Teil 27: Australien IV: Der grosse Wüstentrip

Die direkte Durchquerung des australischen Inlandes durch diverve Wüsten auf der Great Central Road wurde wie erwartet zu einem grossen Abenteuer mit vielen Tagen in absoluter Einsamkeit, Übernachtungen im Zelt im entferntesten Outback, einem veritablen Unwetter in der Wüste, zweier Pannen mit einer halbwegs gerissenen Kette und einem Kühlersystem, das meine Maschine heiss laufen liess, einem Sturz von einem Felsen, bei dem ich mir mehrere eiternde Wunden holte, einer unendlichen Reise durch Prärieland, wo nur die Wölfe oder Winnetou fehlten.

Unterbrochen wurde die Reise durch einen sehr angenehmen Aufenthalt bei einer deutsch-australischen Familie in Alice Springs. Anschliessend war ich wieder fit für den Plenty Highway, auf dem ich bei bis zu 46°C wegen Wellblechs und schlechter Schotterpiste nur langsam vorwärtskam.

Vor allem aber bewältigte ich enorme Distanzen. Ich habe unterdessen in Australien schon 13'500 km zurückgelegt, das entspricht meiner Strecke von der Schweiz bis Tadschikistan. Die letzten 2000 km in Australien dürften ein Spiessrutenlaufen werden, denn unterdessen wurde ich von der Polizei aufgehalten, die feststellte, dass ich ohne Registration und Versicherung unterwegs bin. Ich werde Queensland in zehn Tagen in einem Strich verlassen, um nach New South Wales zu gelangen, denn die Polizei dort ist nicht darüber informiert, was in Queensland aufgenommen wurde... Für Spannung wird gesorgt sein.

Jetzt aber geniesse ich die Gastfreundschaft Josés, den ich schon vor 26 Jahren in Sydney kennengelernt hatte. Bei ihm werde ich Weihnachten verbringen und wohl auch Silvester feiern.

Schöne Weihnachten und einen spannenden Rutsch ins 2017 wünsche ich allen meinen Lesern!

Di, 15.11.2016: Bridge of London

Eigentlich war heute nur geplant, einen ersten grossen Schritt Richtung Laverton zu machen, wo die Great Central im absoluten Outback beginnt. Tatsächlich setzte ich dieses Vorhaben um, aber die Idylle, die ich gerade jetzt erlebe, ist beinahe nicht zu überbieten.

Ich sitze mausalleine an einem Holztisch, der Supermond taucht die Landschaft in beinahe unnatürliches Licht, ich werde an Lars von Triers gleissendes Planetenlicht erinnert, das in Melancholia beinahe unwirklich die Erdendzeit anzeigt. Aber so melancholisch und depressiv fühle ich mich dann aber doch nicht, im Gegenteil. Als ich in Sandstone nach über 500 km heisser Fahrt mit seitlichem Gegenwind ankam und in dieser alten, kleinen Goldgräberstadt in einem verlassenen Pub ein Bier trank, erfuhr ich von einer speziellen Felsformation ganz in der Nähe – der Bridge of London. Ich fuhr im warmen Abendlicht einige Kilometer zu einer orange-rot leuchtenden Felsformation und staunte über dem tunnelartigen Durchgang, der in Millionen von Jahren durch Erosion hier entstanden ist. Die Szenerie war einfach atemberaubend und vor allem vollkommen unerwartet, denn in keinem Reiseführer ist von irgendeiner Sehenswürdigkeit in Sandstone zu lesen. Dementsprechend war niemand hier, weil ich mich im Moment wirklich weg von einer touristischen Durchgangsroute befinde, sodass es leicht war, einen  Lagerplatz für die Nacht zu finden. Ich hatte grosse Auswahl und richtete mich an der windgeschützten Westseite und einem überhängenden Felsen ein, womit ich nicht einmal das Zelt aufstellen musste. Ich konnte vorerst einmal nicht genug von dieser Landschaft bekommen, etwas erhöht gelegen, deshalb mit fast unendlicher Sicht auf den australischen Busch. Nachdem ich genügend Holz für mein Kochfeuer gesammelt hatte, setzte ich mich auf den Brückenübergang und beobachtete die Sonne, die in den aufkommenden Wolken immer wieder verschwand, aber dann doch wieder zum Vorschein kam und den Felsen eine beinahe unnatürliche rot-orange Farbe verlieh.

Dieser Felsbogen erwies sich aber weiterhin als sehr fotogen, den beim Sonnenuntergang verfärbte sich der Himmel zwischen orange, grün bis violett. Ich war einfach nur begeistert. Dann fand ich endlich Zeit, das Feuer zu entfachen und meine in Mount Magnet gekauften Rumbsteaks zu würzen und später über dem Feuer zu braten. Dazu gab es grosse grillierte Kartoffelscheiben. Ich hatte auch schon längst meine Flasche Wein Jakob’s Creek geöffnet und genoss Stimmung und Essen.

Ich war heute Morgen schon früh wach, packte meine Siebensachen zusammen und war schon um acht Uhr bereit für den ersten Schritt Richtung Osten. Zuerst führte die Fahrt erneut durch weite, gelb-beige, ausgetrocknete Kornfelder; leider bin ich etwas zu spät für die vielen Wildblumen, die unterdessen bereits verblüht sind. Je weiter ich fuhr, desto trockener wurde das Land, der silbrig graugrüne Busch hatte die Felder längst wieder abgelöst. Mir kamen diverse Roadtrains entgegen – Westaustralien ist reich an Bodenschätzen, die auch heute noch in Minen intensiv abgebaut werden. Vor hundert Jahren war die Region etwas dichter besiedelt, weil sich die Menschen Gold suchend das grosse Glück erhofften. Auch Sandstone ist eine dieser kleinen Orte, die damals einige tausend Einwohner hatte und welche die Bridge of London schon damals als Picknick-Platz verwendet hatten und sich mit Ross und Wagen hier hinaus chauffieren liessen.

Der erste Tag meiner Ostexpedition ist vollauf gelungen, das Abenteuer hat mich, das Outback ebenfalls und dazu ein aussergewöhnlich grosser (Fast-)Vollmond, der die Nacht beinahe zum Tag werden lässt.

Km : 49'956 (515)

Mi, 16.11.2016: Wüstenpfützen, Buschgerüche und Goldnuggets

Es zeichnete sich schon seit einigen Tagen ab, dass am Mittwoch eine starke Front aus Westen das Land mit Regen überschüttet, nicht ganz selbstverständlich für eine Region, in der es wohl seit Wochen oder Monaten nicht mehr geregnet hat. Die Nacht unter dem Felsvorsprung war unangenehm heiss, denn das Gestein gab die ganze Nacht seine gespeicherte Wärme ab. Erst als sich gegen Morgen der Wind wieder bemerkbar machte und die Wolken ins Land trieb, wurde es etwas kühler. Kaum war es hell, wollten mir Unmengen von Fliegen ihre Liebe bezeugen und setzten sich an die unmöglichsten Orte im Gesicht, sodass ich mich erneut mit dem gestern gekauften Gesichtsfliegennetz schützte und versuchte, noch etwas weiterzuschlafen.

Als es leicht zu regnen begann, überlegte ich mir schon, was für Alternativen mir hier blieben, wenn ich nicht weiterfahren wollte. So liess ich mir viel Zeit, kochte über dem Feuer Kaffee, briet drei Spiegeleier, toastete drei Scheiben Brot, bis ich allmählich mit dem Zusammenräumen begann. Im Westen schien es zwar stärker zu regnen, aber ich wollte ja Richtung Osten fahren, und da war es einigermassen hell. Ich passierte eine erst 1982 stillgelegte Mine, wo tatsächlich Gold gefunden wurde. Geräte und Maschinen hat man liegen lassen und werden dem Zahn der Zeit überlassen. Auf dem Weg nach Leinster machte ich weitere Halte bei stillgelegten Minen, bei einer fand ein Aborigine ein veritables Goldnugget, worauf das wahre Goldfieber ausbrach, allerdings wurde danach nicht mehr viel gefunden. An anderen Orten wird das Land im grossen Stil durchsucht, aber nicht nur nach Gold, sondern beispielsweise auch nach Cobalt oder Nickel. Vom Regen wurde ich weitgehend verschont. Ich umfuhr die Regenzellen elegant-zufällig. Zwar tröpfelte es immer mal wieder, aber die wenige Feuchtigkeit verdunstete noch auf meinen Töffkleidern. Wiederum musste ich heute vor allem viel Strecke durch meist flaches Buschland zurücklegen. Heute sah ich wieder einmal zwei lebende Kängurus, die schnell im Busch verschwanden. Sonst bieten diese Tiere am Strassenrand oder auch mitten auf der Strasse ein trauriges Bild. Zermalmt und überfahren liegen sie da, heute war der Anblick besonders bitter, als eine Kängurumutter wohl eben überfahren wurde und tot dalag – und gleich daneben ihr grosses Junges – ebenfalls regungslos.

Ich erreichte Leonora schon vor zwei Uhr, womit es nur noch 130 km bis Laverton waren. Hier musste es eben noch stark geregnet haben, denn auf der Strasse hatten sich Pfützen gebildet, ebenso in den Gräben neben der Strasse. Die Natur scheint hier unglaublich schnell auf Niederschlag zu reagieren. Neongrüne Grasbüschel standen am Strassenrand, überhaupt kamen mir die Büsche grüner vor als auch schon, aber das Beeindruckende waren vor allem die feuchten Gerüche, die mir in die Nase stiegen – ein Sammelsurium von mediterranen Gewürzen durchmischt mit Staub, Feuchtigkeit. Der grosse Schauer sollte mich auch diesmal nicht erwischen, sodass ich Laverton, das Eingangstor zur Great Central Road trocken erreichte. Ich fuhr gleich den Caravan Park an, denn ich wollte noch einmal duschen, vielleicht das letzte Mal für einige Tage. Da deckte ich mich nochmals mit einigen Vorräten ein, kaufte im Bottle Shop eine weitere Flasche Wein, trank dort ein Cooper’s Sparkling Beer. Überrascht wurde ich von einigen mich nett grüssenden, einheimischen Aborigines, aber dies war offenbar nur eine Masche – bald fragten sie nach Geld oder einer Flasche Cola, worauf ich nicht einging.

Jetzt sitze ich vor der gut eingerichteten Camper’s Kitchen, habe Nudeln mit Broccoli gegessen, noch ein Bier getrunken. Ich studiere eine im Visitor’s Centre erhaltene Karte der ganzen 2200 km dieses Outback-Tracks. Ich freue mich, dass es morgen endlich losgeht. Mal schauen, wie ich den Gravel vertrage…

Und: Heute habe ich den fünfzigtausendsten Kilometer hinter mich gebracht. Werde ich wohl auf hunderttausend kommen?!

Km : 50’388 (432)

Do, 17.11.2016: Wüstenblitz und Schlangenattacke

Eigentlich dachte ich ja, dass ich heute dem Wüstengewitter (!) ein Schnippchen geschlagen habe, denn scheinbar elegant bin ich heute den schwarzen Wolkentürmen ausgewichen, oder dann haben sie sich erst entleert, wenn ich mich in Windeseile bereits von den Regenstürmen entfernt hatte. Aber der Gott des Blitzes war schlau und wartete geduldig, bis ich 60 km ausserhalb Tjukayirla im entferntesten Outback, in dem ich je war, mein Lager aufgeschlagen hatte. Das Feuer brannte, der Wind fachte es so stark an, dass ich etwas Angst um die umstehenden Büsche hatte, als ich zum nahen, roten Sandhügel ennet der Schotterpiste aufstieg, um dem Blitzschauspiel beizuwohnen, das sich in der Dunkelheit beinahe rings um mich abspielte. Dann begann es zu tröpfeln, und aus den einzelnen Regentropfen wurde ein ausgewachsener Schauersturm – notabene in der Wüste, wo es nicht mehr als 100 bis 200 mm Regen pro Jahr gibt. Ich eilte notfallmässig hinunter zum bereits aufgestellten Zelt, die Lust, mein Steak über dem Feuer zu grillieren, sank auf den Nullpunkt, sodass ich noch schnell eine Büchse Thon, eine Zwiebel und das restliche Brot aus meinem Verpflegungskoffer holte. Dies reichte, dass ich schon beinahe durch und durch nass wurde. Wenigstens stand die Weinflasche schon im Zelt.

