Teil 20: Singapore - Bali - Lombok - Sumbawa - Flores - Kupang (Timor) /Indonesien III

Je weiter in den Osten ich in Indonesien gefahren bin, desto atemberaubender und grossartiger wurden die Erlebnisse, die ich in diesem Land erleben durfte. Stupende Landschaften, fremdartige Tiere (Komodo-Warane, Manta-Rochen), aber auch kulturelle Highlight haben mich eine Rekordzahl an Fotos schiessen lassen. Zudem war ich beinahe zwei Wochen mit einer Sozia aus Berlin unterwegs - eine ganz neue Erfahrung.

Ein letzter Höhepunkt war Ostern in Larantuka/Flores, wo Tausende von Menschen mehreren Prozessionen folgten. Schliesslich erreichte ich Timor auf einem Pilgerschiff mit 1000 Katholiken, die immer wieder beteten und das Ave Maria sangen. Der Glauben wird hier wirklich gelebt, mir wurde der Sinn von Ostern noch nie so bewusst wie in Flores.

Aber es gab auch Schattenseiten - ganz naiv habe ich mir in Bali das Handy klauen lassen. Dann machte mir der Töff für einmal Probleme, als ich ihn nicht mehr starten konnte. Glücklicherweise war es aber nur die Batterie, die sich auf irgendeine Weise entleert hatte. Ich war am Geburtstag in Singapore, besorgte zwei neue Reifen, quasi Ferien in den Ferien.

Jetzt bin ich auf dem Sprung nach Osttimor, von wo aus ich den Töff nach Australien verschiffen werde. Er wird gegen drei Wochen unterwegs sein, dies zwingt mich, für einmal einige Zeit ohne Töff unterwegs zu sein.

Australien ist nah, ich erwarte, dass ich gegen Ende April diesen Kontinent erobern werde.

Und dann: Wer weiss? Noch bin ich mir unsicher, ob ich die Reise hier wirklich beenden werde.

Di, 01.03.2016: Schweizer sein und die damit verbundene unendliche finanzielle Freiheit

Man weiss es weltweit: Der absolut höchste Lebensstandard haben wir in der Schweiz. Von anderen Reisenden wird man manchmal um die Nationalität beneidet, Einheimische meinen: „It’s the best!“ Es ist nur zu verständlich, dass sich viele Schweizer Bürger ängstigen, diesen Reich- und Besitztum zu verlieren oder mindestens einen kleinen Teil abgeben zu müssen, deshalb die Angst vor der momentanen Völkerwanderung in Europa.

Es ist wahr, dass in der Schweiz viel Geld verdient werden kann, sogar als Lehrer, der wohl nirgends auf der Welt so gut bezahlt wird. Natürlich kann man dieses Geld auf verschiedene Weisen einsetzen. Die einen kaufen sich teure Autos, eine luxuriöse Wohnung oder teuerste Kosmetikartikel, sie schwelgen gleichsam im Luxus und beschweren sich trotzdem, dass sie kein Geld haben und es deshalb das höchste Ziel ist, davon noch mehr zu bekommen, auf welchen Wegen auch immer…

Es ist tatsächlich überaus angenehm, sich einmal etwas leisten zu können. Das Beste ist aber, dass man frei wählen kann, wie man sein Geld einsetzt. Ich kann mir heute einfach kurz einen Flug nach Singapore leisten, eben habe ich Sashimi und Bier für 12 Fr. gegessen (was für unsere Verhältnisse ja immer noch billig ist). Die Kunst ist es (auch als beinahe 55-Jähriger), sich nicht immer nur mit dem Luxuriösen zufrieden geben zu können. Ich bin jetzt eine ganze Zeitlang sehr billig unterwegs gewesen. Ich achte auf günstige, aber doch möglichst saubere Unterkünfte. Fast wochenlang habe ich nur Fisch und Reis gegessen. Die Mischung macht’s aus: mit fast nichts zufrieden zu sein oder satt zu werden, sich dann aber auch eine Pizza leisten zu können wie heute Nachmittag in Ubud. Ich werde immer wieder gefragt, wie ich mir einen solchen Trip finanziere. Natürlich ist da das Alter ein Vorteil, sofern man lange regelmässig gearbeitet hat, man hat etwas auf die Seite gebracht, wenn man sich auch zu Hause nur ab und zu Luxus gestattet. Natürlich ist es auch meine Lebensform, allein stehend, ohne Kinder, absolut vogelfrei – mit allen Vor- und Nachteilen. Tatsächlich sehe ich manchmal Familien mit Kindern auf der Strasse, gerade hier in Bali, die ich manchmal etwas beneide, auch wenn ich sehe (und es auch schon erlebt habe), wie anstrengend und anders Reisen mit Kindern ist. Diese Freiheit ist es natürlich, dass ich mir einen solch grossartigen Trip überhaupt erlauben kann. Und ich geniesse es noch immer, das Neue, Spannende, das neu zu Entdeckende, auch die jeweilige Unsicherheit am Morgen vor der Abfahrt, wenn man nicht weiss, was heute wieder alles geschieht. Natürlich versucht man auf der Fahrt das Geschehen möglichst stark zu beeinflussen, dass auch alles gut geht, aber man braucht auch Glück dazu.

Ich sitze seit Stunden in Denpasars Flughafen, habe nur schon die Ansicht des Duty-free-Luxus genossen. Ja, ich kann mir das einfach so erlauben. Dafür bin ich dankbar. Kaum ein Prozent der Menschen auf Bali kann sich wohl je einen Flug leisten, auch wenn der Standard auf Bali deutlich höher ist als auf Java und vor allem Sumatra. Aber der Tourismus hat seine Schattenseiten. Die 40 km von Ubud zum Flughafen waren eine Tortur, das Strassennetz ist nicht für so viel Verkehr eingerichtet.

In Ubud machte ich heute eine kleine Rundfahrt und bereitete mich für meine Ferien in den Ferien vor. Ich fuhr von Ubud recht früh ab, weil sich im Norden schwarze Wolken türmten, und diesen wollte ich entkommen. Als ich losfuhr, fielen gerade die ersten grossen Tropfen, denen ich aber trotz Verkehr entfliehen konnte. Mein Töff steht in einem bewachten Parkhaus nur für Töffli. Der wird sich freuen, wenn er neue Pneus bekommt…

Eine bange Sekunde gab’s am Zoll, denn in Medan machte man mir einen falschen Stempel, lautend auf den 16. Januar 2015. Aber der Zöllner fotografierte nur Pass und Visum, lachte und liess mich passieren. In zwanzig Minuten öffnet das Gate 2, um 21.30 Uhr fliege ich mit einer grossen KLM nach Singapore. Reisen ist soooo spannend!

Der Flug war extraprima –  zusammen mit fast nur holländischen Zweiwochentouristen, denn ich flog nicht mit einer Billig-Airline, sondern mit einer Linienmaschine und wurde prächtig verpflegt. Da fehlten auch zwei Fläschchen Rotwein nicht… Keine Zeitverschiebung in Singapore, das ich um Mitternacht erreichte. Ich hatte nicht auf die Gepäcksausgabe zu warten, weil ich nur mit Handgepäck unterwegs war. Man wollte mir gleich ein teures Taxi in die Innenstadt andrehen, aber ich fand bald einen Shuttle-Bus-Service. Ich wartete kaum eine Viertelstunde, und schon ging’s los Richtung Innenstadt zum Fernloft Hostel, nur mit grossen Dormitorys eingerichtet. Aber hier war alles verschlossen, und ich konnte nicht anrufen, weil ich meine indonesische Sim-Karte nicht aus dem Handy brachte (und diese funktioniert in Singapore nicht!), weil ich den Stick zum Öffnen nicht dabei hatte. Ich suchte nach irgendwelchen Drähten als Ersatzlösung. Dumme Situation: Eins Uhr nachts – und hinausgesperrt. Ich folgte dem Gang auf die andere Seite des alten chinesischen Gebäudes und fand tatsächlich einen zweiten Zugang – mit Klingel. Sofort wurde ich eingelassen. Ich checkte ein, zahlte die 36 SGD (25 Fr.)  für zwei Übernachtungen, legte mich hin und schlief sofort ein, aber die Nacht war unruhig, denn eine Gruppe junger Girls erschien nachts um drei Uhr und war nicht gerade rücksichtsvoll ruhig…

Km: 39‘675

 

Mi, 02.03.2016: Mein Geburtstagsgeschenk: Ferien in den Ferien und einige Besorgungen

Vor einer Woche hätte ich mir noch nicht träumen lassen, dass ich meinen Geburtstag in Singapore feiern würde. Ich beschenkte mich also selber mit einem Flug in eine Stadt mit mindestens westlichem Standard, aber die Hauptabsicht war natürlich, zu zwei neuen Reifen für mein Motorrad zu kommen.

Nach einem teuren Frühstück in einem der hippen Cafés auf dem Weg zur Outram-U-Bahn-Station musste ich das Motovation Center beim Ubi Industrial Park finden. Dafür benutzte ich die komfortabe U-Bahn bis Eunos, und wechselte dann auf den Bus 63, der mich fast punktgenau vor dem gesuchten Gebäude absetzte. Aber welche der unzähligen Reifen- und Autobuden hatte ich jetzt aufzusuchen? Ich telefonierte, niemand nahm ab. Ich fragte nach: 03-29. Dritter Stock, Shop 29! Niemand da! Danke meiner am Morgen gewechselten Sim-Karte erreichte ich Choong auf Facebook Messenger, welcher Kontakt mit der Person aufnahm, der mir die Pneus herausgeben sollte. Sofort kam er dahergeeilt – mit den beiden Mitas-Pneu. Überaus rohes Enduro-Profil, mal schauen, wie sie sich anfühlen werden.

Auf demselben Weg kam ich wieder zurück in die China-Town. Die nächste Pflicht war mein Handy. Ich fand bald einen Reparatur-Shop im chinesischen Viertel. Ich ärgerte mich, als man mir statt des ganzen Screens nur den Home-Button ersetzte (150 SGD). Aber ich wollte auch das Glas ersetzt haben. Es war jetzt ein schwieriger Handel, auch das Glas noch ersetzt zu bekommen. Schliesslich zahlte ich mit 250 SGD bestimmt zu viel. Auch ich bin manchmal lernfähig (manchmal dauert es etwas länger…). Zum ersten Mal kaufte ich eine schützende Hülle dazu, zudem bekam ich Screen-Schutz und einen Sim-Karten-Stick geschenkt.

Überaus zufrieden spazierte ich durch die mit Touristen übervölkerte und mit unzähligen Kitschläden bestückte China Town, jetzt aber Richtung Innenstadt. Und ich war begeistert. Erstens ist die Stadt blitzblank sauber, zweitens hat sich die Stadt in den letzten 22 Jahren unglaublich verändert. Diese Stadt hat wirklich ein Flächenproblem, weshalb es logisch ist, dass man in die Höhe baut. Und diese modernen, spiegelnden Hochhäuser in diversen Variationen sind grossartig. Dank viel Geld werden schräge Ideen umgesetzt. Auf drei gleich hohen neuen Wolkenkratzern liegt hoch in der Luft ein 400 m langes Schiff (!), vielleicht ein Hotel, auf jeden Fall mit Palmen besetzt und bestimmt mit grossartiger Aussicht. Ich landete beim Raffles Place im Geschäftsviertel mit viel Glanz und Prunk, in Schalen steckenden Geschäftsleuten, begleitet von Damen im kurzen Schwarzen…

Am Singapore River sassen in unzähligen Bars Touristen und Geschäftsleute gemischt, genossen Bier mit Apero. Die City Hall mit weiteren Hochhäusern im Hintergrund wurde in wärmstes Abendlicht getaucht. Kleine Boote, besetzt mit Touristen kreuzten über den Fluss. Bald erreichte ich die Clarke Bay mit noch mehr Bars und Restaurants, einer an Bungy-Seilen befestigten Kabine, die besetzt mit drei Passagieren raketenmässig in den Himmel geschleudert wird, um dann in Fallgeschwindigkeit wieder Richtung Boden zu rasen, allerdings eine ziemlich teure Angelegenheit.

