Teil 01: Schweiz - Italien - Slowenien - Ungarn

2. Blogeintrag: Nemesándorháza/Ungarn

Es ist ein herrlicher Frühsommertag heute. Eine Woche lang haben mich Christophs und Yellas Familienlandsitz in Ungarn in den Bann gezogen. Ich wohnte einige Tage in einem Wohnwagen mitten in der Natur inmitten von unzähligen Akazienbäumen, deren Duft mich immer wieder aufs Neue eingelullt haben.

Du kannst dir ein Bild machen, was mich in den ersten zehn Tagen meines Trips beschäftigt hat.


Fr, 08.05.2015: Start ins Onsernone-Tal

Strahlendes Wetter begrüsste mich an diesem Morgen. Nachdem ich zum ersten Mal sämtliches Material geladen hatte, passierte mich noch im Böl das erste Missgeschick, als ich versuchte, meine Maschine auf den grossen Ständer zu hieven. Das Gewicht war offensichtlich zu gross, mein Gleichgewicht zu klein, sodass mein Töff ganz langsam zur Seite kippte. Ich wollte ihn wieder aufstellen, dies gelang mir trotz eines Kraftaktes nicht, auch als ich einen der schweren Koffer demontiert hatte. Glücklicherweise fuhr gerade der Pöstler heran, und zu zweit schafften wir es, die Maschine wieder aufzustellen.

Zuerst wollte ich mich von Kesslers verabschieden. Hier realisierte ich, dass ich zu Hause Pass und Geld vergessen hatte, zum Glück kostete mich dieses Missgeschick nur wenig zeitlichen Verlust. Vor zehn Uhr erreichte ich die Schule Oberbüren, und ich wurde mit grossem Hallo begrüsst. Ein weiterer sehr herzlicher Abschied stand an. Vor elf Uhr fuhr ich nach St. Gallen zu meinen Eltern. Ich fuhr von St. Georgen über den Ruppen nach Altstätten und weiter nach Hinterforst, wo ich Jeanette, Wädi, Valentin und Ladina besuchen wollte. Nach einer ausgezeichneten Lasagne fuhr ich bald los gen Süden. Ich war (ohne VignetteJ) bald in Chur, fuhr durch die Rheinschlucht durch das Vorderrheintal Richtung Disentis, wo ich links Richtung Lukmanier abbog. Hier begannen sich die Wolken immer übler aufzutürmen, die Strasse war ab dem Bleniotal nass, aber noch wurde ich verschont, aber nur bis Bellinzona, wo ich geradewegs in einen veritablen Gewittersturm hineinfuhr. Ich konnte mich gerade noch in die Raststätte Bellinzona retten, als ich von einem Klacks überrascht wurde und beim Absteigen feststellen musste, dass ich den Sonnenschutz meines Helmes verloren hatte und vor allem den Verschluss des Helmvisiers. Diesen klebte ich mit Isolierband fest (!), rüstete meine Packung auf Regen um und fuhr durch Starkregen Richtung Locarno. Welch ein lästiger Kolonnenverkehr! Erst als ich ab Cavigliano Richtung Onsernone-Tal hochfuhr, hörte es auf zu regnen. Unzählige Kurven waren zu überwinden, Sturzbäche überschwemmten die Strasse, Vorsicht beim Fahren war gefragt. Eigentlich wollte ich von Corbella mit dem Töff hoch zur Alp Prou hochfahren, aber daran war nicht zu denken. Der Fussweg ist einfach zu steil und unwegsam. Unterdessen war es schon acht Uhr geworden. Ich hatte mich umzurüsten für eine 35-minütige Wanderung. Aber wo sollte ich all mein Material versorgen? So versteckte ich die Pneus hinter einem alten, stehende Anhänger, und Helm und Schuhe unter Dans Auto. Aber noch immer blieb eine riesige Vollpackung mit Töffjacke und –hosen. Im Wald war es unterdessen bedrohlich dunkel geworden, und tatsächlich erwischte ich vorerst den falschen Weg. Aber Handy sei Dank – Dani konnte mir den richtigen Tipp geben, kam mir entgegen. Die erste Brücke war dann bald erreicht, die zweite jedoch weggeschwemmt, sodass wir den Wildbach über grosse Steine überqueren mussten. Kühle Taufe für die Schuhe. Prou war trotzdem bald erreicht.

Das Essen stand bereit, das Lagerfeuer gross, und der Himmel klarte auf – herrliche Szenerie. Das Rustico auf Prou ist vollkommen aus Stein gebaut, auch das Dach, das jedoch noch nicht ganz dicht ist/war, denn diese Woche stand exakt dieses Projekt auf dem Programm. Ich schlief gut diese Nacht, auch wenn es ordentlich eng war – fünf Leute auf zwei Matratzen. Wir gaben uns gegenseitig warm…

Km: 305 (Start 15665 auf Tacho)


Sa, 09.05.2015: Ein Tag auf Prou

Es war ziemlich kalt diese Nacht auf 1250 m.ü.M., mein geerbter dünner Schlafsack reichte nicht ganz, um die Kälte ganz fernzuhalten. Glücklicherweise gab’s da noch eine muffig riechende Wolldecke. Das Rauschen des fernen Wildbaches war zu hören, sonst genoss ich die wunderbare Bergstille.

