Teil 23: Papua Neu Guinea (PNG)/Solomon Islands

Der fast zwei Monate dauernde Exkurs, während dem ich zu einem Rucksacktouristen mutiert bin, zähle ich zu einem weiteren, überaus interessanten Höhepunkt meiner Reise. Notgedrungen wagte ich mich in zwei Länder, die ich noch nie besucht habe. Ich genoss grossartige Gastfreundschaft und grandiose Landschaften in Papua Neu Guinea und den Solomon Islands. In keinem Moment fühlte ich mich unsicher, längst sind die Gefahren mit Kannibalismus und hoher Kriminalität passé. Die asiatische Lebendigkeit wurde abgelöst durch eine pazifische Langsamkeit, die Zeit verläuft anders in diesen Ländern. Vier Wochen war ich praktisch von der Aussenwelt abgeschnitten und hatte kaum Zugang zu Internet.

Erst vorgestern habe ich erfahren, dass mein Töff in Darwin endlich angekommen ist. Ich bin bei Dave, einen töffverrückten Einheimischen in seiner Villa im Outback nahe Darwin gelandet - er wird mich netterweise unterstützen, mein Motorrad bei Zoll auszulösen und es wieder auf Vordermann zu bringen.

Bald kann das Australien-Abenteuer losgehen. Noch bin ich mir unsicher über das Routing, nur eines weiss ich: Keinesfalls werde ich zu weit in den Süden fahren, weil dort der Winter sein kaltes Unwesen treibt...

Di, 10.05.2016: Szenenwechsel

Heute habe ich nicht nur Indonesien, sondern auch Asien verlassen. Dies wurde offensichtlich, sobald ich die Grenze nach Papua Neu Guinea, meinem 28. Land, überschritten hatte – ich bin in Ozeanien angelangt! Es lief heute so ab, wie ich mir das erhofft hatte. Nach dem Packen und einem überaus einfachen Frühstück mit Schwarztee, entrindetem Toastbrot und Konfitüre verliess ich das New Horyzon zu Fuss. Aber ich war nicht lange unterwegs. Auf dem Weg zur Hauptstrasse wurde ich von einem Einheimischen abgefangen, der mir anbot, mich mit seinem kleinen Töff zur 70 km entfernten Grenze zu fahren. Ich handelte den Preis von 350‘000 auf 250‘000 IDR herunter – und sofort ging es los.

Auf dem Weg machten wir Halt bei einem Moneychanger, bei dem ich eine Million Rupiahs in guineische Kinas wechselte (1 Kina = 3750 Rupiahs). Dann hielten wir bei einer BNI-Bank, wo man aber nicht bereit war, meine restlichen 4.5 Millionen Rupiahs in Dollars zu wechseln, sodass wir nochmals zum Moneychanger fuhren, wo ich einen erstaunlich guten Kurs bekam (1 $ =13‘250 IDR). Ich wusste, dass es ziemlich anstrengend werden würde, mit Vollpackung auf dem Rücken auf diesem kleinen Gefährt zur Grenze zu fahren. Aber die Strasse war gut. Nachdem wir einige kleine Dörfer durchquert hatten, fuhren wir die letzten zwanzig Kilometer durch dichten Urwald. Es schien tatsächlich nicht so, dass die Grenze per Minibus hätte erreicht werden können.

An der Grenze war aber grosser Betrieb. Natürlich sah ich hier keinen einzigen Touristen, ich bin ja auch der erste seit vier Monaten, der diese entlegene Route wählt, zumindest von jenen, welche das Guinea-Visum in Jayapura erhalten haben. Vielen Guineern ist es erlaubt, die Grenze kurzzeitig zu überschreiten, um sich am regen Markt mit billigeren, indonesischen Produkten einzudecken. Der Grenzübertritt war absolut problemlos. Ich erhielt in vernünftiger Zeit den nötigen Ausreisestempel. Allerdings suchte der etwas schwerfällige Beamte lange nach dem richtigen Einreisestempel, mein Pass ist unterdessen auch zu zwei Dritteln voll mit Stempeln aus all meinen bereisten Ländern. Dann überschritt ich die Grenze PNGs, und auch hier war der Zauber nur von kurzer Dauer. Im Nu erhielt ich den nötigen Stempel. Unterdessen hatte es zu regnen begonnen, aber ich hatte glücklicherweise nicht weit zu gehen, denn ganz nahe wartete schon ein Minibus, der mich nach Vanimo bringen sollte. Die Strasse war wiederum recht gut ausgebaut. Nur einmal hatten wir einen kleinen Fluss ohne Brücke zu überqueren, der aber glücklicherweise nicht viel Wasser führte.

Vanimo ist die westlichste Siedlung PNGs, ich erreichte gleichsam eine andere Welt. Zwar trieb man auch hier auf einem kleinen Markt Handel. Ich bemerkte aber schnell, dass es hier keine Warungs oder Rumah Makanan mehr gibt, tatsächlich weit und breit kein Restaurant, dabei hatte ich Hunger. Eine Unsicherheit in einem neuen Land ist jedesmal, zum ersten Mal einen ATM auszuprobieren. Aber der schüttete problemlos 1000 Kina aus! Der Minibusfahrer war so nett, mich zum auf einem kleinen Hügel liegenden CBC Guesthaus zu fahren. Tatsächlich heisst es hier Guesthaus, der deutsche Einfluss der Kolonialzeit vor über hundert Jahren ist noch immer zu spüren. Ich bezog ein sauberes, einfaches Zimmer mit Fan und war nicht erstaunt, dass der Preis recht hoch war (100 Kina = etwa 30 Fr.). Ich werde mich an die höheren Preise hier gewöhnen müssen. Dann spazierte ich zurück zur kleinen Stadt auf der Suche nach Essen und fand tatsächlich einen Take away bei einem Supermarkt. Poulet und Reis – Nahrung! Es hat gleich mehrere Supermarkets in Vanimo, aber tatsächlich kein Restaurant. Ich deckte mich für den Abend und morgen früh mit dem Nötigsten ein und fand auch einen abgesperrten Bottleshop, wo man tatsächlich Bier verkaufte. Aber einzelne Flaschen waren nicht zu kaufen, ich hatte gleich einen Sixpack mitzunehmen. Dies machte ich. 6 Spezli für 30 Kina, weniger als 10 Fr. Den Nachmittag verbrachte ich mit Biertrinken und Planen meines PNG-Trips. Das Routing wurde ziemlich klar. Schon morgen früh werde ich versuchen, per Boot Aitape zu erreichen – eine fahrbare Strasse fehlt, und die Flüge sind exorbitant teuer.

Jetzt sitze ich auf der Terrasse und schreibe, zwei Einheimische sind unterdessen ebenfalls in meinem Guesthaus angekommen. Sie haben in der recht gut eingerichteten Küche gekocht, derweil ich mich mit Thon und Weichbrot zufriedengeben musste. Es scheint, dass man in diesem Land in Guesthäusern selber kocht. Daran dachte ich eigentlich auch schon am Nachmittag auf dem Markt, aber das Gemüse ist erstaunlich rar, Fische sah ich keine, aber ich werde mich bald schon anzupassen wissen… Es ist erst halb acht Uhr, es bleibt nicht mehr viel zu tun ausser zu schlafen…

 

Mi, 11.05.2016: Achterbahn und Wasserspiele – oder in Wewak

Ich stand früh auf und war schon um sieben Uhr unterwegs zum Strand, wo die Boote Richtung Aitape ablegen sollte. Die Einheimischen, die ich um Auskunft fragte, waren sich nicht einig, an welchem Strand die Boote wirklich ablegen – mit der Folge, dass ich zweimal in die Irre wanderte, notabene mit Vollpackung. Als ich dann ankam, wurde ich freudig empfangen. Ein Paar hatte schachtelweise billige indonesische Güter gekauft, die jetzt nach Aitape transportiert werden sollten. Keine Ahnung, wie spät es war, als wir zu fünft ablegten, ich bin jetzt wohl neun oder sogar zehn Stunden vor der europäischen Zeit.

Das Meer war recht ruhig, aber regelmässig daherkommende Dreimeterwellen verursachten ein Gefühl einer Achterbahnfahrt. Die Region ist extrem dünn besiedelt, es gibt keine wirklich fahrbare Strasse Richtung Osten, deshalb blieb mir als einzige Transportmöglichkeit diejenige mittels eines kleinen „Bananenbootes“. Die Küste ist urig wild, keine Spur einer Siedlung ist zu sehen, dichter Wald, soweit das Auge reicht. Wir waren wohl vier statt der vorausgesagten zwei Stunden unterwegs, und wir erreichten Aitape nach dem Mittag. Eigentlich wollte ich hier bleiben und im einzigen Guesthaus dieser kleinen Stadt übernachten. Aber das Paar mit all den vielen Gütern wollte noch heute unbedingt weiter bis nach Wewak fahren, und dies war mein Glück. Bald war ein Jeep für 600 Kina (200 Fr.) organisiert, ich zahlte nur deren 100. Aber wir warteten noch auf weitere Passagiere, damit wir die Kosten besser teilen konnten, fuhren in Aitape auf und ab, und nochmals und nochmals. Ein Glück, dass ich in diesem trostlosen, staubigen Nest nicht feststecke.

Und dann ging es am frühen Nachmittag endlich los. Ich setzte mich zuoberst auf das viele Gepäck und hatte perfekte Aussicht von hier oben. Aber die Fahrt sollte sehr anstrengend werden, denn nicht unerwartet war die Strecke äusserst schwierig zu befahren, keine Chance, diese Strecke mit dem Töff zu bewältigen, denn ungezählte 57 Flussdurchquerungen waren zu meistern, zum Teil oberschenkeltief, mit Brocken von Rundsteinen durchsetzt. An flachen Stellen war es sumpfig und schlammig. Wir fuhren durch regelrechte braune, tiefe Drecktümpel, so breit wie der Fahrweg selber. Weil ich nicht selber fahren musste, war das Naturerlebnis durch den dichten Dschungel umso grösser. Lange Zeit umkurvten wir bedrohliche, schwarze Wolken, aber irgendwann am späten Nachmittag fuhren wir geradewegs in eine solche schwarze Wand. Die Mitpassagiere schützten sich unter einer Plastikblache, ich blieb auf dem Gepäck sitzen, weil ich den Regensturm erfahren wollte. In kurzer Zeit war ich vollkommen durchnässt, aber wie erwartet war das Regengebiet bald durchquert. Ich wrang mein T-Shirt aus, der Fahrtwind sorgte für ein schnelles Trocknen. Jetzt folgten wir einem Küstenabschnitt mit kilometerlangen Sandstränden, aber niemand ist hier und versucht sie zu nutzen. Bald begann es zu dämmern, das letzte Stück bis Wewak legten wir in vollkommener Dunkelheit zurück. Nur gerade zehn Kilometer vor Wewak ereilte uns dann auch noch eine Panne. Aber der Plattfuss war nicht besorgniserregend. Der Ersatzpneu war zwar ebenso heruntergefahren wie der Originalreifen, die Leute sind erfahren im Reifenwechseln, innert Minuten war er ersetzt.

Wewak, das wir gegen acht Uhr erreichten, hat wenig Liebliches. Nachdem wir das viele Gepäck des Paars bei ihrem Wohnort abgeladen hatten, fuhr man mich zum Warihe-Guesthaus (100 Kina), wo ich ein spartanisches Zimmer mit Fan bezog. Die ganze Zeit wurde ich „bewacht“ und geführt von einem netten Einheimischen, der mich später zum besten Hotel (wohl Ein- bis Zweistern) führte, wo es ein kleines Restaurant gibt. Nudeln mit Seafood – nichts mehr als Nahrung, dazu zwei kalte SP-Biere. Der Typ wartete ausserhalb des Restaurants auf mich, er wollte sich partout nicht einladen lassen, und wir legten den kurzen Weg zum Guesthaus wieder gemeinsam zurück. Offenbar traut man der Sicherheit in diesem Ort nicht allzu sehr.

Im Zimmer war ich zufrieden mit mir, denn ich war weiter gekommen, als ich dachte. Vor meinem Zimmer wurde noch lange Zeit in grosser Lautstärke diskutiert, aber ich war genug müde, dass ich gleichwohl schnell einschlafen konnte.

 

Do, 12.05.2016: Wenn der Tag statt 24 plötzlich 32 Stunden hat

Eigentlich wollte ich in Wewak zweimal übernachten, aber weder Guesthaus noch Stadt machten mir einen unwiderstehlichen Eindruck, zudem erwachte ich schon um fünf Uhr, als direkt vor meinem Zimmer die lautstarken Diskussionen einiger Jeep-Fahrer der Vornacht fortgeführt wurden. Ich stand auf, machte eine erfrischende Dusche und machte mich bereit, die Bootsablegestelle nach Madang (gesprochen Mädäng) zu finden. Dies war leicht, denn ich wurde gleich von mehreren Einheimischen abgefangen. Ein im Landcruiser schlafender Chauffeur wurde geweckt, der mich die kurze Strecke zum Meer fuhr.