Die Stimmung in der Clarke Bay erinnert mich an Sydney, aber auch ein bisschen an Las Vegas, ziemlich verrückt, farbenfroh und tausendfach beleuchtet. Ich nahm Platz im Schiff, das Geburtstagsmenu war angesagt: Sashimi zur Vorspeise, dann australisches Sirloin-Steak mit Rotwein – hervorragend. Aber eine passende oder bekannte Gesellschaft fehlte schon etwas. In einer Bar an der Clarke Street trank ich noch ein teures Weizen, da wurde plötzlich „Happy birthday!“ gesungen. Gleich am Nebentisch hatte jemand offenbar auch Geburtstag. Ich suchte das Gespräch mit diesem am gleichen Tag Geborenen, aber freundlich ist anders… Eine richtige Geburtstagsparty blieb mir leider verwehrt…

Km: 39‘675

 

Do, 03.03.2016: Sex and crime – das erste wäre mir lieber gewesen…

Ich unternahm nicht mehr viel heute Morgen, packte zusammen und war am Mittag schon unterwegs zum Flughafen, diesmal ganz angenehm per U-Bahn. Ein Sky-Train brachte mich zum Terminal 1, wo ich bereits um halb zwei Uhr eincheckte und meine Pneus als Gepäck aufgab.

Kaffee-Zeit mit Croissant, angenehmes Warten in der perfekt klimatisierten Eincheck-Halle, etwas schreiben, etwas lesen, nochmals etwas westlichen Luxus einsaugen… Wiederum war der Flug angenehm, auch wenn das Essen diesmal ziemlich übel war. Ich kam gratis in den Besitz eines neuen 30-d-Touristen-Visums, hoffentlich reicht mir diese Zeit, um bis Osttimor zu gelangen! Dutzendfach wurden mir in Denpasar Taxis angeboten. Schnell war ich beim Töffli-Parking, packte meine neuen Pneus und den kleinen Rucksack auf den Gepäckträger und liess mich von meinem Navi Richtung Ubud führen. Dies sollte die letzte Aktion des Handys in meinem Besitz sein… Es hatte weniger Verkehr als bei der Hinfahrt, und ich erreichte Ubud nach zehn Uhr. Die Tutde’s familiy war bereits am Schlafen, hatte mir bei meinem Zimmer aber den Schlüssel stecken lassen. Weil ich durstig war, ging ich noch einmal kurz aus, um Wasser und ein Bier zu kaufen. Auf dem Weg merkte ich, dass ich mein Handy im Täschchen beim Cockpit meines Töffs vergessen hatte, machte kehrt und holte es ab. Dies war mir schon mehrmals passiert, dass mein Handy unbeaufsichtigt im Täschchen liegen blieb, während ich etwas besorgte, jedes Mal ohne Folgen. Die Idee, es abzuholen, erwies sich schliesslich als verhängnisvoll.

Ich war auf dem Rückweg vom Coco Supermarket, als sich zwei junge Mädchen mir in den Weg stellten. Die eine kam mir überaus nah, suchte offensichtlich zweideutigen Körperkontakt und machte mir eindeutige Angebote. Als ich nicht auf ihre Angebote einging, nahmen sie rasch reissaus, stiegen auf das Mofa ihrer Kumpanin. Die beiden fuhren mit Vollgas davon. „Schräg“, dachte ich, „gibt es dies also auch hier!“ Sofort realisierte ich, dass dies ein klassischer Taschendieb-Trick war und kontrollierte meinen hinteren Sack, all mein Geld war noch da! Eigentlich war ich ziemlich müde, aber für ein Bier im Tempelgarten des Homestays war ich durchaus noch genügend fit. Wäre eigentlich durchaus normal gewesen, noch einmal das Handy hervorzunehmen und etwas damit herumzuspielen. Aber dies tat ich nicht.

 

Als ich in der Nacht für einen Toilettenaufenthalt aufstand, wollte ich wissen, wie spät es ist, aber mein Handy war nicht mehr auffindbar. Mein weniges Gepäck, das ich nach Singapore mitgenommen hatte, war bald durchsucht, und sehr schnell wurde mir klar, was geschehen war. Im falschen Moment am falschen Ort! Zu naiv hatte ich mich angestellt, der jungen Dame war es offensichtlich gelungen, bei ihrem Annäherungsversuch ohne dass ich es realisierte in meine seitliche Tasche meiner Hose zu greifen und das eben frisch renovierte Teil zu entwenden. Was für ein Ärger! Natürlich war ich jetzt hellwach, kannte jetzt auch den Grund, warum die zwei so rasend schnell weggefahren waren. Ich ging nochmals zur verhängnisvollen Stelle, aber natürlich war hier nichts zu finden, aber ich konnte ganz gut rekapitulieren, wie das Ganze abgelaufen sein musste. Ich wurde wirklich überrumpelt, das Intermezzo dauerte kaum dreissig Sekunden, und mein vielleicht wichtigstes Gadget war weg!

Es war natürlich nicht leicht, jetzt wieder einzuschlafen, aber der Verlust ist ja nur materiell und halt mit etwas Aufwand und Zeitverlust verbunden. Aber dass ich in diese Falle getappt war, ärgerte mich schon gewaltig!

Km: 39‘716

 

PS: Leider haber ich den Diebstahl nicht fotografiert! Schade!

 

Fr, 04.03.2016: Aktions- und Organisationstag in Ubud

Zufrieden aufwachen ist anders. Ich hoffte, dass alles nur ein Traum war, durchsuchte nochmals all mein Gepäck, aber natürlich war das Handy nicht mehr auffindbar. Ich informierte die Tutde’s Familie über den nächtlichen Vorfall, die fast nicht glauben konnte, dass so etwas in Ubud möglich ist, das eigentlich als äusserst sicherer Ort gilt. Die zwei mussten von Kuta hierhergekommen sein, um ihr Unwesen zu treiben. Mein Tagesplan wurde somit um eine weitere gewichtige Aufgabe erweitert. Nachdem ich das gelagerte Gepäck in mein Zimmer gebracht und endlich auch geduscht hatte, fuhr ich schnurstracks zum Polizeiposten, denn für die Versicherung ist ein Polizeirapport nötig. Ich wurde sehr freundlich und speditiv bedient. Nach zwanzig Minuten war ich bereits im Besitze eines Rapports.

An derselben Strasse in Ubud befinden sich auch einige kleine Shops, welche Elektronik und Handys verkaufen. Es war klar, dass ich wieder ein I-Phone mit 128 GB Speicherplatz kaufen wollte, egal, was es kostet. Und tatsächlich fand ich einen kleinen Laden, wo man mir ein solches Gerät besorgen konnte. Allerdings hatte ich bis am Abend zu warten, das Gerät musste bestellt und vor Ort geschafft werden. 11‘800‘000 IDR (knapp 900 Fr.) kostete mich der Spass. Ich hatte gleich eine halbe Million als Vorzahlung zu leisten. Aber das erste grosse Problem war somit gelöst, ich habe nicht ins im Verkehr erstickende Denpasar zu fahren…

Die nächste Aktion galt meinem Töff. Die beiden Pneus warteten darauf, montiert zu werden. Ein Cousin des Hauschefs arbeitet in einem kleinen Motorradgeschäft, der sogleich hierstand und mich in wenigen Minuten zu dieser Werkstatt brachte. Ich wurde sehr schnell bedient und staunte, wie mit einfachem Werkzeug mein fetter, abgefahrener Reifen demoniert und der neue aufgezogen wurde. Nach kaum einer Stunde war ich schon wieder unterwegs zum Homestay, wo ich mich per Mail an meine Versicherung wendete. Ich bekam postwendend Antwort. Ein Beschrieb des Diebstahls, der Polizeirapport, eine Ermächtigung (die ich zu unterschreiben hatte – per Fotoshop modellierte ich eine Unterschrift ins benötigte Dokument) und ein Rechnung von Salt für mein gekauftes Handy (die ich natürlich nicht dabei habe) wurden verlangt. Wiederum kam schnell eine Antwort, ich habe unterdessen Salt angeschrieben, ob sie mir meinen Abo-Vertrag vom Dezember 2014 zusenden könnten. Es sieht also gut aus, dass ich wenigstens finanziell keinen grossen Schaden davontrage. Nur um die 200 Fr. Selbstbehalt werde ich wohl nicht herumkommen.

Jetzt musste viel Geld her! Ich plünderte einen Bancomaten mit dreimal 1.5 Mio. IDR, wechselte bei einem Moneychanger 600 US$. Ich trage ohnehin viel zu viel Bargeld auf mir. Unterdessen sind alle Länder mit genügend funktionierenden Bancomaten ausgerüstet. Zur Feier des Tages gönnte ich mir eine weitere ausgezeichnete Pizza und beruhigte mich mit einem Bier. Tatsächlich war mein bestelltes Handy am Abend bereit. Nett – neu – weiss-silbern schimmernd!

Aber ich hatte jetzt Gas zu geben, denn schon am Nachmittag hatte ich eine balinesische Tanzaufführung (Kecak) im Taman Sari Tempel gebucht. Ich kam gerade noch rechtzeitig. Siebzig Männer sassen am Boden, sangen überaus rhythmische traditionelle Lieder, gerieten beinahe in Trance, während fünf Akte der Ramayana-Geschichte inszeniert wurden, ein herrliches, kulturelles Highlight nach diesem geschäftigen Tag. Anschliessend wurde noch der Sanghyang Jaran Dance vorgeführt. Ein als Mensch verkleidetes Pferd tanzte um ein Kokosfeuer, manchmal sogar darin. Da erinnerte ich mich an mein Erlebnis, als ich vor 14 Jahren selber einmal über glühende Kohlen gegangen war. Ich weiss heute noch nicht wirklich, wie viel Trance wirklich notwendig ist, dass man sich die Fusssohlen nicht verbrennt.

Bis Mitternacht war ich dann damit beschäftigt, mein neues Handy möglichst auf den Urzustand wiedereinzurichten. Dies brauchte viel Zeit. Ich ärgerte mich lange Zeit, weil meine Apple-ID einfach nicht gefressen wurde. X-mal änderte ich das Passwort, und erst nach Mitternacht wurden Schritt für Schritt die verschiedenen unabdingbaren Gagdet wieder installiert. Computer und Handy liefen die ganze Nacht – ein Glück ist, dass ich eben vor kurzer Zeit all die Daten und Apps sowie die Musik auf I-Cloud und I-Tunes neu gespeichert hatte.

Eigentlich wollte ich morgen abreisen, aber ich werde noch Zeit brauchen, um weitere Feinabstimmungen vorzunehmen. Wiederum habe ich mich aufgerappelt! Bald geht es endlich wieder wirklich weiter!

Km: 39‘743

 

Sa, 05.03.2016: Handy optimieren, Legong und vier deutsche Jungspunte

Ich war noch nicht bereit heute Morgen, die Feinabstimmungen an meinem neuen Handy kosteten mich einige Zeit, vor allem mein I-Cloud (me-)Passwort machte mir Sorgen, ich fand am Nachmittag in Ubud aber einen Apple-Shop, wo ich einen Handyschutz kaufte (schon wieder…), der Verkäufer war ziemlich versiert und konnte das Problem lösen.

