bier, bevor wir uns im Woolworths mit verschiedenen Fischspezialitäten eindeckten, die wir zur South Bank zu unserem Zelt brachten. Es war unterdessen schon grosser Betrieb, und wir wurden beim Eingang ziemlich genau gefilzt. Ein Bier hatte ich im Rucksack noch versteckt, das prompt gefunden wurde.

Offensichtlich hielt sich das versammelte Volk am Flussufer an die restriktiven Trinkregeln dieses Staates, viele Polizisten und Sicherheitsbeamte waren auch immer wieder unterwegs, um dies bei Androhung von hohen Bussen auch durchzusetzen. Schräger Silvester – zwei Flaschen Champagner dabei, der aber schliesslich ungeöffnet in der Kühlbox stehen blieben. Glücklicherweise war die Lust auf Alkohol unterdessen auch nicht mehr besonders gross.

Das Warten auf die Action am Himmel war lange und wir vom langen Tag in der Stadt ziemlich müde. Diese Schlaffheit verstärkte sich noch, als unser Alkoholpegel sank… Um halb neun Uhr war es genug dunkel für ein erstes Feuerwerk mit der Skyline Brisbanes im Hintergrund. Der Rasen war unterdessen vollgestopft mit anderen Zuschauern, naja, so richtige Feststimmung kam eigentlich doch nicht auf. Man wartete auf den Augenblick, bis das zweite, etwas grössere Feuerwerk das Neue Jahr, 2017, kundtat. Wunderschönes Farbenspektakel an Brisbanes Himmel. Aber unterdessen waren auch wir alles andere als fit, um wirklich gross abzufeiern, zudem sassen wir jetzt auf unserem Material fest, das wir per Boot zur Sydney-Street zurückzubringen hatten. Dreissig Minuten waren es jetzt noch zu gehen. Es war unterdessen doch 2.30 Uhr geworden. Ich schlief auf der etwas kühleren Terrasse auf einer Matratze, aber es dämmerte früh, sodass ich schon bald die schattigen Räume aufsuchte. Aber lange sollte ich nicht schlafen…

Km: 56‘423(0)

So, 01.01.2017: Müde in Sippy Downs

Typisch José, dass der mich schon vor halb acht Uhr weckte, um zurück nach Sippy Downs zu fahren. Wiederum war herrlich strahlendes Wetter, aber jeden Tag wird es etwas wärmer. Irgendwann wird die Dampfküche zum Explodieren kommen. Ich weiss unterdessen, dass dies auf meiner Route quer durch Australien bereits geschehen ist. Überschwemmungen um Alice Springs, viele Abschnitte des Plenty Highways sind gesperrt… Da habe ich also grad noch den Absprung geschafft und ziemliches Glück gehabt

Zu Hause widmete ich mich nach einem Champagner-Frühstück meinen Fotos und der Bearbeitung des Blogs Teil 28. Aber ich blieb den ganzen Tag über ziemlich müde, es ist so feucht, dass man nicht zu schwitzen aufhört. Ich habe nochmals mit Ivan von Bike Abroad Melbourne Kontakt aufgenommen, ausserdem deutete ich Dean in einem Mail an, dass ich unter gewissen Bedingungen wirklich einen Abstecher nach Japan machen könnte.

Am Abend kamen Josés Töchter nach Hause, aber Herzlichkeit und Zusammenspiel sieht anders aus… Für mich wird es Zeit, mich auf den Weg nach Süden zu machen. Es wird eine spannende Fahrt nach New South Wales. Ich muss einfach unbedingt den nächsten Staat erreichen…

Km: 56‘423 (0)

Mo, 02.01.2017: Entkommen

Es war heute Morgen noch einmal unangenehm schwül-feucht-warm, der Wetterbericht verhiess nichts Gutes, sodass ich meine Ausrüstung gegen Regen schützte. Um zehn Uhr war ich reisefertig und etwas nervös, denn heute galt es, unbehelligt Queensland zu verlassen. Der Abschied von José war herzlich – all die Bewerberei über die Feiertage hat etwas gebracht, morgen kann er bei Coffee Shop eine Managerfunktion wahrnehmen.

Die Autobahn M1 hatte ich bald erreicht, es herrschte starker Verkehr, an den ich mich wirklich wieder gewöhnen muss nach vielen Monaten ohne vergleichbares Aufkommen von so vielen Motorfahrzeugen. Es war mir aber ganz recht so, denn bei einer Kontrolle sinkt so die Wahrscheinlichkeit, herausgenommen zu werden. Der nächste Nervenkitzel liess aber nicht lange auf sich warten, denn ich hatte in Brisbane die zweimal sechs Spuren breite Brücke über den Brisbane River zu überqueren, für die man Gebühren bezahlt. Dies ist aber nur möglich, wenn man ein australisches Nummerschild mit einem entsprechenden elektronischen Sender hat, ich konnte also gar nicht bezahlen. Ich fuhr problemlos über die Brücke, wurde wohl irgendwo geblitzt, und irgendein australischer Sachbearbeiter dürfte sich dann über meine Nummer wundern. Um mich zu büssen, wird es zu spät sein, denn dann werde ich das Land bereits verlassen haben…

Unterdessen war das Verkehrsaufkommen im Raume Gold Coast noch grösser geworden, der Verkehr rollte nur noch zähflüssig, aber irgendwann hatte ich es geschafft, die Grenze zu New South Wales war überschritten. Zwar bin ich nach wie vor ungesetzlich unterwegs, aber weil die Polizei in den verschiedenen Staaten nicht zusammenarbeitet, beginnt der ganze Zauber jetzt wieder bei Null – und bis Sydney sind es nur noch 750 km!

