Teil 05: Türkei Nordroute Istanbul - Beypasari - Sinop - Trabzon - Erzurum - Batumi/Georgien

Karte "sturzis trip of a lifetime" II


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Karte "sturzis trip of a lifetime" I


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Do, 18.06.2015: Rückflug nach Istanbul

Am Morgen wollte ich beim Motocenter West den Rohling des Töffschlüssels abholen, aber das hatte ich nochmals Pech. Eigentlich hätte er bei einer Sendung aus Sursee beigelegt sein müssen, aber der Packer dort hatte vergessen, ihn mitzuliefern. Gar nicht nett, denn das Risiko, nur mit einem Schlüssel unterwegs zu sein, ist doch recht hoch! Aber da war nichts mehr zu machen. Anschliessend kreuzte ich noch beim Polizeiposten Gossau auf, um den Verlust meiner ID anzumelden. Unglaublich, wie lange das ging! Dann fuhr ich im Husch nach Hause, um zu packen. Den warmen Schlafsack band ich an den kleinen Rucksack, die Wanderschuhe liess ich zu Hause. Netterweise kam vor der Abreise per Post grad noch die Kopie meiner SBB-Visa-Card ins Haus. Supi!

Guido holte mich im Böl ab und fuhr mich zum Bahnhof. Um 10.56 Uhr fuhr ich zum Flughafen, checkte ein. Der Flug nach Istanbul war problemlos, ich studierte die ganze Zeit das Töff-Serviceheft, um wenigstens noch ein bisschen mehr über mein Motorrad zu erfahren.

In Istanbul fand ich den bestellten Minibus nicht, sodass ich per Metro und Tram in die Stadt fuhr. Eine nette, gut Englisch sprechende Türkin erklärte mir den besten Weg. Kurz vor sieben Uhr erreichte ich das Hotel Saruhan und bezog erneut „mein“ Zimmer 302. Ich war hungrig, ass Muscheln, hervorragende Octopus und einen Fisch, dazu trank ich ein Bier.

Ich war müde und legte mich schon recht früh schlafen…

Km: 4615


Fr, 19.06.2015: Beim Motorradhändler Kardesler in Eyüp

Tatsächlich regnete es am Morgen in Istanbul, weshalb ich nicht lange überlegen musste, ob ich jetzt wirklich schon heute weiterreisen möchte, zumal der Wetterbericht für die nächsten Tage gutes Wetter verheisst. Zudem war da immer noch der fehlende Töffschlüssel, den ich noch gerne kopieren möchte.

Der Hotelangestellte fand im Internet eine geeignete Yamaha-Werkstätte in Eyüp. Die Herausforderung war jetzt natürlich wieder, diese zu finden, aber sie war nur knapp zehn Kilometer entfernt, und ich fand sie ohne Probleme, obwohl sie den Platz gewechselt hatte, jetzt aber genau an dieser Hauptstrasse liegt, auf der ich stadtauswärts fuhr.

Ich wurde sehr nett bedient, obwohl sich die Werkstatt nicht über zu wenig Arbeit beklagen konnte. Ich gab meinen gestern aus der Verschalung befreiten Masterschlüssel ab, der notwendig ist, um einen neuen herzustellen, weil darin ein Chip versteckt ist. Zudem kontrollierten sie noch den Motor, der nach meinem Empfinden sehr schnell aufheizt, sodass dann beim Armaturenbrett die gelbe Motorenlampe aufleuchtet. Ich hatte jetzt einige Stunden zu warten, aber gleich daneben befand sich ein kleines Restaurant, wo ich mich in das Studium der nächsten Länder vertiefte und ausgezeichnete Pouletflügeli ass. Georgien wird wohl wirklich das nächste grosse Highlight sein mit seinen hohen Bergen. Ich möchte die Türkei möglichst schnell durchreisen. Ich bin gespannt, wie viele Tage ich brauche, um dieses riesige Land zu durchqueren.

Um halb drei Uhr war der Schlüssel tatsächlich bereit, der Motor geprüft, an dem aber nichts Auffälliges herausgefunden wurde. Nachdem ich wieder beim Hotel angekommen war, wollte ich doch noch auf Nummer sicher gehen und suchte den Kühlerstutzen, zu dem ich nur kam, wenn ich einen Teil der Verschalung demontierte. Aber im Kühler scheint es genügend Wasser zu haben. Ich hoffe, dass die Maschine wirklich okay ist. Dann sandte ich Hendrik aus Tibet all die nötigen Formulare inklusive Farbkopien von Pass, Fahrzeug- und Führerausweis, der China-Trip wird immer konkreter und sollte voraussichtlich am 10. September beginnen. Leider ist auch heute die letzte (Post-)Kreditkarte nicht eingetroffen, lästig!

Am Abend ging ich nochmals raus und fand eine ganz originelle Reggae-Bar, in der die ganze Nacht Happy-hour ist. Für 28 TL erhielt ich gleich zwei Margeritas. Etwas knülle ging’s dann zu Bett, morgen geht es wirklich weiter, mal schauen, wie das geht...

Km: 4647


Sa, 20.06.2015: Istanbul – Yalova – Sögüt – Beypasari: Lange Fahrt mit herrlichen Landschaften

Ich stand schon recht früh auf, packte meine Siebensachen zusammen, stärkte mich noch mit einem Frühstück und fuhr zum nahen Hafen, wo um 09.45 Uhr die Fähre nach Yalova, auf der anderen Seite des Bosporus. Ich wollte mir eine Fahrt durchs chaotische Istanbul Richtung Osten ersparen…