Ich machte am Nachmittag eine kleine Rundfahrt durch den Ort, besichtigte den Zentraltempel (Puri Saren Agung). Der ganze Ort strotzt vor kleinen Tempeln, manche benutzt für Homestays, manche für Kunstausstellungen oder gar kleine Restaurants. In der Zentralgasse versucht man, irgendwelche Schnickschnack zu verkaufen. Eine Maske wie damals vor dreissig Jahren kaufte ich diesmal nicht…, dafür eine zweite indonesische SIM-Karte fürs Internet.

Im Puri Saren Agung fand heute eine Legong-Aufführung mit Gamelan-Musik statt. Obwohl ich spät eintraf, fand ich an vorderster Front noch einen einzigen freien Platz, gleich neben den Musikern. Gamelan wird auf einer Art Xylophon gespielt, in unglaublichem Tempo und rhythmischer Perfektion. Das Nachtönen der metallenen Schlagkörper wird mit den Fingern verhindert. Noch begeisternder waren aber die mit überaus bunten Kleidern und hinduistischen Symbolen kostümierten Tänzerinnen. Manchmal gleichsam puppenartig bewegten sie sich über die grosse OpenAir-Bühne, manchmal mit starren, ruckartigen Bewegungen, auch der Augen, die weit offen sind beinahe ohne Augenaufschlag und immer einen Punkt fixierend. Da wurde gekämpft auf der Bühne, unglückliche Liebschaften lange verflossener Könige, Entführungen wurden in grosser Perfektion inszeniert, immer absolut punktgenau abgestimmt auf die trancige Gamelan-Musik. Dieser fernöstliche Stil ist mir wesentlich weniger fremd als noch vor dreissig Jahren, und besonders spannend finde ich, dass ich verwandte Elemente unterdessen schon in der Südsee oder in Madagaskar angetroffen habe.

Auf dem Weg zur Aufführung wurde ich von einem jungen Deutschen angehalten, der es nicht glauben konnte, dass ich mit dem Motorrad die ganze Strecke bis hierher gefahren bin. Ich traf mich später gleich mit vier dieser Jungspunte, die sich etwas in Ubud verliebt haben, sind sie doch schon zum zweiten und wohl nicht zum letzten Mal hier. Ich traf sie nach einer Irrfahrt in einem von einem Belgier geführten Restaurant, wo ich mir nochmals ein ausgezeichnetes Steak gönnte – wohl das letzte für die nächsten Wochen. Weit nach Mitternacht kehrte ich in mein angenehm ruhiges Guesthouse zurück, aber ich war zu müde, jetzt noch mit dem Packen zu beginnen.

Km: 39‘770

 

So, 06.03.2016: Szenenwechsel

Nach einigen etwas teureren Tagen mit etwas mehr Luxus und westlichem Essen in Singapore und Bali kehrte ich heute zurück in Indonesiens Landleben. Kaum hundert Meter entfernt singt ein Muezzin extrem verstärkt seine Allah-Weisen, vorbei sind die verspielt-lieblichen, balinesisch-hinduistischen Tempel. Ich hätte heute an einer Zeremonie teilnehmen können, wenn kleine, kunstvolle Tempel zum Meer gebracht werden oder noch drei Tage warten bis zum hinduistischen Neuen Jahr am 9. März, an dem das Leben hier still steht, kein Licht wird angezündet, der Flughafen steht still, damit auch ja keine bösen Geister die Wohnungen heimsuchen, aber die Pflicht ist unterdessen erfüllt, und ich wollte unbedingt weiterziehen.

Es dauerte aber seine Zeit, bis mein Material reorganisiert war. Es war sehr warm heute, zudem hatte ich nicht allzu weit zu fahren, weshalb ich heute auf meine Töffklamotten verzichtete und sie im Gepäck verstaute. Das Fahrgefühl auf meinem Töff hat sich wieder etwas verändert. Durch das fette Profil der Pneus sitze ich wieder etwas höher, die Balance ist durch die vollständige Rundung der Pneus wieder schwieriger zu halten, aber ich fühle mich sicher, wegen der Reifen werde ich jetzt kaum mehr aufgehalten werden. Durch dichten Verkehr waren kaum 40 km zu fahren bis zur Padang Bai im Südosten Balis. Ich hatte grosses Glück, als ich ankam, denn die Fähre war schon proppenvoll, aber für meinen Töff hatte es ganz zuhinterst auf der Fähre Richtung Lombok grad noch Platz. Kaum zwei Minuten später wurde die Metallrampe schon gehoben, und los ging’s mit dem vierstündigen Fährtrip zur nächsten Insel. Wir erreichten Lembar, den kleinen Hafen in Lombok kurz vor vier Uhr, blieben hier aber lange stehen, weil beide zur Verfügung stehenden Fähranlegestellen besetzt waren. Erst nach fünf Uhr nachmittags konnte ich endlich weiterfahren. Der Plan, heute noch Sumbawa zu erreichen, war unterdessen verworfen. Ich hatte mich zu sputen, wenn ich noch vor dem Einbruch der Nacht Labuhan Lombok in der Nähe der Fährstelle nach Sumbawa erreichen wollte. Obwohl die Strasse erstaunlich gut ausgebaut war, gelang mir dies nicht, der Verkehr war zu intensiv, aber ich freute mich über den mächtigen Gunung Rinjani, dem ich immer näher kam und der aufgrund von Erdrutschen momentan nicht zu besteigen ist. Vor fast 26 Jahren fungierte ich quasi als Bergführer für einen Franzosen und ein holländisches Paar. Die Holländerin wurde damals krank auf dem dreitägigen Trip, sodass ich gleich zwei vollgepackte Riesenrucksäcke hinuntertrug. Ich kann mich noch heute an den Muskelkater und die Schulterschmerzen die folgenden Tage erinnern. Zu gerne würde ich heute im 1990-er-Tagebuch blättern. Labuhan ist ein kleineres Städtchen, von denen es Hunderte gibt in diesem Land. An der Zentralkreuzung gibt es einen Markt mit einigen Warungs, die Menschen mustern dich von Kopf bis Fuss, nur wenige Touristen finden den Weg hierher. Szenenwechsel!

Das überaus einfache Essen mit Padang-Food im einzigen Restaurant, geführt von zwei verschleierten, netten, älteren Frauen, war höchstens mittelprächtig. Ich bin wieder im Moslem-Land, weshalb ich auch nirgends ein Bier gefunden habe. Ich habe eine einfache Absteige (Hotel 53) gefunden, nahe der Bootsanlegestelle nach Sumbawa. Es ist zehn Uhr, der Muezzin hat aufgehört zu singen, dafür knattern immer wieder überlaute kleine Motorräder an mir vorbei. Ein typischer Ort, an dem man höchstens eine Nacht bleibt.

Km: 39‘911

 

Mo, 07.03.2016: 40‘000 km – einmal um die Welt!

Noch bin ich nicht in Australien auf der anderen Seite der Welt, und doch habe ich kilometermässig einmal die Erde umrundet. Die Welt verliert an Dimensionen… Zudem breche ich fast Tag für Tag den Ostrekord, Australien rückt bedrohlich näher – und endlich habe ich einen Kontakt zu der Cargo-Firma hergestellt, die mir meinen Töff nach Australien transportiert. Es wird definitiv möglich, aber ziemlich kostspielig sein. Am 5. Oder 6. April wird das Schiff Dili in Osttimor verlassen, zuerst nach Singapore fahren und knapp drei Wochen später Darwin erreichen!

Ich wusste am Morgen nur, dass ich Sumbawa erreichen wollte. Ich fuhr am Morgen die 3 km zum Hafen, trank einen Indo-Kaffee und ass Nasi Campur (mit Gemüse und scharfer Sauce), wunderbar eingewickelt in ein Bananenblatt. Diesmal verpasste ich eine Fähre, aber in 45 min fuhr schon die nächste. Auf dem Schiff lernte ich den Oberbayern Matthias kennen, der mit seinem Roller, beladen mit zwei Surfbrettern unterwegs nach Hu’u war – ich werde ihn wohl dort noch einmal treffen. Natürlich war ich auf meiner Maschine wesentlich schneller unterwegs, erreichte bald Sumbawa Besar, denn unterdessen hatte ich beschlossen, die Weststrände doch nicht zu besuchen. Wie gestern hatte ich keine Ahnung, wo ich übernachten würde. Ich folgte der Nordküste bei angenehm mässigem Verkehr. Ich vermied auf diese Weise die sich türmenden schwarzen Wolken über den Bergen. Je länger der Tag dauerte, desto spannender und eindrücklicher war die Landschaft. Ich passierte einen schwarz verhangenen Vulkan und hielt lange Ausschau nach dem Santong Warung, den ich schliesslich auch fand. Hier wurden frische Fische angeboten, herrlich zubereitet auf Holzkohle. Direkt am Meer, wegen der Mangroven mit braunem Brackwasser, ass ich in einem kleinen Unterstand gleich zwei Fische mit Reis, Suppe und Gemüse und herrlich scharfer Chili-Sauce.

Die Hügel entlang der Küste wurden jetzt etwas höher und sind meist mit Mais bebaut. Ich fuhr jetzt geradewegs Richtung eines Schauers, aber ich hatte erneut Glück. Die letzten Regentropfen dieses Schauers bildeten mit der unterdessen tief liegenden Sonne vor der üppig grün-wilden Landschaft einen schönen Regenbogen. Bald erreichte ich eine grössere Stadt – Dompu, wo ich nach einigem Suchen ein Homestay (100‘000 IDR) fand. Sumbawa ist extrem konservativ-islamisch, es erstaunte mich deshalb nicht, dass ich nur schräg angeschaut wurde, als ich mich auf die Suche nach einem Bier machte… Dafür fand ich einen kleinen Warung, wo ich nochmals ausgezeichneten Fisch ass.

Km: 40‘204

 

Di, 08.03.2016: Worldclass-Surfspot in Hu‘u

Es war nicht mehr weit zu fahren bis zum Weltklasse-Surfspot in Hu’u an der Südküste Sumbawas. Hier trifft sich tatsächlich die Weltelite des Surfsports, wenn die richtig grossen Brecher angekündigt sind; dies könnte in den nächsten Tagen der Fall sein. Sofort fand ich Puma’s Bungalow, bezog ein spartanisch eingerichtetes Bungalow unweit der Küste (150‘000 IDR). Der Strand hier ist einigermassen enttäuschend und die Anforderungen zu surfen zu gross für mich, denn die grossen Wellen brechen an einem Riff 200 m vom Strand entfernt, die Verletzungsgefahr ist nicht klein. Die meisten Leute kommen nur wegen des Surfens hierher. Das Cliché passt perfekt: jung, braun gebrannt, blond, gut aussehend, meist junge Männer, die sich alle am selben Ort weit draussen im Meer aufhalten, um die perfekte Welle zu erwischen.

Ich war am Mittag schon in Hu’u und machte einen sehr faulen Tag mit Lesen, Faulenzen, gar Schlafen, gutem Essen mit Shrimps und Avocado-Salat. Die Leute hier sind wie eine Community unter sich, diskutieren stundenlang über ihren Sport. Ich hielt mich lange auf einem hoch gebauten Strandrestaurant auf, wo man perfekte Sicht auf die Surfer hat. Am Abend traf ich auf Matthias, den 32-jährigen Bayern. Sein Lebenskonzept besticht: Als passionierter Surfer hält er sich über den Winter bereits zum achten Mal in Indonesien auf, während er im Sommer mit seinen Bungy-Trampolinen und riesigen Wasserbällen, in denen man sich übers Wasser tollen kann, in Süddeutschland auf Märkten und Volksfesten aufhält, wo er das nötige Geld zusammenkriegt, um sich im nächsten Winter wieder seiner grossen Leidenschaft zu widmen. Es war ein spannender Abend mit diesem als Veganer (!) lebenden jungen Typen mit langen Diskussionen um Gott und die Welt.