Das Wetter hielt sich bis zum Abend erfreulich gut, die Suche nach einem Bett in einem Backpacker’s blieb hingegen erfolglos, denn Byron Bay ist mit Touristen überfüllt, sodass ich etwas zurückfuhr und wenigstens in einem grossen Caravan Park ein charmloses, nacktes Stück Wiese zum Zelten zugewiesen bekam (26 A$/Nacht). Kurz vor Byron Bay erschien überraschenderweise auch wieder das ominöse rote Licht am Cockpit, wiederum scheint am Kühler etwas nicht in Ordnung zu sein, der wohl ein Loch hat, denn die beiden Flüssigkeitsbehälter scheinen beide wieder leer zu sein.

Gleichwohl fuhr ich nach Byron, als schwarze Wolken von Südwesten her schnell näher kamen. Es reichte aber noch für einen Schwumm am weiten, weisssandigen, wellenreichen Strand und für ein Bier. Dann dotierte ich mich im Woolworths mit neuen Vorräten auf und fuhr zu einer Bar namensTreehouse an einem benachbarten Strand, natürlich ebenfalls überfüllt, aber die Pizza auf dem Holzofen war hervorragend. Unterdessen hatte aber Starkregen eingesetzt, ich trank zwei weitere Biere in der Hoffnung, dass es irgendwann dann schon aufhört zu regnen – aber dies war nicht der Fall. Glücklicherweise war es nicht weit bis zum Zeltplatz, aber die Distanz reichte, um mich durch und durch zu durchnässen. Eigentlich wollte ich das schützende Zelt nochmals verlassen, aber unterdessen schüttete es wie aus Kübeln, und ich blieb im Zelt und schlief irgendwann ein. Die Nacht war allerdings wenig idyllisch, der Lärm von lauten Nachbarn und die nahe Schnellstrasse waren ziemlich störend.

Km: 56‘695 (272)

Di, 03.01.2017: Byron Bay

Es ist kühl heute Morgen, die schwüle Wärme wurde weggeblasen oder -gewaschen. Der Aufenthalt auf einem Zeltplatz ist bei feuchten Bedingungen wenig angenehm. Alles ist klamm-feucht, die aufstehenden Leute schauen missmutig drein, die WC-Anlagen sind noch schmutziger als sonst. Die kleinbürgerliche Beschaulichkeit und leichte Schadenfreude von Dauercampern widert mich schon beinahe an. Wie kann man sich nur dauerhaft an einem solchen Ort aufhalten, immer dieselben Gespräche führen, eingeengt sein zwischen ihresgleichen. Pahhh! Nicht mit mir!

Es blieb heute meist grau, zeitweise nieselte es leicht. Mein Vorhaben, irgendwo faul am Strand zu liegen, wurde aus wettertechnischen Gründen nicht umgesetzt. Zuerst hatte ich aber meinen Kühler sowie den Zusatztank erneut mit Wasser zu füllen. Beinahe ein Liter passte hinein; offensichtlich hat der Kühler irgendwo ein Leck, aber es steht ja bald ein Service an.

Am Nachmittag besuchte ich das Cape Byron mit seinem Leuchtturm. Ich war nicht zum ersten Mal hier. Letztes Mal waren der gut dreijährige Robin und Sonja dabei – über 23 Jahre sind es her! Es war windig und kühl an diesem östlichsten Punkt Australiens. Ich stieg noch etwas ab bis zum Gischt speienden Meer und beobachtete lange die wilde Natur. Gleich mehrere Gruppen von Delphinen zogen gemächlich Richtung Norden. Sieht man wohl nur dann, wenn man sich Zeit lässt und allmählich das Auge für Bewegungen auf dem Meer kriegt.

In der Rail Bar trank ich dann zwei erstaunlich günstige Stone & Wood, wie gestern hanfwürzig und an frühere Zeiten erinnernd. Ich hatte Kontakt mit Ivan Smoljko und Fiona – momentan scheint alles aufzugehen für einen Schnee-Besuch in Japan. Der Betrieb um meinen Zeltplatz Nummer 68 ist unterdessen noch grösser geworden – es dürfte erneut keine ruhige Nacht geben. Heute kochte ich wieder einmal in der gut eingerichteten Camping-Küche – wieder einmal Auberginen mit Nudeln mit viel Chili und Knoblauch.

An diesem Ort hält mich morgen wohl auch nicht mehr viel… Innerlich habe ich mit Australien eigentlich schon abgeschlossen.

Km: 56‘717 (22)

Mi, 04.01.2017: Mein Töff weint neongrünes Blut

Die Nacht war wegen der vielen jungen Leute rund um mein Zelt erneut sehr unruhig, dafür wurde ich am Morgen wieder einmal von der Sonne geweckt und liess mich einen Moment lang überlegen, einen weiteren Tag hier zu bleiben. Ein trockener Fahrtag ist aber auch etwas wert.

Ich wählte die Küstenstrasse Richtung Ballina, ganz hübsch, weil die manchmal ansteigende Strasse immer wieder die Sicht auf die langen, unbevölkerten Strände freigab. Beim Lennox Head beobachtete ich einige Surfer, welche die perfekten Wellen für ihre Reitversuche nutzten. Eigentlich hatte ich geplant, den Dorrigo Nationalpark anzufahren, weil mir die unglaublich vielen Touristen immer mehr auf den Wecker gehen. Je mehr ich ins Landesinnere fuhr, desto stärker wurde die Bewölkung, und kurz vor Grafton streifte mich ein erster kurzer Schauer. Ich rettete mich aber gerade noch in die Tiefgarage des Woolworths, wo ich mir wieder einmal ein halbes Poulet kaufte. Den Versuch, der Strasse in die Berge zu folgen, gab ich bald auf, aus zwei Gründen: Erstens fuhr ich geradewegs in einen nächsten heftigen Schauer, zweitens leuchtete die rote Lampe erneut – der Motor meines Töffs schien erneut zu heiss zu haben, obwohl die Temperaturen heute kaum 25°C erreichten.