Am Morgen war es noch bedeckt. Auf dem Feuer wurde Kaffee gekocht. Schon früher wurde frisches Brot gebacken. Bald spielten Livia, Sonja, Lukas und ich Tichu, ein interessantes Berner Kartenspiel, das einiges taktisches Geschick verlangt und an Poker oder „Arschlöchle“ erinnert. Derweil arbeiteten Dan, Jan und Sämi weiterhin am Dach mit Mörtel – das vorabendliche Gewitter war ideal, um noch undichte Stellen im Steindach zu eliminieren. Zu siebt haben diese jungen Leute dieses Rustico gekauft und versuchen seit einiger Zeit, einen gewissen einfachen Standard zu erreichen. Wasser musste zugeführt werden. Das Dach muss verdichtet werden, Türen und Fenster, sowie ein Boden in der Küche fehlen noch, um wenigstens einen Raum heizen zu können. Diese Woche brachte ein Helikopter Holz und Steine auf die Alp, die jetzt verarbeitet werden.

Ich genoss die herrliche Aussicht hier oben, machte mich später auf, um eine Riesenfuhr Holz aus dem Wald zu besorgen, damit wir am Abend auch genügend Rohstoff für ein Freudenfeuer hatten. Natürlich wurde auch das WC getestet, das wohl die beste Aussicht auf der Alpensüdseite bietet – auf bewaldete Hänge der gegenüberliegenden Berge, soweit das Auge reicht. Gegen Abend zeigte sich auch die Sonne, und eine klare, aber sehr windige Nacht sollte folgen. Es war nicht einfach, Polenta und Gemüse zu kochen, weil es die Wärme immer wieder verblies. Erst dank eines Metallschutzes liess sich die Wärme etwas zusammenhalten.

Unterdessen wurde eine Badewanne voll Wasser angefeuert – ein Hotpool auf der Alp. Zuerst war es aber zu heiss, aber einige genossen das heisse Wasser in der kalten Nacht. Schliesslich machten wir trotz des Windes doch noch ein Lagerfeuer, ideal, um für die Nacht etwas Wärme im Körper zu speichern.

Km: 305


So, 10.05.2015: Lugano – Maloja – Prazet

Es war herrlich sonniges Wetter heute Morgen, ich wollte die wilde Umgebung noch etwas geniessen. Livia, Dan und Sämi machten sich schon früh auf den Heimweg, ich marschierte erst gegen Mittag talwärts. Diesmal waren die Bäche ohne Schwierigkeiten zu überqueren. In Corbella hatte ich mich erst zu reorganisieren; zudem wollte ich die Pneus etwas anders laden, um bequemer fahren zu können. Zudem musste das Visier des Helmes mit Klebband befestigt werden, wodurch es leider nicht mehr beweglich war. Aber da war es wieder, das Kribbeln, mich auf die nächste Etappe zu machen.

Zuerst bewältigte ich erneut die 1000 Kurven durch das Onsernonetal. Im Nu passierte ich Locarno, fuhr hoch zum Ceneri, nach Lugano, Gandria bis nach Porlezza (I). Es war schon fast sommerlich warm. Hier gab es Panini und Bier – herrlich! Dem Comersee entlang hatte es sehr viel Verkehr, es war ein mühsames Vorwärtskommen. Erst nach Chiavenna liess der Verkehr nach. Über den Maloja erreichte ich das Engadin. Es war merklich kühler hier. Vorbei am „Engadiner“-Startplatz erreichte ich Prazet bald und ohne Probleme.

Hier wurde ich von Dolores und Johann sehr herzlich empfangen. Ich bezog Züs‘ Zimmer; ich hatte am Morgen SMS-Kontakt, leider befindet sie sich momentan in Ibiza. Prazet hat mit seiner Ruhe und Abgeschiedenheit beinahe etwas Magisches; kein Wunder kam hier nach einem halben Jahr Absenz mein altes Handy wieder zum Vorschein. Ich wurde von Dolores zum Essen eingeladen. Ich war aber müde und legte mich bald schlafen.