Aber ich glaube gleichwohl nicht, dass ich sehr lange hier bleiben werde. Erstens erlaubt mir mein Ohr nicht mehr allzu viele weitere Surfversuche, zweitens fühle ich mich etwas abseits dieser Szene.

Km: 40‘246

 

Mi, 09.03.2016: Surf-Cracks in Action in Hu‘u

Vielleicht hätte ich Hu’u heute bereits wieder verlassen, hätte ich nicht gestern bereits für zwei Nächte bezahlt. Ein neuer Surf-Versuch reizte, aber ich konnte der Versuchung widerstehen, ich möchte mein Ohr dann lieber in Flores mit Schnorcheln wieder etwas strapazieren.

Nach dem Frühstück fuhr ich zum Periskop, einem zweiten ausgezeichneten Surfspot, wo ich wieder auf Matthias traf. Es war schon am Morgen sehr warm, ich versuchte mich am weiten Sandstrand im Meer mit deftiger Strömung etwas abzukühlen. Aber das Wasser ist so warm hier, dass eine Abkühlung fast nicht möglich ist. Ich beobachtete lange einige Surfcrack, vor allem einen Uruguayaner, der auf den Dreimeterwellen förmlich tanzte, sprang, sich drehte, gewaltig! Matthias ging erst ins Wasser, als einige andere Surfer zurückgekehrt waren. Es herrschte jetzt zwar weniger Verkehr, dafür drehte der Wind und kam jetzt vom Meer her, das jetzt nicht mehr spiegelglatt wie vorher war, sondern etwas unruhig, und Matthias klagte nachher, dass ihm heute überhaupt nichts gelungen sei…

Ich verbrachte den ganzen Abend mit diesem sehr angenehmen Typen. Wieder drehte sich das Gespräch ums Reisen und wie eine Beziehung und  Reisen unter einen Hut gebracht werden können. Hans-im-Schnäggeloch-Diskussion! Hab ich dies, will ich das andere, und hab ich jenes, ist es auch wieder nicht gut. Wir sassen lange in Puma’s Nachbarrestaurant, geführt von einem Neuseeländer, ich ass ausgezeichneten Ikan Rendang, und wir tranken einige Biere…

Km: 40‘260

 

Do, 10.03.2016: Perfektes Timing auf dem Weg nach Flores

Ich liebe Fährfahrten. Wie ein Film in Zeitlupe zieht die Landschaft an dir vorbei. Eben habe ich Pulau Banta passiert, und im Hintergrund ist Komodo sichtbar, wo die Fähre leider nicht anlegt. Deshalb bin ich auf dem Weg nach Labuan Bajo, der westlichsten Stadt Flores‘, wo es unterdessen einen Flughafen gibt und deshalb wohl einige Touristen zu erwarten sind. Ich werde hier wohl der Versuchung nicht widerstehen können, es wieder einmal mit Schnorcheln zu versuchen, denn das Gebiet zählt zu den weltbesten Tauchgründen. Eben haben wir eine Gruppe Delphine passiert. Munter sprangen sie in weitem Bogen aus dem kristallklaren Meer. Als ich mein Teleobjektiv endlich montiert hatte und die Fähre deswegen natürlich nicht angehalten hatte, waren wir schon zu weit weg, um noch ein vernünftiges Bild machen zu können. Aber das Bild hat sich wenigstens in meinem Hirn eingeprägt.

Pulau Banta und Komodo unterscheiden sich vegetationsmässig deutlich von Sumbawa. Sumbawa ist heute grün, die Mais- und häufig terrassierten Reisfelder stehen bald zur Ernte bereit. Damals im August 1990 erschien mir diese Insel überaus trocken, die Hügel und Felder waren gelb-braun verbrannt. Komodo macht mir auch jetzt einen trockeneren Eindruck. Zwar sind die Hügel saftig-grün mit Wiesenmatten bewachsen, lichte Wälder wachsen an den felsigen Steilküsten. Keine Siedlung ist auf beiden Inseln zu sehen, lange, golden-weisse, absolut unerschlossene Strände wären perfekt geeignet für ein Robinson-Abenteuer. Zwar dröhnt der Motor der Fähre, aber ich geniesse die Zeitlosigkeit dieser Reiseart.

Und ich hatte heute Morgen wieder einmal alles richtig gemacht. Schon um Viertel nach fünf Uhr surrte der Wecker meines Handys. Aber es dauerte über eine Stunde, bis ich endlich abfahrbereit war. Ich wollte Sape, den kleinen Hafenort an der Ostküste Sumbawas, zwischen acht und zehn Uhr erreichen, denn ich erhielt in Hu’u die vage Vermutung, dass in dieser Zeit die erste von nur zwei Fähren nach Flores ablegt. Bald hatte ich Dompu erreicht. Über einen kleinen Pass ging es jetzt Richtung Osten nach Bima, aber ich hätte mich lieber nicht auf die Wegweiser verlassen, denn einer der vielen Hinweisschilder führte mich wahrlich ins Schilf. Glücklicherweise fragte ich bald nach und realisierte meinen Irrweg, besser hätte ich wohl doch das GPS zu Hilfe genommen. Ich erreichte die enge Bucht von Bima, von wo aus ich eine bewaldete, üppig grüne Hügelkette zu überqueren hatte. Die Strasse führt in vielen Kurven bergauf Richtung Sape. Was für eine Töffstrecke! Und was für wilde Landschaften mit Wald, Reisterrassen, kleinen Dörfern, kleinen Pferdefuhrwerken, die Menschen oder verschiedenes Material transportierten. Ich erreichte Sape, fand den Hafen problemlos, indem ich einfach der guten Strasse (ohne irgendeinen Wegweiser) folgte. Kurz vor zehn Uhr fuhr ich in den Hafen ein, sah eine ziemlich beladene Fähre abfahrbereit dastehen. Schnell war ein relativ teures Ticket gekauft (325‘000 IDR) und ich fuhr als Letzter auf die kleine, vor allem mit Lastwagen beladene Fähre. Keine zehn Minuten später legten wir schon ab, mein Timing war also absolut perfekt. Glück und Intuition!

Die Überfahrt nach Flores war gemütlich und erholsam und dauerte fünf Stunden, es war also wirklich perfekt, diese Fähre noch erreicht zu haben. Ich passierte viele kleinere und grössere Insel, darunter den beeindruckenden Gunung Sangeang in perfekter Vulkanform und imposant aus dem Meer ragend. Wiederum hatten wir vor Labuan Bajo lange Zeit zu warten, bis die Anlegestelle frei wurde. Aber um fünf Uhr abends fuhr ich zum ersten Mal seit 25 Jahren auf Flores ein. Flores war vor langer Zeit eine portugiesische Kolonie, weshalb es hier viele portugiesisch tönende Ortnamen hat. Es hat viele christliche Gemeinden hier, es gibt aber auch Moslems, die Religionen sind durchmischt mit vielen uralten, animistischen Traditionen.

Ich fand im Bajo Beach Guesthouse schnell eine günstige Unterkunft (100‘000 IDR). Ich hatte den ganzen Tag noch fast nichts gegessen, wurde aber herrlich satt im nahen Made in Italy, wo man mir ausgezeichnetes Carpaccio di Manzo und eine perfekte Pizza servierte. Schon seit einiger Zeit war ich in Kontakt mit Moni Eigenmanns Tochter Vera, die ich später in einer Bar mit ihrer Freundin noch zu einem Bier traf. Angenehm, wieder einmal Schweizerdeutsch zu sprechen und unsere Reiseerfahrungen auszutauschen. Die beiden waren lange in Neuseeland und Australien und sind jetzt auf dem Heimweg. Schon am 19. März geht’s nach Hause…

Weniger glücklich kämpfte ich mit dem Organisieren einer Tour nach Komodo. Ich besuchte diverse kleine Reisebüros, war hart am Verhandeln, bis ich mich schliesslich für eine Tour entschieden hatte, die aber kaum eine Stunde später wegen Krankheit einiger Teilnehmer abgesagt wurde, womit ich zwischen Stuhl und Bank gefallen bin. Eigentlich wollte ich nur eine Überfahrt nach Komodo buchen, um dort einen fünfstündigen Treck zu unternehmen, aber niemand wollte mir einen solchen Trip verkaufen oder dann zu exorbitanten Preisen…

Km: 40‘423

 

Fr, 11.03.2016: Insel-Wunderwelt

Ich war früh wach, weil ich nicht genau wusste, wie der heutige Tag ablaufen würde, besuchte einige Reisebüros, die aber lange noch geschlossen waren. Als dann endlich eines der Büros von gestern geöffnet war, wollte man mich jedoch nicht mehr mitnehmen, weil die Tourvorbereitungen schon zu weit fortgeschritten waren. Ärger! Vorsorglich hatte ich trotzdem mein Material schon abreisebereit zusammengepackt und spazierte danach durch die Hauptgasse und wurde von einem Tourguide angesprochen. Es ging ganz schnell. Tatsächlich war in seiner Tour genau noch ein Platz frei. Ich bezahlte für den Zweitagestrip zwar etwas mehr (mit 900‘000 IDR recht viel), aber ich konnte raus aufs Meer. Innert einer Viertelstunde musste ich aber Punkt acht Uhr wieder auf der Matte stehen. Ich behielt mein Zimmer, opferte weitere 100‘000 IDR.

Nach der Registration bestiegen wir das Boot. Ein holländisches Paar, zwei junge Franzosen und die junge, 26-jährige Fabienne aus Berlin, alles sehr angenehme, zurückhaltende und nette Personen, konnte ich auf diesen Trip begleiten. Das Wetter stimmte, nur einige Cumulus stiegen über dem Land oder den kleinen Inseln auf, je höher sie waren, desto mehr. Wir schlugen den Weg Richtung Rinca ein. Nur schon die Fahrt an all diesen grünen Hügelinseln vorbei war ein Erlebnis. Nicht unerwartet ist Rinca heute viel besser ausgebaut als vor 25 Jahren, man bezahlt mit 242‘000 IDR auch einen deftigen Eintritt inklusive Guide. Ein Führer scheint offenbar essenziell zu sein, denn die hier vorkommenden Komdodo-Warane können manchmal angriffig sein – wenn dies dann auch wirklich wahr ist. Die gut Englisch sprechenden Führer waren aber nur mit einem zu einer Gabel geformten, grossen Stecken „bewaffnet“. Die ersten Warane sahen wir sehr bald bei der Ranger-Station. Sie machten unter den Ranger-Hütten eine Siesta. Diese Tiere sind auf Rinca und auf Komodo endemisch, fressen nur ungefähr einmal pro Woche. Dabei werden hier ebenfalls vorkommende Büffel, Hirsche (!) oder Wildschweine gebissen. Diese Tier verenden nach einem Biss qualvoll nach einigen Tagen, weil Lysterien-Bakterien eine tödliche Entzündung hervorrufen. Erst dann werden die Kadaver gefressen. Die Warane sind auf Rinca etwas kleiner als auf Komodo, sehen aber gleichwohl ziemlich furchterregend aus. Natürlich wurde hier munter fotografiert, und die Ranger hatten darauf zu achten, dass ich mich nicht zu nahe an die Tiere heranwagte, immer standen sie mit ihren Stecken abwehrbereit zur Stelle.