Tatsächlich stellte ich fest, dass der Kühler erneut kein Wasser mehr hatte, womit ich mich erneut der Röhrchen-Prozedur hingeben musste. Aber diesmal schien ich nicht fertig zu werden – und sah endlich einen grossen, neongrünen Tümpel auf der anderen Seite des Töffs. Er schien sich mit dem Wetter auch nicht anfreunden zu können und weinte neongrünes Blut. Nachdem ich die linke, untere Verschalung demontiert hatte, konnte ich tatsächlich das Leck lokalisieren. Ich versuchte, die undichte Stelle mit Tape zu verkleben. Dies war zwar zeitaufwendig, aber schien zumindest vorerst zu funktionieren. 80 km waren es noch bis Coffs Harbour, einem weiteren Küstenstädtchen, das mit herrlichen Stränden beschenkt ist. Je wärmer der Motor wurde, umso mehr begann mein Töff auf der Fahrt erneut zu weinen. Die grünen Tränen verfärbten meine Töffhose, die Flüssigkeit verdampfte am heissen Motor und liess hässliche, weissliche Spuren zurück. In Coffs Harbour fuhr ich gleich eine Töffwerkstatt an und schätzte mich glücklich, dass überhaupt noch jemand dort war, denn es war unterdessen beinahe sechs Uhr geworden. Ich erhielt gleich einen Termin für morgen früh. Natürlich wollte ich nicht mehr weit fahren und fand bald einen Caravan-Park, die ich unterdessen je länger desto mehr hasse. In diesem Kaff ist zu dieser Jahreszeit alles hoffnungslos ausgebucht, ebenso dieser Zeltplatz, aber ich schilderte meine Situation, und man zeigte sich flexibel, fand aber nur noch einen Platz mit Strom – für satte 64 A$. Eigentlich hätte ich ablehnen sollen, aber ich war so perplex und verdutzt, dass ich gleich zahlte… Ärger über Ärger!

Und dann kam ein weiterer starker Schauer, sodass ich warten musste, mein Zelt aufzustellen. Später fuhr ich einen Bottle Shop an, um drei Cooper’s zu kaufen, die mich etwas beruhigten. Ich machte mir einen grossen Salat, trank ein weiteres Bier. Männiglich verfolgte ein Cricket-Spiel im TV, das sind die Aktivitäten der australischen Camper – eng auf eng zusammengepfercht zu campen, viel Fleisch zu essen, natürlich Bier zu trinken und TV zu schauen. Es hat viele Kinder hier, die hier unter ihresgleichen und dank „Gumpischloss“ und Swimmingpool gute Unterhaltung finden.

Ich bin ja mal gespannt, ob in den nächsten Tagen noch so etwas wie Begeisterung aufkommt. Schade um den Dorrigo (UNESCO Weltkulturerbe mit seinem speziellen Regenwald), jaja, wie’s der Name sagt, der Regen hindert mich vermutlich, morgen noch dorthin zu fahren, denn ich weiss, dass die Wetteraussichten besser sind, je weiter ich südlich fahre…

Km: 56‘981 (264)

Do, 05.01.2017: Trotz Unbillen das Positive gesucht – und gefunden

Es war ein ziemlich übles Aufstehen heute Morgen, denn es regnete in Strömen, und zum ersten Mal musste ich etwas machen, was ich hasse, nämlich das tropfnasse Zeit zusammenrollen und in meinen silbernen Seitenkoffer hineinwürgen, dass es saftete und den Rest im Koffer netterweise auch noch nass machte. Tatsächlich scheine ich beim letzten Teil in Australien noch einmal regengeprüft zu werden.

Sogar für die kurze Strecke bis zu Coffs KTM benutzte ich meinen Regenschutz, und natürlich war mein Gepäck möglichst regendicht eingepackt. Marc begrüsste mich schon beinahe wie einen alten Freund, vielleicht war es aber auch nur die Hochachtung vor meinem Trip, dass er mich sofort und sehr nett bediente. Die beiden kleinen Löcher befinden sich am Rand des Kühlers und sollten mit einem Aluminium-Teil verklebt werden. In der Zwischenzeit hellte es etwas auf, sodass ich mein Zelt an der durch die Wolken drückenden Sonne etwas trocknen konnte. Nach zwei Stunden war der Schaden behoben und mein Material wieder aufgeladen, sodass ich mich auf den Weg Richtung Süden machen konnte. Schon nach wenigen Kilometer kam ich aber in den nächsten Schauer, sodass ich wieder anhalten und den Regenschutz montieren musste. Kurz vor der Abzweigung zum Dorrigo Nationalpark änderte ich mein Vorhaben und fuhr trotz schwarzer Wolken geradezu vorsätzlich Richtung Berge in eine schwarze Wand, die sich genau so verhielt, wie man dies von einer solchen erwartet. Es schüttete wie aus Kübeln, ich hatte sehr vorsichtig zu fahren, denn nasse Strassen sind heimtückisch, vor allem in Kurven. Aber ich lasse mich durch Petrus‘ Nass doch nicht terrorisieren!