Wiederum wollte ich das Risiko eingehen, die nächste Reisestrecke per kleinem „Bananenboot“ zurückzulegen. Es stellte sich heraus, dass ich etwas zu früh war. Ich war die erste Person, die ein Schiff mit zehn Personen füllen sollte… Aber ich wurde fast schon gierig empfangen. So parkierte ich meinen Rucksack im Boot und machte mich auf einen kleinen Rundgang. Es war noch nicht acht Uhr, als ich über einen Schnellimbiss schon Chicken and Chips bestellte. Dies stellte sich schliesslich als weiser Entscheid heraus. Verpflege dich, wenn es möglich ist! Wewak hat nicht gerade den sichersten Ruf, weshalb alle Supermarkets und sogar Fastfood-Stände bewacht sind. Ein junger, vermeintlicher (?) Dieb wurde so mit Schlagstöcken in die Flucht geschlagen…

Es war schon am Morgen sehr warm, aber ich hatte nur durch ein transparentes Dach geschützt stundenlang zu warten. Aber ich war der Blickpunkt. X-mal wurde ich begrüsst, gefragt, woher ich komme. Und so angenehm: Jeder spricht hier recht gut Englisch! Der interessanteste Kontakt ergab sich gegen Mittag, als ich mit einem sympathischen, älteren Herrn ins Gespräch kam. Der Mann ist bereits 77-jährig, viel jünger aussehend, sprühend vor Vitalität – und Pastor, der weit herum bekannt ist und von diversen heilssuchenden, besser gestellten Leuten unterstützt wird – er zahlt keinen Strom, besitzt einen grossen Jeep und bekommt von einer amerikanischen Gesellschaft jedes Jahr 30‘000 Neue Testamente, die er im Lande verteilen kann. Weisheit mit viel Humor kam über seine Lippen, Gott als das Einzige – er war Katholik, dann in der Heilsarmee, bringt jetzt die Gute Botschaft ins Land, Gott steht im Zentrum, die Religion spielt keine Rolle. Er kennt einige Höhlen in der Region, in welchen er vor Jahrzehnten unzählige Knochen von japanischer Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg fand, inklusive Schmuck, Goldzähnen etc… Gerne hätte er mir einige dieser Orte gezeigt, aber unterdessen hatte ich für das Boot bereits bezahlt (150 Kina), aber immerhin bekam ich eines seiner Neuen Testamente geschenkt, und ich solle meine Mutter schätzen, die jeden Tag für mich betet…

Kurz nach Mittag hatten wir genügend Passagiere – eine bunte Gesellschaft mit Paaren und ihren kleinen Kindern, zwei jüngere Mädchen und ein Rasta-Man, der sofort begann, all die Leute zu unterhalten. Und dann ging’s tatsächlich los, aber was sich zu Anfang wie ein netter Touristenausflug anfühlte, sollte ein Erlebnis der dritten Art werden…

Auch heute war es von Anfang an eine Berg- und Talfahrt auf dem Meer, zu Anfang vor allem, bis wir aus der Bucht gefahren waren. Aber jetzt wehte auf dem ganzen Weg ein starker Gegenwind, die entstehenden giftigen Wellen sorgten dauernd für Spritzer auf dem Boot. Aber dank des starken Motors kamen wir vermeintlich gut vorwärts. Zwar hielten wir mitunter in Küstennähe auf dem offenen Ozean an, der Kanister mit Kraftstoff musste ersetzt werden. Einen solchen Halt nutzte ich auch für ein Bad auf offenem Ozean, einer meinte, ich müsse auf die Haie aufpassen, meinte dies aber wohl nur im Spass. Aus Unachtsamkeit versenkte ich meine (letzte) Sonnenbrille im Meer, solche Brillen werden in meiner Gegenwart nie alt… Der Skipper hatte die Dauer der Fahrt mit drei oder vier Stunden angegeben, und noch machte ich mir keine Sorgen. Wir machten einen längeren Halt bei den Murik-Seen, durch einen schmalen Eingang verbunden mit dem Meer, das Wasser ist hier brackartig braun gefärbt und mit Mangroven bestanden, ein unglaublich abgelegener Ort, und ich bin mir ziemlich sicher, dass hier an diesem schwarzen Strand noch nie ein Tourist war. Der Skipper liess mich von seinem Lunch kosten – eine Art Teigfaden, wie ungebackener Teig, der mit Salz gewürzt wurde und zusammen mit einem getrockneten Fisch und einer kleinen Frühlingszwiebel gegessen wurde, mein Magen verträgt unterdessen wirklich alles! Überhaupt war an der bewaldeten Dschungelküste keine Siedlung zu sehen, quadratkilometerweise unberührter Urwald, aber im Hafen von Wewak standen einige riesige malaysische Schiffe, auf die riesige Baumstämme geladen wurden. Aber noch sieht man von diesen Kahlschlägen nichts, weil das Land noch so unberührt und riesengross ist.

Die Szenerie veränderte sich, als die Küste plötzlich flach war mit einer eigenartig fremden Vegetation mit vielen kahl in die Luft ragenden Baumriesen. Zuweilen wechselte die karstfelsige Felsküste ab mit Palmen bestandenen Küstenabschnitten. Manchmal erblickte man ärmliche Dörfer mit einigen Strohhütten, Fischer waren in ihren kleinen Auslegerbooten unterwegs, um für die abendliche Nahrung zu sorgen. Zuerst ganz entfernt kamen einige aus dem Meer ragende Vulkane in den Blickpunkt. Wir fuhren bei rauer See weiterhin gegen Osten, aber ich wusste, dass es irgendwann Richtung Süden gehen sollte. Nahe zweier Vulkane erreichten wir endlich dieses Kap, und jetzt war der Sepik-River nicht mehr fern. Aber unterdessen begann es schon zu dämmern. Und beim Mündungsgebiet dieses 2500 km langen Urwaldflusses gerieten wir in Teufels Küche. Die Meerwellen trafen auf die gewaltige Menge dieses nährstoffreichen, braun gefärbten Flusswassers. Und es war, als ob die entstehenden Wellen gegeneinander kämpften. Der Skipper versuchte auf den urplötzlich aufkommenden Dreimeterwellen zu driften, zu reiten, aber dann gerieten wir in die Täler dieser Wasserberge, um steil wieder emporzuschiessen. Zum ersten Mal war mir nicht mehr ganz wohl. Gleichsam im Slalom durchschifften wir diese heikle Stelle, es stellte sich aber heraus, dass die Wellen auch südwärts immer noch gegen uns agierten. Als es allmählich dunkel wurde, kannte der Skipper nichts mehr. Wir preschten durch die dunklen Wassermassen, ich wusste unterdessen, dass wir Madang nie mehr in vernünftiger Zeit erreichen würden. Schliesslich war es stockdunkel, und noch immer fuhren wir mit Vollgas durch das Gischt heischende Wellenwasser. In kurzer Zeit war ich durch und durch nass. Die Einheimischen versuchten sich mit Tüchern zu schützen, was auch nicht viel brachte. Wir fuhren in Richtung des vom Halbmond beschienenen, aus dem Meer ragenden Kar-Kar-Vulkans, aber wir schienen trotz des Affenzahns auf dem Wasser doch nicht wirklich näher zu kommen.

Und dann erschien ganz entfernt ein kleines, rotes Licht am Horizont, das wir offensichtlich direkt zu erreichen versuchten. Tatsächlich waren wir jetzt ganz nahe der Küste, aber ich fragte mich, wie wir das Boot bei diesen Brechern von Wellen heil ans Ufer bringen. Menschen an der Küste hatten uns aber längst bemerkt und gaben Lichtzeichen, und genau dieses Licht versuchten wir jetzt zu erreichen. Wir ritten auf einer letzten Uferwelle gleichsam in eine kleine Bucht, die vom Wasser eines kleinen Flusses gespeist wird. Und plötzlich waren wir in dem nach dem Geruch zu urteilen braunen, ruhigen Schmutzwasser und erreichten mit Bot Bot ein kleines Dorf, wo das viele Gepäck ausgeladen wurde. Es war nicht weit zu gehen bis zu einem Strohunterstand. Der Skipper meinte, dass wir von hier mit einem Truck weiterfahren würden. Und jetzt wurde mir klar, wie wenig weit wir gekommen waren. Diese Truckfahrt sollte nämlich mindestens vier Stunden dauern…

Es war ganz ruhig in diesem Dorf, vor den Hütten brannten kleine Feuer, wohl um die vielen Moskitos vom Stechen abzuhalten. Sogar die Mitpassagiere klagten über diese lästigen Kreaturen und empfahlen mir, lange Hosen anzuziehen. Diesen Rat befolgte ich. Da ich nicht glaubte, dass wir diese Nacht tatsächlich von diesem entfernten Nest wegkommen würden, machte ich es mir bequem und versuchte etwas zu schlafen. Ich lauschte den ruhigen Stimmen der Frauen, die sich um ihre Kleinkinder kümmerten. Es war keine Spur von Stress oder Ärger festzustellen. Ganz gelassen gab man sich dieser Situation hin. Um elf Uhr nachts fuhr dann überraschenderweise tatsächlich ein alter Truck heran, auf den wir unser Gepäck luden. Ich war todmüde von der heissen Bootsfahrt, ich hatte eine Überportion von Sonne abgekriegt, und eigentlich hätte ich lieber in diesem Unterstand übernachtet. Aber bald ging es los auf Fahrwegen, von denen ich mich wundere, dass sie ein Lastwagen überhaupt meistern kann. Zuerst hockte ich mit angewinkelten Knien auf einigen Quadratzentimetern auf der Ladefläche. Erstens begannen meine Knie bald zu schmerzen, und zweitens hasse ich es, mich wegen meiner Platzangst an engen Plätzen aufzuhalten, weshalb ich irgendwann hochkletterte auf das mit Seilen befestigte Gepäck gleich hinter der Fahrerkabine, wo ich mich die ganze Nacht aufhalten sollte. Dieser Transport war die reinste Tortur, denn konstant hatte ich mich an Seilen oder am Metallgestänge festzuhalten, denn der Lastwagen schaukelte wegen der unzähligen Schlaglöcher nach links, nach rechts, hielt an, beschleunigte, Meter für Meter kamen wir vorwärts. Ich versuchte, meinen Sitz- oder Liegeplatz konstant zu optimieren und fand irgendwann eine Position, in der ich auf dem Oberarm liegend einige Minuten schlafen konnte, um gleich beim nächsten Ruck wieder aufzuwachen. Schliesslich sass ich wie in Trance auf einem Gepäcksstück, schlief nur für Sekunden immer wieder ein, um gleich wieder aufzuwachen. Zudem war es auf dem höchsten Punkt des Wagens sehr windig, die feuchte Tropenluft der Nacht fuhr mir in alle Knochen. Ich rüstete mich mit meinem Pullover aus, den ich glücklicherweise ganz oben in meinem Rucksack deponiert hatte. Aber ich fror weiterhin, sowohl lange Hosen wie auch Pullover waren bald klamm-feucht. Aber diese Reise wurde noch unwirklicher, als ich weit draussen im Meer einen rot-glühenden, aus dem Meer ragenden, aktiven Vulkan erblickte. Für Unterhaltung sorgte der Kommunikator der Gruppe, der die ganze Nacht drauflos plauderte, mich immer wieder ins Gespräch integrierte, dabei wollte ich doch lieber nur meine Ruhe haben. Aber irgendwie staunte man, dass auch ich diese sonderliche Reise so stoisch ertrage… Immer wieder sehnte ich mich nach Halten. Dreimal hielten wir auch an. Es wurde unendlich viel geraucht – meine Zigaretten oder in Zeitungspapier eingewickeltes, einheimischen Sonderkraut. Erstaunlicherweise trafen wir auf der Strecke immer wieder auf auch mitten in der Nacht noch offene Stände, wo vor allem Bethelnüsse verkauft wurden. Es gibt kaum Menschen hier, welche diese Nüsse nicht kauen. Diese werden von ihrer grünen Schale befreit. Zusammen mit einer anderen länglichen Frucht und einem weissen Puder wird die Masse gummiartig und verfärbt sich rot-orange, wohl ziemlich schädlich für Zähne und Zahnfleisch (auch wenn Einheimische genau das Gegenteil behaupten..). Das orange scheinende Gebiss macht mir einen ekelhaften Eindruck, aber diese Sucht oder Tradition ist hier tief verwurzelt. Wir waren nicht die einzigen, die des Nachts unterwegs waren. Mit grossem Hallo begrüsste man sich gegenseitig, die Chauffeure hielten ein Schwätzchen, in einer der 800 Sprachen in diesem Land…

Irgendwann begann es tatsächlich zu dämmern. Jetzt wusste ich, dass wir nicht mehr fern von Madang sein würden. Wir passierten Alexishafen, eine vor über hundert Jahren von den Deutschen gegründete Siedlung, hart umkämpft im Zweiten Weltkrieg. Ich sah das Wrack eines alten japanischen Flugzeuges. Die Sonne war längst aufgegangen, als wir Madang endlich erreichten. Von einem jungen Mitpassagieren wurde ich zur Consolidation DriveInn Logde begleitet. Es war mir ziemlich egal, fast 50 Fr. für die Unterkunft zu bezahlen, wenn sie nur sauber ist und ein weiches Bett hat. Ich fühlte mich unglaublich salzig und schmutzig. Nach einer Dusche schlief ich innert Sekunden ein. Es war bereits acht Uhr!

Eigentlich hatte ich ja Glück: Erstens die Bootsfahrt heil überstanden, und zweitens war es eine mondhelle Nacht, von Regen wurden wir verschont…

 

Fr, 13.05.2016: Rundgang in Madang

Ich erwachte um 11.30 Uhr, versuchte mich mit einem Kaffee in Gang zu bringen, nahm mein ganzes Gepäck auseinander, weil alles feucht war. Wohlweislich hatte ich wenigstens meine technischen Artikel in einen  wasserdichten Sack verpackt, und alle sind noch intakt.

Allmählich gewöhne ich mich an den Szenenwechsel in PNGs Städten. Die Geschäftszentren strahlen wenig oder überhaupt keinen Charme aus, kalte Betonkästen, in denen viele Supermarkets untergebracht sind, säumen die breiten, schmutzigen Boulevards. Die Strassen sind staubig und werden als Spucknapf benutzt, die orange eingetrocknete Bethelflüssigkeit klebt an allen Ecken und Enden. Es ist in meinen Augen kein schönes Volk, das in Gruppen durch die Strassen flaniert, breit gebaut, eng braun gekraust, meist ungepflegt und schmutzig unterwegs. Viele Menschen haben eine extrem starke Ausdünstung, die noch damit verstärkt wird, dass meist synthetische Shirts getragen werden. Aber sie sind extrem freundlich und neugierig. Immer wieder wurde ich mit „Good day!“ begrüsst, in kurze Gespräche verwickelt. Wirklich sehenswert ist die östliche Strandpromenade mit den Palmen und der rauh-felsigen Küste, der ich heute Morgen folgte. Ich passierte die Machine-Gun-Beach, allerdings weniger ein Strand, als vielmehr mit felsigen Pools mit glasklarem Wasser durchsetzte Felsküste, verbunden mit dem offenen Ozean.  Alles ist sehr weitläufig hier, man kommt fast nicht ohne Fahrzeug aus, aber ich war zu Fuss unterwegs. Menschen rasten unter gewaltigen Casuarina-Bäumen mit Tausenden Richtung Boden wachsenden Luftwurzeln, es ist eigentlich zu warm für grosse Aktivitäten. Aber unter diesen riesigen, Schatten spendenden Bäumen ist es angenehm kühl.