Und dann ging die Fahrerei wieder los. Sofort hatte ich wieder den Eindruck, dass die Maschine warmläuft, und ich hielt mich mit dem Tempo etwas zurück. Auf bester Strasse war ich sofort in Orhangazi und folgte jetzt dem nördlichen Ufer des Isnik-Sees. Isnik lud kaum zu einem längeren Halt ein, weshalb ich sofort weiterfuhr Richtung Bilecik. Unterdessen war es wolkig geworden, die Landschaft mit den immer steiler werdenden Hügeln hatte aber ihren Reiz. In Sögüt (so guet) wollte ich eigentlich die Ertogrul Gazi anschauen. Dieser Ertogul war ein Clanführer im 13. Jahrhundert und war in dieser Gegend sehr einflussreich, deshalb gibt es hier ein Mausoleum zu sehen, das ich aber nicht fand. Stattdessen machte ich Halt in einem kleinen Restaurant und ass sehr gute Köfte für 12 TL. Der Chef des Hauses hatte riesige Freude, dass ich sein Lokal besuchte und führte mich nach dem Essen zur richtigen Abzweigung in Richtung Inhisar. Und jetzt wurde die Landschaft richtig eindrucksvoll. Ich fuhr entlang eines Bergrückens durch ein wildes, abgelegenes Tal. Plötzlich ging die Strasse steil bergab, und es wurde merklich wärmer. Man verdient sich seinen Lebensunterhalt in dieser Gegend offenbar mit Tomatenanbau. In langen, gedeckten, aber gegen aussen offenen Gewächshäusern dürfte es hier bald einen Riesenertrag geben. Offenbar hatte es hier in den letzten Tagen heftig geregnet, denn der Sakarya Nehri führte braunes Hochwasser. Richtig dramatisch wurde die Landschaft wenig später bei Mihalgazi, als ein einsamer, zackiger Felskopf gleichsam die Durchfahrt versperrte. Was für ein unwirkliches Bild! Kurze Zeit später fuhr ich geradewegs in eine schwarze Wand, und es ging nicht lange, bis es zu regnen anfing. Also hielt ich an und rüstete mich und Gepäck für Feuchtigkeit von oben um. Allerdings hätte ich nur etwas geduldiger sein müssen, denn der Regenschauer zog sich schnell in die Berge zurück. Als ich Nallihan erreichte, strahlte schon wieder die Sonne vom Himmel.

Auf dem Weg nach Beypazari veränderte sich die Landschaft deutlich. Es wurde trockener, es hatte zwar immer noch Berge, die rot, grün und grau schimmerten. Ich umrundete einen Stausee. Saftige, oasenähnlich Haine wechselten ab mit kargem Fels oder aber auch Industrieanlagen. Offenbar wird hier Kohle in Strom umgewandelt.

In Beypasari, bekannt als Ankaras Höhenkurort (750 m.ü.M.) traf ich keinen Touristen (die hatte ich wohl endgültig in Istanbul gelassen), fand aber erst nach einigem Suchen ein Hotel im Stadtzentrum (Kayiboyu, 65 TL). Ich ass ein Moussaka mit Salat, trank ein Cola und bezahlte sage und schreibe 8 TL (weniger als 3 Fr.). Ein Bier fand ich im ganzen Ort nicht, weshalb ich jetzt am bulgarischen Wein schlürfe, den ich damals wohlweislich mitgenommen hatte.

Km: 5007


So, 21.06.2015: Beypasari – Kizilcahamam – Kastamonu – Inebolu – Abana: Erneut Reise durch die verwunschenen Berge

Es hielt mich nichts mehr in diesem Ort, in dem ich nicht einmal Bier fand. Aber daran werde ich mich ohnehin bald gewöhnen müssen. Es war ein Leichtes, die Nebenstrasse Richtung Kizilcahamam zu finden. Die Strecke hielt einige Überraschungen für mich bereit, denn wenn man sich auf einem von sanften Hügeln gesäumten Plateau wähnte, fiel die Strasse plötzlich steil ab in eine Schlucht, wie wenn der wahrhaftige Teufel versucht hätte, das Land hier zu verschlingen. Aber ebenso schnell stieg die Strasse dann wieder an, und man erreichte dieselbe Höhe. Ich passierte verschiedene verschlafene Dörfer, bei denen die Einheimischen auf ihren kleinen Feldern Gemüse und Salat anpflanzten.

Zu einem Halt gezwungen wurde ich, als mir eine ausgewachsene Schildkröte auf der Strasse den Weg versperrte. Diese schien nach ihrer Grösse und dem Aussehen zu urteilen mindestens so alt wie ich zu sein. Ich rettete das orientierungslose (?) Tier vor dem Überfahrenwerden und beobachtete sie eine Weile, wie sie später im stacheligen Dickicht verschwand. Kizilcahamam kannte ich noch von der Reise des letzten Jahres, und ich befuhr auch erneut denselben Pass Richtung Cerkes. Auf der Passhöhe war es ordentlich kühl, aber gleichwohl sehr angenehm, aber ich montierte meine Handschuhe, weil mein Handgelenk wegen des Windzuges erneut etwas schmerzte. Aber der Big Trip in die „verwunschenen Berge“ der Türkei sollte erst folgen. Vorbei an Bayramören wurde die Nebenstrasse immer enger und kurvenreicher. Ich fand mich in jenen Bergen wieder, in denen ich mich letztes Jahr übel verfahren hatte. Aber diesmal blieb die Strasse wenigstens einigermassen geteert. Wiederum ging es plötzlich steil bergab in ein verlassenes Tal mit einem Fluss mit braunem Regenwasser. Hier musste es in den letzten Tagen heftig geregnet haben. Dann war dieselbe Höhendifferenz wieder aufwärts zu bewältigen. Ich hatte viel länger, bis ich die 50 km Berg- und Talfahrt endlich bewältigt hatte und realisierte allmählich, dass ich es wohl doch nicht ganz bis nach Sinop schaffen würde. Kastamonu war auf perfekter Autostrasse aber wieder schnell erreicht. Auch diese Stadt hat vor allem am Stadtrand viele neu erstellte Blöcke, die meist besonders prominent platziert sind, häufig auch einem Hügel! Es ist hier offenbar erstrebenswert, in so einem grossen Block zu wohnen. Jetzt strebte ich auf gut ausgebauter Strasse dem Schwarzen Meer zu. Viel Wald, viele Berghänge, um welche die perfekte Strasse gebaut wurde. Ich durchquerte das eigenartige Küre mitten in diesen Bergen, auf dessen Berghängen gleichsam am Grat ein riesiges Bergwerk in Betrieb ist. Man versucht hier gleichsam, einen ganzen Berg abzutragen, um zu Baumaterial zu kommen. Schliesslich ging es dann endlich wirklich abwärts. Was für ein Ausblick auf das entfernte Schwarze Meer. Inebolu ist wenig sehenswert, dafür die Strecke entlang des Meeres Richtung Osten. Die Strasse windet sich in tausend Kurven um die unzähligen Ausläufer des Yaraligö-Gebirges. Aber ich war nach unterdessen über 400 km Fahrt müde und machte Halt im kleinen Fischerdorf Abano, wo ich im Elite-Otel eine saubere Unterkunft fand (40 TL). Bier fand ich natürlich wieder keines, zudem realisierte ich, dass der Ramadan angefangen hatte, weshalb ich auch etwas später ass (mittelprächtigen fritierten Fisch). Ich verfolgte eine Live-Sendung im TV, im dem minutenweise gezeigt wurde, um welche Uhrzeit in welchem Ort die Sonne untergegangen ist und somit zum Abendessen geschritten werden konnte. Sofort begann dann „la grande bouffe“.