Bald erreichte ich den Gondwana Rainforest und fuhr das Info-Center an. Auf einem Skywalk hätte man wohl eine schöne Aussicht über diesen Urwald und bis zum Meer gehabt, Regen und Nebel verhinderten dies. Ich stellte meinen Töff in einen offenen Picknickraum, in dem ich alleine ein leichtes Mittagessen einnahm und mich dann in Vollausrüstung und mit Schirm (!) in den Regenwald begab. Zum ersten Mal brauchte ich Eriks Utensil, das er mir vor über einem Jahr geschenkt hatte. Bald war ich unterwegs auf einem sechs Kilometer langen Rundweg durch diesen urigen Regenwald, und heute passte der Name besonders, weil Regen und Nebelschwaden die moosigen Bäume und kräftigen, subtropischen Pflanzen in ein besonderes Licht tauchten und mich deshalb sehr faszinierten. Bald hörte es auf zu regnen, sodass ich mich meines Regenschutzes entledigte und nur noch ganz ungewohnt mit Töffhosen und -schuhen unterwegs war. Der Wonga-Walk vorbei an zwei Wasserfällen, die heute besonders betriebsam waren, war durchaus lohnenswert. Eigentlich wollte ich die Nacht unerlaubterweise im Picknickraum verbringen, aber noch hatte es auf dem Parkplatz zu viele Autos und zwei andere Touristen schienen dasselbe im Sinn zu haben, sodass ich Richtung Dorrigo Village fuhr, wo ich einen einfachen Zeltplatz fand, wo ich auf einen australischen Motorradfahrer traf, der wie ich trotz des wieder einsetzenden Regens auf dem Feuer kochen wollte. Es war aber eine ziemliche Geburt, mit dem total durchnässten Holz ein Feuer hinzukriegen. Schliesslich gewann ich den Kampf gegen das Feuer, das sich lange gegen die nassen Äste gewehrt hatte. Ryan hatte weniger Geduld und kochte mit dem Gaskocher, ich nutzte bald die Glut für eine neue Nudelvariation, überaus gut gelungen.

Unterdessen hat jedoch ein Landregen eingesetzt. Ich hatte vermeintlich klugerweise mein Zelt unter einem Unterstand aufgebaut und wähnte mein Material in Trockenheit, aber der Niederschlag ist unterdessen so nieselig, dass alles feucht ist. Erinnerungen an die letzte Woche China werden wach – wenn nur meine technischen Geräte all die Feuchtigkeit gut ertragen. Jetzt sitze ich in der Waschküche und schreibe. Es ist kalt, weit unter 20°C, 800 m.ü.M., eigentlich alles andere als gemütlich, aber wenigstens habe ich einen trockenen Ort zum Schreiben gefunden, das Glas Wein ist fast leer.

Km: 57‘060 (79)

Fr, 06.01.2017: Nach dem Regen im Teletubbies-Land mit einem trocken gelegten Wasserfall

Es war ein lästiges Aufstehen, denn sogar im Zelt schien alles klamm-feucht zu sein. Und dann erst das Zusammenpacken – zu mühsam. Aber heute galt es einfach, von hier und den gestauten Wolken wegzukommen. Ich entschloss mich, nach Südwesten dem Waterfall Way  zu folgen. Zu Anfang waren die runden Hügel noch grau und verhangen, und irgendeine Teletubbies-Figur bekam ich auch nicht zu sehen. Aber erstaunlicherweise hellte es schon nach 30 km Fahrt durch Starkregen auf, sodass ich sogar Lust hatte, die wenigen Kilometer in den Guy Fawkes River National Park zu fahren. Die beiden Ebor Falls waren bei dieser Witterung nicht einfach nur Wässerchen, das Wasser stürzte sich inmitten des Eukalyptuswaldes vielleicht hundert Meter in einen Canyon, ganz nett anzusehen. Aber nur schauen ist halt nicht erleben. Aber mich wanderbereit zu machen war mir dann doch ein zu grosser Aufwand.

Deshalb fuhr ich in dieser reizvollen Landschaft regenfrei weiter, aber es war recht kalt, denn unterdessen hatte ich schon eine Höhe von über 1000 m.ü.M. erreicht. Einen der diversen Abzweiger in den Gondwana Rainforest wollte ich aber doch noch nehmen. Die Wollomombi Falls im Oxley Wild Rivers National Park liess ich mir doch nicht entgehen. Die trockene Witterung nutzte ich, diverse Reiseutensilien an der aufkommenden Sonne zu trocknen. Ich machte mich auch wanderbereit, aber der Spaziergang zu den beiden Wasserfällen war eine Enttäuschung, denn diese schien es gar nicht zu geben. Offensichtlich war die Regenfront nicht bis hierher vorgedrungen, und ausser einigen stehenden braunen Tümpeln war von Wasser überhaupt nichts zu sehen, und die Sicht in die tiefe Schlucht – naja, etwa wie die Rheinschlucht bei Ilanz ohne Rhein…

Dafür war es jetzt wieder angenehmer, Motorrad zu fahren, ich fuhr Richtung eine Wand, diesmal aber eine blaue. Im 980 m.ü.M. gelegenen Armidale, der am höchsten gelegenen australischen Stadt, deckte ich mich im Woolworths mit neuem Proviant ein, fuhr dann aber noch weiter bis nach Tamworth, der australischen Hauptstadt der Country Music. Die Fahrt durch die bewaldete, hügelige Landschaft war sehenswert, und ich staunte, wie sehr es jetzt herunterging. Mit jedem verlorenen Höhenmeter wurde es wärmer, ich lachte indes über die australischen Warnschilder mit der Aufforderung, langsam zu fahren, weil die Strasse etwas abwärts führte. Ich entdeckte auch zwei aufwändig gebaute Ausrollpisten für Lastwagen, in die diese Fahrzeuge bei Bremsversagen ausweichen könnten.

Tamworth ist ein beschauliches, kleines Städtchen. Im Tudor Hotel, natürlich mit Bar im Untergeschoss, leistete ich mir wieder einmal ein Zimmer (60 A$ = 45 Sfr.). Ich hatte dringend eine Wäsche zu machen (realisierte dabei, dass ich in Byron ein T-Shirt hatte liegen lassen, leider eines meiner liebsten). Die Bar war perfekt für zwei Bier und ein typisch australisches Essen. Man bestellt an der Bar, bezahlt, erhält eine Nummer, setzte sich und wartet, bis das Steak serviert wird. Das Scotch Filet war diesmal sogar eingermassen perfekt gebraten. In einer Woche ist hier der Teufel los, weil das jährliche Country Festival stattfindet – mit 50‘000 Gästen, da bin ich etwas zu früh – oder auch nicht, denn dann hätte ich hier kaum Unterschlupf gefunden.