Und jetzt prasselt der Regen erbarmungslos auf mein Zelt, von dem ich nicht einmal weiss, ob es wirklich wasserdicht ist. Heute wird es zum ersten Mal nach anderthalb Jahren Reisen auf Herz und Nieren geprüft. Ich sitze im Zelt, habe das improvisierte Essen bereits verzehrt. Ist ja schon der Wahnsinn! Da befindet man sich in der Wüste und muss sich im Zelt vor den Wassermassen schützen! Da hofft man natürlich, dass man nicht weggeschwemmt wird. Meine Erfahrung hat mir gesagt, dass ich den Platz für das Zelt besser etwas erhöht wähle. Das Alleinesein ist hier besonders speziell, weil ich Hunderte von Kilometern von der nächsten grösseren Stadt entfernt bin. Ich bin weit über dreihundert Kilometer auf Schotterpisten gefahren, viel mehr als ich erwartet hatte, und nicht mehr als eine Handvoll Fahrzeuge sind mir begegnet. Eigentlich ist es jetzt nicht mehr empfohlen, sich auf diesen langen Trip zu begeben, weil Temperaturen bis zu 50°C auszuhalten sind, aber die massive Westfront, die über das Land gezogen ist, hat die Verhältnisse überraschend vollkommen verändert. Tatsächlich habe ich noch nie eine dermassen grüne Wüste erlebt, offenbar hat es in den letzten Tagen des Öfteren geregnet, der rote Sand ist gleichsam festgeregnet, es gibt feuchte Spuren, die man besser umfährt, Wassertümpel in den Senken neben der Strasse zeugen von heftigem Niederschlag.

 

Umso reizvoller dürfte diese Fahrt jetzt werden. Heute Morgen war es noch beinahe wolkenlos, aber der Szenerie war es durchaus nicht abträglich, dass allmählich friedlich aussehende Wolken vorbeizogen, die allerdings immer dichter wurden, bis ich in eine schwarze Wand hineinfuhr, dem Regen aber knapp entging. Erst als ich zurückschaute, realisierte ich, was da jetzt wenige Kilometer hinter mir los ist…

 

Das Fahren auf der Gravel Road bereitet mir keine Schwierigkeiten, vielleicht ist da tatsächlich eine Prise Angst oder vielmehr Respekt. Ich ging es deshalb sehr vorsichtig an, vor allem wenn Partien mit Wellblech kamen, die dazu noch mit kleinen Kies- oder Sandhügelchen durchsetzt waren. Es gab aber auch immer wieder Abschnitte, die ausgezeichnet ausgebaut waren, sodass sogar Tempo 100 möglich war! Tote Kängurus bekam ich heute mangels Road Trains keine zu Gesicht, dafür entdeckte ich zwei tote Kamele, die vor sich hinstinkend am Strassenrand lagen. Immer wieder entdeckte man metallene Mahnmale am Strassenrand, völlig verrostet und verbeult, Fahrzeuge, die auf der Strecke das Zeitliche segneten. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was ich machen würde, wenn mich eine Panne ereilen würde…

Da freue ich mich viel mehr an der üppigen Wüstenvegetation und seinem Leben darin. Tatsächlich begegnete ich mindestens drei verschiedenen Eidechsen, die sich auf der Strasse sonnten, die aber in erstaunlichem Tempo reissaus nahmen, sobald ich ihnen näherkam. Und dann kam sie, die erste Schlange! Sie lag bewegungslos auf der Strasse, schien nicht verletzt zu sein und liess sich problemlos fotografieren. Als ich ihr aber einen Schubs gab, rührte sie sich weiterhin nicht – sie war tot! Aber nur wenige Kilometer später begegnete mir dann wirklich eine hochgiftige Brown Snake. Wiederum lag sie auf der Strasse, ich konnte ihr gerade noch ausweichen, machte kehrt, hielt an, und gegenseitig beäugten wir uns. Als ich ihr immer näher kam, wurde ich von ihrem blitzschnellen Angriff vollends überrascht. Mit unglaublichem Tempo und breit aufgeblasenem Kopf schnellte sie mir entgegen, aber ich vermochte auszuweichen. Sie entschloss sich jetzt abzuhauen und schlängelte elegant zum Pistenrand und verschwand in den Spinifexgräsern. Natürlich verfolgte ich sie. Das perfekte Bild musste her. Lange blieb sie hinter einem kleinen Busch liegen, nahm mich ins Visier, ging aber nicht über in den Angriff. Was für ein schönes Tier – grün-gelb-braun, überaus elegant mit leuchtenden Augen!

In Tjukayirla, einem verlassenen Road House, kam ich zu Benzin. Ich trank eine Cola, ass von meinem vor sich hinschmelzenden Camobert. Ich befinde mich im Land der Aborigines, die immer noch in diesem kargen Land leben, mit alten Karren ebenfalls beim Roadhouse erschienen, aber wie immer wenig Interesse an einem Kontakt zu einem Touristen hatten.

Begeistert bin ich einfach vom wilden Land, das nie im Interesse der weissen Menschen war, deshalb noch heute beinahe so ursprünglich wie seit Urzeiten ist. Ich bewege mich auf den Urpfaden der Ureinheimischen, die sich an Geländemarkierungen wie höheren Bäumen oder Wasserlöchern, sogenannten Gnamma Holes orientiert hatten. Diese sind gar nicht so schwierig zu finden, weil es immer dann viele Vögel in der Umgebung hat. Diese Wasserlöcher im Gestein waren früher auf Wanderungen überlebenswichtig. Ich wurde aber auch überrascht von plötzlich abfallenden, zerfurchten Felsen, von denen man eine herrliche Aussicht auf das scheinbar unendliche Land hat.

Der erste Tag im wahren Outback war ein Riesenerlebnis! Und: Ich komme schneller vorwärts als erwartet!

Bevor ich mich jedoch zum Schlafen niederlegte, erschreckte mich ein Riesenteil von einer Spinne, die es irgendwie geschafft hatte, in mein Zelt zu kommen. Keine Ahnung, ob das Tier giftig war – die meisten sollen es ja sein. Auf solche Schlafkumpanen kann auch ich verzichten und warf das eigentlich haarig-schöne Tier kurzerhand raus…

Km: 50‘751 (363)

Fr, 18.11.2016: Die Wüste blüht im verbotenen (?) Land

Es war eine unruhige Nacht, denn der heftige Wind rüttelte an meinem Zelt, aber die Heringe hielten stand – und ich blieb trocken. Ich hatte kuschlig warm in meinen beiden Schlafsäcken und hatte keine grosse Lust aufzustehen, denn ohne dass ich nach draussen schaute, wusste ich, dass das Wetter nicht perfekt war. Tatsächlich war es stark bewölkt, als ich aufstand, und ich suchte nochmals den Gewitterhügel auf, um mich als Wetterschmöcker zu betätigen. Und ich schätzte es richtig ein. An einer kleinen Stelle war der blaue Himmel sichtbar, und aus den kleinen wurden grosse, offene Stellen, und ich wagte es, mich für die Abfahrt vorzubereiten und das Zelt abzubrechen. Dazu liess ich mir alle Zeit der Welt, denn ein üppiges Frühstück erwartete mich. Das Fleisch musste unbedingt gegessen werden, bevor es verdirbt – es war bestens grilliert tatsächlich noch essbar, die Lust an Fleisch am frühen Morgen hielt sich allerdings in Grenzen – wenn man nur am Morgen Fleisch essen dürfte, würde ich wohl zum Vegetarier…

Als ich endlich losfuhr – die Sonne hatte die meisten Wolken längst verdrängt – fragte ich mich, wie lange es dauern würde, bis in der Wüste die Blumen zu blühen beginnen. Es schien mir, dies dauere eine Nacht, denn kaum war ich abgefahren, hielt ich gleich mehrere Male an, um die fremden, kunstvollen Naturwunder zu fotografieren. Auch heute war ich scheinbar der einzige auf der Strasse. Ich gewöhne mich schnell ans Schotterpistenfahren und bin zeitweise ziemlich schnell unterwegs, aber die Piste ist auch erstaunlich gut hergerichtet. Deshalb kam ich gut vorwärts, wurde höchstens aufgehalten von im Morgenlicht rot leuchtenden, zerfurchten Felsen wie beim Paradise Camp. Ich war hier einige Zeit zu Fuss unterwegs und stiess auf ein weiteres Gnamma Hole. Allerdings sind heute auch jegliche Felsbadewannen mit Wasser gefüllt, ein Segen für die Tiere. Ich war aber den ganzen Tag überaus beeindruckt von der stupenden Landschaft. Die Wüste scheint nach den Regenfällen im Nu zum Leben zu erwachen. Die Farben wirken in den wie heruntergewaschenen, sanften Hügelzügen intensiv, das Blaugraugrün der Blätter, das Hellblauweiss der buschigen Blüten, das Grün der Blätter an den desert oakes (Wüsteneichen), deren Holzeigenschaften ähnlich zu unseren Eichen sein soll. Lange Zeit bekam ich kein Tier zu Gesicht, dafür viele Autowracks, die manchmal in origineller Weise aufgestellt sind oder auf dem Dach liegen. Ein Spass erlaubte man sich bei einem Parkplatz, der mit dem bekannten „M“-Drive-In gekennzeichnet war.

Dann huschte eine grosse Echse über die Strasse, später die hurtige, schnell eilende, die ich schon gestern gesehen hatte, mir aber entkommen war. Diesmal schien sie sich einen Spass daraus zu machen, stehen zu bleiben und mich zu mustern. Erst als ich sie am Schwanz schubste, eilte sie in unglaublicher Kadenz davon und versteckte sich zwischen Gräserbüschen, aber ich fand sie; nochmals dasselbe Spiel, nur diesmal hielt sie exakt auf einer Ameisenstrasse, sodass Kopf und Augen (!) voller Ameisen waren, dies schien sie kein bisschen zu stören…

Dann erreichte ich Warburton, ein weiteres, verlassenes Kaff, in dem fast nur Aborigines leben. Aber sie tun sich schwer mit der neuen Zeit. Meist sind sie im Outback in zerbeulten Personenwagen unterwegs, holen sich im Road House Fast Food oder Süssgetränke. Aber Alkohol ist hier nicht erhältlich, und sogar das Benzin, das verkauft wird, ist sonderbehandelt. Es gibt hier nur sogenanntes Opal-Benzin zu kaufen, denn dieses kann nicht zum Schnüffeln missbraucht werden. Für mich ist auch hier die Stimmung beklemmend, man kommt überhaupt nicht an die Einheimischen heran, als ob sie auch mich als Weisser verantwortlich machen, dass ihnen ihr Land weggenommen wurde.