Auf meiner Route entlang dieser Promenade fand ich das Eden‑Restaurant, etwas düster, aber angenehm heruntergekühlt, wo gutes chinesisches Essen serviert wird. Endlich habe ich wieder einmal etwas Gemüse gekriegt. Das Stadtzentrum liegt auf einer Halbinsel, und je weiter ich marschierte, desto mehr Menschen hatte es auf kleinen Strassenmärkten, wo nur Kleinigkeiten offeriert werden, an jeder Ecke jedoch die Bethel-Zutaten. Ich erreichte den kleinen Hafen, wo die mir unterdessen bekannten „Bananenboote“ für nächste Abenteuertrips schon bereitstanden, aber dafür ist mein Bedarf momentan gestillt. Ich musste einige Zeit suchen, bis ich einen funktionierenden Bancomaten fand, die Kinas rinnen mir hier deftig durch die Finger, woran ich mich zuerst gewöhnen muss… Dann besorgte ich mir in einem Supermarkt einiges an Food und Bier, das hier so herrlich eiskalt verkauft wird. Dann machte ich mich auf den langen Rückweg, war unterdessen aber schon wieder nudelfertig und hielt ein weiteres Schläfchen. Unterdessen sind auch weitere (einheimische) Gäste eingetroffen, Mitglieder einer Band aus Port Moresby, die heute Abend hier einen Auftritt haben. Ich wurde gleich zu diesem Gig eingeladen, aber ich fühle mich zu müde mitzugehen, aber morgen spielen sie nochmals… Die netten Leute servierten mir eine Schale voller Essen, sind sehr kommunikativ und neugierig. Europäer sind hier wirklich selten anzutreffen. Dann versuchte ich all die unglaublichen Eindrücke des gestrigen Erlebnisses zu verarbeiten. Ich bin froh, dass es jetzt ruhig ist im Guesthaus, die Bandmitglieder sind eben für ihren Auftritt aufgebrochen. Ich muss nachschlafen…

 

Sa, 14.05.2016: Avisat im Seafearer’s Club

Ich überlegte den ganzen Tag, ob ich die südpazifikbekannte, sechsköpfige Band Avisat heute Abend in den Seafearer’s Club begleiten solle. Erst nachts um halb zwölf Uhr verliessen wir unser Guesthaus und fuhren per Jeep ans andere Ende der Stadt, betraten den Club über den Hintereingang, und schon standen die ersten Biere bereit. Der Gig sollte erst eine Stunde später beginnen, wenn sich der Club allmählich mit Leuten füllt. Ich wurde heute Abend gleich achtfach bewacht; immer wieder wurde ich angehalten, mich in der Nähe der Bühne aufzuhalten. Es hiess, das Temperament der Einheimischen könne sehr schnell in Brand geraten. Leider waren von Anfang an technische Probleme zu beklagen, trotzdem war ich in diesem wahren Underground-Schuppen schnell angetan von Stimmung und Musik, einer Art südpazifischen Reggaes, absolut Gute-Laune-Musik, die einen förmlich zum Tanzen zwang. Während der Pausen wurden wir konstant mit Dutzenden von Bieren versorgt, die wir backstage kredenzten. Alles war vom Club bezahlt, ich brauchte keinen einzigen Kina diese Nacht.

Natürlich war mir bewusst, dass erneut eine lange Nacht auf mich wartet, aber die Stimmung blieb die ganze Zeit überaus friedlich. Schliesslich sassen wir noch lange vor dem Schuppen bei weiteren Bieren, die ihre Wirkung nicht verfehlten… Um fünf Uhr fuhren wir zurück zum Guesthaus, es vergingen Sekunden, bis ich einschlief.

Am Morgen erwachte ich herrlich ausgeschlafen. Ich machte mir einen Nestlé 3 in 1 Instantkaffee, ass ein Gummibrötchen mit Erdnussbutter. Dann wollte ich mich eigentlich der Wäsche annehmen, aber das nette Putzfräulein nahm mir diese Arbeit ab, sodass ich schon früh unterwegs war an der Uferpromenade. Unweit meines Guesthauses liegt die Machine Gun Beach, eigentlich weniger ein Strand als vielmehr ein scharfkantiger Felsenpool. Eigentlich wollte ich in Ruhe etwas lesen, aber dies war vorerst unmöglich, weil ich immer wieder von neugierigen Einheimischen mit Fragen gelöchert wurde. Am Mittag spazierte ich nochmals zum Eden, dies war allerdings nicht ganz ungefährlich, denn der Golfplatz (!) war heute von vielen Leuten begangen – und ein Fehlschuss verfehlte mich um wenige Meter, der Ball wurde von den Palmen gestoppt und fiel unmittelbar vor mir auf die Strasse. Im Eden bestellte ich eine Nudelsuppe mit Seafood, herrlich chinesisch zubereitet, und als sie dann auch noch Chili brachten, war das Esserlebnis perfekt. Dann weilte ich einige Zeit in der Madang Beach Bar, kam zum Lesen. Nachdem ich wieder einmal Kafkas Verwandlung gelesen hatte (empfand ich als ziemlich beklemmend), darf es diesmal wieder ein etwas dickerer Schunken sein (Hohlbeins Die Kriegerin der Himmelsscheibe).

 

So, 15.05.2016: Missverständnis

Eigentlich wollte ich heute Morgen früh Richtung Goroka weiterreisen, aber dies wurde im Verlaufe der letzten Nacht verworfen, denn ich hatte mein Musik- und Biererlebnis schlafend zu verarbeiten. Es war geplant, die Bandmitglieder zum Haus des Grossvaters eines Musikers an einen Strand begleiten, aber als die Leute auch um zwei Uhr nachmittags noch nicht von ihren Besorgungen zurückgekehrt waren, machte ich mich auf zu einem Spaziergang der Uferpromenade entlang, die heute Sonntag voller badender Leute war. An Ständen wurden Kleinigkeiten verkauft.

Besser hätte ich eine Viertelstunde länger gewartet, denn sie wollten mich wirklich abholen, aber da war ich schon weg, genoss eigentlich auch meine Ruhe, las und ass nochmals im Eden hervorragende Shrimps und chinesische Wontons. Am Abend traf ich auf die Bandmitglieder mit schlechtem Gewissen, die deutsch-guineische Wurst wurde mir halt erst jetzt gebracht. Ich versorgte die Leute mit Fotos und Filmen, die ich letzte Nacht gemacht hatte, ich erhielt eine mp3-Sammlung ihrer besten Stücke. Es wäre zu geil, diese Leute zu einem böl-on-air einzuladen…

Mo, 16.05.2016: Die langwierige Bethelnuss-Reise in PNGs Highlands

Heute wollte ich mich eines Reisemittels bedienen, das ich bis anhin auf dieser Reise noch nicht benutzt habe. Und natürlich weiss ich um die Nachteile von Busreisen in solchen Ländern, und diese erlebte ich heute, wie’s im Buch steht. Ein vor dem Guesthaus stehender Jüngling führte mich zum staubigen Platz im Zentrum der Stadt, wo man mich um halb acht Uhr mit Freuden empfing. „Gorogorogorokaaaa!“ – mein Bus war unschwer zu finden. Aber er war noch fast leer. Ich war mir nicht sicher, ob ich vielleicht einen früheren Morgenbus bereits verpasst hatte. Dabei stand ich schon vor halb acht Uhr auf der Matte.

Der Motor des Buses sollte die nächsten über sechs Stunden kaum einmal abgestellt werden, aber der Aktionsradius war vorerst nicht mehr als hundert Meter. Wir fuhren aus dem Staubplatz raus, der Kassier rief sein „Gorokaaa!“ in alle Richtungen und in allen Stimmlagen, aber es stiegen kaum neue Passagiere zu, die wussten offenbar genau, dass es noch Stunden dauern würde, bis der Bus Madang verlassen sollte. Mit den Stunden erweiterten wir unseren Radius, und allmählich begann sich der Bus weniger mit Menschen als vielmehr mit Säcken von Bethelnüssen zu füllen. Die Kommunikation schien auf der Strasse geführt zu werden, denn jetzt fuhren wir auch in Aussenquartiere Madangs und verluden weitere dieser Säcke. Es ist offensichtlich so, dass mit dieser Nuss recht gute Geschäfte gemacht werden können, denn fast das ganze Volk kaut diese Nüsse – und in Goroka in den Highlands (1600 m.ü.M.) wachsen Gemüse, Früchte und Kaffee, aber keine Bethelnüsse.

Dreimal glaubte ich, dass die Fahrt jetzt endlich losgeht, aber immer wieder kehrten wir in die Stadt zurück, um noch weitere Säcke und jetzt auch Menschen aufzuladen. Schliesslich musste getankt werden, dafür musste der Fahrer zu Geld kommen. Die Aufschlüsselung der Beiträge für diese Fahrt schien aber recht kompliziert, es ging unendlich lange, bis die Finanzen endlich geklärt waren. Ich trug 50 Kina bei.

Und dann ging es um 13.45 Uhr endlich los. Nach einem ebenen Stück auf recht guter Strasse überquerten wir einen dicht bewaldeten, zerklüfteten Hügelzug. Wir krochen mit unserem Gewicht bergan, ich erinnerte mich, wie viele dieser Gefährte ich während meiner Reise schon spielend leicht überholt hatte. Aber jetzt war ich in diesem Wagen gefangen, hatte aber wenigstens auf dem Frontsitz eine gute Aussicht. Bald erreichten wir ein breites Tal, überaus fruchtbar, eigenartigerweise mit vielen grünen Grashügeln flankiert. Ich war überrascht, dass wir quadratkilometerweise Palmöl-Plantagen und später weite Zuckerrohrfelder durchfuhren. Wir stiegen die nächsten hundert Kilometer sanft bergauf, aber eigentlich freute ich mich vor allem auf die Fahrt durch die grösseren Berge. Aber als wir den Fuss dieser Berge nach diversen Halten endlich erreicht hatten, begann es zu dämmern, und die Berge erlebte ich in vollkommener Dunkelheit. Die Fahrt war aber gleichwohl kurzweilig, denn zwei der Passagiere unterhielten die ganze Gesellschaft mit ihren Witzen, und dann lief die typisch rhythmische einheimische Musik. Der ganze Bus schien in den Gesang einzustimmen. Die nette, junge Dame neben mir sprach mit ihrer sanften Stimme in typisch papua-melodischen Tonfall mit dem Chauffeur. Und wir kamen erstaunlich schnell vorwärts, denn zwar war die Strasse mitunter mit Schlaglöchern durchsetzt, aber auf vielen Abschnitten konnte man auch richtig zügig fahren.

So näherten wir uns Goroka inmitten von PNGs Highlands schneller als erwartet. Um halb zehn Uhr erreichten wir die Stadt. Der Busfahrer setzte mich direkt vor dem Lutheran Guesthaus ab. Ich wurde sehr nett mit Kaffee empfangen und bezog Zimmer 11, frisch gestrichen und überaus sauber (120 K.).

 

Di, 17.05.2016: Mount Kis, ein wuseliger Markt, Alphons und PNG-Bowling

Es wäre ja schön, etwas von Goroka und vor allem seiner kulturell überaus interessanten Umgebung zu sehen und zu erfahren, aber diese Pläne musste ich im Verlaufe des Morgens begraben, als ich bei der Tourismus-Information nahe des Paradise-Bird-Hotels vorbeiging. Jegliche organisierte Trips, auch nur für einen halben Tag, sind unverschämt teuer (300 Fr. und mehr), vor allem wenn man sich alleine auf einen solchen Trip begeben will. So besuchte ich ein Internet-Café, um vielleicht etwas über meinen Töfftransport zu erfahren, aber es war kein derartiges Mail hereingekommen, kein gutes Zeichen. PNG ist das internetloseste Land, das ich bisher besucht habe, Wifi kennt man nur dem Namen nach. Ich deckte mich in einem Supermarkt mit neuen Notvorräten ein, spazierte zurück zum Guesthaus und versuchte herauszufinden, was ich denn in diesem vom Klima her so angenehmen Ort unternehmen möchte. Dafür kaufte ich mir zum ersten Mal seit Uzbekistan wieder einmal ein Souvenir, eine farbige, handgeknüpfte Tasche, welche sich die Einheimischen um den Hals hängen, Bilem genannt.

Da traf ich auf einen Spanier, der eben von einem Trip vom Mount Wilhelm, dem höchsten Berg Ozeaniens (4509 m.ü.M.), zurückgekehrt ist und der auf eigene Faust offenbar erstaunlich leicht zu erreichen ist. Der Entschluss war schnell gefasst, denn ein spannendes Naturerlebnis ist jetzt genau das Richtige. Ich machte einen Spaziergang zum mächtigen, traditionell gebauten Raun Raun Theater, wo im August anlässlich des Goroka-Festivals bunte Tänze aufgeführt werden, aber dazu bin ich ja offensichtlich zu früh, und ein Theater ohne Action ist dann halt doch nur ein Gebäude. Dafür lernte ich einige Bühnenbildner kennen, von denen mich zwei zum Mount Kis, einem nur eine halbe Stunde entfernten Aussichtspunkt führten. Dafür war ich dankbar, denn die Region um diesen Berg sollte man ohne Führung nicht selber besuchen, weil es schon zu Überfällen auf dem Weg gekommen sei. So war dies ein angenehmer Spaziergang mit schöner Aussicht auf die Stadt, und mit der Angstmacherei scheint man wirklich etwas übertrieben zu haben, denn das Einzige, was passierte, war, dass man mich immer wieder freundlich begrüsste.