Km: 57‘312 (252)

Sa, 07.01.2017: Arcachon auf australisch

Keine Wolke trübte heute Morgen den Himmel. Dank der Air Condition war meine viele in meinem Zimmer an einer Schnur aufgehängte Wäsche perfekt trocken geworden. Auch meine beiden Koffer erhielten heute Morgen eine Reinigung. Dies war wegen der eingedrungenen Feuchtigkeit überaus notwendig, vor allem im schwarzen Koffer, in dem gestern eine halbe Flasche Wasser ausgelaufen war. Dank der kleinen Löcher, die ich damals in Chiang Mai einmal gebohrt hatte, lief die Flüssigkeit aber fast vollständig ab.

Heute war perfektes Töffwetter, die Maschine lief wie ein Örgeli, es war eine Freude vorwärtszukommen. Gutwetterwolken gaben der wechselnden, hügeligen Landschaft ihren besonderen Reiz. Nur hatte ich keine Ahnung, wo ich heute Abend nächtigen würde. Irgendwo nahe Newcastle sollte es sein, nur noch gute 100 km von Sydney entfernt. Von Maps Me liess ich mich Richtung eines weiten Strandes lotsen, aber Zuversicht sieht anders aus, einen idyllischen Platz zu finden, denn die Strecke führte mich durch ein Industriegebiet mit Metall- und Kohlefabriken. Aber dann überquerte ich auf einer hohen Brücke den Hunter River, und vor hier sah ich weit entfernt veritable Sandberge direkt am Meer gelegen. Auch weitere fast 50 km bis zur Nelson Bay konnten mich nicht aufhalten, denn ich roch Dünen! Die Strasse führte plötzlich durch bewaldetes Gebiet, und ich hielt schon Ausschau nach einem wilden Campingplatz. Solche sind an der Ostküste definitiv schwieriger zu finden. Als ich die Anna Bay endlich erreicht hatte, konnte ich es kaum erwarten, endlich die Dünen von nahem zu sehen. Und tatsächlich: Der Küste entlang ziehen sich auf Dutzenden von Kilometern riesige Dünen, die natürlich auch Massen von Touristen anziehen. Aber dies störte mich diesmal nicht einmal, auch wenn wieder einmal Kamelkaravanen unterwegs waren (Kamele auf Kamelen) oder viele ihre ersten Surfversuche wagten.

Aber genau dies wollte ich heute ja: eine Erfrischung im Meer. Zwei Dinge fallen auf: Erstens ist das Wasser merklich kühler, je weiter südlich ich reise, und zweitens spüre ich allmählich wieder die Jahreszeiten. Die Tage sind unterdessen (im Sommer) deutlich länger, und ich war überrascht, dass es schon fast acht Uhr war, als ich bei einem kleinen Caravanpark wegen eines Platzes fragte, überaus freundlich begrüsst wurde und mir gleich ein schöner, ruhiger Rasenplatz zugewiesen wurde. Schon vorher war ich zu Fuss unterwegs auf den Dünen. Einfach immer wieder faszinierend: ein kleines Stück Wüste in sonst luscher Natur. Vom Zeltplatz aus stieg ich ein zweites Mal auf die Dünen, aber für den Sonnenuntergang war ich etwas zu spät.

Es war schon beinahe dunkel, als ich das Zelt aufstellte. Fürs Kochen war ich zu faul. Eine Büchse Thon und eine Mango mussten heute reichen. Unterdessen ist es schon halb elf Uhr, es ist kühl am Abend – halt wie bei uns im Sommer.

Km: 57‘649 (337)

So, 08.01.2017: Die Kaltwasser-Traumstrände von New South Wales

Die Natur hat vor allem nördlich von Sydney eine einzigartige Küstenlandschaft geschaffen, bestehend aus einer Art von Fjorden mit grossen und kleinen Halbinseln und Eilanden. Eher zufällig bin ich auf einer dieser Halbinseln gelandet und werde jetzt aus organisatorischen Gründen noch eine Nacht bleiben. Zudem war ich auch heute fast den ganzen Tag unterwegs, kam wieder kaum zur Ruhe – was ich morgen nachholen möchte. Vielleicht schaffe ich es tatsächlich, wieder einmal einige Zeilen zu lesen.

Zuerst ärgerte ich mich am Morgen, weil es für meine Spiegeleier keine Platte hatte, und mein Benzin für den Kocher hatte ich erst gestern in den Tank geleert. So fuhr ich nach einem Mini-Frühstück an die Nelson Bay und von dort gleich weiter zur Shoal Bay. Ich hatte es auf den Tomaree Head abgesehen, einen 181 m hohen, kegelförmigen Berg, der allerdings noch viele andere Touristen anzog, aber damit habe ich mich hier schon abgefunden.

Tomaree war im Zweiten Weltkrieg auch ein Stützpunkt, um eventuelle japanische Luftangriffe abzuwehren. Die alten Geschütze sind zwar weggeräumt worden, aber es ist logisch, dass man von diesen Stellen auch eine gute Aussicht hinaus auf Meer und die kompliziert geformte Küstenlinie bekommt. Noch viel besser war die 360°-Aussicht aber auf dem Gipfel, vor allem auf die Zenith Beach und den Fingal Spit, wo eine Sandbank das Festland mit einer Insel verbindet, die aber bei Flut überschwemmt wird, wodurch lebensgefährliche Strömungen entstehen können. Genau dorthin wollte ich natürlich, aber ich hatte gut geplant, denn just bei tiefster Ebbe überquerte ich die Verbindung. Etwas wehmütig beobachtete ich einige Kite-Surfer. Welch dynamische Sportart! Aber ich darf nicht daran denken, diese jetzt nochmals auszuprobieren, mein Fuss ist noch immer nicht der, der er war, und ich frage mich, wie gut er dann das Snowboarden vertragen sollte. Ich war lange Zeit im Sand unterwegs, überaus gemütlich, denn Gehen im Sand scheint mein Gelenk mehr zu belasten. Aber auch langsam kommt man ans Ziel. Auf der anderen Seite des Fingal Islands besuchte ich einen Leuchtturm, erbaut 1859, nachdem gleich mehrere Schiffe wegen Kliffs versunken und viele Menschen gestorben waren.