Ich blieb nicht lange und suchte sofort einen geeigneten Rastplatz. Das Land ist hier noch etwas stärker gefaltet, und auf der Schattenseite eines zerfurchten Felsens fuhr ich über den roten, noch immer sehr feuchten und tiefen Sand und fand die perfekte Stelle. Ich war früher dran als gestern und hatte genügend Zeit, den Felsen vor Sonnenuntergang zu besteigen. Mein Näschen war gut, denn die Sicht von hier oben war phänomenal. Ich hatte auch meine Weinflasche mitgenommen und genoss die Stimmung in den orange-roten Felsen auf dem höchsten Punkt.

Dann machte ich Feuer, kochte Nudeln an Auberginensauce mit viel Knoblauch. Jetzt habe ich auch noch einen Brotteig gemacht, denn das Brot ist mir unterdessen ausgegangen. Es ist auch heute Abend recht kühl und windig, von unerträglicher Hitze spürte ich auch des Tags überhaupt nichts – im Gegenteil und Regen sei Dank – das Klima für die Durchquerung dieser Wüste ist perfekt, deshalb wundere ich mich auch so, dass hier nicht mehr Leute unterwegs sind, denn so kann man Australien ultimativ erleben. Manchmal kommt es mir vor, als ob ich durch verbotenes Land fahre, aber dies ist nun wirklich nicht so.

Erneut: Ich bin begeistert!

Km: 51‘000 (249)

Sa, 19.11.2016: Eine Prise Tibet (!)

Wiederum bin ich an einem wunderschönen, interessanten Ort gelandet, und erneut bin ich weit gefahren – mittlerweile sind es 1574 km in fünf Tagen, aber nicht etwa auf schön ausgebauten, geteerten Strassen, sondern das meiste über Schotter in wechselnder Qualität, ich bin körperlich ziemlich ausgelaugt und freue mich auf etwas Zivilisation. Dies ist aber nur ein Grund, weshalb ich heute an meine Reise durch Tibet erinnert wurde.

Ich war erstaunt am Morgen, als ich aufstand, denn wieder war der Himmel bedeckt, aber es war dasselbe Spiel wie gestern, schnell hellte es auf, und als ich losfuhr, war es fast wolkenlos. Wiederum war die Wüstennacht kühl, sodass ich gerne noch etwas liegen blieb, es dauerte auch seine Zeit, bis Spiegeleier, Kaffee und frisches Brot über dem Feuer zubereitet waren. Ich liess mir Zeit und fuhr erst um elf Uhr Northern Territory Zeit (anderthalb Stunden Zeitverschiebung) los und wurde eigentlich lange nicht aufgehalten, weil sich die Landschaft und die Natur mit den vielen Blumen nicht gross verändert hatten. Nach 200 km auf guter Strasse erreichte ich Warakurna, ein weiteres Road House, am Rande der Aborigines-Siedlung, die keinen Besuch von Weisshäuten wünscht – unter Androhung von 1000 A$ Busse! Irgendwie kann ich’s verstehen. Noch in den Sechzigerjahren fanden in diesem Gebiet Nuklearversuche statt, obwohl das Land von den Ureinwohnern besiedelt ist.

Die Landschaft veränderte sich jetzt deutlich, wie ich dies gar nicht erwartet hatte. Ich durchquerte die MacDonnell Range, erstaunlich hohe, verwitterte, rote Bergrücken mit etwas blaugrüner Vegetation, im späten Nachmittagslicht imposant leuchtend. Dafür war die Strasse jetzt plötzlich viel schlechter, sodass man kaum Gelegenheit hatte, die Landschaft zu geniessen. Aber die kargen Erhebungen erinnerten mich etwas an meine Reise im Tibet, obwohl die Gemeinsamkeiten nur schmal sind, denn ich litt nicht an Atemnot, in der Ferne waren keine hohen Schneegipfel zu erkennen, aber die Kargheit und erhabene Schönheit dieser Landschaft liessen mich zurück an den Tibet denken. In Docker River, einem lieblosen Nest mit Dutzenden von schrottreifen Autos in ihren Yards und Abfall allüberall, wollte ich eigentlich noch einmal eine Erfrischung zu mir nehmen, aber der Laden war bereits geschlossen, und ich fuhr wie geplant noch zum Lasseter’s Cave, den ich über übles Wellblech und teilweise Sandpisten endlich erreichte. Lasseter war einer jener Pioniere, die vor 150 Jahren mit Mannschaft und Familie ihr Glück im Outback Australiens versuchten. Dieser Mann war auf der Suche nach einem legendären Goldschatz, den er mit Kamelen suchte – die dann ausbüxten und er in der Wüste alleine zurückblieb. Einige Zeit konnte er in dieser Höhle überleben, schliesslich machte er sich mit 1.7 Litern Wasser, aber ohne Essen zu Fuss Richtung zu den 150 km entfernten Olgas, aber diesen Trip überlebte er nicht!

Und genau in dieser Höhle übernachte heute auch ich. Zwar wäre es verboten, hier die Nacht zu verbringen, aber niemand ist hier. Ich war schnell eingerichtet, stieg auf den Berg, der meine Höhle bildet, trank dort bei herrlicher Abendstimmung ein Glas Rotwein und machte mich dann ans Kochen – wieder Nudeln, diesmal al pesto, natürlich sturzi-verfeinert…

Aber ich bin wirklich hundemüde, ich brauche dringend einige Tage Pause und Erholung, sogar das Schreiben fällt mir schwer, vor allem dann, wenn man von unten von Tausenden Mini-Ameisen beinahe aufgefressen wird…

Km: 51‘350 (350)

So, 20.11.2016:  Sentimentale Euphorie oder Wüstenpanne aus Nachlässigkeit

26 Jahre sind es her, als ich mich beinahe am selben Ort wie jetzt befand, den Kata Tjuta, den Olgas, einer der grössten Attraktionen in Zentralaustralien. Wir übernachteten damals nahe dieser riesengrossen, phänomenalen Sandsteinfelsen (was heute nicht mehr möglich wäre…), und ich guckte damals wehmütig Richtung Westen, wie unglaublich geil es wäre, dieser roten Sandpiste zu folgen und irgendwann in Westaustralien zu landen. Wer hätte gedacht, dass ich diese Route tatsächlich einmal befahren werde, wenn auch in umgekehrter Richtung? Und jetzt bin ich hier und denke gerne an jene Zeit und die Gruppe zurück, in die ich gleichsam so hineingerutscht bin – in Darwin zwei deutsche Töfffahrer kennengelernt und sie bis Zentralaustralien als Sozius (!) begleitet, dort José Carlos kennengelernt, später Anna am österreichischen Nationalfeiertag – gerne erinnere ich mich zurück!

Dass ich heute Abend aber überhaupt hier bin, ist nicht selbstverständlich. Damit meine ich nicht die Fahrt über die Great Central Road, deren ersten Teil ich mehr oder weniger souverän alleine gemeistert habe, sondern ein Vorfall, der sich heute schon nach 50 km ereignet hat. Die Nacht in der Höhle war speziell und perfekt warm. Am Morgen hockte ich am Feuer bei Spiegelei und Kaffee, als sich tatsächlich noch eine weitere Person hierher verirrte, John, der junge Minenarbeiter aus England, der sich mit seinem Büschen ebenfalls auf diese Route wagt. Es war angenehm, wieder einmal mit einem Menschen etwas ausführlicher zu reden. Dies und sein offerierter Kaffee waren es wohl, dass ich erneut vergass, die lose Kette nachzuspannen und etwas zu schmieren. Erst als ich bereits unterwegs war, kam mir diese wichtige Arbeit wieder in den Sinn. Aber ich hatte keine Lust, all mein Gepäck wieder abzuladen und diese Arbeit nachzuholen – und dafür wurde ich bestraft.

Ich kenne das Rattern am Hinterrad noch vom selben Vorfall, das ich schon von Tadschikistan gleich mehrfach kenne – ich kam aber immer glimpflich davon – hielt notfallmässig an und realisierte sofort, dass meine Kette vom hinteren Kranz gesprungen war. Das wäre eigentlich der Moment gewesen, eine Zigarette zu rauchen, aber glücklicherweise hatte ich keine dabei. Obwohl es bereits gegen 40°C hatte, versuchte ich die Ruhe zu bewahren, denn noch fehlten mir 100 km, bis ich wieder Zugang zu irgendwelcher Zivilisation hatte. Es war mir heute auch noch kein Fahrzeug begegnet, und dies stimmte mich etwas unruhig.

Ich löste das Rad, musste es aber nicht demontieren, um die Kette wieder auf den Kranz zu heben, aber diesmal hatte die Kette einen Schaden abgekriegt. Zwar war sie nicht vollkommen gerissen, aber zumindest zu 50 % war dies der Fall. Der innere Teil eines Kettengliedes war abgerissen und stand mit neunzig Grad schräg in der Landschaft. Wenn man weiss, wie hart Kettenstahl ist, wird man in einer solchen Situation schon etwas unruhig. So begann ich mit der einzigen mir zur Verfügung stehenden Zange um die Kette herumzuwürgen, wobei sich der verbindende Teil löste und abbrach. Der übrig gebliebene Teil stand aber immer noch quer zur Kette und sollte jetzt wieder in der Weise zurechtgebogen werden, damit sich der eigentlich nutzlose Teil sich wieder in die Kette eingliedern kann. Und tatsächlich schaffte ich mit einigem Kraftaufwand, dass sich die Kette wieder mühselig drehte. Ich versuchte, die Ketten möglichst perfekt mit vielleicht einem Spürchen mehr Spannung einzustellen. Nach mehrmaligem Verstellen schien mir diese Arbeit perfekt zu sein, und ich wagte mich auf eine Probefahrt. Man stelle sich vor, die Kette ist an einer Stelle nur noch mit einem Metallstück verbunden… Aber es schien zu klappen, die Kette hielt. Unterdessen war auch ein Einheimischer herangefahren und hätte mir wohl aus der Patsche geholfen, wenn dieser Versuch misslungen wäre – aber ich hätte wohl zurück nach Docker’s River  fahren müssen, und darauf hatte ich definitiv keine Lust. Aber würde ich jetzt die Olgas erreichen? 100 km waren noch zu fahren auf bis anhin übelster Strasse. Das Wellblech war wohl auch verantwortlich, dass die Kette überhaupt heraussprang. So war jetzt viel Gefühl gefragt – und Geduld, denn ich wollte nicht schneller als 50 km/h fahren, um die Kettenspannung möglichst konstant zu halten. Häufig war ich aber viel langsamer unterwegs, denn die Strasse war jetzt ein Ärgernis. Regelmässig war nur das lästige Wellblech, das nicht nur die Maschine, sondern auch mich heftig durchschüttelte. Das einzige Mittel dagegen wäre einzig, mit hohem Tempo über diese Stellen zu rattern und dann gleichsam auf den Übergängen zu schweben. Dies hätte aber wiederum verhängnisvoll enden können, denn dreimal geriet ich in veritable Sandlöcher, geriet ins „Schwaddern“, konnte mich aber wegen des geringen Tempos problemlos auffangen. Ich zählte Kilometer für Kilometer herunter, und als dann endlich in der Ferne Kata Tjuta, die rundlich geformten, roten Felsen sichtbar wurden, stieg meine Zuversicht, es tatsächlich zu schaffen.