Schliesslich studierte ich noch die Wetterkarte für die nächsten Tag. Trabzon versinkt wohl bald im Regen, weshalb ich meine Pace wieder etwas zurückschrauben werde, um diesem Wasser möglichst auszuweichen…

Km: 5427


Mo, 22.06.2015: Sonnenbrand und Fahrt nach Sinop

Gleich dreimal ist mir innert zwölf Stunden beinahe dasselbe passiert: Da kommt in Abana ein wildfremder Einheimischer auf mich zu, gibt mir die Hand, sprich mich (natürlich auf Türkisch) an und schenkt mir einen Sack voll herrlichst frischer Kirschen. Als ich diese verschlungen habe, geschieht mir dasselbe gleich noch ein zweites Mal. Und am Strand heute werde ich gleich zum Mittagessen eingeladen. Die Kinder der Familie haben ihren Spass daran, ihr weniges in der Schule gelerntes Englisch mit „Where are you from?“ etc. anzuwenden und haben einen Riesenplausch, mit mir in Kontakt zu treten. Man stelle sich das mal in der Schweiz vor, vor allem grad jetzt mit den vielen Flüchtlingen: Man geht auf solche Personen zu, heisst sie wärmstens willkommen und beschenkt sie gleich noch mit etwas Essen. Undenkbar! Offenbar macht materieller Besitz kalt und unnahbar, man fürchtet sich um den eigenen Besitz, ist skeptisch und und geizig und möchte mir solchen Menschen am liebsten nichts zu tun haben. Denken so wahre Christen? Macht uns (zu viel) Besitz so kaltherzig?

Ich hatte heute nicht vor, sehr weit zu fahren. Schon nach zwanzig Kilometern machte ich an der reizvollen Schwarzmeer-Küste Halt bei einem leeren Strandrestaurant. Der allerdings nicht extraprima Kiesel- und Sandstrand lud zu einem Bad ein. Hier traf ich auf eine einheimische Familie, ich hatte aber vor allem Interesse am Wasser dieses Meeres. Erfrischende Abkühlung bei 21/22 Grad warmem, sauberem Wasser! Bald verzogen sich die Wolken, und ich genoss die warme Sonne, die mir aber einen leichten Sonnenbrand bescherte. Vielleicht wäre etwas Sonnencreme doch gescheit gewesen… Fast vier Stunden verbrachte ich an diesem Strand bei Türkeli. Als die Wolken wieder dichter wurden, servierte man mir im Restaurant ausgezeichneten Fisch mit Salat, bevor ich weiterfuhr Richtung Osten. Die Strecke führte jetzt plötzlich landein- und aufwärts, schwarze Wolken türmten sich plötzlich vor mir auf, und ich war froh, dass die kurvenreiche Strasse bald wieder Richtung Küste führte und ich dem Regen entging.

Sinop ist die nördlichste Stadt der Türkei, gelegen auf einem Landzipfel, der ins Schwarze Meer ragt. Erwartet hatte ich hier eine pitureske Altstadt so à la Sozopol. Aber hier war ein Riesenbetrieb, ich durchfuhr die Stadt bis zum absolut unbevölkerten nördlichsten Zipfel mit herrlicher Rundsicht aufs weite Meer, aber da war nichts von Altstadt zu finden. So fuhr ich zurück an die östliche Küste der Stadt und wurde bald fündig. Da war etwas Altstadt, und vor allem fuhr ich geradewegs am Otel 57 vorbei, wo ich gleich eincheckte (80 TL mit Frühstück) – sehr sauberes Zimmer im dritten Stock. Tatsächlich fand ich im Saray-Restaurant auch einen Ort, wo ich Bier fand (!). Was für eine herrliche Erfrischung! Beim Einnachten erwachte die Stadt erst richtig, der Ramadan wird auch hier recht konsequent gelebt. Ich las Wolf Haas‘ „Ausgebremst“ fertig (mittelprächtig mit weniger Ironie als in den anderen Büchern).

Km: 5569


Di, 23.06.2015: Administratives in Sinop

Ich blieb heute Morgen lange im Zimmer, schrieb Tagebuch und einen Leserbrief für das Tagblatt wegen den Vorkommnissen mit dem Strassenverkehrsamt. Endlich kam auch ein Antwortbrief der Versicherung, die sich weigert, mein gestohlenes Bargeld zu ersetzen (tolle Vertragsbedingungen). Offenbar wird Ehrlichkeit nicht belohnt, ich hätte also besser geschrieben, dass mir auch ein Teil meiner Technik-Ausrüstung gestohlen wurde, um den Schaden ersetzt zu bekommen. Natürlich schrieb ich ein Antwortmail und hoffe jetzt auf etwas Kulanz. Mal schauen…

Am Nachmittag fand vielleicht der kulinarische Höhepunkt meines Türkei-Aufenthaltes statt. Türkische Vorspeisen mit Joghurt und Knoblauch, irgendeine würzige Tomatenpaste und hervorragende kleine, in Butter gebratene Fische, eine Spezialität Sinops. Ich machte auch einen Rundgang in der lebendigen Stadt, aber die alten Steinhaufen hauten mich nicht mehr vom Sockel! Und an den nahen Strand wollte ich auch nicht, denn mein Sonnenbrand war immer noch spürbar… Ich machte mir einige Gedanken, wie ich weiterreisen soll, denn gegen Osten scheint das Wetter viel schlechter und vor allem sehr feucht zu sein…

Km: 5569


Mi, 24.06.2015: Sinop – Samsun – Ordu – Giresun – Trabzon – Maçka: Der erwartete Regen

Das mühsamste an derartigem Reisen ist wohl das Packen, das am Morgen immer recht viel Zeit in Anspruch nimmt. Aber allmählich sind die Abläufe verinnerlicht, dass auch wirklich nichts vergessen geht und perfekt verladen ist. Auch heute!