Erst dann genoss ich endlich das wellenreiche Wasser, richtiggehend erfrischend – 19°C! Längere Aktivitäten im Wasser verlangen nach einem Neopren-Anzug. Dann fuhr ich nach einem Bier zurück zur Nelson Bay, wo ich ein Barramundi Filet ass – ich lasse es mir gutgehen, die australischen Dollars rinnen mir zwar nur so durch die Finger, aber die Lust zu kochen war einmal mehr klein.

Eigentlich wollte ich morgen der Küste folgen und zweimal per Fähre von einer Halbinsel auf die andere kommen, schliesslich auf diese Weise in Sydney einfahren, aber dies geht nicht, weil es keine Autofähren gibt. Schade! Ich werde mir noch einen Tag hier am Strand gönnen, um dann direkt nach Sydney zu fahren, wo ich tatsächlich eine Unterkunft vom 10. – 13. Januar gebucht habe. Was heisst, dass ich mich auch  f ü r  Japan entschieden habe! Mit Buchen werde ich noch etwas zuwarten, weil Procycles, wo ich meinen Töff zum Versenden abgeben soll, offenbar eine etwas zwielichtige Firma ist, die ich gerne zuerst kennenlernen möchte.

Jetzt sitze ich an der kühlen Abendluft. Zwei Jungs haben erneut eine Riesenportion australischer Würst verschlungen, aber sie hören gute Musik – Achtzigerjahre und älter, ganz gut!

Km: 57‘693 (44)

Mo, 09.01.2017: Nochmals ein fauler Tag

Wohl für einige Zeit zum letzten Mal wollte ich heute noch einmal den Strand geniessen. Ich musste nicht weit fahren bis zum One Mile Beach, wo gleich zwei weite und lange Strände zum Sonnenbaden einluden. Ich suchte allerdings den Schatten, denn ich habe gestern etwas viel Sonne abgekriegt. Vielleicht sollte ich es doch wieder einmal mit Sonnencreme versuchen, vor allem für exponierte Stellen…

Für einmal blieb ich heute ziemlich inaktiv, fand sogar einige Zeit zum Lesen. Ich weiss nicht einmal mehr, wo ich in meinem letzten e-Book stehen geblieben bin… Ich beobachtete die Menschen, wie sie sich wie dressiert genau zwischen den orange-gelben Fahnen wie in einer Sardinenbüchse im Wasser tummelten. Links und rechts der schwarz-weissen Fahne hatte es nur wenige Leute im Wasser. Dort befand natürlich auch ich mich, aber ich blieb trotz des herrlichen, glasklaren Wassers nicht lange im Wasser, denn es war mir schlicht zu kalt. Irgendwann am Nachmittag bekam ich Hunger, in der nahen Bar gab es Bier und ein Seafood Basket, ganz gut. Am Abend traf ich auf dem Zeltplatz auf zwei junge Berner, die ich nochmals zu den Dünen begleitete. Wiederum versank die Sonne in den entfernten Wolken, aber die Wüstenstimmung war auch so faszinierend.

Eigentlich hätte ich heute kochen können (ich hatte nämlich am Morgen wieder Benzin besorgt), aber der Hunger war dafür am Abend nicht genug gross, sodass ich mich mit einem grossen Salat zufriedengab. Ich beschäftigte mich heute auch nochmals mit der Reise nach Japan. Leider sind die billigsten Flüge unterdessen wohl ausgebucht. Sehr schräg ist der Flug nach Santiago: Narita (Tokio) – Seoul – Narita (Tokio) – Houston – Santiago für Fr. 780.00, United Airlines. Wenn ich den baren Direktflug von Tokio nach Houston buchen würde, kostete mich dies über 5000 Franken. Hier werde ich bald abdrücken müssen. Morgen in Sydney werden Nägel mit Köpfen gemacht. Ich freue mich auf das erste „Endziel“, mit dem ich so gute Erinnerungen verbinde.

Km: 57‘704 (11)

Di, 10.01.2017: Das Werk ist vollbracht

Wenn ich eine Lieblings-Grossstadt habe, kann es nur Sydney sein. Ihre Lage mit der riesigen Hafenbucht mit Opera und Harbour Bridge, das Multi-Kulti-Vielvölkergemisch, die stupenden gläsernen Hochtempel sind einfach einmalig. Und ich kenne mich auch nach 23 Jahren noch aus! Das Werk Teil 1 ist vollbracht.

Ich brauchte am Morgen einige Zeit, bis ich zum letzten Mal für einige Zeit meinen Gerümpel zusammengepackt hatte. Die Fahrt nach Sydney bestand vor allem aus Autobahnfahren. Und ich war erstaunt, dass ich bis kurz vor der Stadt durch weite Wälder fuhr, dazu war es recht hügelig, sodass halbe Hügel abgetragen werden mussten, um die Autobahn geradlinig verlaufen zu lassen. Hornsby war das erste Ziel, genauer gesagt Procycles, wo ich meinen Töff abzugeben habe und er in eine Kiste verbaut wird (Crating). Morgen werde ich meine Maschine definitiv dort abgeben. Dann galt es, in die Innenstadt zu kommen. Grossstadtfahren ist immer ein Erlebnis für sich, auch wenn man mit Navigationsgerät fährt, oder vielleicht gerade deshalb, weil ich auch diesmal eine Abzweigung verpasste und einen Umweg zu fahren hatte. Natürlich wollte ich über die Harbour Bridge einfahren, aber das war wieder so eine Sache, weil unterdessen eine Gebühr verlangt wird. Diese wird elektronisch abgebucht, wenn man über das geeignete Gerät verfügt, was ich natürliche nicht tue. Ich wurde halt wieder einmal geblitzt, und die Beamten werden sich einmal mehr über meine Nummer wundern, mit der sie nichts anfangen können. Unterdessen gibt es auch eine Autobahn, die unter der Hafenbucht hindurch führt – neu für mich. Es war ein erhabenes Gefühl, mit Schweizer St.Galler Nummer beim Wahrzeichen Sydneys vorzufahren. Allerdings musste ich bei den Security-Leuten etwas betteln, dass ich meinen Töff in Pose stellen konnte, um zusammen mit mir zu einem speziellen Andenken in Form eines Fotos zu kommen.