Ich bewahrte Geduld und Fahrgefühl, und es war ein Hochgefühl, wenige Kilometer vor den Olgas endlich wieder einmal Teer unter den Rädern zu spüren. Durch die langsame Fahrweise war ich jetzt exakt zur richtigen Zeit angekommen, die Walpa Gorge (Tatintjawiya) zu besuchen. Das Erlebnis war aber ziemlich schräg, beim Eingang eine Carladung voller geschniegelter Japaner, alle bewaffnet mit Fliegennetzen und Tüchern als Sonnenschutz zu sehen, die in diese kleine Wanderung von einer Stunde eingeführt wurden. Ich fühlte mich stinkig und stehe auch jetzt noch vor Dreck, aber ich huschte an der Gruppe vorbei (dem Fuss geht’s immer besserJ) und spazierte auf gut ausgebautem Weg zum Innern der Schlucht. Erhabene, 500 m hohe, heilige Felsen, die nicht zu erklimmen sind (weil sie eben heilig sind), die blaugrünen Büsche und vielfarbigen Blumen wegen des vielen gefallenen Regens (!) – gewaltig, und doch schräg. Ich fuhr dann zum nahen Sunset Point, war noch etwas früh und sah nicht weit entfernt einen roten Steinhügel, von dem sich das Schauspiel der abendlichen roten Verfärbung der Felsen viel besser beobachten liess – natürlich weglos und demnach in einem Nationalpark auch verboten zu erreichen. Aber was man nicht weiss, macht dich nicht heiss…, denn ich bin ja von der verkehrten Seite in den Park eingefahren. Ich genoss das grossartige Farbenspiel auf diesem Steinhügel, entschied dort, doch nicht mehr ein Stückchen zurück Richtung Docker’s River zu fahren, um im Outback zu übernachten. Ich wollte vielmehr zu jenem Punkt fahren, wo ich morgen eine Frühwanderung machen möchte. Einen Parkwächter konnte ich bestens ruhigstellen, dass ich bald nach Yulara fahren möchte – ich sagte natürlich nicht wann… Jetzt bin ich beim Eingangstor zu dieser Wanderung. Es hat einige Sitzgelegenheiten. Ich habe mein Mätteli schon darauf ausgebreitet und ganz einfach gegessen, Salami und Brot mit einem letzten Tropfen Rotwein. Der Tasmanian Camobert war nach sieben Tagen Hitze tatsächlich nicht mehr geniessbar. Überhaupt sind mir die Vorräte allmählich ausgegangen – es wird Zeit für einen Woolworths, den ich vermutlich in Alice Springs finden werde, wohin ich es hoffentlich noch schaffe. Der Plan, den King’s Canyon auch nochmals zu besuchen, muss verschoben werden…

Momentan hat es genau achtzehn Insekten auf dem Bildschirm, welche die Helligkeit lieben, aber jetzt wird gelöscht. Ich hoffe, dieselben Vieher werden mich bei meinem wohl verdienten Schlaf nicht stören.

Km: 51‘507 (157)

Mo, 21.11.2016: Vom Antizykischen zum Zyklischen

Ich liebe das antizyklische Reisen, nämlich dann irgendwo zu sein, wenn Otto Normalreisender eben (noch) nicht zur Stelle ist. Weil ich es mir über Nacht (verbotenerweise) im gedeckten Unterstand beim Eingang zum Valley of the Winds bequem gemacht hatte, allerdings nicht so gut schlief (weiss der Geier weshalb), war ich heute morgen kurz nach der Dämmerung der Erste, der sich auf diese knapp zehn Kilometer lange Wanderung machte. Ich genoss die Ruhe und die aufgehende Sonne zwischen den mächtig-hohen Kata-Tjuta-Felsen. Es war angenehm mild, aber es sollte noch sehr heiss werden an diesem Tag.

Die Farbenpracht der im besten Licht erscheinenden, roten Riesenmocken, die aussehen wie etwas missgeformte Moorenköpfe, entzückte mich aufs Neue, aber nicht gleich wie vor 26 Jahren machte ich heute die ganze Runde der empfohlenen Wanderung, die momentan wegen der Hitze ab 11 Uhr gesperrt ist. Schnell hatte ich den Karu Lookout erreicht, aus Gründen des Sonnenstandes folgte ich jetzt dem Pfad im Uhrzeigersinn, um bei vollem Sonnenlicht in die Karingana-Schlucht zu stechen. Dies war auch der Höhepunkt, als sich die schroffen Felswände von beiden Seiten näherten, um nur noch wenigen Pflanzen Raum zum Überleben zu geben. Diese Felsformationen sind wohl um die 5.5 Millionen Jahre alt, etwas härter gebaut als die umgebenden Felsen, die aber von der Erosion längst abgetragen worden sind, wodurch sich die weite, leicht gewellte Ebene gebildet hat. Beim Aufstieg zu diesem kleinen Pass kamen mir die ersten Touristen entgegen, die es ebenfalls früh aus den Federn geschafft hatten. Immer mehr kamen mir entgegen, ich war wohl auch auf dieser Runde antizyklisch unterwegs.

Den Töff hatte ich schon früher fertig gepackt. Jetzt hiess es, die knapp 50 km bis nach Yulara zu fahren und dort eine Unterkunft zu finden. Wiederum fuhr ich äusserst vorsichtig, aber man merkt beim Fahren schon, dass die Kette nicht mehr ganz rund läuft, es gilt jetzt einfach zu vermeiden, dass sie sich wieder irgendwo verhakt. Ich erreichte die Zivilisation ohne Zwischenfall. Yulara war mir schon letztes Mal unsympathisch, halt voller Tourismus-Business. Ich leistete mir ein Dormitory-Bett (46 A$), dann genoss ich es extrem, an mir selber einen grossen Service vornehmen zu können. Schon am Mittag genehmigte ich mir das erste Bier.

Über Edda nahm ich Kontakt auf zu Sita in Alice Springs auf, aber ich verschob meine Ankunft um einen Tag, weil ich hier noch etwas Zeit zum Durchschnaufen brauche. Sita empfahl mir, unbedingt die Show fields of light zu  besuchen. Also buchte ich am Nachmittag diese organisierte Tour (!) für 35 A$ und bin eben zurückgekehrt. Naja, wohl Tausende von Farben wechselnde Lämpchen sind auf einem Feld in Andeutung auf den Sternenhimmel geschaltet, menschgemachte Kunst. Wohl gemeint, aber ich ziehe die Naturkunst, von der es hier reichlich gibt, definitiv vor. Ich fuhr vor Sonnenuntergang hinaus zum Uluru (Ayer’s Rock), befürchtete jedoch wegen des wolkigen Himmels, dass sich heute dieser klassische Felsen (UNESCO Weltkulturerbe) nicht ebenso klassisch rot verfärbt dank des Eisenoxids im Gestein. Aber genau im richtigen Moment öffnete sich der Himmel im Westen. Der Wechsel von Braun- zu Rot- zu Orangetönen ist einfach unglaublich, aber natürlich bewege ich mich unterdessen wieder zyklisch. Horden von anderen Touristen waren auch zur Stelle und bewunderten das Schauspiel.

Km: 51‘592 (85)

Di, 22.11.2016: Ruhe beim Uluru

Tjukurpa bildet die Grundlage des sozialen, religiösen, rechtlichen und ethischen Systems der Anangas, der Aborigines dieser Region. Es erklärt das Verhältnis zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und dem Land sowie die Erschaffung aller Lebewesen und der Landschaft. Tjukurpa lehrt den Anangu, vielleicht auch überhaupt der Menschheit, die richtige Art und Weise der gemeinsamen Beziehungen und der Beziehung zur Umgebung. Die Besucher des Uluru-Kata-Tjuta-Nationalparkes sind angehalten, einige dieser Werte umzusetzen, und ich versuchte dies, heute zu tun. Noch vor 26 Jahren bin ich auf den Uluru gestiegen (würde ich eigentlich auch heute noch gerne), aber die Ur-Einheimischen bitten die Touristen, es nicht zu tun, weil der Berg ein heiliger Ort sei, der nicht bestiegen werden soll. Vielmehr soll man hinhören auf Spaziergängen im Gelände, vielleicht einen der Urahnen spüren, die sich nach wie vor im Land aufhalten sollen. Bräuche und Tradition sind seit altersher mündlich von Generation zu Generation weitergegeben worden, manchmal illustriert über Felsmalereien oder Kunstgegenstände.

Seit 1958 existiert in dieser faszinierenden Region ein Nationalpark, aber die Anangu haben schon zuvor ihre Heimat verloren, weil weisse Neusiedler begonnen haben, das Land mit Rinderfarmen zu besetzen, womit das ganze natürliche Gleichgewicht aus den Fugen geraten ist. Die Anangu konnten in diesem ohnehin schon kargen Land nicht mehr überleben, weil das wenige, das sie benötigten, nicht mehr wuchs oder verschwunden war. Beeren, Wüstentomaten und -bananen, Echsen, Ameisen, eine Art eiweissreicher Engerlinge, Emus usw. Letztere wurden ganz schlau gejagt. Die Anangu wussten ganz genau, dass die Tiere regelmässig die Wasserlöcher besuchen werden. Sie liessen sie gewähren und wieder abziehen, bis auf das letzte Tier, das die Wasserstelle verliess, das jetzt gejagt wurde, ohne dass die anderen Tiere dies bemerkten – womit sie sich vielleicht wunderten, dass ein Tier fehlt, aber gleichwohl später wieder an dieser Wasserstelle erschienen. Ihr Land erhielten die Anangu erst 1985 in einem feierlichen Akt zurück unter der Bedingung, dass der australische Staat das Land für die nächsten 99 Jahre für den Tourismus pachten kann. Seither versucht man, miteinander dieses Land zu nutzen, wobei vor allem die Gepflogenheiten der wirklichen Einheimischen angewendet werden sollen.

Es war heute Morgen viel kühler als gestern und ideal, auf dem Mala-Spaziergang die Höhlen, kleinen Schluchten und Ausbuchtungen des Eyer’s Rock zu erkunden und einiges über die alten Gebräuche der Einheimischen zu erfahren. Anschliessend fuhr ich auf der offiziellen Strasse rund um den eindrücklichen Felsen und machte einen Halt beim Cultural Centre und lernte einiges über die Lebensweise der Aborigines.

Dann verbrachte ich einen ruhigen Nachmittag am Swimmingpool des Hotels, sichtete die vielen wunderschönen Bilder des grossen Wüstentrips und ass am Abend am Buffet ein grosses Steak mit Salat, Kartoffeln und weiteren Beilagen. Morgen geht’s los mit dem schwierigen Trip nach Alice Springs. Ich hatte mit Erik Kontakt, der so fahren würde, wie ich dies auch für richtig befunden hätte – 450 km mit Tempo 80. Rechne! Wird ein langer Tag…

Km: 51‘657 (65)

Mi, 23.11.2016: Eiertanz

Es fühlte sich am Morgen nicht besonders attraktiv an, meine angeschlagene Maschine möglichst sensibel fahrend nach Alice Springs zu bringen. Es fühlte sich an, als ob ich auf Eiern fahren würde, startete übervorsichtig und beschleunigte so langsam es ging. In zwei Minuten von Null auf Achtzig, wobei ich vor allem zu Anfang nur um die 70 km/h fuhr. Erst im Verlaufe des Tages wurde ich etwas mutiger. Nicht selten schlug die Kette metallisch an und schien vom Kranz zu springen. Bllitzschnell zog ich die Kupplung, und die Kette verzahnte sich wieder im Zahnkranz.