Nach einem kurzen Spazierganz zu einem Aussichtspunkt mit schöner Rundsicht auf die vertrackten Küstenlinien ging es nach anderthalb Stunden aber bereits weiter Richtung Komodo. Auf dem Weg machten wir Halt an Komodos Küste, wo ich einen neuen Schnorchelversuch wagte, trotz anfälligem Ohr, das ich mit meinen Silikonstöpseln möglichst gut abdichtete. Ganz netter Spot! Neben vielen farbigen Fischen erblickte ich unter einem Felsen eine riesige Moräne. Unser bereits bezahlter Eintritt galt auch für Komodo, aber wir erreichten die Rangerstation etwas spät, sodass es nur für einen kurzen Rundgang reichte. Auch hier konnten wir einige riesige Waran-Exemplare beobachten. Heute werden die Tiere nicht mehr wie vor Jahren mit Ziegen gefüttert (dies soll ihre Charaktere verschlechtern…), aber wiederum lagen eine ganze Reihe von furchterregenden Drachen unter den Schatten spendenden Bäumen.

Es war jetzt nicht mehr weit bis zum Bat’s Place, wo wir auf dem Boot übernachten wollten. Die Sonne versank hinter den entfernten Hügeln und verfärbte den Himmel in sensationeller Weise. Absolut kitschiger Sonnenuntergang! Gleichzeitig erwachten jetzt riesige Fledermäuse (flying dogs) auf den dichten Mangrovenbüschen am Strand der Bat’s-Insel. Je mehr es dämmerte, desto mehr schwangen sich in die Lüfte Richtung untergehender Sonne oder der dünnen Mondsichel, die jetzt plötzlich auch sichtbar wurde. Insel-Wunderwelt perfekt! Als es schon dunkel war, wurden wir mit fritierten Barracuda-Stücken, Gemüse, Nudeln und natürlich Reis bestens verköstigt. Die beiden Holländer hatten sogar noch einige Biere mitgenommen, die sogar einigermassen gekühlt waren. Natürlich unterhielten wir uns noch eine Zeitlang über unsere Reisen. Ich machte aber bald meine Bettstatt gleich vis-à-vis von Fabienne zurecht, übernachtete auf dem kühlen Deck. Der Wind säuselte um meinen Kopf, es wurde sehr feucht, sämtliche Textilien fühlten sich gegen Morgen klamm an, aber der Tag war mehr als gelungen, auch die beiden Kapitäne waren an Friedfertigkeit kaum zu überbieten.

Km: 40‘423

 

Sa, 12.03.2016: Manta-Rochen und ein stromloser Töff

Ich schlief auf dem schwankenden Boot und wegen des Generators eines nahen, luxuriöseren Bootes nicht besonders gut. Zudem waren die beiden Kapitäne des Bootes bei der Dämmerung schnell wach. Der stumme, aber  überaus fröhliche und nur mit Handzeichen kommunizierende Einheimische war bereits wieder unaufhörlich in extremer Stimmhöhe am Lachen. Wir waren schon um sechs Uhr unterwegs zum Manta-Point, zwei Stunden lang. Die Wolken waren dicht und im Süden brandschwarz, und tatsächlich gerieten wir bald in einen heftigen Schauer, nicht gerade die idealen Bedingungen, um Mantas zu beobachten. Die Flut war am Hereinkommen. Das Meer ist an dieser Stelle deshalb wahrlich am Fliessen. Ich habe noch nie eine stärkere Strömung gesehen! Genau wo die Strömung am stärksten war, tummelten sich wohl zwei Dutzend Manta-Rochen. Aber ohne besondere Einrichtung wäre man im Nu kilometerweit ins Meer abgetrieben worden. Deshalb wurde ein Seil ausgeworfen, an dem man sich festhalten konnte. Wir hielten wirklich am perfekten Ort und waren bei weitem die Ersten, die diesem Naturschauspiel beiwohnen konnten. Und netterweise verzogen sich die Gewitterwolken im Nu, und die Sonne spendete das ideale Licht für ein Unterwasserschauspiel.

Wir waren bald schnorchelnd im Wasser, gesichert durch dieses Seil, das auch zum Ausruhen diente. Die gewaltigen Rochen schwammen erhaben nur Zentimeter an uns vorbei, den riesigen Mund weit geöffnet. Die Nahrung, Plankton, wurde ihnen gewissermassen automatisch in den Mund gespült. Sie mussten nur an Ort verharren oder die Seiten ihres ganz schmalen Körper leicht bewegen, um gleichsam ganz elegant etwas im Wasser zu schweben und gleichzeitig zu fressen. Und immer kamen wieder neue Tiere herangeschwommen. Allerdings musste man etwas achtgeben auf ihren langen Schwanz, denn ein Stich mit dessen Ende wäre überaus schmerzhaft. Ich versuchte per GoPro Bilder und Filme zu machen, zum ersten Mal unter Wasser. Einmal trieb es mich etwas weg vom Rettungsseil, weil ich einem Tier nachtauchte, und nur mit voller körperlicher Anstrengung schaffte ich, das Seil wieder zu ergreifen. Ich blieb unendlich lange im Wasser, um mit diesen faszinierenden Tieren zu schwimmen. Aber auch vom Boot aus liessen sich die Tiere sehr gut beobachten. Immer wieder erschienen sie mit ihren gewaltigen Körperausmassen an der Wasseroberfläche, die obere Flosse immer steil gegen den Himmel gerichtet. Es war einfach ein wunderschönes Schauspiel! Schliesslich sprangen auch noch zwei Delphine wiederholt in weitem Bogen aus dem Wasser, um gleich wieder unterzutauchen und einige Meter weiter wieder zu erscheinen. Je höher der Wasserspiegel stieg, desto mehr nahm die Strömung ab, die Mantas verteilten sich auf grösserer Fläche. Und jetzt erschienen weitere Boote, die Passagiere hatten es aber viel schwerer, die Tiere zu beobachten.

Frisch gestärkt mit Reis, Poulet, Gemüse und Salat machten wir uns dann auf den Rückweg. Perfekt, an Bord etwas zu schlafen. Wir machten noch einen Halt bei Kanawa-Island, um nochmals etwas zu schnorcheln, aber das Licht und die Sicht waren nicht gut, am Nachmittag zogen wieder vermehrt Wolken auf. Vor Labuan Bajo fragte ich die nette, muntere und unterhaltsame Fabienne, ob sie Lust hätte, mich eine Zeitlang auf dem Töff zu begleiten, denn ich wusste, dass sie das genau gleiche Routing im Kopf hatte wie ich. Sie überlegte nicht lange und war sofort dabei. Bin ja gespannt, wie sich mein Gefährt mit noch mehr Gewicht steuern und kontrollieren lässt!

Nach der Rückkehr und einer herrlich entsalzenden Dusche freute ich mich schon aufs Bier und wollte die grossartigen Eindrücke im Tagebuch verewigen. Als ich beim Töff den Kilometerstand überprüfen wollte, wurde ich einigermassen überrascht, denn das Display beim Cockpit blieb tot. Auch mehrmaliges Ausprobieren nützte nichts. Ich konnte mir nicht erklären, weshalb meine Batterie vollkommen entladen war. Ich stiess den Töff Richtung Hafen zu einem kleinen Motorradhändler, aber der Laden war geschlossen. Schnell kam ich in Kontakt mit einigen Einheimischen, die versuchten, mich anzustossen, aber das Tempo war zu gering, als dass sich der Motor starten liess. Aber es ging nicht lange, bis ein Auto mit Ladefläche organisiert war und der Töff dank unzähliger helfender Hände darauf gehievt war. Diesmal war ich mit meiner Maschine ein etwas trauriger Blickpunkt für viele Touristen oder gaffende Einheimische.

Der Töff war bald abgeladen. Jetzt war ich gefordert, denn keiner der jungen Mechaniker hatte sich schon jemals an einem so grossen Gerät zu schaffen gemacht. Der Tank musste weg, das wusste ich. Dafür mussten aber zuerst alle Verschalungen mit Blinker weggeschraubt werden. Dann musste ich die Schrauben finden, mit denen der Tank am Rahmen befestigt war. Das grösste Problem war aber, den Tank von Benzinschlauch und zwei elektronischen Verbindungen zu befreien. All dies brauchte zu viel Zeit, denn als wir die Batterie endlich zu zwei verschiedenen Autobuden zum Wiederaufladen bringen wollten, waren beide Geschäfte schon geschlossen. Das heisst, dass die morgige Abreise zumindest verschoben werden muss. Morgens um sieben Uhr werde ich wieder auf der Matte stehen, damit die Arbeit auch wirklich fortschreiten kann.

Ärgerlich ist mittlerweile, dass die Panne auch Folgen für Fabienne hat, die aber sehr unkompliziert und angenehm reagierte. Wir assen gemeinsam im Mediterranea, einem weiteren italienischen Restaurant im Ort. Das Barracuda-Carpaccio war ein Gedicht! Ich bin gespannt, wann ich oder wir dann wirklich aus Labuan Bajo wegkommen werde(n), denn ich kann mir nicht erklären, warum sich meine Batterie innert zweier Tage vollkommen entleert hat. Wo ist wohl das Leck? Ist Aufladen nur Symptombekämpfung? Wird sich zeigen in den nächsten Tagen… Für Spannung auf vielen Ebenen ist gesorgt…

Km: 40‘423

 

So, 13.03.2016: Doppeldekker

Ich fühlte mich gestresst heute Morgen, weil ich nicht sicher wusste, ob ich mit dem Laden der Batterie den Fehler an der richtigen Stelle gefunden hatte. Schon um acht Uhr war ich deshalb beim Motorradhändler, und der war bereits aktiv und hatte die Batterie bereits in eine Autogarage gebracht, um sie aufzuladen.

Nicht zum letzten Mal nahm ich die 500 Meter zurück zu meinem Hotel unter die Füsse, fand zu Hause Zeit fürs Tagebuch und mein Gepäck zu richten. Es war schon am Morgen drückend heiss, und Abkühlung gab’s nur unter der Dusche. Um elf Uhr erschien ich ein weiteres Mal beim Mechaniker, der Chef meinte, dass es besser wäre, wenn die Batterie noch weitere zwei Stunden geladen würde. Unterdessen erschien Fabienne beim Hotel, und wir packten noch einige Gepäcksteile um. Mein grosser Rucksack war jetzt proppenvoll, Fabiennes so stark geschrumpft, dass daneben auch noch der kleine Rucksack Platz haben würde.

Als ich um eins Uhr zum dritten Mal beim Mech erschien, lag die Batterie schon bereit. Das Einbauen ging schneller als das Ausbauen. Und o Glück, die Zündung funktionierte, der Motor liess sich starten! Jetzt kam die nächste Herausforderung, nämlich all das Material so zu packen und festzubinden, dass auch Fabienne bequem sitzen konnte. Mit Vollvoll-Ladung ging’s nach zwei Uhr endlich los. Das Fahrgefühl war nicht viel anders, zumindest aufwärts, abwärts drückte das Gewicht etwas nach vorne, und ich brauchte etwas mehr Armmuskulatur. Aber ich fuhr auch besonders vorsichtig, damit sich Fabienne hinter mir auch wohl fühlt. Dem Wohlbefinden weniger zuträglich war das Gepäck hinter ihr, das vor allem abwärts Druck von hinten auslöste, was auch ich zu spüren bekam. Immer wieder versuchte Fabienne nach hinten zu rutschen, um mir nicht allzu nahe zu kommen. Schliesslich zogen wir die Bänder nach. Es ging jetzt zwar etwas besser, aber optimal ist anders…

Wie erwartet waren heute viele Kurven zu bewältigen. Bald waren wir weit oberhalb Labuan Bajos, ein erster Fotohalt war fällig. Aber die Abstimmung von uns beiden klappte noch nicht perfekt, denn schon beim ersten Halt legte ich meine Maschine hin – Gewicht unterschätzt. Zu dritt (ein Passant hielt netterweise gleich an) war es leicht, die Maschine wieder auf die Räder zu bringen. Jetzt fuhren wir weiter bergauf in Richtung bedrohlicher, schwarzer Wolken. Aber noch hatten wir Glück. Zwar tröpfelte es immer wieder, aber dem wirklichen Schauer entkamen wir. Nach einem gebirgigen, überaus wilden Teil mit viel Wald und einigen kleinen Dörfern erreichten wir beinahe die  Südküste Flores‘. Hier war es wieder trocken. Riesige Reisfelder sind hier angelegt, die Menschen freuten sich offensichtlich, dass zwei Touristen auf diese Weise unterwegs sind. Freundliches Lachen, Winken, Rufen – zum wiederholten Mal.