Nicht weit entfernt erreichte ich nach spannender Fahrt durch Häuserschluchten und auch geschichtsträchtigen Bauten an der Kent Street das Base, ein riesiges Backpacker’s mitten im Zentrum. Gebucht hatte ich schon vorgestern, einchecken musste ich heute selber an einem Tablet; manchmal fühle tatsächlich auch ich mich alt wegen der neuen Methoden, weil ich viel länger brauchte als die ganz jungen Leute neben mir. Ich bewohne für drei Nächte ein Vierer-Dormitory für 130 A$ (96 Fr.), habe aber Glück, denn ich bin der einzige im Viererzimmer, die meist sehr jungen Leute ziehen die etwas billigere Variante im Zehner-Dormitory vor.

Natürlich musste ich den Töff noch umparkieren, danach machte ich mich auf zu einem Spaziergang zum Darling Harbour. Damals waren wir in diesen Gewässern noch mit Schlauchboot unterwegs. Erinnerungen! Noch immer hat es viele geschniegelte Leute auf Sydneys Strassen, sie wetzen noch gleich gestresst durch die Gassen wie vor 25 Jahren, aber es gibt einen Unterschied: Heute blickt jeder zweite in ein rechteckiges, leuchtendes Gerät, Zeitvertreib oder Weiterarbeit gar während des Gehens… Schräge Zeit – aber ich passe mich da ja auch ganz gut an…

Ich fand an der George Street eine gute Pizzeria, das Vanto, in einer Arkaden-Mall mit lauter teuren Markenläden gelegen, dabei sollte ich mich eigentlich meiner Vorräte entledigen. Aber die Pizza war ausgezeichnet. Im Zimmer begann ich, meine Materialien neu zu sortieren, denn heute Nachmittag machte ich auch Köpfe mit Nägeln, was die Weiterreise anbetrifft. Ich werde tatsächlich nach Japan reisen (über Brisbane, 400 Fr.) und von dort über Houston nach Chile, wobei ich tatsächlich jenen eigenartigen Flug gebucht habe, der eigenlich 58 Stunden dauern würde. Schräges Routing (28.01.17): Narita (Tokio) – Seoul – Narita – Houston – Santiago für sage und schreibe 796 Fr. Ich werde das Risiko eingehen, erst am 29.01. in Tokio zusteigen und spare mehr 30 h Zeit!  Am 30. Januar werde ich in Santiago de Chile ankommen.

Natürlich wird es spannend, wie mein Fuss das Snowboarden erträgt und wie gut meine Ausrüstung geeignet ist. Geplant ist, dass ich in Töffmontur fahre, frieren sollte ich damit eigentlich nicht. Mal schauen, wie bequem das ganze ist. Hip ist es jedoch bestimmt nicht…

Km: 57‘924 (220)

Mi, 11.01.2017: Fahrgerät auf die Reise geschickt

Eigentlich wollte ich mit dem Töff noch etwas die Stadt erkunden, es wäre eigentlich das perfekte Fortbewegungs-mittel, aber die Lust heute Morgen dafür war zu klein, sodass Reorganisiererei meines Materials vollendet wurde und ich mich auf die letzte Fahrt in Australien begab. Wiederum fuhr ich schwarz über die Harbour Bridge, wieder passierte mir nichts, ausser dass es hinter mir blitzte. Das Navigationsgerät war so nett, mich über eine andere Route nach Hornsby zu führen, natürlich über eine gebührenpflichtige Autobahn. Die Beamten können bald eine Galerie mit netten Fotos meiner Yamaha mit meiner St.Galler Nummer an die Wand kleben.

Ich erreichte Procycles unbehelligt. Ich hatte es also geschafft, ohne Registrierung und Versicherung exakt 15‘333 km durch Australien zu fahren, einige hundert Dollars wurden somit gespart. Australien ist unheimlich gross, man stelle sich vor: Ich bin in diesem Land so weit gefahren wie von der Schweiz nach Kirgistan kurz vor der chinesischen Grenze! Der Procycles-Chef war brummbärig wenig nett, seine Mitarbeiter verhielten sich kuschig-gebückt, aber ich gab gleichwohl meine Wünsche an. Gerne hätte ich das gerissene Rohr geschweisst gehabt, kommt aber zu teuer, aber ich ersetze Hinterreifen, Batterie und Kerzen, dazu kommt ein Ölwechsel. Das Öl darf während des Fluges tatsächlich im Motor bleiben, aber der Benzintank muss absolut leer sein, die Batterie wird abgehängt. Fürs Crating wird das Vorderrad demontiert. Da werde ich dann in Santiago herausgefordert sein, meine Maschine wieder in Gang zu bringen. Das Geschäft war schnell abgeschlossen, ich hatte tatsächlich nicht mehr zu tun, als meine Maschine hierher zu bringen.

Netterweise gibt es in Hornsby einen Bahnhof. Auf dem Weg dorthin betrat ich zum x-ten Mal einen Camping-Laden, und siehe da: Diesmal war ich erfolgreich, ich fand hier genau die richtige, neue Liegematte – Exped, Schweizer Produkt, mit Blassack über 200 A$ teuer, aber netterweise 25% heruntergesetzt! Die Matte wollte ich ebenfalls noch in den Koffer verpacken, der im Holzkasten nach Südamerika reist, weshalb ich nochmals zurückging und die neue, orange Matte versorgte und die andere verschenkte. Der Zug brachte mich zurück mitten ins Zentrum, in Wynyard stieg ich aus und flanierte durch die Stadt Richtung The Rocks, der Opera. Auf dem Weg gab’s ein Bier. Der Opera sieht man tatsächlich auch an, dass sie 25 Jahre älter geworden ist. Eine Renovierung ist wohl bald nötig.