Anschliessend begab ich mich nochmals zu einem der vielen Supermärkte, um mich mit Proviant für den Bergtrip einzudecken, besuchte den überaus lebendigen Markt, der an Gewusel kaum zu überbieten ist. Echtere und ursprünglichere Märkte mit Ständen auf dem Boden oder in der kleinen, schmutzigen Markthalle habe ich wohl noch nie gesehen. Schweine suhlen sich in den schlammigen Abfällen und suchen nach etwas Essbarem, herrlich frisches Gemüse, bergweise (Süss-)Kartoffeln werden angeboten, fettiges Fleisch wird in trübem Öl angebraten, Bethelnussspuren sind überall zu sehen…

Alphons, der Spanier, fragte mich nach dem Zurückkommen, ob ich ihn zum Haus des Bowlingclubs begleiten wolle, um einem Training der Spieler beizuwohnen. Ein Training fand dann zwar nicht statt, dafür wurden wir von Matthias, dem 60-jährigen ehemaligen Lehrer und Richter, gleich ins Spiel auf dem 50 mal 50 m grossen Rasen eingeführt. Das südpazifische Bowling entspricht überhaupt nicht dem gleichnamigen Spiel, das man bei uns kennt, es ist vielmehr eine Art Boccia mit Curlingregeln. Dabei sind die Kugeln mit etwa 15 cm Durchmesser nicht ganz rund und auf der einen Seite schwerer als auf der anderen, sodass man bei richtiger Abgabe die Kugel in einer Kurve bewegen kann. Leider begann es bald zu regnen, sodass wir nur kurz spielen konnten, dafür diskutierten wir lange Zeit mit ein paar Mitgliedern des Clubs – drei Biere lang… – ganz spannender, interessanter Kontakt.

Jetzt bin ich eben vom Mandarin, einen chinesischen Restaurant zurückgekehrt – die Shrimps waren mittelprächtig. Die Strassen Gorokas sind schon um halb neun Uhr menschenleer. Eigentlich sollte man sich nachts nicht alleine auf den Strassen aufhalten – aber nichts geschah…

 

Mi, 18.05.2016: Das Land der warmen Frauenstimmen und der hoffnungslosen Korruption

Es ist erstaunlich, wie wenig die sanften und warmen Stimmen fast aller Frauen mit ihren Erscheinungen zusammenpassen. Fast alle machen einen recht korpulenten, abgearbeiteten Eindruck, werden in diesem Land meist sehr früh schwanger, aber der beinahe gesungene Tonfall ihrer Stimmen macht auf mich einen durchwegs betörenden Eindruck. Ich wurde heute im hintersten Teil eines gewaltigen Tales in Kegsugl auf über 2500 m.ü.M. mitten in den Highlands Papua Neu Guineas von der bestimmt 100 kg schweren, bärtigen Josephine so warm und freundlich empfangen, dass sie mich schon im ersten Augenblick gefangen hatte.

Ich habe aber wohl noch nie ein ärmeres Land besucht. Seit 41 Jahren ist PNG von Australien unabhängig, aber diese Zeit wurde kaum genutzt, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Ich weiss, dass beispielsweise auch in Indonesien die Korruption weit verbreitet ist, aber immerhin ist das Strassennetz recht gut ausgebaut worden, damit wenigstens dadurch der Handel des einfachen Volkes nicht eingeschränkt ist. Ich bin ja überrascht, wie dicht bevölkert die Highlands sind. Ist auch nicht erstaunlich. Man sagt, dass hier das angenehmste und gesündeste Klima auf der ganzen Welt herrscht. Die schwüle Hitze der Küstennähe ist wie weggeblasen, die Nächte sind angenehm kühl, aber doch nicht wirklich kalt. Aber die Regierung hat es in den letzten vierzig Jahren nicht geschafft, wenigstens das Strassennetz einigermassen gut auszubauen. Zwar bewegen sich die Menschen gleichwohl, aber dies ist anstrengend und zeitraubend, denn die Strassen sind auch auf Hauptrouten von so vielen Schlaglöchern durchsetzt, dass nicht nur die PMVs (public motor vehicles) konstant überbelastet sind, sondern die Menschen sich nur mit viel Geduld von A nach B bewegen können. Gleich zweimal diskutierte ich über diese Missstände in diesem Land, zuerst mit dem Busfahrer, der mich in dieses Nest hochbrachte, dann mit Rambo, der Besitzer dieses Guesthauses. Beide können nicht verstehen, dass das Land trotz Bodenschätzen und grossartiger Fruchtbarkeit und touristischer Sehenswürdigkeiten beinahe bankrott ist. Es ist die alte Geschichte. Korruption ist weit verbreitet. Premierminister kann wohl nur werden, wer mit den wählenden Parlamentariern gewisse unsaubere Händel eingeht. Jeder ist sich selbst am nächsten, die eingenommenen Gelder werden nicht dem Volk zurückgegeben, sondern landen in den Taschen korrupter Politiker, welche diese zum Beispiel in der Schweiz auf unseren netten Banken lagern. Also wir Schweizer profitieren indirekt von der Ungerechtigkeit in solchen Ländern, und gewisse Leute in unserem Land glauben ernsthaft, dass alles mit strenger Arbeit auch wirklich ehrlich erwirtschaftet ist…

Um zu Geld zu kommen, werden einträgliche Plantagen, wie vorgestern gesehene, weitläufige Palmöl- oder Zuckerrohrplantagen, Gas- oder Ölvorkommen an vor allem chinesische Industrielle verkauft, um wenigstens vorübergehend zu etwas Geld zu kommen (welches natürlich nicht in die Taschen des Volkes fliesst). Alle fünf Jahre finden hier neue Wahlen statt, aber das Volk kann wählen, wen es will, es bleibt doch immer alles beim Alten – oder die neuen Parlamentariern tun sich dann sofort an den Pfründen des Staates gütlich. Der Busfahrer meinte, ich solle mich bei den nächsten Wahlen als Premierminister aufstellen lassen, er würde mich sofort wählen…

Wie faszinierend die lebendigen, aber gleichzeitig so ärmlichen und schmutzigen Märkte sind, es hinterlässt gleichzeitig immer ein beklemmendes Gefühl, und es ist eigentlich erstaunlich, dass einen die Einheimischen durchwegs so freundlich, zuvorkommend und gastfreundlich behandeln. Manchmal habe ich beinahe das Gefühl, je ärmer ein Land ist, desto gastfreundlicher wird man als Tourist empfangen. Manchmal wird dann auch die intelligente Frage gestellt, was einem das Reisen denn bringe oder wofür es gut sei. Ja, natürlich spreche ich dann von Horizonterweiterung oder wie interessant es sei, die Lebensweise verschiedener Menschengruppen auf der ganzen Welt zu vergleichen oder dass ich dann viele von meinen gemachten Erfahrungen zu Hause oder in der Schule wieder einbringen kann. Aber ehrlich gesagt ist diese Antwort gleichwohl etwas lächerlich, wenn ich sehe, dass hier jeden Tag ums Überleben gekämpft wird, 50 % der Menschen arbeitslos sind und kaum Lebensperspektiven haben, nur schon zufrieden sind, wenn sie sich täglich ihre drei Bethelnüsse für einen Franken kaufen können. Aber immerhin ist das Land so fruchtbar, dass das Gemüse beinahe von alleine wächst und niemand Hunger leiden muss. Die Lebensumstände sind aber bedenklich tief, ich habe noch nie in einem Land so viele schmutzige und wochenlang nach abgestandenem Schweiss überaus stark riechende Menschen getroffen. Kein Wunder, dass es auch die Cholera keinesfalls ausgerottet ist.

Und doch ist es extrem faszinierend, die Friedfertigkeit in einem solchen Land zu beobachten (ich fühle mich absolut sicher, auch wenn man so viel Negatives hört) oder eben zu reisen, auch wenn es noch so anstrengend ist, wie heute. Ich hatte grosses Glück, denn zwei Franzosen bestellten das PMV just um jene Zeit vor das Lutheran Guesthaus, als ich auch bereit war abzuhauen. So ging die Fahrt gleich los Richtung Daulo-Pass (2456 m.ü.M.), natürlich in vielen engen Kurven, vorbei an fruchtbaren Gemüse-, Süsskartoffeln- oder Kaffeeplantagen, aber vor allem auch durch viel unberührten Wald. Es war ein mühsames Vorwärtskommen wegen vieler ungeteerter Strassenabschnitte mit unzähligen Schlaglöchern, aber nach gut drei Stunden war Kundiawa, ein Städtchen auf dem Weg nach Mount Hagen erreicht. Das nächste PMV stand schon bereit, ich stieg ein, und schon ging es erneut sofort los. Ich war erstaunt, wie gut die Strasse zu Anfang war, aber dies sollte sich nach Überschreiten einer ersten Hügelkette grundlegend ändern. Eigentlich ist es gar nicht möglich, mit einem vollgeladenen Kleinbus eine dermassen kurvenreiche und steile, mit Steinen durchsetzte und während der Regenzeit wegen Erdrutschen immer wieder unterbrochene Strasse zu befahren. Als Tourist war nur schon diese Fahrt ein wahres, unvergessliches Abenteuer. Und je höher wie aufstiegen, desto weiträumiger wurden die Ausblicke über die vielen bewaldeten oder mit Süsskartoffeln oder Gemüse bepflanzten Hügelzüge. Dazu war die Strasse von einer riesigen Farbenpracht von fremdartigen Blumen gesäumt.

Kurz nach zwei Uhr schon erreichten wir Kegsugl, erstaunlicherweise vor allem bestehend aus kürzlich gebauten Schulen, aber vor allem unzähligen, freundlich grüssenden Einheimischen. „Good afternoon!“ – meine am meisten gebrauchten Wörter heute, vor allem als ich mich alleine auf einen Rundgang durch das weitläufige Dorf machte. Auch hier hat es ein in wahrstem Sinne des Wortes schräges Flugfeld, auf dem sich viele Menschen tummelten. Ich beobachtete lange Zeit auf einer grossen Wiese jugendliche Knaben und Mädchen (!) beim Rugbyspiel.

Jetzt sitze ich alleine im ersten Stock des Guesthauses, es ist recht kühl. Morgen geht’s los zum grossen Mount-Wilhelm-Trip, auf den ich mich trotz kommender körperlicher Strapazen extrem freue. Ein Guide ist organisiert, ist hier unabdingbar, das meiste an Proviant habe ich bereits in Goroka gekauft.

Und dann noch etwas: Seit einigen Tagen leide ich unter einem schmerzfreien, geschwollenen Ellbogen (Schleimbeutelentzündung?), es ist, als hätte sich dort mindestens ein Deziliter Wasser angesammelt, noch nie gehabt, plötzlich aus unerfindlichen Gründen entstanden, unter ständiger Beobachtung, während ich hoffe, dass das Geschwulst nicht noch grösser wird. Ich stelle nur fest, wie häufig ich mich auf den Ellbogen aufstütze, was ich jetzt zu vermeiden versuche. Mal schauen, ob das Allerweltsmittel Tiger Balm Linderung verschafft. Noch ist die Behinderung klein.

 

Do, 19.05.2016: Mount Wilhelm Tag 1: Der lockere Aufstieg zum Basecamp und urige Geschichten

Schon vor acht Uhr stand Toby, der Guide für meinen Bergtrip bereit. Es stellte sich bald heraus, dass er wahrlich für „seinen“ Park lebt. Als Schreiner hat er auf dem Weg nicht nur die sieben Bänke und Tische hergestellt, sondern auch weite Strecken des Weges mit Holztremeln belegt, sodass ein recht komfortables Aufsteigen möglich ist. Auf dem Weg liegende Abfälle nimmt er auf und verbrennt sie regelmässig an diesen Rastplätzen – eine bessere Kehrichtentsorgung gibt es natürlich auch hier nicht.

Bezüglich Proviants mussten wir uns nur noch mit Reis aufstocken. Wir starteten auf 2500 m.ü.M. und wollten aufsteigen bis zum Basecamp auf fast 3600 m.ü.M.. Vorbei am nicht mehr in Betrieb stehenden Flughafen stiegen wir bald auf auf gut ausgebautem Weg durch dichten Dschungel, der typischerweise, wie auch schon erlebt, aus vielen nicht besonders hohen, knorrigen, mit verschiedenen Arten von Moos bewachsenen Bäumen führte. Immer wieder konnte man fremden Vogelstimmen lauschen, unter anderem dem berühmten, dem Staatswappen das Bild gebenden bird of paradise, den wir aber leider nicht zu Gesicht bekamen. Viel interessanter als der Wald waren die alten Geschichten, die mir Toby erzählte. Noch im Jahre 2000 war er tief in eine Stammesfehde verwickelt, als nach einem Streit zweier alkoholisierter Stammesangehöriger im selben Tal ein wahrer Krieg ausbrach. Die Männer des anderen Stammes zogen Richtung Kegsugl, wo sie mehrere Häuser anzündeten. Dabei wehrte sich Toby mit dreien seiner Freunde und verletzte einen Gegner mit einem Speerwurf schwer. Natürlich eskalierte der Streit jetzt definitiv, bei dem es auch Todesopfer zu beklagen gab. Der Zugang zum Dorf über eine Strasse wurde mit Waffengewalt (Wurfspeere, Pfeil und Bogen, aber auch mit moderneren Waffen) versperrt. Hunderte von Männern und Jünglingen standen sich am Ende gegenüber! Erst nach Vermittlung einer neutralen Person konnte der blutige Krieg beendet werden. Tatsächlich wurden bis noch vor wenigen Jahren Streitigkeiten nicht nur in der Jimbo-Provinz, sondern in weiten Teilen des Landes gewaltsam ausgetragen. Der Kannibalismus ist erst seit vierzig Jahren im ganzen Land definitiv verschwunden und seit knapp 16 Jahren hält sich der Frieden auch in diesem Tal, aber noch immer gibt es Regionen im gebirgigen Westteil des Landes, wo Gewaltakte an der Tagesordnung sind. Gleichwohl seien Touristen bei solchen Zwisten absolut ungefährdet, weil sie nicht Teil des Streites sind. Das zivilisierte Leben in diesem Land ist noch sehr jung, deshalb erstaunt die Urigkeit der Menschen, wie sie leben, sich pflegen, nicht. Diese ist wohl auch Auslöser für die Ängste vieler Touristen, welche dieses Land bereisen.

Dann drehte sich die Diskussion lange Zeit um die Politik. Auch Toby beklagt sich über die weit verbreitete Korruption. Hintergrundinformation erhielt ich über die vor Tagen durchfahrenen Palmöl-Plantagen. Kurz nach dem Kauf brachten die Chinesen containerweise Sklaven (!) oder Häftlinge illegal ohne Pass und Visum auf Schiffen ins Land, benutzt als Billig- oder Gratis-Arbeitskräfte, die erst nach Monaten auf Druck der Regierung wieder ausgeschafft wurden. Ich möchte gar nicht wissen, was mit diesen armen Menschen in der Zwischenzeit passiert ist. Also: Reiches Land zu verkaufen ist definitiv keine Lösung, weitere vorhandene Arbeitsplätze gehen dadurch verloren.