Als wir Richtung Ruteng aber wieder ins Gebirge kamen, entrannen wir dem Regen nicht mehr, der uns bis nach Ruteng begleiten sollte. Fabienne reagierte sehr unkompliziert, trotz Regens und dass sie das Gepäck von hinten beinahe erdrückte, weil es jetzt wieder ordentlich abwärts ging. Wir sind jetzt im mjr-Homestay mitten in Ruteng untergebracht, wir wurden ganz nett empfangen. Dann gab’s Essen und Bier in einem nahen Restaurant.

Das war der erste Tag unserer gemeinsamen „Doppeldekker-Tour“… Das kommt ganz gut!

Km: 40‘560

 

Mo, 14.03.2016: Der verfängliche Wegweiser – und seine nette Folge

Schon gestern war mir auf der Fahrt ein Wegweiser etwa 25 km vor Ruteng aufgefallen, der nach Waerebo führt, einem Bergdorf nahe der Südküste Flores‘, in dem noch in alter Manggarei-Tradition gelebt wird. Ohne diese Beschilderung wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, dieses schon in Labuan Bajo beworbene Dorf zu besuchen. Aber genau dies wollten wir heute machen – ohne Führer auf eigene Faust!

Kurz nach neun Uhr fuhren wir los mit wenig Gepäck Richtung Westen und wollten zuerst die in Spinnennetzform angelegten Reisfelder von Cancar besuchen. Es war ein kleiner Umweg und ein kurzer Spaziergang auf einen Hügel, um Sicht auf diese riesigen Reisfelder, verschlafene Dörfer im Hintergrund und bewaldete Hügelketten im Hintergrund zu kriegen. Die aussergewöhnliche pitureske, ungewöhnliche Form dieser Reisfelder geht zurück auf eine alte Tradition, als die Felder mit Hilfe der Finger einer Hand in verschiedene Segmente aufgeteilt wurden, je nach Grösse einer Familie. Dies war immer verbunden mit einem Ritual, während dem ein Büffel geopfert wurde. Angepflanzt wurden damals jedoch nicht Reis, sondern Cassava, Kartoffeln, Mais und Trockenreis. Die Felder wurden ausgedehnt, der Wald gerodet, wenn die Familien und Clans grösser wurden. Wir blieben einige Zeit auf diesem Hügel und staunten über die grossartige Aussicht.

Es war jetzt nicht mehr weit bis zum erwähnten Wegweiser Richtung Waerebo. Wir erwarteten eine weitere Fahrt von 20 km, um von dort zu Fuss dieses Dorf auf einem Dschungelweg erreichen zu können. Aber die Fahrstrecke sollte es in sich haben. Je weiter wir fuhren, umso schlechter und mit Schlaglöchern und extrem grobem Kopfsteinpflaster durchsetzt wurde die Strasse. Fabienne litt hinter mir, denn sie hatte den grossen Rucksack umgehängt, während ich den kleinen vorne auf meiner Brust trug. Der Weg führte dem zerklüfteten Berghang entlang. Wir erreichten Dörfer weit oben am Hang (von wo wir dachten, jetzt könnten wir unsere Wanderung endlich starten), aber dann führte die Strecke wieder steil bergab. Schliesslich machten wir einen Halt bei einem netten, kleinen Schweinchen. Glücklicherweise hatte ich ein kleines Zurrfix mitgenommen, das gerade genügend lang war, um Fabiennes Rucksack auf dem Gepäckträger zu befestigen. Unglaublicher- und überraschenderweise landeten wir schliesslich an der Südküste Flores‘. In hundert Kurven folgten wir jetzt dem wilden Ufer, es war sehr warm. Schliesslich waren wir statt 20 deren 90 km unterwegs, bis ein kleiner Fahrweg endlich Richtung Berge führte. Zuerst stärkten wir uns in einem einsamen Restaurant mitten in saftig-grünen Reisfeldern mit einem Nasi Telur (Reis mit Ei), tranken tassenweise Tee, und fuhren dann endlich den Berg hoch bis auf 800 m.ü.M. Hier parkierten wir den Töff.

Fabienne hatte grossen Respekt vor dem Aufstieg, weil sie des Wanderns nicht so gewohnt sei. Davon merkte ich allerdings nicht viel. Wir rechneten mit über drei Stunden Marschzeit, sodass wir erst am Abend im Dorf ankommen würden, aber wir brauchten nur zwei Stunden. Schon auf der Fahrt wurden wir durch die aussergewöhnliche Freundlichkeit der winkenden und rufenden Manggarai-Menschen erfreut, aber beim Aufstieg wurde dies noch deutlich gesteigert. Jeder Einheimische grüsste uns mit der Hand, stellte sich vor mit Raffael, Antonius, Josef, konsequent mit biblischen Namen.  Die Menschen hier sind weitgehend Katholiken, deshalb sieht man auch immer wieder Kirchen.

Waerebo ist in einem lange erloschenen Krater inmitten von bewaldeten Hängen gelegen. Riesige, runde, mit Gras und Stroh bedeckte Häuser, in denen mehrere Familien wohnen. Wir wurden empfangen vom 92-jährigen Dorfältesten, der gleich begann, zu unseren Ahnen zu beten, wofür wir 20‘000 IDR bezahlten. Jetzt waren wir Teil der Dorfgemeinschaft. Von Marcel wurden wir ins Gästehaus geführt, wo uns Kaffee aus den hauseigenen Plantagen und Bananen angeboten wurden. Die indonesische Regierung und sogar die EU unterstützen das Projekt Waerebo, indem versucht wird, die alte Lebensweise mit all den Traditionen am Leben zu erhalten. Wir waren heute die einzigen Gäste im Dorf, beobachteten die herumtollenden, kleinen Kinder auf der grossen Zentralwiese, Frauen, die in grossen Steingefässen mit riesigen Stecken Kaffee mahlen, andere, die in düsteren Küchen über dem Feuer am Kochen waren. Es erschienen Einheimische vom Tal, beladen mit Säcken von Reis (das hier oben auf 1100 m.ü.M. nicht wächst) oder ganzen Bündeln von an den Füssen zusammengebundenen Hühnern. Es gab hundert Sachen zu beobachten und zu bestaunen.

Das Gästehaus ist wohl das grösste Dormitory, in dem ich je geschlafen habe. Über vierzig Leute fänden darin Platz, aber wir waren die einzigen hier. Als der Nebel immer mehr aufzog, wurden wir bestens verköstigt mit Reis, Poulet und Gemüse, mehr Bio geht wohl nicht. Dann spielte ich eine Partie Schach gegen Fabienne, die mir eine überaus nette Reisepartnerin ist. Wenn es dunkel ist, wird es schnell ruhig im Dorf, und auch wir legten uns auf die mit Schaffell gepolsterten, geflochtenen Matten. Es war weniger kalt als erwartet, gleichwohl benutzte Fabienne meinen Schlafsack. Gute Nacht!

Und: Die Batterie scheint bei der Ladeaktion genügend Strom abbekommen zu haben, die Maschine liess sich starten wie immer.

Km: 40‘643

 

Di, 15.03.2016: Waerebo am Morgen und wild-abenteuerliche Rückfahrt nach Ruteng

Wir erwachten heute nicht wegen schreiender Muezzins schon früh am Morgen, diese Funktion hatten diesmal die Hähne übernommen. Schon um Viertel nach sechs Uhr genossen wir die Aussicht auf das friedliche Dorf von einem Aussichtspunkt. Das Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit der Menschen im Dorf waren schier nicht zu überbieten. Die kleinen Kinder tollten bereits wieder auf der grossen Wiese herum. Die schulpflichtigen Kinder sind jedoch unter der Woche nicht im Dorf, weil sie im Tal die Schule besuchen und bei Verwandten untergebracht sind. Zum Frühstück gab es frisch gemahlenen Kaffee, Reis und Spiegeleier.

Dann besuchten wir Josef mit seiner Familie in seinem Haus. Wir hatten ihn schon gestern während des Aufstiegs kennengelernt. Josefs Frau war mit ihrem zehnmonatigen Säugling am Kochen. Über der Feuerstelle sind Dutzende Maiskolben zum Trocknen aufgehängt. Gleich fünf Etagen gibt es in dem hohen, luftigen Haus, die oberste ist den Geistern und Ahnen gewidmet. Noch immer vermischt sich im Glauben der Leute der christliche und der animistische Ansatz. Es war herrlich sonnig heute Morgen, die Menschen pflegten ihre Gärten, schauten zu den unzähligen Kaffeepflanzen, dem Mais, Gemüse. Aber es herrscht überhaupt kein Stress hier. Man lebt in den Tag, hat Zeit für einen Schwatz, sitzt auch einfach einmal da oder ist beschäftigt mit Ikat-Weben. Riesige Tücher, zum Beispiel als Sarong zu gebrauchen, werden von Hand vielfarbig gewoben. Natürlich stand uns auch der 25-jährige Marcel auf all unsere Fragen Red und Antwort – er hat in Bali im Tourismus gearbeitet und spricht unterdessen ganz gut Englisch und ist deshalb ins Dorf zurückgekehrt, ist verheiratet und hat bereits ein Kind.

Wir genossen noch eine Zeitlang die überaus friedliche Stimmung im Dorf, spielten nochmals ein Schach und machten uns auf den Rückweg aus dem Krater zuerst bergauf und bald bergab Richtung Motorrad. Diesmal brauchten wir nur anderthalb Stunden für den Weg. Abwärts plagt mich noch immer die in Java vermeintliche verstauchte Zehe, die wohl doch eher gebrochen ist. Es war unterdessen sehr warm geworden und ich kühlte mich im glasklaren Wasser des Bergbaches bei unserem Parkplatz ab, wir stärkten uns mit Bananen und Biscuits.

Wir hatten die Küste bald wieder erreicht und hatten eigentlich vor, auf demselben Weg nach Ruteng zurückzukehren. Dies gelang auch, solange wir der Küste folgten. Durch die weiten Reisfelder, wiederum vorbei an uns freudig grüssenden Einheimischen wählten wir jetzt einen Weg am Ostrand des weiten Tales. Aber wir fuhren jetzt geradewegs in einen sprichwörtlichen Schauer, wir hatten jedoch Glück, bald war es wieder trocken. Aber die Strasse war rauh und mit Schlaglöchern, zudem jetzt mit riesigen Wasserpfützen durchsetzt. Und wir stiegen und stiegen, es wurde kühler und kühler. Die schmale Strasse schlängelte sich den steilen Urwald-Bergrücken entlang, und immer noch höher. Aber schliesslich erreichten wir die Passhöhe, und von hier war es nur noch ein Katzensprung bis Ruteng. Der direkte Weg über diesen Pass ersparte uns einige Kilometer. Wir waren hungrig nach der anstrengenden Fahrt, machten aber trotzdem zuerst eine Dusche und vertrieben im selben Restaurant wie vorgestern unseren Hunger.

Nachher hielten wir ein Schläfchen, bis es eindunkelte, fuhren nochmals aus auf der Suche nach einem Bancomaten und wurden schliesslich fündig.