Es war heiter heute Morgen, aber ich hatte Rucksäcke vorsorglich mit meinen Planen versehen, und der Regenschutz war griffbereit. Auf ausgezeichnet ausgebauten vierspurigen Autostrassen kam ich ausgezeichnet vorwärts, es war auch nicht viel Kartenstudium notwendig, denn ich hatte einfach der Küstenstrasse Richtung Osten zu folgen. Diese Autostrassen führen auch quer durch die Städte, wie in Samsun. Sie sind gut beschildert, und ich fand auch wieder ganz gut aus dieser Stadt. Aber je weiter ich gegen Osten vorankam, umso dunkler und bedrohlicher türmten sich schwarze Wolken auf. Ich war gleichsam auf der Fahrt nach Mordor… Schon in Carsamba war es dann so weit. Bei einer Tankstelle hielt ich an, verpflegte mich mit einem Mars und kam gleich ins nicht einfach zu führende Gespräch mit den jungen Tankwarten, die mich gleich mit Tee (Cai) und Wasser versorgten. Und dann kam, was ich eigentlich befürchtet hatte. Der Regen setzte ein und wollte nicht mehr aufhören. Schade um die immer reizvoller werdende Landschaft mit immer höheren Bergen, die aber schliesslich wohl verantwortlich waren, dass es regnete. Wir kennen das vom Säntis: Der staut die Wolken auch gern… Eigentlich wollte ich nach Ünye und Fatsa den etwas weiteren, aber schöneren Weg der Küste einer Halbinsel entlang nehmen und dann in Persembe wieder übernachten, aber ich entschloss mich, gleich weiterzufahren, und zwar direkt Richtung Ordu durch einige Tunnels und Schluchten. Vor dem reizvollen Giresun, wunderschön in einer Bucht gelegen, hörte es für kurze Zeit auf zu regnen. Aber dies war nur von kurzer Dauer, wiederum wurde es sehr feucht, und erneut fiel dichter Nieselregen. Gegen 18 Uhr erreichte ich die chaotische Stadt Trabzon, die quer durchfahren werden musste, weil die Küste so steil ist, aber was macht es unterdessen schon aus, sich in dichten türkischen Stadtverkehr zu begeben? Vorsichtig, aber bestimmt heisst die Devise. Schliesslich fand ich auch die Abzweigung Richtung Maçka problemlos. Maçka sollte Ausgangspunkt für den morgigen Ausflug zum Sümela-Kloster in den Mordor-Karadeniz-Bergen sein.

Es war wirklich der Rekordtag heute: Ich legte 532 km zurück! Dafür fand ich bald ein gutes Hotel (Maçkam, 70 TL), ging aber noch aus in diesem eigentlich wenig sehenswerten Ort. Aber ich fand ein kleines Restaurant, wo ich aus drei Töpfen aussuchen konnte, was ich essen wollte. Ausgezeichnete Gemüsesuppe, Goulasch, Salat, Brot, aber natürlich erneut kein Bier, wie erwartet. Je weiter östlich, desto konservativer (eigentlich gleich wie in der Schweiz…). Die Bude war voll mit (einheimischen) Männern, die den Ramadantag essend ausklingen liessen. Ich war ordentlich müde geworden heute und schlief ausgezeichnet.

Km: 6101


Do, 25.06.2015: Sümela-Kloster

Eigentlich wollte ich früh aufstehen, um möglich den einheimischen Touristenmassen im Sümela-Kloster auszuweichen, aber ich erwachte erst im halb acht Uhr, ich hatte göttlich geschlafen. Ich war erstaunt, dass es trocken war heute Morgen, denn ich hatte mit einem weiteren Regentag gerechnet. Für das Frühstück wurde ich ins nahe 4-Sterne-Hotel Sümela geschickt und langte beim grossen Buffet ordentlich zu.

Dann fuhr ich die 17 km hoch zu diesem Kloster und war erfreut, dass ich dort (um diese Zeit) fast der einzige Tourist war. Sümela liegt auf 1100 m.ü.M. in den Ausläufern der Karadeniz-Berge. Nebel wallten um die steilen Abhänge, ein wahrlich mystisches Szenario, das ganz gut zu diesem Ort passt. Das Kloster wird bei den Einheimischen „Jungfrau Maria“ genannt und blickt auf eine sagenhafte Geschichte zurück, wurde schon im 4. Jahrhundert unter Kaiser Theodosius gegründet. Es heisst auch „Schwarzes Kloster“, wohl herrührend von den schwarzen Bergen (eben Mordor), welche die Umgebung charakterisieren. Die Mönche haben die vielen Machtwechsel der Region bis 1923 überlebt. Lange Zeit waren es die orthodoxen Griechen, welche für das Klosterleben lange unter Billigung der türkischen Herrschaft betrieben. Die Russen beschlagnahmten das Kloster während des Ersten Weltkrieges und entleerten es schliesslich vollständig. Das Eindrücklichste ist einerseits seine Lage, weil es gleichsam in eine Felswand gebaut wurde und hoch oben über dem Tal thront. Andrerseits sind noch heute die vielen Fresken aus dem 18. Jahrhundert zu bestaunen, die allerdings von Unwissenden teils zerstört oder verschandelt wurden. Leider sind momentan nicht alle Räume zugänglich, aber die Kirche, in eine Felshöhle gebaut, ist allein der Besuch wert.