Nach zwei Stunden erreichten wir einen Aussichtspunkt mit Blick ins bereits weit entfernte Tal und unendliche, die Hänge hinaufkriechende Wälder. Wir wanderten jetzt durch ein offenes, sumpfiges Gebiet mit Dutzenden von palmenähnlichen Farnbäumen, Sträuchern mit fremdartigen, bunten, noch nie gesehenen Blüten. Bei einem Wasserfall machten wir einen nächsten Halt, das Bergwasser aus grossen Bächen oder kleinen Quellen kann bedenkenlos getrunken werden. Weder grössere Tiere noch Menschen halten sich hier oben dauerhaft auf. Wir trafen auf keine einzige Menschenseele heute.

Bereits am frühen Nachmittag erreichten wir an einem herrlichen Bergsee die etwas schmuddelige, schon dreissig Jahre alte Hütte, die eben letzte Woche noch von Dieben ausgeräumt wurde! Ein Ärger für Toby, der versucht, die minimale Infrastruktur möglichst gut im Schuss zu halten. Leider erhält er vom Staat kaum finanzielle Unterstützung, obwohl die Region so viel touristisches Potenzial besässe mit dem höchsten Berg Ozeaniens, der zu den Seven Summits gehört, den sieben höchsten Bergen auf allen sieben Erdteilen, ein Ziel für Bergsteiger aus aller Welt (www.7summits.com).

Nachdem es zuerst aussah, als ob es gleich zu regnen beginnt, denn graue Nebelwolken zogen über die Bergkuppen, riss es am Nachmittag wieder auf und tauchte die fremdartige Natur in zauberhaftes Licht. Aber es war auf 3600 m.ü.M. jetzt schon ordentlich kalt. Wir machten uns auf die Suche nach Holz, Toby mit einer Axt bewaffnet und bald halbe Baumstämme herschleppend. Wir sassen in einer kleinen, mit Feuer gewärmten Strohhütte gleich neben der Haupthütte, wo wir uns auf dem Gasherd (!) ein einfaches Abendessen kochten.

Exakt um sieben nach sieben Uhr packte ich mich ein mit Seidenschlafsack und zwei hochgeschleppten Wolldecken. Und ich staunte über mich selber, denn ich konnte (auch auf dieser Höhe und mit null Akklimatisation) sogar etwas schlafen, obwohl ich mich in besonderer Weise müde fühlte. War es die Höhe, die mir erneut zusetzte – oder ist jetzt doch endlich meine erste Reisegrippe im Anzug?

 

Fr, 20.05.2016: Mount Wilhelm Tag 2: Eine persönliche Grenzerfahrung

Ich war bereits wach, als nachts um halb zwei Uhr mein Handywecker zu surren begann, und in solchen Momenten frage ich jeweils, warum ich mir freiwillig solche Trips antue, denn einerseits war es zwar erfreulich, dass ich kein bisschen fror, andrerseits jetzt die Wärme zu verlassen und die Aussicht zu haben, stundenlang in der Dunkelheit einen Berg hochzukraxeln und an Atemnot zu leiden, fühlte sich wahrlich nicht verlockend an. Zudem hatte es noch um elf Uhr nachts leicht geregnet, und ich war wirklich nicht optimistisch, mit meiner kaum bergtauglichen Minimalausrüstung diesen Berg auch wirklich zu bezwingen. Jetzt drückte zwar der Mond zwischen den Wolken hindurch, aber vielleicht wäre mir in diesem Moment ein Gewittersturm lieber gewesen, nur um nicht aufstehen zu müssen.

Aber natürlich stieg ich gleichwohl auf, weckte Toby, der in der Strohhütte am Feuer ohne Decke übernachtet hatte. Ein heisser Kaffee stand bald bereit, einige Biscuits waren gegessen, als es kurz vor halb drei Uhr losging. Meine erst in Madang gekaufte, neue Stirnlampe tat bereits seine guten Dienste. Über meine langen Hosen hatte ich die kurzen übergezogen, den einzigen verfügbaren Pullover trug ich natürlich, als Handschuhe dienten ein Paar Socken. In den Rucksack hatte ich eine Wolldecke miteingepackt. Entlang des Sees war es noch ein relativ leichtes Vorwärtskommen, aber dann ging es linkerhand bald bergauf, manchmal felsig steil, nur mit etwas Klettererfahrung zu meistern. Es war nicht das erste Mal, dass ich nachts auf diese Weise unterwegs bin, so früh jedoch noch nie. Ich fühlte mich erstaunlich fit und voller Tatendrang, die vermeintliche Grippe schien überstanden. Des Nachts steigt man auf wie in Trance, kann die körperliche Anstrengung wie ausblenden, die Beine machen unwillkürlich das, was sie sollen, nämlich möglichst schmerzfrei vorwärtszukommen. Toby erzählte mir weitere seiner Geschichten aus seinem Leben, aber ich mochte nicht zuhören, verstand ihn auch nicht vollständig. Ich zog es vor, in mir drin zu sein, das Ziel, diesen 4509 Meter hohen Berg zu bezwingen.

Nach steilen Abschnitten folgten wir der Bergflanke – bereits hoch über dem See, in dem sich der Mondschein spiegelte – dann war es weit weniger steil. Wir stiegen in Richtung eines gewaltigen Felsblocks, und ich wunderte mich, ob wir diesen links oder rechts umwandern würden. Wir erreichten eine Krete, von der man aus auf die andere Seite des Gebirgsmassivs sehen kann – könnte, denn noch nichts war von der Dämmerung zu sehen. Die Landschaft war in finsterstes Schwarz gehüllt. Diese Snow Ridge ist den Unbilden des Wetters besonders ausgesetzt, eine steife Brise wehte uns um die Ohren. Aber es blieb niederschlagsfrei, und dies war gut so, denn es hätte durchaus schneien können. Und wenn der Schnee den schmalen, felsigen Track verdeckt hätte, wäre ein Vorwärtskommen noch schwieriger gewesen. Jetzt war der Weg auf der Seeseite dieses Bergblocks gut sichtbar, aber auch so schwierig zu begehen. Zu steile Abschnitte mussten bergab umgangen werden, und dies hasste ich, denn ich wollte möglichst keine Höhe verlieren. Immer wieder prüfte ich den praktischen Höhenmesser über Satellit auf meinem Handy, wir waren schon weit über 4000 m.ü.M. aufgestiegen. Aber mir graute es vor den letzten Höhenmetern, denn erfahrungsgemäss sind dies die härtesten. Ich spürte einen leichten Druck in meinem Kopf, aber noch gut auszuhalten, die Luft wurde jedoch spürbar dünner. Schritt für Schritt quälte ich mich bergwärts. Es war unterdessen bereits fünf Uhr morgens, weit im Osten kündigte sich in fahl-orangen Streifen der Tag an. Die Dämmerung setzte ein. Es wäre kein grosser Umweg gewesen, um ein abgestürztes amerikanisches Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg zu besuchen, das auch heute noch zerschellt in den Bergen liegt und damals mit Bomben beladen am Fels explodiert ist.

Jetzt war auch klar, dass wir es nicht schaffen würden, den Gipfel bei Sonnenaufgang zu erreichen. Aber das Gelände wurde jetzt offener, und zwei Gipfel mit Radioantennen hoch über unserem Aufenthaltsort wurden sichtbar. Aber der Wilhelm versteckte sich irgendwo dahinter. Als die Sonne sich hinter weit entfernten tief liegenden Wolken erhob, rasteten wir für eine Weile auf einem Felsblock, um dem morgendlichen Naturschauspiel beizuwohnen. Die gewaltigen Berge erschienen jetzt in unwirklichem, orange-braunem Licht. Weit unter uns lagen die beiden Seen, die Hütte beim ersten See wurde sichtbar. Wir blickten herab auf unzählige, jetzt tief unter uns liegende andere Berggipfel. Über einige zogen Nebelschwaden, als ob sie sie verschlingen wollten. Es war kalt hier oben, aber atemberaubend schön. Um die Kälte auszuhalten, schlang ich die mitgebrachte Wolldecke eng um meinen Körper.

Die Kälte und die dünne Luft erschwerte ein hurtiges Weiterkommen, und noch waren über dreihundert Höhenmeter zu bewältigen. Gleich mehrere, nur etwas kleinere Gipfel waren jetzt zu umgehen. Gewonnene Höhenmeter wurden gleich wieder verschenkt, weil der Weg immer wieder auch bergab führte, um irgendwelchen Felsblöcken auszuweichen. Innerlich begann ich zu fluchen, weil dieser Wilhelm es mir so schwer machte. Nachdem wir mehrere kleinere Gipfel an den Bergflanken in dauerndem Auf und Ab umrundet hatten, kam der Berg der Begierde endlich zum Vorschein, ein mächtiger, steiler Felsbrocken wie der Altmann im Alpstein, nur mit Kletterei zu bewältigen. Noch fünfzig Höhenmeter, und wir nahmen ihn frontal in Angriff, die letzten Sauerstoffreserven wurden mobilisiert, und nach einiger deftiger Kraxlerei konnten wir uns endlich gratulieren, der Berg war bezwungen. Eine steife Brise wehte uns um die Ohren, sofort schützte ich mich wieder mit der Wolldecke. Leider hatte sich unterdessen der Himmel mit grauen Wolken überzogen, die sich glücklicherweise aber nicht zu entleeren gedachten. Die Aussicht hier oben war aber gleichwohl extraordinär. Wewak und Madang blieben aber unter grauer Nebelsuppe versteckt, aber weit im Norden konnte man das golden schimmernde Meer nördlich Papua Neu Guineas erkennen. An sichtigen Tagen wäre das noch weiter entferntere, südliche Meer zu erkennen gewesen. Unbedachte Berggänger hatten auch auf diesem Gipfel Abfälle liegen gelassen, beinahe üblich auf solchen Bergen. Wir hatten Ausblick auf unendliche scheinende Wälder, einen weiteren langgezogenen See im Westen. Ich fühlte mich schwach, ausgelaugt und bereits todmüde, und ich wollte mir nicht vorstellen, wie ich auch den Rückweg noch schaffen würde.

Nach einem kurzen Snack wollte ich nur noch bergab, um wieder zu Atem zu kommen. Wir hatten schon zuvor geplant, nicht denselben Weg zurückzugehen, stachen jetzt direkt Richtung silbern glänzender Seen. Aber noch nie zuvor hatte ein Tourist diese Route gewählt. Zuerst war es noch wenig steil, wir kamen gut vorwärts über Felsplatten, vorbei an fremden Primärpflanzen, vor allem silbern glänzenden, in Büscheln stehenden Mini-Edelweissen. Je weiter wir gingen, umso mehr tat sich gleichsam ein Schlund vor uns auf. Querfeldein ohne die Spur eines Wegs ging es jetzt immer steiler bergab. Und je tiefer wir kamen, desto üppiger bewachsen war der Untergrund. Manchmal war es so steil, dass wir auf dem Hintern über den Grasbüscheln zu Tal rutschten. Bald folgten wir einem immer grösser werdenden Bergbach, aber dies war trügerisch, denn mehr als einmal standen wir vor einer senkrechten Wand, die wir dann zu umgehen versuchten. Toby, offensichtlich fitter als ich, rekognoszierte jeweils die unsicheren Partien, aber mehr als einmal warnte ich ihn, denn auch ich weiss dank meiner Erfahrung das Gelände einzuschätzen. Aber immer fanden wir schliesslich doch eine Stelle, die zumindest einigermassen begehbar ist. Wobei Gehen der falsche Ausdruck ist, es war vielmehr ein Rutschen, ein Umgehen verräterischer, verwachsener Löcher und ein Durchstreifen immer grösser werdender Büsche. Aber wir näherten uns dem Grasland beim zweiten See konstant. Dann standen wir oberhalb einer zwei, drei Meter hohen, beinahe senkrechten, felsigen Stelle. Ich hielt mich fest an tief verwachsenen Kleinbüschen, liess mich gehen, hing in dieser Kleinwand und sprang, um glücklicherweise an der richtigen Stelle zu landen und wieder Halt zu bekommen. Schliesslich hatten wir die angepeilte, weitflächige Stelle mit Grasland erreicht, aber das Grasland stellte sich als Sumpf heraus. Ich sank bis zu den Knöcheln ein, aber glücklicherweise nicht tiefer. Es war mir so etwas von egal, von den Knien abwärts rot-braun gepflastert zu sein. Der gross gewordene Wildbach hinterlässt hier auf den Felsen rostbraun schimmernde Ablagerungen, die Steine sind wie von Kupfer überzogen.

Bald hatten wir den See erreicht, und ich glaubte eigentlich, das Schlimmste überstanden zu haben. Aber schnell musste ich erfahren, dass dem überhaupt nicht so war, denn das Ufer des Sees ist hier von dichtem, moosbewachsenem Busch überwachsen. Toby mit seiner kleiner gewachsenen Gestalt hatte es dabei wesentlich weniger schwer, unter quer wachsenden Ästen durchzukriechen. Ich blieb mit meinem Rucksack immer wieder hängen oder meine Haare verhedderten sich in den stachligen Ästen. Wir versuchten dem Busch bergwärts zu entkommen, erreichten tatsächlich eine mit sumpfigem Gras bewachsene Stelle, aber dann wurde es zu felsig, sodass wir wieder zum See abstiegen, um erneut gegen die scheinbar nach uns greifenden, feucht-moosigen Äste zu kämpfen. Dies wurde mir jetzt endgültig zu bunt, ich war innerlich am Fluchen, sah im See eine seichte Stelle und folgte dem Ufer im See watend, aber die Steine waren glitschig, ein Ausrutschen wahrscheinlich. Dabei fürchtete ich mich weniger um mich als vielmehr um meine Kamera. Bald wurde es so tief, dass mir nichts anderes übrig blieb, mich erneut in den Busch zu begeben und der Spur Tobys zu folgen. Meter für Meter kämpften wir uns vorwärts. Toby war die ganze Zeit auf der Suche nach Opossums, welche hier gejagt werden, sehr schmackhaft sein sollen. Einige Organe sollen zudem schon für wundersame Heilungen schwerer Krankheiten nützlich gewesen sein. Aber keines dieser Tiere bekamen wir zu Gesicht.