Auch die Strecke war wenig attraktiv, und wenn man kaum 80 km/h fährt, kommt man halt auch nicht vorwärts. Dies wirkt ermüdend, ich schaltete mehrere kurze Pausen ein, liess kein Road House aus, um etwas zu trinken oder ein Eis zu essen. Zuerst galt es, auf dem Lasseter Highway die 250 km bis zum Stuart Highway zu schaffen. Erst vor Alice Springs wurde die Landschaft mit der MacDonnell Range etwas interessanter. Alice Springs ist mitten in solchen felsigen Hügeln gelegen. Den Bradshaw Drive fand ich problemlos. Ich wurde von Sita sehr freundlich begrüsst, das kleine Haus ist aber momentan etwas gar voll, weil neben den drei Kindern (Lolevia, Kiara, Mara) auf noch ihre Schwiegermutter Johanna, Ehemann Jason und ein Au-Pair aus dem Südtirol (Alexandra) im Haus wohnen, weshalb ich hinter dem Haus auf einem kleinen Platz mein Zelt aufstellte. Das Elternpaar betreibt hier einen Massagesalon mit ganz verschiedenartigen Therapietechniken. Lustigerweise entdeckte ich im Büchergestell erneut die Anastasia-Bücher, die ich damals in Ungarn schon in der Familien-Landsitz-Siedlung gesehen hatte. Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Familie vegetarisch ernährt. Ich fühle mich hier von Kindern und Katze, diversen Erwachsenen gut aufgenommen und werde wohl einige Tage hier bleiben, zumindest so lange, bis mein Töff wieder fahrtüchtig ist.

Km: 52‘113 (456)

Do, 24.11.2016: Familienanschluss und Ruhetag in Alice Springs

Es war ein beruhigendes Einschlafen, denn ein Schauer liess grosse Regentropfen auf mein Aussenzelt prasseln. Ich schlief gut und lange und stand erst nach acht Uhr auf. Nach einem kurzen Frühstück war ich schon unterwegs zu Jetcor Yamaha, wo man aber nicht ein neues Kettenkit an Lager und es bestellen musste. Mit etwas Glück sollte es aber ankommen, sodass die Reparatur schon morgen vorgenommen werden kann.

In der Stadt trank ich einen Cappuccino und begann, die nächsten Tage zu planen. Aber noch bin ich mir unsicher, was ich in der Umgebung noch besichtigen möchte. Ich hatte auch heute nochmals Facebook-Messenger-Kontakt zu Samuel, den ich schon in Osttimor getroffen hatte und vermutlich in Südamerika wieder treffen werde und mit ihm zumindest eine Zeitlang unterwegs sein werde. Wir verbrachten einige Zeit mit diversen Planungen über Routing in Südamerika, aber auch in Afrika – es dürfte dann aus Sicherheitsgründen doch nicht so kinderleicht sein, von Senegal über Mauretanien, Marokko nach Europa zu reisen.

Dann reinigte ich zu Hause all mein verschmutztes Material, vor allem Kleider und den schwarzen Koffer, aus dem der käsige Gärgestank fast nicht herauszubringen ist. Dann genoss ich eine Fussmassage von Jason. Er schien einige neue Verspannungen oder Verklebungen gefunden zu haben, aber ich war schliesslich etwas skeptisch über die anderthalbstündige Behandlung, die ich natürlich auch bezahlen muss. Therapien haben halt auch viel mit Zauber zu tun, man glaubt an seine Wirkung – oder eben nicht. Sie sind zwar durchaus angenehm, aber ich bin mir unsicher, wie sehr sie eine Heilung wirklich fördern. Es geht mir unterdessen ohnehin viel besser, die Schwellung lässt mehr und mehr nach.

Es ist erstaunlich angenehm kühl heute Abend, wunderbar, sich etwas zu entspannen und einmal einige Tage an einem Ort zu bleiben. Heute habe ich mit den Kindern auch schon das sturzi-Memory gespielt.

Km: 52‘127 (14)

Fr, 25.11.2016: Dachbau und Ballett

Ich wartete heute auf den telefonischen Bescheid von Jetcor, ob das erst gestern bestellte Kettenkit angekommen ist. Ich hatte deshalb am Morgen Zeit, Jason bei der Verkleidung der Dachunterseite zu helfen. In Alice Springs sind die Häuser vorwiegend aus Stein oder Blech gebaut, so hatten wir Blech zu schneiden, um es danach zu montieren. Alexandra kochte unterdessen gute Pilznudeln und bereitete herrlich frischen Salat.

Gegen vier Uhr nachmittags fuhr ich zu Jetcor, bekam während der Fahrt einen Anruf, dass die gewünschten Teile tatsächlich schon angekommen sind. Das neue Kettenkit sowie ein neuer Vorderreifen wurden in kurzer Zeit montiert, die dauernden Reparaturen gehen aber ins Geld – wieder 565 A$ ausgegeben, dafür war es ein beruhigtes Wegfahren mit viel Beschleunigung – ich bin schon fast wieder reisefertig.

Am Abend begleitete ich die ganze Familie ins Araluen Arts Centre, wo eine Ballett-Show gezeigt wurde (Etudes and Variations), an der auch Lolevia, die neunjährige Tochter teilnahm. Ich war erstaunt über das schmucke kleine Theater mit recht grosser Bühne und einer Unmenge von Kindern und Jugendlichen, die sich hier dem australischen Ballett verschrieben haben und hier offenbar sehr gut trainiert werden. Der erste Teil war eher dem klassischen Tanz gewidmet und war mit den etwas peniblen Powerpoints schon fast ein Werbespot. Den Eintritt (37 A$) empfand ich deshalb etwas übertrieben. An der Vorführung auf leerer Bühne wurde ich nicht richtig warm, war für meinen Geschmack viel zu steif. Beim zweiten, jazzigeren Teil vorwiegend mit Musik aus den Achtzigerjahren beobachtete man viel mehr Freude der tanzenden Kinder, ein roter Faden wurde zwar vorgegeben, war aber doch nicht genau verständlich. Naja, war ganz nett, aber nicht mehr, aber auf jeden Fall überbezahlt, aber der Eintritt kommt ja hoffentlich dem Projekt zu Gute.

Km: 52‘141 (14)

Sa, 26.11.2016: Nochmals ein ruhiger Tag am 6 Bradshaw Drive

Die blaue Dachrand-Verschalung montiert, meine Schlafmatte repariert, mit den Kindern im Swimmingpool auf meiner Matte herumgetollt, mit ihnen später eine Stubenhütte gebaut, meinen nächsten Ausflug geplant und das Material dafür gerichtet, ein Bier getrunken, im Woolworths einkaufen gegangen – die Aktivitäten heute waren nicht berauschend, aber ein gewisser Alltag tut manchmal auch gut. Gerade eben beschäftigte ich mich noch mit dämlichen, rechnungsstellenden Firmen in Europa. Meiner Download-Plattform iLoad habe ich deshalb gekündigt, weil sie mich über den Tisch ziehen wollen. Bei Folgerechnungen meines Unfalls habe ich der Assura jeweils 10% Selbstbehalt zu bezahlen – ziemlich lästig, so sind jetzt nochmals Fr. 1000.— Nachfolgekosten zusammengekommen…

Morgen ist das Herumfaulen vorbei, ich bin wieder offen, etwas zu erleben und zu sehen, zumal der Töff wieder top in Form ist. Etwas ärgerlich ist, dass meine Kniekapsel am rechten Bein schmerzt – Nachwirkungen der Massage?! Etwas ärgerlich!

Km: 52‘149 (8)

So, 27.11.2016: Schmerzhaftes Gondwana-Himalaya

Bevor die Erdteile auseinanderdrifteten, war die Erde grundlegend anders gefaltet als heute. Man glaubt, dass zur Zeit des Gondwana-Landes die westliche MacDonnell-Range, die ich heute besuchen wollte, vor einigen Millionen Jahren dieselben Ausmasse hatte wie der heutige Himalaya. Erosion und Witterung haben so sehr an dem Quarzit-, Kalk- und Sandstein genagt, dass die Landschaft nur noch leicht gebirgig ist, wegen der Trockenheit aber über eine einzigartige Fauna und Flora verfügt.

Ich kam heute Morgen lange nicht weg, weil ich mit möglichst wenig Gepäck unterwegs sein wollte und ich wieder einmal das Packen neu erfinden musste. Ich entschloss mich, doch noch den Mereenie-Loop in Angriff zu nehmen, die Runde zu drehen und die Sehenswürdigkeiten zu besuchen, die ich wegen der gerissenen Kette verpasst hatte. Anschliessend werde ich nochmals zu Trevers‘ zurückkehren. Zuerst fuhr ich auf dem Larapinta Drive die Standley Gorge an, eine Schlucht mit senkrechten Cliffs und in den typischen rostbraun-orangen Farben. Nicht ganz unerwartet war dies ein „Naja“-Erlebnis, die Schlucht ist touristisch bis aufs Äusserste finanziell genutzt. Aber auch ich machte den Spaziergang zu Fuss in diese Schlucht, und als es etwas unwegsamer wurde, war der Durchgang gesperrt. Erst jetzt bekam man von der trocken-harten Wildnis wirklich etwas mit, passierte kleine Wasserlöcher, hatte einige Felsen kraxelnd zu überwinden. Wunderschöne Natur und perfektes Wanderwetter! Aber bald war ich wieder westwärts unterwegs und machte einen weiteren Halt beim Ellery Creek Big Hole, wo die steilen Felsen einen weiten, langgezogenen Pool gebildet haben, in dem es sogar erlaubt ist zu schwimmen. Ich schloss mich einer deutsch-japanischen (!), jungen Gruppe an, deren Anführer an einem Baum ein Seil montiert hatte, mit dem man Richtung See schaukeln konnte, um im rechten Moment aus etwa drei Metern ins kühle Nass zu stürzen. Da machte ich natürlich auch mit, aber das dünne Seil wickelte sich beim Fall um mein Knie, Ergebnis offene Reibwunde in der Kniekapsel – Ärger! An diesem einfach zu erreichenden Ort hatte es recht viele Touristen, von denen einige im See gar mit ihren kleinen Gummibooten unterwegs waren. Ein schöner Ort, aber ohne grosse Spannung.

Weitere 50 km weiter kurz vor Glen Helen bog ich ab in die Ormiston Gorge, deren umgebende Berge im Abendlicht in den bekannten Farben wunderschön leuchteten. Der längliche Tümpel in der weiten Schlucht lag aber bereits im Schatten, dafür war ich alleine hier – ganz nett! Ich stellte das Zelt auf und machte mich nochmals auf einen Spaziergang zu einem Aussichtspunkt. Besser hätte ich nicht den direkten Abstieg über die spitzen Spinifex-Gräser und loses Gestein genommen, denn ich rutschte aus, weil ein lockerer Stein nachgab. Ich verlor das Gleichgewicht, es überschlug mich gewaltig, sodass ich mit dem Rücken auf einen Felsen aufschlug.  Ergebnis: Schramme am Rücken, heftige Arschprellung, einigen Schürfungen und einige neue Schmerzen an meinem linken Fuss. Nochmals Ärger! So fühle ich mich momentan so ziemlich wie eine alte Occasion. Ich hinkte zurück zum Lagerplatz, wo mir bewusst wurde, wie grosses Glück ich hatte. Der kapitale Sturz war mehr als glimpflich ausgegangen und hätte ganz übel enden können. Sogar die Kamera hatte den veritablen Salto über die spitz-stachligen Spinifex-Gräser (die nur den Kängurus etwas nützen – als Notnahrung) unglaublicherweise unbeschadet überstanden. Ich kochte Nudeln und Broccoli – der Rotwein vermochte mich etwas zu beruhigen. Aber so kann es nicht weitergehen, bald bin ich nicht mehr reisefähig… So hoffe ich jetzt auf die heilende Wirkung des Schlafes.