Unterdessen hatte es auch schon wieder zu nieseln begonnen. Ich hockte lange auf einem Mäuerchen und genoss die Stimmung, bis allmählich der Touristenstrom zunahm. Kaum drei Kilometer, bevor man das Kloster erreicht, sass ich dann lange in einem Restaurant, ass eine ausgezeichnete kleine Bachforelle und war mit der Planung der nächsten Tage beschäftigt. Ich werde wohl dem Regen auszuweichen versuchen, indem ich über die Berge Richtung Erzurum fahre. Dort soll es zwar auch gewitterhaft sein. Erst am Wochenende beruhigt sich die Wetterlage wieder etwas. Aber ich bin gespannt, wie sehr mich diese Berge noch in meinen Bann ziehen werden.

Zurück in Maçka kümmerte ich mich etwas um meinen Töff, spannte die Kette nach und versorgte sie mit etwas Öl. Unterdessen regnet es nicht mehr, aber nichts mehr hält mich morgen an diesem Ort, auch wenn auch hier die Leute ausnehmend freundlich und liebenswert mit mir umgehen.

Km: 6142


Fr, 26.06.2015: Maçka – Gümushane – Bayburt – Erzurum: Statt OASG Erzurum-OpenAir und Gewittersturm

Ich wollte heute eigentlich früh starten, aber der Regen hielt mich davon ab. So ging es erst um halb zehn Uhr los. Es regnete zwar immer noch, aber schon kurz nach der Abfahrt im Aufstieg zum Zigana-Pass wurde es trocken. Die E97 war erneut hervorragend ausgebaut, und bald hatte ich die Passhöhe erreicht. Durch einen Tunnel erreichte ich die andere Gebirgsseite, die mich mit dichtem Nebel empfing. Gleichwohl kam ich flott vorwärts, der Nebel war bald weg, und bald zeigte sich die Sonne. Auch hier sind die Türken mit den ganz grossen Maschinen vorgefahren und haben eine vierspurige Autostrasse in die Landschaft gezaubert, die dafür ordentlich vernarbt aussieht. Manchmal wurden wirklich halbe Berge abgetragen, um einen Durchgang für die Strasse zu bekommen.

Tatsächlich macht die Landschaft auf der Südseite einen trockeneren Eindruck, aber hier blühen Tausende von verschiedenartigen, unbekannten Blumen in allen Farben. Schön anzusehen! Es ging nicht lange bergab. Auf diesem Hochplateau passierte ich viele sanfte Hügel, nur auf der Nordseite mit den höheren Bergen war die Sicht wegen der tief liegenden Wolken nicht frei. Ich war bald in Gümüshane und staunte einmal mehr, wie auf Landerhöhungen neue Wohnblöcke hingepflanzt wurden, natürlich mit bester Aussicht, aber nicht sehr attraktiv für das Landschaftsbild. Ich fuhr jetzt über den kleinen Findikbeli-Pass (1800 m.ü.M.), von dessen Passhöhe ich schon erkennen konnte, was mich heute noch erwarten würde. Ich fuhr geradewegs in eine schwarze Wand, es begann zu regnen, aber das Herz des Gewittersturms verpasste ich zum Glück. Von Bayburt fuhr ich über Kop-Pass (2409 m.ü.M.) bei wieder heiterem Wetter. Beinahe auf der Passhöhe machte ich doch tatsächlich einen Skilift aus. Die Sicht von diesem Pass war herrlich, aber ich wäre lieber in der umgekehrten Richtung weitergefahren, wo es hell blieb. Während der Abfahrt von diesem Pass geriet ich in ein fürchterliches Unwetter. Es schüttete so stark, dass sich die Strasse in einen Bach verwandelte. Aufpassen musste man vor allem in Strassensenkungen, um nicht im Wasser zu versinken. Aber das war noch nicht alles. Plötzlich war der Sturzbach, der vom Himmel fiel, auch noch gefroren. Aua! Im Nu war die Strasse feucht-weiss, und ich hatte mein Tempo wirklich anzupassen, um nicht auszugleiten, wollte aber unbedingt weiterfahren, um möglichst bald aus diesem Unwetter herauszukommen. Dies war glücklicherweise bald der Fall, aber nicht für lange, denn vor Erzurum begann es erneut zu schütten, und es sollte nicht mehr aufhören, dabei waren noch knapp 80 km zu fahren. Als ich endlich Erzurum erreicht hatte, liess der Regen nach. Ich hatte Glück bei der Hotelsuche. Mitten im Stadtzentrum fand ich im Hotel Bey (80 TL incl. Frühstück) ein sauberes Zimmer. Ganz toll war, dass ich meine Maschine in der Lobby parken durfte (!).

Eigentlich war ich unterdessen nachmittags um vier Uhr ziemlich hungrig, aber dank des netten Herr Ramadan gab es nirgends etwas zu futtern. So griff ich auf den Notvorrat zurück und ass eine Büchse Sardinen – ohne Brot… Am Abend war dann dafür der Teufel los in dieser Stadt. Es dunkelt hier schon um halb acht Uhr ein, und sofort waren die Restaurants und Imbissstände zum Bersten voll. Ich hatte Glück, dass ich schliesslich doch noch einen Platz fand, wurde dafür aufs Feinste verwöhnt. Ich bestellte das Menü (35 TL) mit 7 Vorspeisen und einem Hauptgang. Viele der ostanatolischen Speisen kannte ich nicht, waren aber hervorragend.