Endlich war die Uferregion etwas weniger steil abfallend, und wir kamen etwas besser voran. Wir befanden uns jetzt genau unterhalb des abgestürzten amerikanischen Flugzeugs. Noch heute liegen Trümmerteile davon weit entfernt von der tatsächlichen Unfallstelle im daherstürzenden Bergbach, ein drei Quadratmeter grosser Flügelteil liegt silbern schimmernd im Wasser nahe des Ufers. Dann erreichten wir Tisch und Bank Nummer 7, und ich wusste, dass wir es jetzt geschafft hatten. Entlang eines Wasserfalls erreichten wir bald den ersten See und bald darauf unser Basecamp. Wir hatten vor allem entlang des Sees viel Zeit gebraucht. Es war jetzt bereits halb zwei Uhr – wir waren bereits elf Stunden unterwegs! Die ganze Zeit hatten wir uns nur von Wasser und Biscuits verpflegt. Wir kochten jetzt eine stärkende Nudelsuppe mit Thon, assen vom Reis, der gestern noch übriggeblieben war, tranken einen Kaffee. Aber ich wollte noch heute dieser Hölle entkommen, so müde ich auch war. Ich fühlte mich wie ein Lehrer, der behauptet, er hätte dermassen Ferien nötig. Ich fühlte mich absolut unfähig, noch weitere Stunden zu wandern, aber der Kopf ist der Chef, die innere Einstellung, und wenn die stimmt, dann ist viel mehr möglich, als wir zu glauben meinen.

So machten wir uns um Viertel vor drei Uhr an die nächsten tausend Höhenmeter bergab. Meine Muskeln wehrten sich in extremis dagegen, es war gleichsam ein Spiessrutenlaufen, gleich dreimal rutschte ich aus und landete auf dem Hintern, aber nie verletzte ich mich, nur die rechte Leiste begann je länger desto mehr leicht zu schmerzen. Jetzt kannte ich aber den Weg, und ich wusste, was mich noch erwartet. Langsam, aber konstant näherten wir uns Kegsugl. Toby war schneller unterwegs und fand am Weg einen recht seltenen, gerade gewachsenen Baum, den er fällte und die letzten zwei Stunden auf den Schultern zu Tal schleppte – er möchte ein neues Haus bauen…

Bei Rastplatz 2 waren unverkennbar die Rufe von gleich mehreren birds of paradise zu vernehmen. Und siehe da: Plötzlich kamen sie zum Vorschein. Gleich vier Tiere tanzten gleichsam fliegend um die Baumwipfel, es schien, als spielten sie Fangis! Aber es war unterdessen schon spät, dunkle Wolken drohten sich zu entleeren, sodass die grandiose Farbenpracht des Nationalvogels nur ansatzweise zu erkennen war.

Die letzten Kilometer waren eine Tortur, aber ich konnte mich noch immer bewegen, und im Dämmerlicht erreichten wir das Dorf, dann endlich die schräge, ausgewaschene Spur des Flugplatzes. Halb sieben Uhr! 16 Stunden auf den Beinen! Was für ein Tag! Was für ein Erlebnis! Was für ein Abenteuer! Was für eine Tortur!

Bald war ein einfaches Abendessen mit Gemüse und Ei bereit, dann reorganisierte ich mein Gepäck. Es war kalt, und das letzte Abenteuer heute war die kalte Dusche, aber ich musste mich einfach waschen, der Trip hatte zu viele Schmutz- und Schweissspuren hinterlassen. Es war keine Überraschung, dass ich danach innert Sekunden einschlief, als ich mich endlich niederlegte…

 

Sa, 21.05.2016: Auf nach Mount Hagen

Nein, es war nicht nochmals ein Berg, den ich heute ansteuern wollte. Mount Hagen ist die drittgrösste Stadt in Papua Neu Guineas. Um rechtzeitig dorthin zu gelangen, musste ich aber erneut sehr früh aufstehen, denn nur frühmorgens entkommt man diesem verlassenen Nest Kegsugl.

Es war noch stockfinster, als ich auf der Terrasse sass, der Himmel hatte eben seine Schleusen geöffnet (besser jetzt als gestern, dachte ich). Die Mutter des Hauses war eigens für mich aufgestanden, um mir Eier und frittierte Teigfladen und Kaffee servieren zu können. Dafür hatte ich reichlich Zeit, denn ein Jeep erschien erst um 6.15 Uhr. Dieses Fahrzeug war schon wesentlich besser geeignet für die mit Löchern durchsetzte Strasse als der Bus auf der Hinfahrt. Natürlich war ich nicht der einzige Passagier. Bald stiegen andere Menschen zu, meist beladen mit frischem Gemüse, das sie auf dem Markt von Kundiawa verkaufen wollten. Unterdessen hatte es aufgehört zu regnen, aber Nebelschwaden zogen den steilen, grünen Berghängen entlang. Da und dort arbeitete eine Frau auf den Süsskartoffelfeldern, diese werden hier mittels Erdhaufen angepflanzt. Immer wieder wurde ich als einzige weisse Person im Auto von Kindern erblickt, worauf sie zu strahlen begannen. Männern winkten oder riefen: „Good morning!“ Das Leben beginnt hier früh am Morgen, derweil am Abend früh Ruhe einkehrt. Die Fahrt führte von der einen auf die andere Talseite, verbunden durch eine schmale, mit ratternden Brettern belegte Brücke. Immer wieder ist man froh, die andere Seite des Flusses erreicht zu haben. Die Landschaft erinnert mich sehr an jene im Baliem-Valley in West-Papua. Schmale Wege führen meist auf Gräten zu ihren abgelegenen Siedlungen oder Pflanzungen hoch über dem Tal. Man könnte tagelang wandern, um wenigstens einige dieser kleinen Dörfer zu besuchen.

Nach zwei Stunden erreichten wir Kundiawa. Der Busfahrer hatte Bedenken, mich bei der vielbevölkerten Busstation aussteigen und auf den richtigen Anschlussbus warten zu lassen. Offenbar traut man dem eigenen Volk nicht, oder Menschen, denen man sich anvertraut hat, fühlen sich auf sonderliche oder überaus sympathische Art für einen verantwortlich. Aber ich hatte Glück – die Buscrew (Fahrer, Ticketverkäufer und Destinationsschreier) hatten wegen mir nicht lange zu warten, weil eben ein Bus heranfuhr, der sich angenehm schnell füllte, sodass wir nach einer halben Stunde schon unterwegs nach Mount Hagen waren. Auch hier führte mich der Bus direkt vors Mt Hagen Missionary Home, eine blitzsauber geführte Unterkunft, aber übertrieben teuer (350 Kina = über 100 Fr. pro Übernachtung). Aber das vorhandene Internet (5 K/Stunde) und angebotene Laundry-Service liessen mich doch hier bleiben, eine Generalreinigung an mir und meiner ganzen Ausrüstung ist dringend notwendig.

Wenig Erfreuliches erfuhr ich später per Mail, der Töfftransport ist nochmals um zehn Tage hinausgeschoben worden, aber dann sollte es wirklich losgehen, der Container ist unterdessen mit vier (!) Motorrädern gefüllt. Aber mein Ärger ist natürlich gross. Zwei Monate wird das Projekt Töffverschiffen nach Australien gedauert haben. Was für mich heisst, dass ich hier nicht zu hetzen brauche und definitiv auch noch die Solomon Islands besuchen werde. Wenig erfolgreich war ich mit dem Kaufen eines Flugtickets nach Port Moresby, die Hauptstadt lässt sich von hier nur per Flug erreichen!

Eben komme ich zurück von einem vor drei Monaten eröffneten, neuen indischen Restaurant: Curry hervorragend, Dosha sehr gut, Lamm miserabel, Lassi perfekt. So etwas Milchiges kann sogar meine Bierlust vertreiben. Die dreihundert Meter Rückweg waren eine Tortur: ein exorbitanter Muskelkater ist im Anmarsch… Das Guesthaus macht einen etwas schrägen Eindruck, bewacht von mehreren Guards, mit Stacheldraht eingezäunt. Man soll sich nachts nicht alleine durch die Stadt bewegen, aber ich spüre nichts von Kriminalität. Ich wurde gleich mehrmals freundlich begrüsst: „Good night!“

 

So, 22.05.2016: Die schier unerträgliche Divergenz der Lebensstile der guineischen Bevölkerung

Ich erwachte und wusste nicht recht, ob ich heute diesen so sicher scheinenden Hafen dieses Guesthauses verlassen wollte. Wollte ich wirklich nochmals über 100 Fr. für eine Übernachtung in dieser zwar sauberen, aber keinesfalls hervorragenden Unterkunft ausgeben? Schliesslich entschied ich mich doch dafür, aus mehreren Gründen. Es war mir nach einem wirklich ruhigen Tag zu Mute. Ich konnte im Garten sitzen, schreiben, lesen – und hatte auch Internet zur Verfügung, um etwas am nächsten Teil des Blogs zu arbeiten. Ich hatte die ganze Zeit musikalische Unterhaltung, herkommend von der nahen, anglikanischen Kirche, in der an diesem heiligen Sonntag herrlich harmonisch stundenlang dieselben Weisen gesungen wurden.

 Lange Zeit war ich damit beschäftigt, die Erlebnisse am Mount Wilhelm zu verarbeiten. Erst der Hunger trieb mich am frühen Nachmittag aus dem Haus. Ich steuerte den Hagen-Club an, scheinbar jedoch verschlossen, aber ich stellte bald fest, dass er nur stark bewacht war. Ohne Probleme gewährte man mir Zutritt, weil halt auch ich zu den „besseren“ Zehntausend des Landes gehöre. Standesgemäss genehmigte ich mir ein allerdings etwas spartanisch zubereitetes Rumpsteak mit Salat und Pommes für 60 Kina und trank zwei Biere. Auf der Strasse begegnete ich wieder dem „Fussvolk“, wurde sofort von Menschen in zerrissenen Kleidern angesprochen, die Spannung der verschiedenen Besitzverhältnisse der Menschen in diesem Land ist förmlich greifbar, vor allem just in diesem Moment. Noch nie habe ich dies so stark erlebt wie gerade jetzt in dieser Stadt. Kein Wunder, fühlen sich Menschen, die beinahe in westlichem Standard leben können, unsicher. Dann besuchte ich auch noch einen recht modernen Supermarkt in der Nähe, um etwas Brot und Milch einzukaufen – und wieder dasselbe Feeling. Nur die mehrbesseren Menschen haben Zutritt zu diesem Laden.

Jetzt befinde ich mich erneut im sicheren Hafen Missionary Home. Ja, auch ich gehöre zu dieser Gesellschaft, werde nächstens versuchen, via Internet einen Flug nach Port Moresby zu buchen, das Gros der Menschen hier hat wohl nicht einmal in ihrem Leben die Möglichkeit, die Hauptstadt zu besuchen. Aber auch das ist Reisen: Die riesigen Unterschiede zu beobachten und auszuhalten und sich doch möglichst viel auch mit dem „einfachen Volk“ einzulassen, um ihm wenigstens nur etwas meiner Finanzkraft zu überlassen.

Am Abend war ich drei Stunden im langsamen Internet (24 Kina) und aktualisierte den Entwurf des Blogs Teil 23. Ich buchte einen Flug für morgen per Air Niugini nach Port Moresby (teure 145 Fr.), das ich dann wohl bald verlassen werden Richtung Solomon-Islands. Und dann erhielt ich wieder einmal News aus Dili. Der Töfftransport wird tatsächlich nochmals um zehn Tage verschoben, aber offenbar ist der Container unterdessen mit vier Motorrädern gefüllt. Unterdessen sind alle Papiere in Ordnung gebracht worden, und es ist wahrscheinlich, dass die Motorräder Dili am 25. Mai tatsächlich Richtung Singapore/Darwin verlassen. Ich verbrachte einige Zeit damit, möglichst günstige Flüge für die nächsten Destinationen zu finden. Es scheint, dass ich am Sonntag, 12. Juni tatsächlich endlich nach Darwin fliege, vermutlich von Honiara über Brisbane.

 

Mo, 23.05.2016: Flug nach Port Moresby und eine erste irre Runde in der Stadt

Ich hätte ein vom Guesthaus zur Verfügung gestelltes Taxi zum Flughafen nehmen können (30 Kina, 12 km), aber ich fand, dass des Luxus‘ jetzt genug war, sodass ich mich zu Fuss auf den Weg zur PMV-Station machte, wo ich im Nu einen Kleinbus gefunden hatte, der mich für einen Kina zum Flughafen brachte. Auch dieses Gebäude ist scharf bewacht und eingezäunt. Aber mich liess man natürlich problemlos eintreten, und ich musste nicht einmal ein Flugticket vorweisen.

Schnell war eingecheckt, dann musste ich einige Zeit warten in der modernen, neu gebauten Abflughalle. Die Fokker 100 legte recht pünktlich um 13.15 Uhr ab. Ich habe lange keinen lauteren Flug mehr erlebt, es war, als ob ich in den Triebwerken drinsitze… Schon nach einer Stunde erreichten wir PNGs Hauptstadt. Port Moresby besteht aus verschiedenen, sehr weitläufigen Stadtteilen. Ich wollte im Jessie Wyatt House übernachten, wohin mich ein Taxi für 30 Kina brachte. Sauber, funktionell, dormitory, 100 Kina, und ich bin hier der einzige Gast, prima!

Eigentlich sagt man, dass man sich in den Strassen Port Moresbys nur in Begleitung eines Einheimischen bewegen soll, aber warum sollte ich den Menschen hier nicht vertrauen, ich hatte bis anhin ja nur gute Erfahrungen gemacht. Aber das Glück sollte heute Nachmittag nicht auf meiner Seite sein. Ich machte mich alleine auf zum Manu Autoport (Boroko PMV Stop) und wollte eine vom lonely planet empfohlene Pizzeria aufsuchen. Es war aber eine ziemliche Geburt, bis ich endlich das PMV 15 Richtung Hohola gefunden hatte. Ich orientierte mich via google maps und merkte bald, dass sich Hohola einen Hügel hinaufzog, und genau dorthin fuhr der Bus, viel zu weit für mich. Schliesslich hatten wir den Hügel bis zur Endstation beinahe umrundet und erreichten den Waigani Drive, ein weites Boulevard, scheinbar unendlich lang. Irgendwann bestieg ich den Bus 7, der aber bald darauf links abbog. Wiederum war ich falsch und musste aussteigen. Wiederum zu Fuss unterwegs erreichte ich endlich die richtige Kreuzung, aber vom Jepello-Italiener war weit und breit nichts zu sehen. X-mal lief ich auf und ab, fragte mehrere Male nach, bis mir endlich ein junger Bänkler mitteilte, dass dieses Restaurant schon seit einiger Zeit definitiv geschlossen ist. Ärger! Zusammen mit dem Bänkler fuhr ich zurück zum Guesthaus und besuchte das nahe Shady Rest Hotel-Restaurant, wo ich mir nochmals ein Steak genehmigte und sogar Internet zur Verfügung hatte. Ich checkte nochmals diverse Flüge und stellte meine Planung nochmals etwas um. Ich werde vorerst in PNG bleiben und Rabaul auf New Britain besuchen, eine vulkanisch sehr aktive Region und erst später nach Honiara auf die Solomon Islands fliegen.