Km: 40‘705

 

Mi, 16.03.2016: 4 Pohon – 4 arbres

Es gab einen riesigen Menschenauflauf in Ruteng vor unserem Homestay, als ich begann, das viele Gepäck etwas optimaler als in Labuan Bajo zu packen. Eigentlich habe ich alleine schon zu viel Gepäck, aber jetzt erst zu zweit, obwohl Fabienne netterweise recht eingeschränkt reist. Diesmal befestigte ich den untersten, grössten Rucksack zu unterst extra, damit er nicht mehr nach vorne rutschen kann und Fabienne bedrängt. Aber es stellte sich heraus, dass der zweite Rucksack etwas zu weit vorne montiert war.

Wiederum assen wir gemeinsam mit dem chinesisch/indonesisch-japanischen Paar ein deftiges Frühstück mit Reis, serviert in einer Plastik-Verpackung, bevor wir gegen zehn Uhr endlich bereit waren, loszufahren Richtung Nordküste Flores‘. Ich war vorerst langsam und übervorsichtig unterwegs, denn ich wollte mich zuerst wieder an das zusätzliche Gewicht mit netter Passagierin gewöhnen. Weil Ruteng schon über 1000 m.ü.M. liegt, ging es nicht mehr weit bergauf, vielmehr zuerst in vielen Kurven durch eindrückliche, terrassierte Reisfelder. Nach der Passhöhe ging es auf erstaunlich gut ausgebauter Strasse durch dichte Wälder und vorbei an kleinen, verträumten Dörfern Richtung Küste. Wiederum wurden wir von den Einheimischen auch im Vorbeifahren lautstark begrüsst oder mit einem Lachen gleichsam willkommen geheissen.

In Reo machten wir einen Halt, um das Gepäck etwas nach hinten zu binden. Auch hier erschienen immer mehr neugierige Florianer. Eine Gruppe war bereits am Araktrinken; natürlich wurde auch uns von diesem nicht besonders starken Getränk angeboten – und wir konnten kaum ablehnen. Wir erwarteten jetzt eigentlich eine Herausforderung, die Küstenstrasse zu meistern. Zwar war die Strasse meist recht schmal, aber fast immer geteert, nur auf kurzen Abschnitten war Gravel zu bewältigen. Wir erreichten das anvisierte 4 Pohon um zwei Uhr und hatten Glück, denn kurz darauf begann es zu regnen. Ein Franzose („je suis un adventurier!“) hat dieses kleine Resort wirklich im middle of nowhere aufgebaut. Zwar gibt es einen nahen Strand und einen Fluss, auf dem man den Kajak benutzen kann. Es ist wunderschön ruhig hier, wir sind auch die einzigen Touristen, aber dies wäre wohl nicht der Ort, wo ich selber eine solche Anlage aufbauen würde. Olivier bietet hier Motorrad- und Offroad-Autotouren an und hat wohl im Sommer mehr Touristen.

Wir verbrachten einen ruhigen Nachmittag, assen eine Omelette mit selbst gebackenem Brot, tranken ein Bier. Am Abend gab’s Fisch und Salat an Olivenöl (!). Dann zeigte ich Fabienne einige Bilder vom ersten Teil meiner Reise.

Km: 40‘845

 

Do, 17.03.2016: Kanu-Fahrt bei 4 Pohon

Wir sind hier in einer absolut abgelegenen Region gelandet. 4 Pohon, geführt von Olivier mit seiner schwangeren, einheimischen Freundin, wird wohl nur selten von Touristen besucht, und wir blieben in dieser Anlage mit weiten Wiesen und Garten direkt am allerdings braun gefärbten Fluss gelegen die einzigen Gäste.

Diesen Fluss nutzten wir, um uns mit zwei Kanus bis zum Meer treiben zu lassen. Netter Ausflug! Dies dauerte eine gute Stunde; wir blieben dort lange am weiten, leeren Strand, erfreuten uns an einem kleinen Krebs, der munter und frech über unsere Hände spazierte. Wir sassen lange dort unter einem Baum am Schatten, assen von unseren mitgebrachten Keksen und warteten, denn eigentlich hätte uns ein Fahrrad gebracht werden sollen, damit wir radelnd den Rückweg antreten können. Aber niemand erschien. Aber es war keinen Moment langweilig mit Fabienne, die junge Dame passt mir ganz gut! Als sich in den nahen Bergen ein Gewitter zusammenzog, machten wir uns zu Fuss auf den Rückweg. Die zwei Bediensteten des Hauses kamen uns jetzt mit ihrem Einachser und zwei Velos entgegen, sodass wir die letzten zwei Kilometer auf dem Fahrrad zurücklegen konnten. Just jetzt begann es natürlich zu regnen. Aber am Nachmittag zeigte sich die Sonne wieder. Nach einem leichten Lunch mit frischem Salat und Olivenöl arbeitete ich etwas an meinen vielen neuen Fotos, während Fabienne meine grosse Musiksammlung auf dem Handy durchkämmte.

Es war ein ruhiger, fauler Tag an diesem gediegenen Ort. Am Abend assen wir frischen Fisch mit Gemüse und Reis.

Km: 40‘845

 

Fr, 18.03.2016: Wenn einem 40 km wie deren 400 vorkommen…

Dies war ein langer Reisetag, gespickt mit zeitraubenden und sogar Schmerzen verursachenden Vorfällen…

Es brauchte am Morgen viel Zeit, bis unsere Riesenladung endlich fertig gepackt und verzurrt war. Aber perfekt war sie nochmals nicht, denn die Schnalle des Spannsets war auf der Vorderseite des Gepäcks montiert und drohte Fabienne in den Rücken zu drücken. Deshalb wollten wir ein Probesitzen versuchen mit verhängnisvollen Folgen, denn beinahe kippte die Maschine um, aber wir konnten sie gemeinsam schliesslich doch noch aufrecht halten, mit schmerzhaften Folgen, Fabienne verletzte sich bei einem Betonabsatz am Fuss, ein ganzes Stück Haut hatte sich von der Fusssohle gelöst, sodass der Fuss eingebunden werden musste.

Der Zufahrtsweg von Reo Richtung 4 Pohon war manchmal schon eine Herausforderung, aber jetzt wurde es bis Riung richtig dick und überaus schweisstreibend, denn die Strasse war nur mehr ein Weg mit ruppigen Steigungen über Geröll und grosse Steine, aber auch Schlammpfützen und -rinnen. Gleich mehrmals musste Fabienne absteigen und ein Stück zu Fuss gehen. Es war eine 25 km lange Fahrt im ersten und zweiten Gang, die mir alles abverlangte, vor allem weil ich jetzt noch viel schwerer unterwegs war. Fabienne hielt diese Fahrt stoisch aus. Als wir endlich eine erstaunlich gut und neu geteerte Fahrbahn erreichten, währte die Freude nur kurz, denn kurz darauf trafen wir erneut auf einen Abschnitt mit Schlaglöchern und schwierig zu befahrene Stellen. Gleichzeitig staunte ich, wie ich alle Klippen recht souverän meisterte. Nur das Gepäck musste einige Male nachgespannt werden, denn die unebenen Stellen rüttelten am montierten Gepäck, sodass wir auch die Wasserflasche verloren und jetzt wasserlos unterwegs waren. Gerettet waren wir erst kurz vor Riung, als die Strasse schlagartig definitiv besser wurde. Wir überquerten die Insel jetzt in südöstlicher Richtung, bis wir die TransFlores erreichten. Wir folgten der Südküste in unendlich vielen Kurven bis Ende (so heisst die kleine Stadt wirklich), wo wir in einem Restaurant in der Stadt bei gutem Menu eine längere Rast einlegten. Am Hafen fand ich heraus, dass hier am 23. sowie 30. März eine Fähre nach Kupang/Timor ablegt.

Fabienne fühlte sich wegen ihrer Fussverletzung nicht genügend fit für den Kelimutu-Trip, sodass wir uns entschlossen, weitere über hundert Kilometer unter die Räder zu nehmen, um am Strand von Paga etwas ausspannen zu können. Es war unterdessen aber schon halb fünf Uhr, und die nächsten Klippen liessen nicht lange auf sich warten. Der touristische Wert der vielfarbigen Kelimutu-Kraterseen wird unterdessen nicht mehr verkannt, weshalb man die Strasse massiv ausbaut, sodass Erdrutsche im steilen, gebirgigen Gelände sie nicht mehr verschütten können. Mit grossem Gerät war man daran, ganze Hänge nahe der Strasse abzutragen. Riesige Felsbrocken kamen dabei zum Vorschein, die per Bagger zum Absturz gebracht werden mussten. Deshalb warteten wir an einer Stelle über eine Stunde, bis wir weiterfahren konnten. Dafür konnte ich miterleben, wie ein riesiger Felsbrocken zu Tal Richtung Strasse donnerte. Eine veritable Mofa-Kolonne und einige Autos und Lastwagen drängten sich von beiden Seiten auf die bald wieder freigelegte Strasse, aber sogleich hiess es wieder anhalten, bis auch hier die Durchfahrt wieder möglich war. Auf diese Weise verloren wir viel Zeit, sodass es noch vor Moni, dem Ausgangspunkt für Kelimutu, einzudunkeln begann. Wir waren unterdessen ordentlich aufgestiegen, durchstreiften weitere terrassierte Reisfelder. Fabienne begann zu frieren, sodass ich ihr meine Jacke übergab. Ich war so durchgeschwitzt vom anstrengenden Fahrtag, dass die kühle Luft für mich richtiggehend wohltuend war. Das schlechte Gewissen hätte sich Fabienne wirklich ersparen können.

Nach einem weiteren Halt kurz nach Moni und schon bei stockdunkler Nacht 40 km vor dem Ziel machten wir eine letzte Rast. Aber auch die letzten Kilometer hatten es in sich. Erstens war es finster wie in einer Kuh, und zweitens führte die Strasse durch steiles Hügelland mit unzähligen Kurven. Noch einmal war höchste Konzentration gefragt. Ich bekam den Eindruck, wir kämen nicht mehr an, denn wir kamen nur schleppend voran. Als wir endlich die Küste, erneut im Süden, erreichten, war es schon acht Uhr. Aber noch hatten wir keine Unterkunft gefunden. Ein kleines Schild wies uns jedoch auf eine solche hin: Paga Beach Bungalow, tönt doch gut. Aber ich war etwas zu weit gefahren und musste auf recht steilen Strasse wenden. War es die Müdigkeit, die Steilheit der Strasse oder das Gewicht unserer Ladung, dass ich beim Kehren das Gleichgewicht verlor, sodass die Maschine wieder einmal dalag, mitten auf der Strasse bei vollkommener Dunkelheit? Bald kamen zwei Einheimische mit ihrem kleinen Motorrad herangefahren, und dank deren Hilfe war der Töff bald wieder auf den Rädern. Diesmal kam ich aber nicht schadlos davon: Der Blinkerschutz war abgebrochen, und ich erlitt einige Schürfungen auf Brust und Oberarm. Aber alles halb so schlimm. Weniger nett sahen die Bungalows am Strand aus, die aussahen, als wären sie seit Urzeiten nicht mehr bewohnt worden. Aber wir hatten gleichwohl Glück. Gleich auf der anderen Strassenseite fanden wir eine kleine Unterkunft, gebaut fast ausschliesslich aus Bambusmaterial. Das Hallo war gross, als wir hier Halt machten, die Begrüssung war überaus nett und die Unterkunft sauber und günstig (100‘000 IDR), wenn auch direkt an der Hauptstrasse gelegen.

Wir unterhielten uns noch eine Zeitlang mit der gut Englisch sprechenden, jungen Manggarai-Frau, die sich freute, ihr Englisch praktizieren zu können. Wir sassen eine Weile im Eingangsbereich. Viele neugierige Augenpaare waren auf uns gerichtet. Touristen, die hier Halt machen, gibt es wohl nur selten.