Schon am Nachmittag hatte ich gesehen, wie auf dem Zentralplatz Vorbereitungen für ein Konzert getroffen wurden. Tatsächlich trat hier ein sehr bekannter islamischer Popkünstler namens Maher Zain auf. Er ist eigentlich Schwede, gebürtig aus dem Libanon und machte doch ganz gute Musik mit vielen Einflüssen aus dem arabischen Raum. Drei Clowns auf der Bühne stimmten uns auf das Konzert ein. Ich kam in Kontakt mit Touristen aus speziellen Ländern: Ein Kasache, ein Philippino, eine Bosnierin, angeführt von einem türkischen Gastgeber, der ganz gut Englisch sprach. Ich blieb lange an diesem Konzert. Ob ich musikalisch lieber am St.Galler OpenAir gewesen wäre, darf der geneigte Leser selbst entscheiden…

Km: 6423

Sa, 27.06.2015: Erzurum

Der Wetterbericht verhiess auch für heute Samstag nicht viel Gutes, sodass ich mich entschloss, noch eine Nacht hierzubleiben. Am Morgen hatte ich gleich drei spannende Kontakte. Ich traf auf einen Australier, der ebenfalls per Motorrad unterwegs ist, aber bereits im Finale steckt – Ziel England. Er erzählte von Iran als absolutem Highlight und der spannenden China-Reise. Schade, dass er gerade auf dem Sprung war, um Richtung Westen weiterzureisen. Ich traf aber auch noch auf zwei Iren, einer mit einer BMW, der andere mit einem besseren Mofa unterwegs ist (!). Man erreicht also auch mit solchen Gefährten die Osttürkei! Sie wollten vor wenigen Tagen in den Iran einreisen, verzichteten wegen der hohen Kosten ohne Carnet de passage jedoch. Auch sie sind unterdessen wieder auf dem Rückweg nach Irland.

Am Morgen war es erstaunlich heiter, sodass ich zur nahen Festung fuhr, wo man eine schöne Sicht auf die Stadt hat. Die Türken haben seinerzeit 1878 in einer gloriosen Schlacht die Russen zurückgeschlagen und besiegt, und dafür baute man damals diese Festung. Anschliessend konnte ich es nicht lassen, ins nahe Palandöken zu fahren, denn hier findet man das beste Skigebiet der Türkei (incl. zweier Sprungschanzen). Tatsächlich sind die Skilifte hier recht modern und führen bis auf eine Höhe von über 3000 m.ü.M. Erzurum ist also gleichsam das St. Moritz der Türkei, ebenfalls auf einer Höhe von über 1700 m.ü.M. gelegen, aber doch vielmehr auf einem Hochplateau. Vielleicht hätte ich hier oben auf Palandöken in einem der Resorts ein Bier getrunken, aber unterdessen hatten sich schon wieder dicke Wolken zusammengezogen und natürlich – begannen sich schon zu entleeren, bevor ich wieder in Erzurum war. Wiederum war dieser Wolkenbruch ziemlich heftig, und ich war froh, das Hotel wieder erreicht zu haben und meine Maschine in die Lobby zu schieben.

Am Abend wollte ich eigentlich mit den beiden Iren essen gehen (nachdem die Sonne untergegangen warJ), aber wir wurden vom Hotelmanager persönlich eingeladen, gemeinsam mit dem Dienstpersonal zu essen. Türkisches Kebab, Börek mit Salat und danach natürlich den obligaten Tee. Ich diskutierte mit den beiden Iren noch lange über die Weiterreise und gab ihnen vor allem einige Tipps über Cappadocia. Es war auch interessant zu hören, dass sie ihre Motorräder nicht nur nach Deutschland verschifften, sondern später ab Villach bis Edirne auch noch per Zug aufgaben.

Ich habe das Gefühl, dass die Reise jetzt erst richtig losgeht, denn die nächsten Länder reizen mich extrem, auch wenn offenbar ein Tiefdruckgebiet über uns liegt und das Wetter mich wohl noch weiter ziemlich beschäftigen wird.

Km: 6461

So, 28.06.2015: Erzurum – Batumi/Georgien: Grandioser Tag mit Pferdefuss

Wie erwartet strahlte am Morgen die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel. Ich wollte das Kapitel „Türkei“ heute abschliessen, und es wartete ein ereignisreicher Tag auf mich. Zuerst ging es im Eilzugstempo quer durch dieses auf 1800 m.ü.M. liegende Hochplateau. Es ist zu hoch für Bäume, aber der aussergewöhnlich viele Regen der letzten Wochen lassen fremdartige Blumen in schönster Pracht blühen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Plateau von einer Schlucht durchbrochen wurde. Plötzlich ging es steil bergab Richtung Artvin.

Auf dem Weg bot sich der Besuch des georgischen Klosters Ösk Vank an. Ich hatte nur zweimal acht Kilometer Fahrt auf allerdings schlechter Strasse in Kauf zu nehmen. Das Kloster passt überhaupt nicht zur Kultur der jetzigen Einheimischen, gleich daneben steht auch eine Moschee. Aber die Region stand im 10. Jahrhundert unter dem Einflussbereich des georgischen Königreiches Tao-Klardschetien. Die Türkei hat wenig Interesse an einer Renovation dieses imposanten Bauwerkes im „Middle of Nowhere“. Es ist teilweise überwuchert von Pflanzen, Teile der Kreuzkuppelkirche sind eingestürzt, aber gleichwohl ist auch nach über tausend Jahren noch erstaunlich viel erhalten geblieben. Es sind sogar noch einige Fresken und georgische Inschriften (in ihrer eigentümlichen Schrift) zu sehen. Ich traf auf zwei georgische kulturinteressierte Reisegruppen auf ihrem Sonntagsausflug, die grosse Freude hatten, dass auch ich den Weg hierhin gefunden hatte. Wenig später machte ich einen zweiten Halt am Tortum Selalesi, einem erstaunlich grossen Wasserfall in dieser eigentlich trockenen Landschaft. Ich liess es mir nicht nehmen, bei den herabstürzenden Wassermassen ein Bad zu nehmen – natürlich nackig. Dabei hatte ich Glück, denn wenig später erschien eine grosse türkische Reisegruppe, um das Spektakel zu verfolgen (ich meine natürlich nicht meine Nackigkeit...). Trotz Ramadan bereitete man mir hier im nebenstehenden Restaurant zwei hervorragende Forellen zu, die Knaben aus dem Tümpel gleich oberhalb des Wasserfalles herausfischen. Herrlich zubereitet und topfrisch!