Jetzt sitze ich auf der Terrasse in einem weichen Sessel, es hat eben etwas zu regnen begonnen, aber das ist gut so, denn ich befinde mich wieder auf Meereshöhe, es ist unerhört heiss.

 

Di, 24.05.2016: Port Moresby - ein heisser Ausflug in einer kalten Stadt und ein kulinarisches Highlight

Schon früh am Morgen besuchte ich erneut das Shady Rest Hotel. Ich hatte es vor allem auf das Internet abgesehen, trank nur einen Kaffee, aber schaffte es tatsächlich, gleich drei Flüge zu buchen, den ersten für morgen nach Rabaul, den nächsten am 1. Juni von Rabaul nach Honiara/Solomonen und den dritten am 12. Juni nach Darwin (über Brisbane). Wieder 1000 Fr. verflogen… – sollte ich eigentlich Dili-ANL belasten…

Zufrieden mit mir traf ich bei meinem Guesthaus auf Marc, der mich heute durch die Stadt führen wollte. Wir fuhren per PMV zum Koki-Market und wollten das auf Stelzen gebaute Dorf am Meer besuchen. Dann fuhren wir downtown ins Zentrum der Stadt, spazierten auf den Paga-Hill, von dem man einen schönen Ausblick auf das recht moderne Stadtzentrum werfen kann. Na ja – es war nett, aber nicht wirklich eine Reise wert. Zudem schien es Marc hier oben auch nicht wirklich wohl zu sein, er „bewaffnete“ sich mit einer kleinen Eisenstange, aber keine raskols (Banditen) stellten sich uns in den Weg. Dann wollten wir den Präsidentenpalast besuchen, aber Marc schien selber nicht genau zu wissen, welche PMVs da zu nehmen sind. In Boroko wurde mir dessen Unschlüssigkeit zu bunt, ich wollte zum Guesthaus zurückgehen, wo ich auf zwei pensionierte Spanier traf, mit denen ich mich über meine Reiseerfahrungen in diesem Land unterhielt. Erkenntnis: Port Moresby ist nicht wirklich eine Reise wert, je mehr man sich jedoch von den Städten entfernt, umso besser wird es!

Am Abend ging ich erneut ins Shady Rest Hotel. Ein indisches Buffet lockte, und dieses stellte sich als sensationell heraus. Die vielen verschiedenen Speisen, das frische Naan waren so schmackhaft, dass ich kaum aufhören konnte zu essen, und tatsächlich schaffte ich es, mich zu überessen. Der Klumpen im Magen schien wie aufzugehen, zu drücken, bis mir schlecht wurde. Schnell bezahlte ich, marschierte den kurzen Weg zurück zum Guesthaus, war nahe am K… Was war zu tun? Ich versuchte sitzend einzuschlafen, was mir gelang, aber es war ein unruhiger Schlaf, der Magen arbeitete wohl auf Volltouren, und ich konnte all die leckeren Speisen allmählich verarbeiten…

Mi, 25.05.2016: New Britain und Mount Tavurvur

Wer weiss schon, dass es eine Insel mit dem Namen New Britain gibt? Der Name geht zurück auf die Kolonialbesetzung Grossbritanniens. Zuerst waren aber die Deutschen hier, versuchten zwischen 1874 bis 1876 die Insel im Norden der Hauptinsel PNGs zu missionieren, aber zu dieser Zeit wurden mehr Missionare gegessen als Einheimische konvertiert. Die Legende besagt, dass die Eingeborenen aus Unwissenheit auch die ledernen Schuhe assen – dieser Witz ist heute beinahe ein running gag. Trotzdem konnten sich die Deutschen bis Ende des Ersten Weltkrieges halten. Dann versuchten sich die Australier in diesem rauen Land, aber im Jahre 1937 brach der Tavurvur-Vulkan massiv aus und veränderte die Landschaft dramatisch. Mount Vulcan war zuerst eine flache Insel im Meer, verband sich jetzt mit dem Festland, 507 Menschen starben bei diesem massiven Naturerreignis. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Gegend 1941 von den Japanern eingenommen, die hier in Rabaul eine Basis einrichteten mit 97‘000 Soldaten. Nie wurde die Insel von den Alliierten eingenommen, 1945 aber mit 20‘000 Tonnen Bomben verwüstet. Es heisst, dass der letzte Japaner erst in den Achtzigerjahren, versteckt im Busch, das Land verliess. Die Unabhängigkeit PNGs kam erst in den Siebzigerjahren, zu lange wollten die fremden Mächte die gewaltigen Bodenschätze abschöpfen (Gold, Kupfer, Öl, Gas). Heute profitieren vor allem ausländische Gesellschaften von diesen Vorkommen, die Bevölkerung hat fast nichts davon – moderner Kolonialismus.

Rabaul war bis 1994 die drittwichtigste Stadt in Papua New Guinea mit einer einzigartigen Kultur und einer der schönsten, lebendigsten Städte mit dem grössten Markt im Südpazifik, einer boomenden lokalen Musikindustrie, einem riesigen Spielplatz mit Swimmingpools, einem Orchideenpark, aber am 19. September 1994 explodierte nach mehreren Erdbeben der relativ kleine Mount Tavurvur und verschüttete die Stadt unter einem Asche- und Steinregen, und innert weniger Tage war die Stadt unter einer zwei bis vier Meter dicken Ascheschicht versunken. Ein einziges Gebäude dieser Stadt wurde gerettet, das Rabaul Hotel, weil die Asche und der Schutt konstant von den Dächern der Gebäude geschaufelt wurden und deshalb noch heute besteht.

Die Geschichte dieser Region war der Grund, dass ich heute Morgen auch nach Rabaul flog, heute befindet sich der Flugplatz allerdings auf der anderen Seite der Gazelle-Bay. Ein Taxi brachte mich heute Morgen zum Domestik-Flughafen Port Moresbys (20 K), wo die Fokker 70 pünktlich um neun Uhr abhob. Der Flug über die dichten Wälder des Kokoda-Tracks mit einigen kleinen Siedlungen in den Bergen war interessant. Der Flug war deshalb relativ billig (585 K), weil wir zuerst zwei kleine Städte anflogen, Lae und Hoskins. In Hoskins in West-New-Britain überflogen wir weite Ländereien mit Palmölplantagen, aus der Höhe eigentlich ganz hübsch anzusehen. Der Flughafen nahe Rabaul wurde damals natürlich auch verschüttet, weil er in unmittelbarer Nähe des Vulkans lag. Heute fliegt man nach Kokopo, einem Küstenörtchen mit mehreren Bungalowunterkünften, aber ich wollte nach Rabaul und mir diese Szenerie anschauen. Problemlos fuhr ich per PMV in drei Viertel Stunden nach New Rabaul, aber von Charme ist hier nichts mehr zu sehen, eine gewisse Depressivität ist auch nach 22 Jahren noch spürbar. Ich bewohne ein ziemlich übles Zimmer im Barike Guesthaus (80 K.) aber bald war ich unterwegs Richtung „Altstadt“, in der grössten Nachmittagshitze und erneut auf langen, weiten, nicht enden wollenden staubigen Boulevards. Bald befand ich mich in der Geisterstadt Alt-Rabauls, aber von Staub und Zerstörung ist hier nichts mehr zu sehen, die Natur hat sich unterdessen die unter Asche und Staub versunkene Stadt vereinnahmt. Ich war eigentlich etwas enttäuscht, obwohl ich wusste, dass die damaligen Siedlungen nie ausgegraben wurden und von einem Tag auf den andern einfach aufgegeben wurden. Ich besichtigte einen alten Bunker Admiral Yamamotos aus dem Zweiten Weltkrieg, ging zurück zum Rabaul Hotel, wo ich mich mit einem Bier erfrischte.

Aber ich wollte noch nicht aufgeben und den verhängnisvollen Vulkan wenigstens aus der Nähe etwas betrachten, machte mich wieder auf schwarz-staubigen Wegen zu Fuss auf Richtung dieses braun-grauen, kargen Berges – und ich hatte Glück. Ein voll beladenens PMV nahm mich 6 km mit bis zu einer heissen Quelle nahe des Vulkans. Schwarzes Geröll, Staub, Asche empfing mich hier, der Vulkan beinahe nur einen Steinwurf entfernt. Als mir ein Einheimischer erklärte, dass der Berg des Verhängnisses unterdessen erklimmbar ist, hielt mich nichts mehr auf, auch wenn ich hungrig war. Immerhin hatte ich genügend Wasser bei mir. Zwar schreiben sie im lonely planet etwas von suicidal, wenn man versuchen sollte, diesen Berg zu erklimmen, aber schon war ich unterwegs durch die Stein- und Staubwüste, in einem Affenzahn, denn ich wollte den Krater noch vor dem Sonnenuntergang erreichen. Der Aufstieg war überaus anstrengend, weil ich mit zwei Schritten in diesem scharfen, vulkanischen Geröll immer wieder einen Schritt zurückrutschte. Bald erkannte ich am Hang zwei andere Touristen, die sich am rutschigen Hang abquälten, ein portugiesisches Paar mit ihrem Führer hatte ich bald erreicht. Gemeinsam erreichten wir den Kraterrand nach einer guten Stunde Marsch, und die Szenerie war nicht unerwartet grandios. Schweflige Dämpfe traten an vielen Stellen aus Ritzen, glücklicherweise war der Wind aber auf unserer Seite und blies diesen Rauch an Stellen, wo wir uns nicht befanden. Schwarzes, rotbraunes Lavagestein hatte der Vulkan von 22 Jahren hier hinterlassen, ein grün bewachsener, erloschener Vulkan in Hintergrund liess die Szenerie wahrlich unwirklich erscheinen. Unterdessen war die Sonne am Untergehen und tauchte die Gazellenbucht in warmes Licht, der Himmel verfärbte sich typisch tropisch in all den bekannten Farben. Lange sass ich am Kraterrand und sog die Stimmung dieses eigentlich toten Ortes auf. Die beiden Portugiesen hatten sich längst auf den Rückweg gemacht, als ich ihnen während der Dämmerung zu folgen versuchte – und sie im Nu eingeholt hatte. Über den Sand, Staub, die scharfen, vulkanischen Steine wie ein Skifahrer driftend hatte ich bald den Fuss des Vulkans erreicht, wartete hier auf das junge, portugiesische Paar. Gemeinsam wanderten wir zurück zu ihrem Auto, und ich war froh, mitfahren zu können, denn nochmals acht Kilometer zu gehen, wäre dann ohne Nahrung schon unangenehm gewesen…

In einem Laden kauften wir einige Biere, die meine Kehle gleichsam vergoldeten. Die Portugiesen wollten sich aber aus Kostengründen selber verpflegen, sodass ich das Restaurant des Rabaul Hotels alleine besuchte. Gute Shrimps mit Chili, chinesisch zubereitet. Dann machte ich mich auf den langen Rückweg durch die dunkle Nacht, mit einem etwas schalen Gefühl, denn in diesem Land sollte man sich nachts eigentlich nicht alleine fortbewegen, aber nichts geschah, ausser einigen freundlichen „Good nights!“.

Do, 26.05.2016: Ein vergnüglicher Tag mit einem portugiesischen Paar

Ich schlief ausgezeichnet in diesem Loch von einem Barike-Guesthaus, aber eine Ratte fand meine Biscuits in der Aussentasche meines kleinen Rucksack, entdeckte aber keinen direkten Zugang zu diesen Cookies, sondern frass sich durch das Aussennetzchen des Rucksacks, wo jetzt gleich zwei Löcher klaffen – und richtigen Zugang zu meinen Guetzli erhielt sie doch nicht – ein verkraftbarer und doch ärgerlicher Schaden; wenigstens sagte mir die langschwänzige Riesenratte am Morgen noch guten Tag, verschwand aber gleich unter dem Kasten.

Per PMV 7 legte ich die kurze Strecke zum Rabaul Hotel zurück und checkte im einfachsten, aber doch um Welten besseren Zimmer in einem Nebentrakt ein (165 Kina). Gleich darauf traf ich auf das portugiesische Paar, die noch heute Richtung Kabaira Beach Hideaway aufbrechen wollte, das ich dann morgen auch besuchen will. Aber zuerst waren wir den ganzen Tag gemeinsam unterwegs und fuhren per PMV 6 zum nördlichsten Ende der Insel mit einem netten Strand, aber vor allem nutzten wir die Gelegenheit zu schnorcheln. Nach dem Riff am Meer stürzt sich die Unterwasserlandschaft in einer Zwanzigmeterwand in die Tiefe, und das Meererlebnis war ganz anders als in Raja Ampat, aber vielleicht noch spezieller und schöner, denn unzählige mehrfarbige Fische tummelten sich in dieser Wand, und ich konnte es nicht lassen, in die Tiefe zu tauchen, um Korallen und Fischen näher zu kommen, natürlich mit dem Ergebnis, dass erneut zu viel Wasser durch mein Loch zum Trommelfell vordrang, sodass ich mein Gehörgang danach zumindest eine Zeitlang verschlossen war. Jetzt fühlt es sich bereits besser an, und ich hoffe, dass keine neue Entzündung hervorgerufen wird.