Km: 52‘304 (155)

Mo, 28.11.2016: Zwischen Leiden und grossartigem Outback-Feeling

Natürlich muss man nicht weit denken, bis einem bewusst wird, dass Jugendlichkeit nicht ewig andauert. Die körperliche Leistungsfähigkeit lässt nach, man wird anfälliger auf Gebrechen aller Art. Es war heute kein schönes Aufstehen, denn all die eingefangenen Verletzungen erschwert einem das Bewegen. Und all die gestern eingefangenen Schrammen und Schürfungen scheinen sich netterweise zu entzünden, auf jeden Fall brennen die Wunden am Rücken (die ich nicht einmal sehen kann), am Handballen und vor allem die Schürfung in der linken Kniekehle.

Wenigstens war jetzt klar, dass ich von einer Bergerklimmung mit Sicht auf den Mount Sonder absah und mich nur  auf den 2.4 km langen Spaziergang in die Ormiston Gorge machen werde. Vom Aussichtspunkt hatte man eine schöne Sicht hinunter zum See, aber das Gehen über Stock und Stein, auch wenn der Weg ganz gut ausgebaut war, bereitete Schmerzen, und ich konnte mich erst allmählich über die schönen Aussichten in der Schlucht freuen. Natürlich liess ich es mir nicht nehmen, ein Bad zu nehmen, als ich den Tümpel erreicht hatte – mit der Folge, dass all die Wunden wieder zu brennen anfingen… Dafür trank ich in der kleinen Bar einen ausgezeichneten Eiskaffee, bevor ich mich auf den Weg nach Glen Helen machte. Auf diese Schlucht wollte ich aber verzichten und fuhr weiter Richtung Westen. Vom Tyler Pass hatte man eine ausgezeichnete Aussicht auf den Gosse Bluff, eine eigenartige, ringförmige Bodenerhebung, die vollkommen verschieden interpretiert wird. Westliche Wissenschaftler glauben an einen Meteoriten-Einschlag, die einheimischen Aborigines an ein Kind, dessen Gefechtsschild seiner Mutter, Turpa  genannt, die Gestirne der Milchstrasse für den Einschlag verantwortlich und deshalb heilig ist. Über eine sandige Piste gelangte ich an diesen eigenartigen Ort, als ich plötzlich von mächtigen Felsen umgeben war, aber wenigstens von Vögeln und einigen neugierigen Eidechsen freundlich begrüsst wurde.

Ich wollte heute das Palm Valley erreichen und musste jetzt 43 km über eine in Renovation stehende Gravelroad wieder Richtung Osten fahren. Das trostlose Hermannsburg erreichte ich am späten Nachmittag. Ich tankte, trank eine Cola und kaufte eine Creme für meine Wunden – aber ich stellte später fest, dass sie zwar antiseptisch wirkt, aber eher gegen Sonnenbrand oder Ausschläge hilft – so eine Art essigsaure Tonerde, also für mich nutzlos. Und jetzt folgte noch die 18 km lange Herausforderung über eine 4WD-Piste zum Palm Valley. Aber ich kam erstaunlich gut vorwärts, die wenigen Sandpartien meisterte ich souverän. Tatsächlich ist es so, dass ich mich auf dem Motorrad leichter bewege als zu Fuss. Bald war ich umgeben von rostroten Urfelsen, im Abendlicht ein unwirklicher Anblick. Ich erreichte den Campingplatz (6.60 A$) nach fünf Uhr, befreite meinen Töff von überflüssigem Gewicht, denn ich wollte das herrliche Abendlicht nutzen, die 4 km bis ins Palm Valley  zu fahren. Dies war dann schon eine etwas grössere Herausforderung, denn die Sandlöcher auf der Piste waren tief, und teilweise führte der Weg über ausgewaschene Felspartien, sodass sogar ich stehend fuhr, um mehr Balance zu haben. Gleich dreimal waren steil-felsige Klippen zu überwinden, dies klappte wunderbar, sodass ich um sechs Uhr umgeben von eigenartigen Palmen war. Zwei verschiedene Arten, endemisch, die hier schon vor Millionen von Jahren standen, als in der Region noch tropische Temperaturen herrschten, sich aber so gut anzupassen wussten, dass es sie bis heute noch gibt. Das Palm Valley ist relativ wasserreich. Hinter saftigem Rohrschilf stehen vor orangeroten Felsen diese fremdartigen Palmen. Bald war ich zu Fuss unterwegs, genoss die grossartige Abendstimmung. Ich begegnete jenem weissrindigen Gum Tree, der mich schon vor 26 Jahren beeindruckt hatte. Aber leider stand er im Schatten, denn die Sonne verschwand allmählich hinter den Bergrücken im Westen. Aber schliesslich hatte ich zu Fuss eine zwei Kilometer lange Runde gedreht. Bewegung tut gut, und wenn man sich nicht wehrt gegen irgendwelche Gebrechen, kommt’s ohnehin nicht gut. Jetzt war nur noch die Rückfahrt über diese extrem unwegsame Strecke zu meistern – und dies gelang mir. Noch vier Sachen waren jetzt zu tun: Zelt aufstellen, Duschen mit dank Sonnenkollektoren warmem Wasser (!), Kochen (Reis mit Auberginen und Knoblauch, dazu natürlich eine weitere Portion Rotwein) und schliesslich Tagebuch schreiben.

Und dies wäre genau jetzt auch gemacht. Eine weitere Nacht unter einem wunderschönen Sternenhimmel steht an. Aber ich werde diesen wohl nicht mehr lange geniessen können, denn ich bin hundemüde – und es ist herrlich ruhig hier.

 

Km: 52‘475 (171)

Di, 29.11.2016:  Linienwahl und Kilometerspiele

Wenn man auf Schotterpisten unterwegs ist, muss man die volle Konzentration aufbringen (womit man natürlich einen Teil der Landschaft verpasst – deshalb habe ich bis anhin wohl auch tatsächlich noch keine Kamele gesehen), konstant in die Ferne schauen, ob ein Ungemach droht, aber auch gut einschätzen können, was jetzt gleich im nächsten Moment für Verhältnisse zu erwarten sind. Manchmal träume ich ja vom lockeren Tiefschnee, durch den man per Snowboard gleichsam fliegend zu Tal saust. Genau gleich hat man sich auch dann von Sekunde zu Sekunde zu entscheiden, welche Linie am Vorteilhaftesten ist.

Dies war heute besonders wichtig, denn auf dem Mereenie-Loop fand ich grösstenteil jenes Wellblech vor, das meist nichts Gutes erahnen lässt, denn immer kommt es in Verbindung mit mehr oder weniger tiefem Sand vor. Aber heute war eine kluge Linienwahl besonders wichtig, denn nicht die ganze Strasse war tatsächlich gewellt, vornehmlich in der Mitte der Strasse liess es sich recht gut vorwärtskommen, und dafür war ich dankbar, denn noch nie fühlte sich mein Töffanzug unangenehmer an als heute. Sowohl meine Verletzung in der Kniekehle als auch die Schramme an der linken Achillessehne haben sich offenbar netterweise entzündet und zu eitern begonnen, sodass jeder Textilkontakt mit diesen neuralgischen Stellen überaus unangenehm ist. Bei einem Aussichtspunkt 27 km vor dem King’s Canyon hielt ich es nicht mehr aus und zog leichtsinnigerweise meine kurzen Hosen sowie die Turnschuhe an und band meine Ausrüstung hinter mir fest, ich fühlte mich wie befreit; nur mein altverletzter Fuss meldet sich zuweilen mit schubartigen Schmerzen, die Schwellung will auch nicht vollständig zurückgehen, wohl auch eine Folge des Spinifex-Sturzes.

Trotz einiger körperlicher Unzulänglichkeiten liess ich mich aber auch heute nicht von meinem Plan abbringen. Am Morgen kochte ich vom Reis, der gestern übriggeblieben war, ein perfektes Fried Rice, und schon früh war ich ein zweites Mal unterwegs ins Palm Valley, um jenen legendären Eukalyptus-Baum mit der extrem weissen Rinde zu fotografieren. Diesmal begnügte ich mich aber nicht mit dem Arankaia Walk (2 km), diesmal war ich ganz alleine in der herrlichen Morgenstimmung auf dem Mpulungkinya Track (5 km) unterwegs. Was für Perspektiven in dieser einzigartigen Oase mit seinen unglaublichen Palmen!

Es war bereits Mittag, als ich endlich vom ausgezeichnet ausgebauten Zeltplatz wegkam, ich war weit und breit der einzige, der sich auf der nicht einfach zu befahrenen Piste zurück nach Hermannsburg machte. Die Rückfahrt schien mir schwieriger, weil es scheinbar mehr sandige Stellen hatte, aber überall kam ich problemlos durch. Momentan trinke ich bei dieser warm-trockenen Witterung mehrere Liter Wasser pro Tag, aber das Wohlgefühl eines prickelnd-kalten Coca Colas, das Hals, Magen und Seele erfrischt, war beinahe orgiastisch. Deshalb fuhr ich den kleinen Umweg über Hermannsburg. Die sich im Bau befindliche Strecke Richtung Mereenie Loop hatte ich schneller gemeistert als gestern, ganz einfach darum, weil ich mich nicht mehr an die Umleitungen über sandige Pisten hielt, sondern auf der Hauptstrasse blieb. Dabei musste ich allerdings riesigen Baufahrzeugen rechtzeitig ausweichen und immer ein Auge auf gemeine Vertiefungen auf der Gravelstrasse haben, um keinen Sturz zu produzieren.

Seit ich den neuen Vorderpneu habe, wundere ich mich, dass die an der Strasse angegebenen Distanzen zum nächsten wichtigen Ort plötzlich wieder stimmen, der Pirelli, in Darwin gekauft, war offenbar so stark abgefahren, dass eine Radumdrehung weniger Strecke ergab, sodass ich in den letzten Woche schon dachte, dass meine immer nett angegebenen Kilometerangaben hinten und vorne nicht stimmen. Aber siehe da! Jetzt stimmt es plötzlich wieder auf den Kilometer genau!

In King’s Canyon kommt man leider nicht um das Resort herum, was ich diesmal als gar nicht so schlimm empfang, weil ein Bier in Aussicht stand. Schnell hatte ich mein Zelt aufgestellt, fand im Tankstellenshop eine desinfiszierende Salbe, mit dem ich fast den ganzen Körper einbalsamierte, in der Hoffnung, die Entzündungen sind zu stoppen. Der 200-m-Spaziergang zu einem Sonnenuntergangs-Punkt war viel weniger schön als spassig, denn die Sonne versteckte sich exakt im entscheidenden Moment hinter dunklen Wolken, aber die vielen Touristen liessen sich nicht davon abhalten, gleichwohl zu fotografieren. Ich war wohl der einzige, der kein Bild schoss. Ich beschäftigte mich vielmehr um meine offenen Wunden, aber auch meinen Händen, in denen noch immer einige Spitzen des Spinifex-Grases steckten. Leider ist die Toppinzette aber in Alice Springs geblieben, sodass ich mit der Schere meines Taschenmessers einige Hautpartien brachial öffnete und mit der Sackmesser-Pinzette die stechenden Teile entfernte.

Und dann wurde ich noch beklaut. Trotz Warnung vor recht aggressiven Dingos schloss ich den einen Koffer an meinem Töff nicht ab, und eines dieser Tiere schaffte es tatsächlich, die Abdeckung zu heben und sich an meinem weich-australischen Toastbrot gütlich zu tun. Glücklicherweise war der Verlust nicht grösser. Das Essen heute Abend war einfach hervorragend: Auberginen-Knoblauch-Oliven-Pesto-Nudeln – sternkochverdächtig!