Gleich danach tauchte ich dramatisch in eine von pink-braunen Felswänden gesäumte Schlucht ein, in den oasenmässig immer wieder kleine Dörfer mit ausgedehnten grünen Gärten auftauchten. Es ging immer wieder steil bergab, die Schlucht wurde immer enger, es wird für die Türken eine Herausforderung sein, auch hier eine vierspurige Autostrasse hinzukriegen. Schliesslich erreichte ich die Abzweigung Richtung Yusufeli und staunte über die grossangelegten Bauarbeiten in dieser Region. Tatsächlich ist man hier daran, die Wasserkraft mit insgesamt zehn Staudämmen intensiv zu nutzen. Dass die einzigartige Biodiversität und des Lebensraums von ingesamt 17‘000 Menschen der Region zu Grunde geht, scheint die Regierung wenig zu interessieren. Ich fuhr deshalb nach Yusufeli, einer von Felsen umringten, sehr sympathischen Bergstadt, aber vor allem wegen zwei anderen georgischen über tausendjährigen Klöstern, die ebenfalls im gestauten Wasser untergehen werden. Allerdings war die Fahrt zum abgelegenen Dört-Kloster ein Abenteuer für sich, weil die Zufahrt auf Gravel-Road sich über sieben Kilometer hinzog.

Schliesslich fuhr ich sogar noch zu weit, weil das Kloster beinahe nicht mehr zu sehen ist. Es befindet sich in steilstem Berggebiet gleich am Fusses des Kakdar Dagi, des höchsten Berges der Türkei und ist beinahe von der Natur zurückerobert worden. Erinnerungen an Angkor Wat in Kambodscha wurden wach, Ta Prohm ist dort ebenfalls überwuchert von Urwaldbäumen. Das Dört-Kloster überrascht ebenfalls durch seine Grösse und Erhabenheit. Niemand hier scheint sich dafür wirklich zu interessieren, nicht einmal Getränke verkauft hier jemand. Die insgesamt vier Kirchen sind sich selbst überlassen, werden aber wohl noch einige weitere Jahrhunderte überstehen, falls das Wasser des riesigen Stauprojektes es nicht gänzlich untergehen lässt.

Allmählich realisierte ich, dass ich jetzt allmählich Gas geben musste, um Batumi in Georgien noch zu erreichen. Und dies machte ich: Die Strasse ist neu wegen der geplanten Staudämme hoch an den Hängen der Schlucht gebaut, darf als Fahrt der tausend Tunnels bezeichnet werden. Aber es ist nicht schön zu sehen, wie der Mensch hier wirkt. Die Landschaft ist vernarbt und die Bautätigkeit allgegenwärtig. Ich erreichte Artvin bald, und je näher ich der Küste des Schwarzen Meeres kam, umso mehr verdüsterte sich der Himmel. Und tatsächlich. Kurz vor dem Cancurtaran-Pass (690 m.ü.M.) begannen sich die Wolken zu entleeren, und ich hatte meinen Regenschutz zu montieren. An der Küste war es dann aber wieder trocken. Ich wollte jetzt möglichst schnell die Grenze überqueren, denn ich wusste nicht, wie lange der Übergang offen ist. Aber dies war kein Problem. Zwar wartete ich einige Zeit, bis mich die Türken ausreisen liessen, weil es eingedämmert hatte und jetzt alle am Essen waren (!). Bei der georgischen Grenze wurde ich sehr freundlich mit einem warmen „Welcome“ empfangen, ganz unüblich für eine Grenzstation.

Batumi war bald erreicht, aber ich wurde überrascht, wie gross diese Stadt ist. Es erschien mir wie eine Unendlichkeit, bis ich endlich das Zentrum an der Küste erreicht hatte. Und je näher ich dem Zentrum kam, umso stärker nieselte es... Tatsächlich hatte ich erneut ein gutes Gespür, wo die kleinen Guesthäuser zu finden sind. Ich näherte mich gleichsam spiralförmig an, aber der Pferdefuss des bis anhin genialen Tages sollte mich jetzt zum Schluss grausam erwischen, denn ich geriet in eine schmierige Regenrinne in der Mitte der Strasse. Jeder weiss es, wie man sich fühlt, wenn man mit dem Velo in eine Schiene gerät… Genau so erging es mir. Der Sturz gleich neben einer Polizeistation war unvermeidlich. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Schon schlug mein Helm knallhart gegen einen Randstein, dem (und auch seinem Inhalt) aber nichts Ernsthaftes geschah. Undenkbar, wenn ich keinen Helm getragen hatte. Weniger angenehm war, dass mein linkes Bein unter dem stürzenden Gefährt verschwand und ich mit der Hand auf dem Teer aufschlug. Sekunden nachdem ich unter meinem Motorrad gefangen war, standen auch schon mehrere Polizisten da, um mir beizustehen. Die Maschine hatte glücklicherweise erneut überhaupt nichts abbekommen, aber ich blutete aus meinem Handrücken, und meine Leiste schmerzte. Fühlt sich an wie eine schwere Leistenzerrung. Aber ich war noch bestens fähig weiterzufahren. Nur noch 300 m bis zu einem kleinen Guesthouse, zu dem mich zwei sehr freundliche, gut Englisch sprechende Ukrainer und ein Georgier führten. Sie halfen mir auch, mein Gepäck ins Zimmer zu bringen und luden mich gleich ein – dies sei so georgische Tradition – einen Becher Weisswein gleich ex hinunterzuleeren… Das ist ja mal ein Empfang!

Nach der herrlichen Dusche – es war unterdessen schon nach zehn Uhr – machte ich mir aber Sorgen um meine Leiste, die immer stärker zu schmerzen begann. Gleichwohl wackelte ich gleich einem 85-Jährigen noch zu einem Bancomaten, um 800 Laris zu besorgen. Aber der Tag war noch nicht zu Ende. Gerne hätte ich eigentlich ein Bier getrunken, im Hotel gleich vis-à-vis trat ich deshalb auch ein, bekam aber kein Bier, dafür Unmengen an ausgezeichnetem Rotwein. Schliesslich kamen auch noch die drei hilfsbereiten jungen Leute dazu. Der Ukrainer spielte Gitarre und sang feine ukrainische und russische Popsongs. Es wurde ziemlich spät, aber ich hatte nur die Strasse zu überqueren und zwei Treppen hochzugehen (was in meinem Zustand gar nicht so einfach war), um in einen tiefen Schlaf zu versinken.