Es war ein unterhaltsamer Tag mit Diana und Riccardo, die low budget unterwegs sind. Ich war dankbar, wieder einmal auf wenn auch junge Traveller gestossen zu sein, mit welchen europäisch parliert werden konnte. An diesem Strand war es sehr angenehm windig, aber die grosse Hitze sollten wir später doch noch spüren. Zuerst besuchten wir aber gleich zwei geschichtlich interessante Orte, zuerst eine japanische Anlegestelle für U-Boote, dann einige alte Bunker, tief in den Fels eingegraben und mit diversen Stellungen in Richtung des Meeres. Der neunzigjährige Besitzer des Landes versuchte uns zwar finanziell abzuzocken, weil er nicht nur für diese Sehenswürdigkeiten, sondern auch fürs Schnorcheln und Filmen Geld verlangen wollte. Es war aber gleichwohl interessant, mit ihm über die Zeit mit den Japanern zu reden. Er erzählte, wie er von den Japanern medizinisch versorgt wurde, als er nach einem Axtschlag die kleine Zehe verlor.

Wir machten uns sodann zu Fuss auf den Rückweg bis zum ersten kleinen Dörfchen mit einer katholischen Kirche und wurden unzählige Male überaus freundlich begrüsst. Dann fuhren wir mit einem PMV zurück nach Rabaul. Ich kaufte drei kühle Biere, bevor wir unser Hotel aufsuchten. Diana und Riccardo hatten ihr Gepäck in meinem Zimmer gelagert, und tatsächlich wollten sie sich noch auf den Weg Richtung Südküste begeben (was ich nicht wirklich verstand, denn ich hätte ihnen sogar ein Bett in meinem Zimmer angeboten, sodass wir morgen gemeinsam an die Westküste fahren können).

Jetzt sitze ich nach einer Dusche am kaum benutzten Swimmingpool, trinke bereits mein drittes Bier. Die beiden Portugiesen scheinen wirklich weggekommen zu sein, aber ich geniesse Ruhe und Wärme und werde bald im hauseigenen Restaurant irgendein anderes chinesisches Menü geniessen.

Fr, 27.05.2016: Die Affen verlassen ihren Käfig

Die Absicht war klar heute Morgen, nämlich weiterzureisen zum Kabaira-Beach-Hideaway an der Nordwestküste der Gazelle Peninsula. Ich war schnell beim Zentralplatz Rabauls mit seinem sauberen, sehr lebendigen Markt, der heute noch bevölkerter war als sonst, weil ein riesiges Kreuzfahrtschiff in Rabaul angelegt hatte, aus dem jetzt Mengen von fast durchwegs älteren, dickbäuchigen australischen Touristen gestiegen waren und sich durch die Hitze quälten. Viele Stände mit Souvenirs wurden eigens für diese zahlungskräftigen Touristen eröffnet. Man hatte die Affen aus ihrem Käfig befreit, die jetzt unsicher versuchten, ihre Freiheit zu geniessen…

Ich wartete lange auf das PMV 5, bis ich irgendwann unterwegs zu diesem Riesendampfer war. Ich musste es einfach versuchen, vielleicht einen Platz auf diesem Schiff zu ergattern, dabei hatte ich keine Ahnung, wo das Schiff das nächste Mal anlegen wird. Aber für einmal hatte ich kein Glück, denn man wollte mich nicht mitnehmen. So ging ich schwitzend zurück zum PMV-Bahnhof, und dann erschien es schon, mein Fahrzeug Richtung Westen. Eigentlich hatte ich erwartet, dass ich in Basis umsteigen und die letzte Strecke zu Fuss zurücklegen muss, aber schliesslich wurde ich bis zum kleinen, etwas heruntergekommenen Resort gefahren. Die Fahrt dauerte zwar länger als erwartet, weil erstens die Strasse mit vielen Schlaglöchern durchsetzt war und zweitens unzählige Male Leute aus- und wieder zustiegen.

Ich erreichte Kabaira um die Mittagszeit, gerade rechtzeitig für den Lunch. Ich traf erneut auf Diana und Riccardo, die mit dem Kajak unterwegs waren. Nicht unerwartet ist der Strand hier nur mittelprächtig, viele Seepflanzen wachsen aus dem Grund des seichten, ruhigen Meerwassers. Bald war ich schnorchelnd unterwegs Richtung Riff, aber ich musste achtgeben, dass ich von keinen stechenden Seeigeln verletzt wurde. Leider war die Sicht in diesem ruhigen Wasser nicht gut, aber die vielen weichen und harten Korallen und Fische waren doch ganz nett anzusehen. Lange beobachtete ich einen einheimischen Fischer, der mich in seinem Aussehen an einen Menschen aus der Steinzeit erinnerte, wie er erfolgreich mit einem Speer (!) nach Fischen jagte.

Ich verbrachte einen ruhigen Nachmittag mit Lesen und Nichtstun. Gegen Abend zog ein Gewitter auf, aber der Sonnenuntergang nach diesem Schauer tauchte die Landschaft in herrliches Licht, und die Farbenvielfalt des Himmels war fast nicht zu überbieten. Aber dies ist wohl nicht der Ort, an dem ich mehrere Tage verweilen möchte. Die beiden Portugiesen werden morgen in Rabaul tauchend ein Schiffswrack erkunden, ich werde aber wahrscheinlich Richtung Kokopo reisen, um zu versuchen, eine benachbarte kleinere Insel mit besseren Stränden zu finden (Duke-of-York-Island). Dafür rinnt mir beinahe die Zeit davon, aber um hier zu bleiben, da bleiben mir dann doch wieder zu viele Tage bis zu den Flügen Richtung Honiara.

Eben haben wir gemeinsam ein vielseitiges einheimisches Abendessen mit Rindfleischstreifen, Gemüse, Reis, Kartoffeln und einer Art Kürbiskuchen genossen, ganz lecker. Diverse Biere habe ich schon am Nachmittag genossen. Es ist ganz ruhig hier, die Portugiesen haben sich verzogen, noch immer ist es sehr warm, weil es vollkommen windstill ist. Ich werde mich jetzt noch etwas mit Lesen vergnügen (Donaldsons Die Chroniken des Thomas Covenant I).

Sa, 28.05.2016: Die Langsamkeit einer südpazifischen Insel

Der Entschluss war gefasst, und nach dem Frühstück fuhren wir mit einem Minibus direkt über die Halbinsel Richtung Kokopo. Dabei hatten wir einen Hügelzug zu überqueren mit einer guten Sicht über das weite, mit Palmen, Kakaoplantangen und Urwald überwachsene Land. Am kleinen Hafen von Kokopo mit unzähligen Bananenbooten erschien ich offensichtlich etwas zu früh, denn die Menschen von den kleineren Inseln hatten sich heute Morgen per Boot erst in dieser Kleinstadt eingefunden, um sich mit billigen Produkten aus den verschiedenen Supermarkets einzudecken oder einfach etwas Zivilisation zu geniessen.

Diana und Riccardo fuhren mit ihrem Führer für zwei Tauchgänge nach Rabaul, während mir nichts anderes übrig blieb, als hier zu warten, bis die Menschen all ihre Besorgungen gemacht hatten. Dabei kam ich bald ins Gespräch mit zwei Männern aus Molot, einem kleinen Dörfchen auf einer der mehreren Inseln auf Duke of York, die mir ein Guesthaus anboten. So beobachtete ich stundenlang die Menschen, wie sie beladen mit Gütern die Betontreppe zum Strand hinunterkamen oder sich ein einheimisches Gogo-Cola leisteten oder einfach nur dasassen, schwatzten und warteten. Jedes Schattenplätzchen war mit Menschen, vielen Kindern belegt. Einmal erschien ein Boot mit schwarzer Fahne, worauf es einen riesigen Menschenauflauf gab. Viele Leute weinten oder trauerten, offenbar waren sie auf dem Weg zu einer Beerdigung. Gegen Mittag bekam ich Hunger, fand ein Restaurant, wo man mir paniertes Chicken und Chips servierte. Dann lag ich lange auf dem nahen, wiesig-weichen, kleinen Golfplatz. Eigentlich lag ich nur da und las, aber ich wurde gleichwohl von zwei Knaben bestimmt zwei Stunden lang beobachtet. Ab zwei Uhr hoffte ich, dass das Boot bald ablegt, aber es sollte vier Uhr werden. Nochmals hatte ich zu warten und zu beobachten. Die Boote füllten sich allmählich mit Menschen, eines nach dem andern verliess den schwarzen Sandstrand mit  verschiedener Bestimmung.

Aber dann ging es auch für uns los, aber die Fahrt sollte wild werden, denn schwarze Wolken versuchten, uns in einen Strudel zu ziehen, aber der Regen blieb aus, zumindest derjenige von oben, denn als die Wellen grösser und giftiger wurden, kam die Benetzung von unten, und in kurzer Zeit waren wir durch und durch nass. „Wenn es nur gut geht“, dachte ich, denn ich weiss, dass solche Boote immer wieder mal sinken.

Dann erreichten wir die grösste Insel, Duke of York, es war bereits am Dämmern, und ich wurde wie ein König empfangen. Roger, mein gut Englisch sprechender Führer hatte seine Familie per Handy bereits über mein Kommen informiert, die Kinder mit ihrem eng gekrausten Haar, manche rötlich blond (!), standen schon fast Spalier, gaben mir schüchtern die Hand. Ich bewohne ein ganz einfaches Zimmer, eine Matratze am Boden, saubere Bettwäsche und sonst nichts. Dann besammelte sich die ganze Sippschaft in einer nahen Hütte, ich hatte x-mal Hände zu schütteln, war wirklich der Brennpunkt des Geschehens. Aber anders als in Indonesien kann man hier mit den Leuten sprechen, und ich erfuhr allerlei Interessantes über dieses Eiland. Pater Brown war der erste Engländer, der vor 140 Jahren genau an diesem Ort begann, Papua Neu Guinea zu missionieren. Die Geschichte der Region ist vielfältig, denn Jahre später erschienen auch deutsche Missionare hier, dann kam die dunkle Zeit mit vielen Gräueltaten während der japanischen Invasion im Zweiten Weltkrieg.

Es ist längst dunkel, und noch immer werde ich von Dutzenden neugierigen Augen durchbohrt. Ich erzähle von meinen Abenteuern, die Leute hängen an meinen Lippen, lachen, staunen – und ich spüre eine unglaubliche Friedfertigkeit und Liebenswürdigkeit. Wir sitzen hier bei Kaffee und Cookies – ich bin in einem wahren Homestay gelandet – genau das wollte ich!

So, 29.05.2016: Kirchgang am Sonntag

Die Christengemeinde Papua Neu Guineas ist breit gefächert, je nachdem wer wo zuerst missioniert hat. Hier auf dieser Insel haben die Methodisten die Oberhand. Ich erhoffte mir einen bunten Gottesdienst diesen Morgen, aber ich wurde etwas enttäuscht. Das schönste war der Gang zur Kirche, entlang dem Strand in kräftig-tropischer Natur und begleitet von einer Mutter mit einigen Kindern, die offensichtlich stolz waren, mich dabei zu haben. Zwar wurden die unzähligen Lieder, von der Melodie meist bekannt und komponiert von europäischen „Grosschristen“, mehrstimmig mit grosser Inbrunst gesungen, aber es hatte erstaunlich wenige Leute in der neu gebauten Kirche. Erst später erfuhr ich, dass die Methodisten auf der Insel gespalten sind, dass es zwei Gruppierungen gibt. Menschgemachte Probleme, man ist nicht zu Kompromissen bereit, aber vermutlich wird ja derselbe Gott und Jesus verehrt. Unverständlich!

Nach einem kurzen, mittelmässigen Schnorcheltrip mit wenig Unterwassersicht gleich vor unserer Siedlung wollte ich am Nachmittag eigentlich die Insel etwas erkunden, aber schon früh begann es zu regnen, ich blieb die ganze Zeit im oder vor dem Haus, sammelte mit Tassen vom Dach niederströmendes Trinkwasser, das ich in die halbleeren Flaschen füllte. Ich hatte Zeit zum Lesen und genoss ein typisch einheimisches Essen, Momo, Süsskartoffeln, Cassava, Bananen, gegart in Bananenblättern im Boden mittels heisser Steine, herrlich rauchig-süsses Aroma.

Der teils überaus starke Dauerregen verhinderte einen Spaziergang zur nahen Delphin-Bay. Für gute Fotos brauche ich Sonne, ich hoffe auf morgen. Dafür nahm ich wieder einmal mein sturzi-Memory hervor, lange nicht mehr gebraucht; im Nu war ich von einer Kinderschar umringt, und wir spielten mehrere Runden. Unwillkürlich machte ich etwas Förderdiagnostik. Da war Donald, der Unkonzentrierte, Flatterhafte, das Schlitzohr mit einigen Versuchen zu betrügen, Elsie, die Ehrgeizige und deshalb häufig erfolgreiche, Taxi, der Intelligente, Besonnene und Clevere, Delilah, die Kleine, Schüchterne, die etwas mehr Zeit brauchte, erfolgreich zu sein, Mina, die Ordentliche, welche die Kärtchen immer wieder genau ausrichten wollte – oder dann sturzi, der ohnehin keine Chancen hat, dieses Spiel zu gewinnen.

Es wurde früh ruhig heute Abend, die Kinder werden morgen in die Schule gehen müssen. Ich las noch eine Zeitlang, die Mücken sind lästig, die Malaria-Gefahr hier nicht klein – es gibt keinen Menschen hier, der diese Krankheit nicht schon mindestens einmal gehabt hat, aber man nimmt dies sehr relaxed und verlässt sich auf das nahe medical center, wo man offenbar genau weiss, was in solchen Fällen zu tun ist. Ich fühle mich topfit, nur mein linker Ellbogen scheint sich noch etwas mehr mit Wasser gefüllt zu haben. Erst jetzt merke ich, wie oft ich mich darauf aufstütze, fühlt sich wie ein Polster an, das ich aber nicht zusätzlich reizen will, ist aber immer noch absolut schmerzlos.

Mo, 30.05.2016: Die Abendstimmung hebt den britisch-regnerischen Morgen auf…

Als ich am Morgen erwachte, prasselte der Regen je stärker auf mein Wellblechdach, desto länger ich liegen blieb. Britannien schien sich genau jetzt jenem Wetter anpassen zu wollen, wie man es nach dem Namen von ihm erwartet. Der Regen zog sich über den ganzen Morgen hin, die so farbige, stämmige Umgebung präsentierte sich in Grautönen, die mich kaum aus dem Haus locken mochten.