Morgen lockt die Koka-Beach, Ruhe ist angesagt nach diesem Tag, an dem für einmal nicht alles rund lief…

Km: 41‘112

 

Sa, 19.03.2016: An Freundlichkeit nicht zu überbieten

Je weiter wir gegen Osten fahren, desto freundlicher werden die Menschen. Entweder gibt es augenblicklich einen Menschenauflauf, wenn wir anhalten, oder wir werden während des Fahrens rufend und schreiend begrüsst: „Hello Mister, hello Miss!“ Das Lächeln in den Gesichtern, die strahlenden Augen der Einheimischen lässt einen wirklich das Gefühl bekommen, dass man herzlich willkommen ist.

Ich stand etwas früher auf als Fabienne, trank einen Kaffee und ass bereits fried noodles, war übers Handy am Internet, um endlich herauszufinden, welche Formalitäten zu erfüllen sind, dass man nach Osttimor einreisen darf. Eigentlich könnte man ein Visum online beantragen, aber dies soll nicht immer klappen. Aber in Kupang benötige ich drei Tage, um zu diesem Visum zu kommen. Zudem weiss ich noch immer nicht, wie ich dann wirklich nach Kupang komme, denn nur unregelmässige fahrende Fähren verbinden Flores mit Timor. Eine Möglichkeit ist dabei die Abfahrt von Ende, lieber würde ich aber vom Osten von Maumere oder Larantuka übersetzen, denn Ostern in dieser Stadt am östlichen Ende Flores‘ sollen hier besonders besuchenswert sein. Schliesslich fand ich am Abend heraus, dass das Pelni-Schiff von Maumere wohl nicht in Frage kommt, der 22. März ist zu früh, der 31. März zu spät. Leider!

Kurz vor Mittag fuhren wir zur nahen Koka-Beach, einem herrlichen, perfekten Strand mit praktisch null Infrastruktur. Der mondsichelförmige Strand mit glasklarem, türkisgrünem Meer lud uns zur Ruhe ein. Fabienne guckte auf ihrem Handy einige heruntergeladene Fernsehserien (!), ich las etwas im Harry Potter V. Am späten Nachmittag assen wir in einer sehr einfachen Strandbude Kokosnuss, Fisch, Gemüse und Reis, ganz lecker zubereitet. Wir wurden überaus freundlich bedient, kriegten auch einen Arak als Zugabe.

Dieser Strand ist durch einen Felsen in zwei Teile getrennt. Und genau diesen Felsen wollte ich gegen Abend erklimmen. Wunderschöne Aussicht, auch wenn das Erklimmen nicht so einfach war, weil der Zugang versperrt war! Nach einem letzten Schwumm im lauen Meer fuhren wir zurück und genossen die Zeit auf der Terrasse unseres Guesthouses. Strom gab es allerdings erst um halb neun Uhr. Dann schrieb ich etwas, las. Fabienne schläft bereits. Es ist wunderbar ruhig in der Nacht, nur wenige Autos und Motorräder befahren die Strasse, aber morgens geht’s schon früh wieder los. Das Leben hier spielt sich des Tags ab, eigentlich vernünftig.

Km: 41‘136

 

So, 20.03.2016: Vergnüglicher Strandtag mit Grabattacken

Nach dem Frühstück waren wir heute Morgen etwas früher unterwegs als gestern. Das Meer an der Koka Beach schien heute noch klarer und türkisfarbener zu sein. Was für ein herrlicher Ort! Es ist verwunderlich, dass hier nicht schon längst Bungalows stehen, der Tourismus steht hier noch in den Kinderschuhen. Wir erfuhren, dass der Strandbereich schon 1989 von Leuten in Jakarta gekauft wurde, aber noch immer wird nichts bewirtschaftet. Dies wäre tatsächlich ein Ort, der sich für ein Leben auf Flores eignen würde…

Wiederum besuchten wir denselben Ort wie gestern, ein mächtiger Fels spendete uns angenehmen Schatten. Fabienne machte sich gleich daran, sich im Sand eine bequeme Liege zu bauen mit Aschenbecher und Kokosnusshalterung, offensichtlich ziemlich gediegenes Liegen. Auch ich beschäftigte mich wenig später mit Sandgraben. Ich buddelte mich ein, sodass nur noch der Kopf sichtbar war und ich Mühe hatte, mich wieder aus dem Sand zu befreien. Es hatte heute Sonntag viele mehr (einheimische) Leute als gestern. Bald waren wir umringt von einer ganzen Gruppe von Jungs, die sich x-mal mit Fabienne ablichten liessen. Erst dann fanden wir endlich etwas Zeit zu lesen – oder Fernsehserien auf dem Handy anzuschauen… Es war ein überaus friedlicher Tag am Strand. Erst als Wolken aufzogen, fuhren wir zurück nach Paga. Wir mussten einige Male nachfragen, bis wir das kleine Laryss-Restaurant fanden, geführt von einem Deutsch sprechenden (!) Einheimischen. Wir assen guten Fisch, Gemüse, Pommes, ich trank zwei Bier – in unmittelbarer Nähe des weiten Paga-Strandes.

Gestern habe ich mein Indo-Internet etwas überstrapaziert, so wir stellten mit Fabiennes Simkarte (in meinem Handy) eine Hotspot-Verbindung her. Fabienne konnte sich so endlich wieder einmal mit der Welt verbinden… In oder um unser Guesthouse leben fast nur junge Mädchen, die liebend gerne mit uns in Kontakt treten. Sie versuchen so, ihr weniges Englisch anzuwenden. Eben war ich mit zweien auf meinem Motorrad unterwegs, um Zigis zu kaufen – ein Riesenfest auf und neben der Strasse – und nachher wurde noch eine halbe Stunde darüber weiterdiskutiert.

Und: Am Karfreitag, 25. März scheint tatsächlich von Larantuka eine Fähre nach Kupang abzulegen. Wir werden also noch etwas mehr Zeit hier verbringen können. Und ich werde in Larantuka den Gründonnerstag in der privaten Unterkunft unserer Gastgeberin Margaretha verbringen können. Ganz nett!

Km: 41‘155

 

Mo, 21.03.2016: Magic Kelimutu – und beinahe weggespült…

Es war wieder einmal früh Tagwache, denn wir wollten die magischen Kraterseen von Kelimutu zeitig erreichen, damit die bekannt in den Morgenstunden aufziehenden Nebelschwaden uns die Sicht auf dieses ganz spezielle Naturereignis nicht rauben. Nachdem wir uns mit einer weissen (!) Wassermelone etwas gestärkt hatten, ging es schon um zwanzig nach fünf Uhr los. Es war noch dunkel, aber bald begann es zu dämmern, sodass die 64 km lange, kurvenreiche Strecke zurück nach Moni nicht allzu anstrengend wurde. Etwas gestoppt wurden wir in Moni wegen der vielen Leute und auf der Strasse stehender Fahrzeuge. Ein Besuch dieses Gemüsemarktes hätte sich in diesem herrlichen Morgenlicht bestimmt auch sehr gelohnt. Aber unser Ziel war Kelimutu. Kurz nach Moni ging es auf einem kleinen Strässchen steil aufwärts Richtung dieses schon seit langer Zeit erloschenen Vulkans. Ich passierte den Checkpoint ziemlich geschwind, aber die Rufe zweier Männer erinnerten uns daran, dass wir hier wohl einen Eintritt zu bezahlen haben (je 150‘000 IDR). Bald erreichten wir den Parkplatz, es war erfrischend kühl auf 1400 m.ü.M. Wir stärkten uns mit einem indonesischen Kaffee (ähnlich dem türkischen) und einem frisch gekochten Ei, bevor wir uns auf den kurzen Spaziergang zu den nahen Seen machten.

Wir erreichten die magischen Seen im exakt richtigen Zeitpunkt. Zwar hatten wir den Sonnenaufgang (allerdings bewusst) verpasst, die Sonne stieg jetzt so hoch, dass die unglaublicherweise verschieden farbigen Seen in perfektem Licht erschienen. Kelimutu war ein Fixpunkt, den ich schon vor der Reise fix eingeplant hatte. Und jetzt stand ich tatsächlich zum zweiten Mal hier, und erneut bei bestem Wetter. Eigentlich dachte ich, dass mir wohl die Regenzeit einen Strich durch die Rechnung macht. Aber noch war kaum eine Spur von Wolken zu sehen. Nur ein Paar Nebelschwaden zogen um die benachbarten grünen Hügelzüge. Kelimutu ist wirklich einzigartig, denn die drei Kraterseen wechseln aufgrund des unterschiedlichen Sauerstoffgehaltes und der Mineralien, die im Wasser gelöst sind, alle paar Jahre die Farbe. Und sie waren wirklich anders als damals im August 1990, als ich die Seen zum ersten Mal besucht hatte. Damals erschienen sie mir in dunkelgrüner, extrem hellblauer und rabenschwarzer Farbe. Heute ist der erste See schokoladenbraun, der zweite türkis-blau-grün und der damals schwarze See in frischem Dunkelgrün.

Ich wurde geradezu ruh- und rastlos beim Anblick dieser kräftigen Farben im warmen Sonnenlicht. Ich folgte der Kraterkrete vom Zugangspunkt im Gegenuhrzeigersinn, sodass die Seen immer besser sichtbar wurden. Vor allem zu zweit leuchten sie geradezu unwirklich. Tatsächlich gibt es noch immer einen Weg rund um die Seen, aber es ist nicht empfohlen (oder es ist gar verboten…), diese zu begehen, denn vor einigen Jahren kamen zwei Touristen ums Leben, vielleicht wegen des Sturzes über die steilen Kraterwände oder durch das stark toxische und säurehaltige Wasser der Seen. Aber ich ging immer weiter, teilweise durch dichtes Gebüsch, um bald wieder auf glatten, aber gut zu begehenden Felspartien in den Schlund des schokoladenbraunen Sees zu blicken. Fabienne blieb wegen ihres verletzten Fusses zurück und folgte den befestigten Wegen, aber sie war nicht minder beeindruckt. Je weiter ich ging, desto einfacher wurde der Weg und umso grossartiger der Ausblick auf die ersten beiden Seen. Und dann raschelte es kaum fünfzig Meter von mir entfernt, und zwei veritable Wildschweinbrocken nahmen reissaus; ich war zu spät, sie auf Bild zu bannen. Irgendwann stand ich auf dem Gunung Kelimutu weit oberhalb der Seen. Es war gut auszumachen, dass eine Umrundung der ersten beiden Seen keine Probleme machen würde, und so ging ich weiter. Die beiden Seen sind durch mächtige, rauhe, steile Felsen voneinander getrennt. Auf diesen Übergang verzichtete ich aus Sicherheitsgründen…

In der Mitte des türkisgrünen Sees war eine gelbliche, leicht spiralförmige Schaumschicht zu erkennen. Ich hatte den Viewpoint im Visier, den es jetzt über loses, rutschiges Geschiebe zu erklimmen galt. Bald stand ich auf diesem Aussichtspunkt, von wo aus auch der dritte See sichtbar wurde. Dieser ist zu Fuss wohl nicht zu erreichen, auch eine Umrundung dürfte schwierig sein, denn teils sind die Kraterwände von dichtem Dschungel bewachsen. Hier oben traf ich nicht nur auf Fabienne, sondern auch auf eine Schar von Makaken. Vor allem das Männchen scheute sich nicht anzugreifen, wenn man ihm zu nahe kam. Ich begann einige kleine Affen mit mitgebrachten Keksen zu füttern. Und dann ging es schnell. Ich liess die Packung nämlich auf den Treppenstufen liegen, und einen Moment später war das Männchen schon unterwegs zu dieser Packung