Km: 6832

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Kommentare: 13
  • #1

    Philipp Rüdisühli (Dienstag, 30 Juni 2015 13:06)

    Da hab ich doch glatt wieder eine Zugfahrt von Zürich nach St. Gallen in fernen Ländern verbracht :) Geologisch bestimmt eine hochinteressante Reise :D Weiterhin alles Gute!

  • #2

    Iso-beeindruckt (Dienstag, 30 Juni 2015 19:23)

    ..."als ob der leibhaftige Teufel die ganze Schlucht verschlingen wollte" - herrliche Töffbubenlyrik erster Güte! Immerhin scheint deine Birne beim Sturz(i) heil geblieben zu sein. Du steigerst dich laufend - oder vielmehr fahrend.
    @desperately_looking_forward_to_the_next_part

  • #3

    sturzi (Dienstag, 30 Juni 2015 19:48)

    Freut mich, dass der Blog auch gelesen wird! Habe eben eine georgische Pizza verschlungen (die übrigens ganz gut war), nachdem ich mit einem 65-jährigem Genfer mit Seitenwagen (der ist wirklich so unterwegs) auf Biertour war...

  • #4

    Esthi (Mittwoch, 01 Juli 2015 19:22)

    Hallo Urs
    Ich bin völlig erschlagen von all Deinen schon erlebten Geschichten! Jetzt weiss ich, dass die Sturzis ein Gen mit Pleiten, Pech und Pannen ( wenigstens die letzten 2 ), haben müsseni. Das geht ja auf keine Kuhhaut!!! Unglaublich, dass Du Dich kaum beeindrucken lässt. Ich drücke Dir jedenfalls die Daumen, dass es auf Deiner weiteren Reise mehr nach Deinen Wünschen geht!!

  • #5

    Janet (Mittwoch, 01 Juli 2015 22:58)

    ...das mit den Pannen hat vielleicht schon etwas,aber die unerwarteten Highlights, netten Begegnungen und das anschliessende Schlürfen eines Bierchen wiegen dann dafür doppelt!-und lassen die ausgehaltenen Strapazen mit Sicherheit vergessen.
    Ach- es ist schön, mit dir auf der Reise zu sein!
    Ich freue mich schon auf deinen nächsten Reisebericht.
    Knuddel

  • #6

    Beff (Donnerstag, 02 Juli 2015 11:59)

    Lieber Sturzli
    Wir alle fiebern mit und sind wahnsinnig beeindruckt ob deinem Unternehmergeist

  • #7

    Regula (Freitag, 03 Juli 2015 15:27)

    So viel ich weiss, gehört zum Sturzi-Gen aber auch, dass Pannen letzten Endes ohne ernsthafte grössere Schäden ausgehen (zumindest bei deiner kleinen Schwee war das immer so). Hoffe, das gilt auch für deine Leiste.
    Ich find's auch schön, dass du reist und ich in Gedanken ab und zu mitreisen kann. Du verleitest mich nicht nur dazu, viel Zeit ins Lesen deiner Berichte zu investieren statt am Compi zu arbeiten, sondern auch immer wieder dazu, geografische Einzelheiten im Netz nachzuschauen. Deine Beschreibungen stacheln meine alte Liebe zu Landkarten an, die mit der Luftbildmöglichkeit heutzutage neue Spielvarianten erlebt. hou je taai – u häbs guet

  • #8

    Louis (Sonntag, 05 Juli 2015 16:47)

    Hey Sturzi
    Ich bin richtig "paff" nach dem Durchlesen Deiner Reiseberichte. Als Geographie- und Geschichtefan bin ich während dem Lesen immer wieder auf google-Maps und Wikipedia. Hammer! Ich fiebere richtig mit! Es ist für mich wie wenn man ein gutes Buch liest; es lässt einem nicht los. Von mir aus kannst Du noch viel mehr schreiben. Ich schaue immer wieder nach, ob Du schon wieder neues geschrieben hast. Am meisten freut es mich für Dich, dass Deine positiven Erlebnisse die Negativen überwiegen. Unglaublich der viele Regen, die Geschichte in Istanbul und unserem glorreichen Strassenverkehrsamt...... Ich wünsche Dir weiterhin viele schöne Begegnungen mit fremden Menschen und Kuluren, Glück und Gesundheit und vor allem besseres Wetter. Und halt uns bitte weiterhin auf dem Laufenden. Danke!

  • #9

    ladina (Montag, 06 Juli 2015 21:57)

    Lieber Ursli mich interessieren deine Abenteuer sehr
    SCHREIB UNS MALL ZURÜK!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Liiiiiiibe Grüsse VALENTIN (LADIIINA) (JANET)

  • #10

    Andrea (Donnerstag, 09 Juli 2015 14:51)

    Hoi Bruder,
    ich hoffe doch sehr, dass du dein Bein trotz deiner verletzten Leiste noch über den Töff schwingen kannst...! Ich muss ja dann wohl wieder einmal die Schutzengelkerze anzünden... Ich war eben auch in den Ferien, in Korsika. Nun lese ich deinen Reisebericht und kann so weiteren Reiseträumen nachhängen.
    Pass auf dich auf!

  • #11

    preisig (Donnerstag, 09 Juli 2015 21:28)

    Hoi Sturzi
    super Bricht u.mega schöni Bilder.danke☺
    Gueti fahrt u.vieli neui Erläbnis!
    Liebi Grüess vo s'Prisigs

  • #12

    Carmen (Montag, 13 Juli 2015 19:02)

    Mega tolle stories! Man lebt so richtig mit! Danke :-)

  • #13

    Jürg (Mittwoch, 22 Juli 2015 14:24)

    Hoi Sturzi, super interessant Deine Berichte, weiter so mit viel Action... aber das mit dem Unfall muss nicht mehr sein! Pass auf Dich auf, wir brauchen Deine Beine nächste Saison wieder im FCN. Captain Jürg :-)