Dann war ich lange im nahen botanischen Garten mit bester Sicht auf Hafen, Opera, Harbour Bridge, las etwas und lernte Spanisch – mit einer App: Duolingo. Gegen Abend zogen Wolken auf, ich war beinahe der letzte im Park, vertiefte mich auf gut gemachten Schildern in die Geschichte Australiens. 1788 begann die Kolonialisation hier in Sydney. Das Land in der Botany Bay wurde von den neuen Siedlern (80% Sträflinge, die in Englands Gefängnissen keinen Platz mehr hatten) so intensiv genutzt oder ausgebeutet, dass die einheimischen Aborigines eine Hungersnot beklagten, weil die Bucht überfischt und alles Essbare in der Umgebung verbraucht war. Zudem wurden die Pocken eingeführt. Innerhalb von zwei Jahren war mit Ausnahme von drei Menschen der ganze einheimische Stamm dahingerafft. Natürlich versuchten gute Menschen auch, all das Neue den Einheimischen näher zu bringen, aber eine Kooperation war wegen der zu grossen Unterschiede fast unmöglich. Andere Europäer hoffen, dass die Rasse allmählich aussterben wird. Erst 1967 bekamen auch die Aborigines das australische Bürgerrecht mit denselben Rechten! Das Problem ist aber auch heute allgegenwärtig. Zwar werden die Ureinheimischen sozial unterstützt, aber eine wirkliche Integration gelingt nur den wenigsten. Überall dasselbe Bild: Alkoholprobleme, zu arbeiten brauchen die Leute wegen der staatlichen Unterstützung nicht wirklich. Entwurzelt. Tragisch. Die Zeit macht die Zustände nicht immer besser. Ich bin ja mal gespannt, wohin die Zeit uns in hundert oder zweihundert Jahren bringt.

Im Hostel verkochte ich meine restlichen Vorräte, trank ein Glas Wein. Ich fühle mich etwas fehl am Platze hier. So viele junge Leute übernachten hier, das Handy allgegenwärtig, die Bienen parfümiert in Highheels sich auf den Ausgang vorbereitend, männiglich ist tätowiert, wie sieht nur ein schönes Tattoo aus? Das Reisen hat sich verändert – oder ich mich nicht.

Km: 57‘956 (32)

Do, 12.01.2017: Kurzweiliger Stadttag

Eigentlich war ich heute recht planlos unterwegs in der Innenstadt. Sydney ist ein Shopping-Paradies, in dem man alles kriegt, was dein Herz begehrt. Aber was begehrt mein Herz? Gar nicht so einfach. Da ich ein T-Shirt in Byron habe liegen lassen und ein anderes bald aus mehr Löchern als Stoff besteht, hielt ich Ausschau nach meinem Lieblingskleidungsstück, wurde aber lange nicht fündig, weil meist zu teuer. In einem Billigladen kaufte ich halbherzig ein erstes oranges Giordano-Teil für nur 10 A$, kurz darauf stiess ich quasi als Japan-Vorbereitung auf einen SuperDry-Laden, einer der wenigen Textilläden, der noch T-Shirts in festerer und damit besserer Qualität anbietet. Und tatsächlich kaufte ich noch ein zweites Teil, dunkelblau, quasi als Ausgangs-T-Shirt. Dazu sah ich die perfekte Abenteuer-Kurze-Hose, die mir hoffentlich so lange hält, dass ich sie dann nach Hause bringen werde. Im selben Haus fand ich einen grossen Buchladen, wo ich tatsächlich eine Südamerika-Karte fand.

Es war nicht weit zu gehen bis in den Hyde Park, wo ich mich auf eine Bank setzte und begann, für Südamerika Pläne zu schmieden. Die riesigen Distanzen werden sicherlich eine grosse Herausforderung werden, zudem bin ich gespannt, auf welchem Weg ich Brasilien erreiche, von Norden oder Nordwesten gibt es nur eine Möglichkeit – über Manaus, das am Amazonas liegt. Von dort gäbe es eine dreitägige Bootsfahrt… Spaaannend! Ebenso interessant wird wohl die Fahrt Richtung Patagonien werden, vor allem wenn ich möglichst lange Chile nicht verlassen möchte. Dann stehen auch diverse Fährfahrten an.

Sound trieb mich zurück zur St.Mary’s-Kathedrale, wo das Sydney Festival in vollem Gange war. Ich verfolgte ein gutes Gratiskonzert der amerikanischen Lake Street Dive, aufgestellte Folk-Rock-Musik mit ausgezeichneten Musikern mit einer Sängerin, deren Stimme mich an harmonischen Glockenklang erinnerten. Dann durchquerte ich die Innenstadt nochmals. In der China Town ass ich in einer asiatischen Food Mall ein ausgezeichnetes chinesisches Menü für weniger als 8 Fr.

Fr, 13.01.2017: Nochmals in Sippy Downs

Schon um halb sieben Uhr stand ich auf, verwertete zwei übrig gebliebene Eier und ein paar Tropfen Olivenöl, war abreisebereit kurz vor halb acht Uhr. Ein Taxi-Shuttle führte mich zum Domestic Airport. Ich war etwas zu früh dort. Ich hatte bald eingecheckt, aber ich realisierte, dass ich viel Gepäck dabei habe – 22.3 kg, halt alle warmen Sachen, die in Japan nützlich sein werden, denn dort schneit es seit Tagen, da werde ich wohl für 12 Tage den Vollwinter erleben.