Km: 52‘705 (230)

Mi, 30.11.2016: King’s Canyon – oder wenn die Spannung abhanden kommt

Ich war überrascht, wie viele Menschen heute früh schon auf den Beinen waren, um sich auf die 6 km lange Gratwanderung (Rim Walk) zu begeben. Viele waren in grossen Gruppen mit einem Führer unterwegs, um ja all den verhängnisvoll-grossen Gefahren auszuweichen (allerdings müsste ich ja eigentlich auch mit einer solchen Gruppe unterwegs sein…). Da musste alles seine Richtigkeit haben und alle mussten im Uhrzeigersinn auf die Wanderung gehen, ein Gang im Gegenuhrzeigersinn war aus unerfindlichen Gründen verboten. Der Garten Eden hatte sich mir vor 26 Jahren genügend eingeprägt, dass ich die herrliche Szenerie noch vor Augen hatte, aber heute ist es nicht mehr gestattet, sich im idyllisch gelegenen Pool zwischen den Felsen zu erfrischen – aus zwei Gründen: Erstens soll die Natur wegen der vielen aufgetragenen Sonnencreme nicht verschmutzt werden (aber ich brauche ja keine) – und zweitens zollt man den Aborigines Tribut, welche den Tümpel seit altersher nicht zum Baden, sondern für religiöse Rituale und als Trinkwasserspender verwendeten. Naja, irgendwie ja verständlich, denn der Tourismus ist unterdessen stark ausgebaut worden, damals war der Nationalpark gerade einmal ein Jahr alt.

Aber es ist halt schon so, dass ich regelmässig enttäuscht werde, wenn eine touristische Attraktion zu gut zugänglich ist. Dies ist mühsam zum Fotografieren, aber vor allem wird man in seiner Ruhe gestört. In allen Sprachen wird palavert, die Stimmung geht vollkommen verloren. Zuerst hatten wir recht steil bis zur Krete aufzusteigen, und jetzt führte der Spaziergang durch eigenartige, erodierte, runde, geschichtete Sandsteinfelsen. Ich fand sogar jene überhängende Stelle, die auf keiner Abbildung zu sehen ist, auf die ich mich natürlich stellte (mit einem hundert Meter hohen Abgrund unter mir), und jetzt konnte ich wenigstens eine Mittouristin als Fotografin benutzen. Ich handelte schnell, nicht dass mir die Aktion noch von einem Führer in der Nähe verboten würde. Anfänglich wollte ich die vielen Gruppen überholen (da gab es doch tatsächlich schon Leute, die vor mir da waren, dabei stand ich schon um halb sechs Uhr auf und ging ohne Frühstück los), aber irgendwann gab ich es auf und verlangsamte meine Pace, blieb lange beim schwarzen Weiher im Garten Eden liegen, bis endlich Ruhe einkehrte. Dafür wurde es jetzt sehr warm, denn vom Weiher hatte man nochmals aufzusteigen, wo man den besten Blick auf die senkrechten Felswände des King’s Canyon hat, aber die Hitze wurde jetzt tatsächlich unangenehm. Ich war froh, gegen Mittag zurück beim Resort zu sein, wo ich mich entschloss, noch eine weitere Nacht zu bleiben – aus mehreren Gründen: Erstens wäre eine Weiterfahrt sehr heiss geworden, zweitens lockte ein grosser Swimmingpool und drittens plagen mich nach wie vor meine diversen Verletzungen. Die Wunden haben zu eitern begonnen, aber wirkliche Sorgen bereitet mir eher mein linker, verletzt gewesener (?) Fuss, der bei undefinierter Bewegung eine Art Phantomschmerz ausstrahlt, der aber unglaublich heftig ist. Ich glaube inzwischen, zum Felssalto ist es gekommen, weil ich mich wegen des losen Steines mit dem linken Fuss auffangen wollte – der Schmerz verhinderte einen Gegendruck, und der Sturz wurde unvermeidlich. Eigenartig ist, dass der Schmerz beinahe bei 0 % ist, wenn der Fuss in Bewegung ist, aber wenn er untätig ist, verhält er sich schräg.

Ich lag den ganzen Nachmittag am Swimmingpool, aber noch immer hatte ich keine Lust zum Lesen. Ich studierte vielmehr die Aborigines-Klasse, die sich bei der Affenhitze von über 40°C mit Riesenfreude im Wasser tummelte. Kein Unterschied zum Verhalten unserer Kinder zu erkennen… Dann beobachtete ich den diebischen, halbwilden Dingo auf dem Gelände, aber vor allem zwei bunte Vogelarten, wobei mir vor allem der überaus bunte, kleine, nervöse Zebrafink gefiel. Natürlich war im Verlaufe des Nachmittags Zeit für ein Bier. Meine Vorräte gehen allmählich aus. Zwei Kartoffeln blieben noch übrig, und eine Zwiebel und eine Thonbüchse.

Die Hitze im Red Centre meldet sich exakt auf den Dezember, ich werde morgen früh aufstehen müssen, um auf der Strasse nicht lebendigen Leibes gebraten zu werden. Ziel Alice Springs!

Km: 52‘725 (20)

Do, 01.12.2016: Weltüberbevölkerung? Hier vor allem von Ameisen…

Australien hat Ausdehnungen, die man sich kaum vorstellen kann. Ich werde schliesslich hier soviele Kilometer gefahren sein wie am Anfang meiner Reise von der Schweiz bis eingangs China! Aber das meiste Land ist unwirtlich für menschliches Leben, wenn auch durchaus besuchenswert, weil so fremd, deshalb befinden sich über 90% der Menschen in Städten vor allem an der Ostküste des Landes. Von einer Überbevölkerung kann hier wirklich nicht gesprochen werden. Dafür begegnen mir im ganzen Land jene kleinen, schwarzen Ameisen, die sich mir gegenüber überaus anhänglich zeigen. Es ist kaum möglich, irgendwo barfuss einfach etwas stehen zu bleiben, ohne dass Horden von diesen nervösen, krabbelnden Kleintieren an dir hochkraxeln. Man bewegt sich einige Meter und wähnt sich an einem ameisenfreien Platz, aber Ameisen-E-Mail oder andere Kommunikationsmittel funktionieren so hervorragend, dass man beinahe innert Sekunden wieder bekraxelt wird. Wenn hier Überbevölkerung, dann von Ameisen, von denen es beinahe unzählige Arten gibt, aber auffallend sind hier vor allem die kleinen, schwarzen, die mir überaus lästig vorkommen, auch dann, wenn sie tatsächlich ein kleines Schwarzes trügen…

Auch heute bin ich wieder Hunderte von Kilometern gefahren, ohne eine menschliche Siedlung zu sehen. Kaum ein Auto ist mir begegnet, auch wenn ich am Schluss auf einer der wichtigsten Hauptstrassen des Landes unterwegs war, dem Stuart Highway, der den Süden mit dem Zentrum und dem Norden verbindet. Aber dies war heute auch nicht verwunderlich, denn zum erstenmal erfahre ich, wie die Hitze wie eine Dampfwalze über das Land rollt. Das dampfende Klima unter meiner verschwitzten Töffhose ist wohl wenig förderlich für ein Abheilen meiner infektiösen Stellen auf meiner Haut. Deshalb wollte ich möglichst schnell Alice Springs erreichen. Genau 100 km war ich auf befestigter Strasse unterwegs und kam bestens vorwärts, aber schon um acht Uhr wurde es unangenehm warm; schon bald verschloss ich Töffjacke, klappte das Visier des Helms herunter, um die körpereigene Air Condition zu nutzen. Ich wollte jetzt die Abkürzung über den Ernest-Giles-Highway nehmen, und nicht unerwartet war diese Strecke vor allem auf den ersten 30 km herausfordernd, als sich schwere Wellblech-Abschnitte mit tiefen Sandlöchern abwechselten. Nicht einmal eine gute Spurwahl brachte etwas. Ich liess mir Zeit und spulte Kilometer für Kilometer ab. Elf Kilometer vor dem Erreichen des Stuart Highways fuhr ich trotz der grossen Hitze den Umweg zum Henbury Kratereinschlag, wo ich natürlich weit und breit der Einzige war. Die Conservation Zone war mit einem Zaun geschützt, und das enge Tor gerade so breit, dass ich mir mit Motorrad und Seitenkoffern Durchgang verschaffen konnte. Ich fuhr bei brütender Hitze auf leicht gewellten Wegen rund um den Krater, der sich vor Millionen von Jahren (?) vom Einschlag gebildet hatte, aber heute wegen der eingesetzten Erosion nicht mehr wirklich eindrücklich ist. Hätte ich mich zu Fuss auf diesen Spaziergang begeben müssen, hätte mir der Krater wohl gestohlen bleiben können.

Auf dem Stuart Highway machte ich einen Halt beim Stuart-Well-Roadhouse, einfach um der beinahe unerträglichen Hitze für eine Weile zu entkommen und eine kalte Cola zu trinken. In Alice Springs wurde ich bei Trevers‘ erneut freundlich empfangen. Ich kühlte mich zusammen mit den Kindern im Pool ab und spielte mit ihnen später Tschau Sepp. Zudem versuchte ich mit Peroxid und später mit konzentriertem Kamillentee meine Wunden zu säubern. Ich werde wohl nochmals eine Zeitlang hier bleiben, bis meine Wunden verheilt sind oder zumindest die Entzündung abgeklungen ist.

Am Abend tranken wir an der Monte’s Bar zwei Biere beim Zusammentreffen des deutschsprachigen Clubs. Ich traf auf zwei interessante Lehrer, die hier arbeiten, aber auf dem Sprung sind weiterzuziehen. Vielleicht habe ich ihnen die letzte Bestätigung ihres nächsten Lebensschrittes verliehen…

Km: 53‘061 (336)

Fr, 02.12.2016: Christkindl-Markt in Alice Springs

Eukalyptus-Bäume haben haben im Dezember die unangenehme Eigenart, süss-klebrig zu tropfen, verursacht durch ein Insekt, das sich an dieser honigähnlichen Flüssigkeit gütlich tut. Und genau unter einem solchen Baum hatte ich neu mein Zelt aufgestellt, eigentlich perfekt auf einer Sandfläche gelegen. Die ersten Tropfen hatten sich schon auf meinem Zelt abgelagert, aber das war definitiv nicht in meinem Sinn, sodass ich mein Zelt umstellen musste.

Es war schon am Morgen unerträglich heiss, aber der Swimmingpool verschaffte Kühlung. Ich reorganisierte mein Material, reinigte die Koffer und lud sie neu, schmierte die Kette, sodass ich eigentlich schon fast wieder fahrbereit wäre, aber ich werde wohl noch etwas hier bleiben, erstens weil meine eitrigen Wunden etwas heilen sollten und zweitens weil es in den nächsten Tagen öfters regnen sollte.

Die Hitze trieb mich ins leicht klimatisierte Haus, wo ich etwas am nächsten Teil des Blogs arbeitete, aber ich hatte auch einigen Spass mit den Kindern im Pool bei einer Wasserschlacht. Es ist eine Herkules-Aufgabe, für eine Familie zu sorgen und gleichzeitig am selben Ort zu arbeiten. Der Tag sollte mehr Stunden haben, denn für viele Arbeiten im Haus reicht die Zeit einfach nicht mehr.

Am Abend fuhren wir in die Stadt zum Weihnachtsmarkt mit vielen Ständen, an denen sich Kinder weihnächtlich schminken lassen oder kleinen Schnickschnack basteln konnten. Viele Fressstände mit vielerlei Spezialitäten standen da. Das Einschalten des grossen, elektrischen Christbaums war der Höhepunkt und wurde mit Feuerwerk begangen. Eine Band mit Mitgliedern aus der ganzen Welt spielte afrikanisch-rhythmische Musik. Überhaupt waren die wenigen Gassen ein Schmelztiegel der Völker. Tanzende Aborigines, Asiaten, Afrikaner aus Sudan, hellhäutige Britischstämmige, Touristen aus aller Herren Länder. Natürlich tat ich mich schwer, die eigenartige Stimmung wirklich mit Weihnachten oder Advent in Verbindung zu bringen. Aber die Nordmenschen schaffen es, trotz der noch immer 38°C am Abend, wenigstens einen Hauch winterlicher Weihnacht auf die Strassen zu zaubern. Der Anlass, bei dem ganz Alice Springs auf den Beinen war, endete um exakt 21 Uhr – alte englische Konsequenz, die Stände wurden abgebrochen, die Menschen machten sie auf den Heimweg, nur einige Bars blieben noch offen, wo ich noch ein Bier trank, das zuvor nirgends auf der Strasse anzutreffen war. Freien Alkoholausschank wie bei uns gibt es hier nicht.

Die Nacht war unangenehm, weil es heiss blieb. Es lohnte sich auch nicht, das Aussenzelt zu demontieren, dass wenigstens etwas Wind um meine Ohren zog, denn in der Nacht begann es leicht zu regnen. Dies bedeutete für mich aufzustehen und das Zelt wieder zu richten.

Km: 53‘073 (12)

Sa, 03.12.2016: Gewitter und Steak

Es blieb auch heute überaus warm. Der Pool half, mich ab und zu etwas abzukühlen. Meist blieb ich jedoch im Haus und arbeitete an Fotos und Blog. Erst am Abend wurde ich etwas aktiv und half Jason, den Garten etwas aufzuräumen, Holz zu beigen.

Gegen Abend wurde es stark bewölkt. Die Stadt stand unter Strom oder wurde blitzerleuchtet, und ich schaffte gerade noch den Absprung, in die Stadt zu fahren, denn all die vielen vegetarischen Tage wollte ich heute wieder einmal unterbrechen und besuchte deshalb das Ocre Steakhouse. Ein Scotch-Filet von ausgezeichneter Fleischqualität, das aber leider zu stark gebraten und teils sogar verkohlt war, um dem Fleisch das Charcoal-Aroma zu verleihen... Ich reklamierte und bekam tatsächlich ein neues Stück Fleisch, das aber leider beinahe wieder gleich zubereitet war. Da könnte sich der Küchenmeister eine Scheibe von Guido abschneiden…

Während des Essens ging ein gewaltiger Wolkenbruch über der Stadt nieder, und es hörte just dann auf, als ich wieder nach Hause fahren wollte. Ich bin mir momentan noch unsicher, wie meine nächsten Tage aussehen werden, denn unangenehmerweise werden die Niederschläge noch einige Tage anhalten. Der Vorteil am Regen ist, dass es deutlich abkühlte und die Luft schlafgerechter wurde. Es regnete immer wieder die ganze Nacht über – mein Zelt hält problemlos dicht.

Km: 53‘081 (8)

So, 04.12.2016: Regen und Garten

Es ist offenbar gar nicht so ungewöhnlich, dass es um diese Jahreszeit regnet, die grossen Wassermassen kamen bis jetzt aber noch nicht vom Himmel. Das Wetter erschien mir zu unsicher, bereits wieder abzureisen, zudem fühle ich mich hier ganz gut aufgehoben. Dafür ist ein solcher Tag nicht gerade erlebnisreich, aber dies muss ein Sonntag auch nicht unbedingt sein.

Lange Zeit war ich zusammen mit Jason daran, einen Platz von vielen Eukalyptus-Blättern sowie Mulch und kompostierter Erde zu befreien. Es ist nicht einfach hier, zu fruchtbarer Erde zu kommen. Jason widmet sich dieser Aufgabe schon seit einiger Zeit mit grosser Hingabe. Es begegneten uns heute Dutzende von Kakerlaken, die sich am Altholz gütlich taten, aber auch Asseln hatte es im Überfluss – solche scheint es auf der ganzen Welt zu geben. Schliesslich war der Platz so frei, dass sein Camper darauf Platz findet.

Danach gab’s ein Bier und ein Bad im Pool. Es ist zweiter Advent. Ich sass am Abend lange am Tisch für ein leichtes Abendessen. Die Tage vergehen schnell, auch wenn die Erlebnisse nicht riesig sind. Aber so soll es hier ja gerade sein… Nur meine Wunden scheinen sich mit dem Verheilen etwas Zeit zu lassen.

Km: 53‘081 (0)

Mo, 05.12.2016: Vorbereitungen

Es zieht mich nach Osten! Einmal mehr. Morgen geht’s wieder los. Deshalb habe ich mich heute im Woolworths mit frischem Proviant eingedeckt, aber richtig fertigpacken kann ich dann doch erst morgen früh. Die Kleider sind sauber, Alexandra sei Dank. Ich half heute Jason nochmals eine Zeitlang im Garten. Der Parkplatz für seinen Anhänger ist unterdessen ausgeebnet. Ich wollte ihm eigentlich noch störende Äste oder vielmehr Bäume schneiden, aber Jason meinte, ich helfe ihm besser noch beim Bau des Vordachs zum Gästezimmer.

Die Kratzer und Wunden sind unterdessen einigermassen verheilt, nur mein Fussgelenk macht mir nach wie vor etwas Sorgen. Vor allem wenn ich sitze, spüre ich eine Art Phantomschmerzen, sobald ich den Fuss belaste. Wenn ich ihn aber weiter belaste, kann ich schnell ohne Beschwerden gehen. Schräg!

Ich spielte auch nochmals etwas mit den Kindern, die mich immer mehr ins Herz geschlossen haben. Nach wie vor fühle ich mich hier willkommen, aber der Outback Way Teil 2 lockt!

Km: 53‘093 (12)

Di, 06.12.2016: Samichlaus bringt Fondue

2600 km standen heute Morgen vor mir, um irgendwann diese oder nächste Woche an der Sunshine Coast nördlich von Brisbane anzukommen. Wiederum dauerte es recht lange, bis ich reisebereit war und alle meine Habseligkeiten den richtigen Platz gefunden hatten. Dies ist bis auf jede Kleinigkeit immer gleich. Nochmals gab es zum Schluss zusammen mit meiner Gastfamilie ein nettes Foto.

Die Fahrt führte für etwa 70 km auf dem Stuart Highway nordwärts, bevor ich rechts abbog auf den Plenty Highway, der mich die nächsten Tage über ziemlich beschäftigen würde. Ich kam auf der vorerst einspurig gut geteerten Strasse gut vorwärts. Der Verkehr war so minimal, dass ich nie ausweichen musste, immer waren die Autofahrer so nett, nach links auf den roten Gravel auszuweichen, sodass ich unbehelligt mein Tempo beibehalten konnte. Schnell hatte ich Gemtree erreicht, wo ich nicht einmal anhielt. Ich war überrascht, dass die Strasse auch jetzt noch lange Zeit geteert war. Dann begannen aber bald die Road Works, und als diese Passage überwunden war, hatte mich der Schotter, Sand und das Wellblech wieder. Und es war heimtückisch. Wenigstens konnte ich mich allmählich darauf verlassen, dass eine rote Piste Sand mit viel Wellblech und graue Piste rauer Schotter bedeutet, der zwar holprig, aber recht gut und schnell zu befahren ist. Dann erreichte ich die Hart‘s Range, schon vor über hundert Jahren von abenteuerlichen Italienern und Engländern besiedelt. Die Leute hatten sich dem Bergbau verschrieben und gruben in diversen Bergwerken nach Mica (Glimmer). Dabei stellten sie auch Aborigines an,  die das ausgehobene Gestein zum Lager transportierten. Die Aborigines-Frauen und -Kinder kümmerten sich währenddessen um die Ziegen und das Kochen. Bezahlt wurden alle nur in Naturalien.

Eigentlich wollte ich heute bis Mount Swan kommen. Als ich aber feststellen musste, dass diese Siedlung mit einem sehenswerten Felsklotz fast fünfzig Kilometer von der Hauptstrasse entfernt waren, entschloss ich mich, weiter Richtung Jervois zu fahren und auf dem Weg nach einem Outback-Schlafplatz Ausschau zu halten. Nach wilder Fahrt über ziemlich übles Wellblech hielt ich nur 5 km vor Jervois an, richtete mein Lager auf. Ich freute mich schon lange auf diesen Samichlaus-Tag, denn heute wollte ich endlich mein aus der Schweiz mitgebrachtes Appenzeller Fondue zubereiten, ein ganz besonderes Gefühl, bei gegen 40°C über dem Feuer ein Fondue zu geniessen. Es gelang ausgezeichnet, auch die Lufttemperatur störte überhaupt nicht – zumindest vorerst. Denn ich hätte besser nur eine Portion geöffnet, die zweite war definitiv zu viel, aber das verkochte Material reute mich, und ich ass immer weiter und weiter , bis ich vollkommen überfüllt war. In kurzer Zeit wurde mir übel, ich konnte nicht einmal mehr einen Resten Wein fertigtrinken, geschweige denn das Tagebuch schreiben. Ich legte mich auf den sandigen Boden und wartete sehnlichst auf den Rülpser, der wohl die entscheidende Erleichterung gebracht hätte. Aber der kam nicht. Ich war nahe dem Übergeben, trank literweise Wasser (wie sehr hätte ich genau jetzt ein Cola geschätzt!), zudem zeichnete sich im Westen nichts Gutes ab. Rabenschwarze Bewölkung mit einem sehenswerten Petrus-Feuerwerk, das sich mir zu nähern schien. Der Wind wurde immer stärker. Ich montierte das Aussenzeit, liess aber den Eingang offen. Es war ein Dilemma. Wenn geschlossen, war es stickig heiss, trotz des Windes, und wenn ich das Zelt gegen aussen offen liess, wurde man gleichsam windgestrahlt. Im Nu war das Innere des Zeltes rot sandig mit Feinstaub verfärbt.

Erst gegen Mitternacht kühlte es allmählich etwas ab, und auch der Wind liess nach, sodass ich wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf fand. Bald wurde es tatsächlich wüstenmässig kühl, sodass ich sogar wieder froh um den Schlafsack war. Der entscheidende Rülpser fand auch irgendwann statt, ich schreckte im Schlaf auf, denn der Aufstosser hatten nicht nur Gasförmiges nach oben geschafft. Aber ich konnte jenen letzten Happen der Appenzeller Spezialität behalten, musste aber gründlich nachspülen…

Km: 53‘446 (353)

Mi, 07.12.2016: Regen in homöopathischen Dosen? – Denkste!

Regenzeit ist in dieser Region zwischen Dezember und März, und während dieser Zeit ist es eigentlich nicht empfohlen, diese Strecke zu befahren, denn erstens kann die Hitze unerträglich sein, und zweitens kann ein Ausläufer eines Wirbelsturms dafür sorgen, dass die trockengelegten Flussbette, die das Land durchziehen, innert Minuten dermassen anschwellen, dass man gefangen ist zwischen verschiedenen, Hochwasser führenden Flüssen. Ich erlebe den Plenty Highway bis jetzt ohne Niederschläge. Auch heute zogen sich im Westen bedrohliche Wolken zusammen, aber ich werde mich wohl auch diesmal ausserhalb der Gewitterzone aufhalten. Wenn normalerweise Regen fällt, dann in homöopathischen Mengen, zu wenig um mich etwas zu erfrischen oder wirklich nass zu werden – wie erlebt in Alice Springs.