Km: 605


Mo, 11.05.2015: Ofenpass – Bozen – Cortina d’Ampezzo

Es war ein herrlich sonniger Tag heute, ideal für einen ausgedehnten Alpentrip. Mit den besten Glückwünschen wurde ich von Dolores verabschiedet. Sie gab mir noch einen Brocken Demeter-Trockenfleisch sowie eine St. Christopherus-Karte als Glücksbringer mit. Ich fuhr einmal mehr über den Ofenpass und erreichte gegen Mittag Bozen, wo ich erneut die bekannte Pizzeria auf dem Weg zum Kalterersee aufsuchte. Dann fuhr ich zu jener bekannten Kawasaki-KTM-Bude, wo ich das Helm-Ersatzteil besorgen wollte. Aber ich hatte kein Glück. IXS-Helme sind in Italien gänzlich unbekannt. Ich muss mir die Teile wohl nachsenden lassen.

Von Bozen fuhr ich über Tiers Richtung Karer-Pass und erreichte nach einem Tankhalt bald Canazei. Eigentlich wollte ich über den Pordoi-Pass fahren, nahm aber die Passstrasse Richtung Marmalada-Massiv. Was für ein imposanter Ausblick auf dieses vergletscherte und noch tief verschneite Gebirge! Ich fuhr vorbei an einem blau-weiss schimmernden Stausee steil bergab Richtung Passo del Falzarego auf nochmals über 2200 m.ü.M. und traf auf einen freundlichen Holländer, der kaum glauben konnte, dass ich auf dem Weg nach Australien bin. Immer wieder passierte ich stillgelegte Skilifte und erreichte Cortina d‘ Ampezzo am frühen Abend. Dieser Winterkurort ist momentan beinahe ausgestorben, und ich war glücklich, im Villa della Neve endlich ein valables Hotel gefunden zu haben. Glücklicherweise war der Hunger noch gross, denn ich fand kein offenes Restaurant, dafür eine Weinbar, wo ich ein Bier und ein Glas Rotwein trank.

Km: 895


Di, 12.05.2015: Misurina – Auronzo –Tolmezzo – Uccea – Bovec (Slo) – Mangartom (Predelpass)

Erneut freute ich mich am Morgen über bestes Töffwetter. Am Morgen rief ich zuerst Christoph Schmid in Ungarn an, dass ich seine Natursiedlung („terra animan“) bald erreichen würde. Anschliesslich führte ich ein Telefon mit dem Motocenter West, die mir die benötigten Ersatzteile für den Helm nach Ungarn nachsenden werden. Ich fuhr über den Passo Tre Croci, verfuhr mich aber für kurze Zeit, als ich mich plötzlich am touristisch gut ausgebauten Misurina-Bergsee wiederfand. Schnell machte ich kehrt und nahm den richtigen Weg Richtung Auronzo über den Passo della Mauria.

In Tolmezzo fand ich die richtige Ausfahrt nach Amaro und Resiutta, von wo aus ich zum zweiten Mal über den Uccea-Pass Slowenien erreichen wollte. Die Strasse war noch gleich schmal und abenteuerlich wie 1998, aber auf der Passhöhe standen neu zwei kleine Restaurants. Die Chefin war so erfreut über meine Ankunft, dass sie mir Panini und Cola schenkte. An der Grenze hatte es diesmal keine Zollbeamten. Das Soca-Tal ist noch beinahe gleich wild wie vor Jahren, nur die Angebote für Schlauchboot- oder Kanufahrten sind etwas ausgebaut worden. Das Wasser des Flusses ist aber noch immer gleich glasklar. Wäre doch tatsächlich ein Fluss für eine weitere Flossexpedition! Wenn nur nicht bei Kobarid diese engen Stromschnellen wären! Hier müsste definitiv ausgewassert werden. Bovec war bald erreicht. Ich schlug den Weg Richtung Predelpass ein und fand in Mangartom bald eine gute Pension (Enzijan, 35 €). Ich hatte hier richtig gutes Internet, verbrachte einige Zeit an Handy und Computer. Ich hatte auch den Znacht gebucht und wurde mit einer riesigen Portion Grilladen verwöhnt. Eigentlich wollte ich danach das Tagebuch nachführen, aber da lief im Fernseher das Champion’s-League-Rückspiel Bayern gegen Barcelona (3:2), aber ich schlief noch während des Matchs ein…

Km: 1047


Mi, 13.05.2015: Vrsic-Pass – Kranjska Gora – Ljubliana – Maribor – Lendava – Nemesándorháza

Weil die Wetterprognosen gegen Ende der Woche nichts Gutes verhiessen, wollte ich möglichst heute schon Ungarn erreichen. Ich fuhr zurück Richtung Bovec und schlug den Weg zun Vrsic-Pass quer durch den Triglav-Nationalpark ein. Nach der Anfahrt durch ein immer enger werdendes Tal, durch das sich die pitureske Soca schlängelt, ging es bald steil bergauf. Ich hatte meine GoPro montiert, kämpfte mich die vielen Kehren hoch, bis ich bemerkte, dass meine Nikon aus dem kleinen Rucksack fiel. Dies realisierte ich sofort, hielt an, aber wohl etwas zu schnell, denn meine Maschine kippte auf die Seite, sie ist einfach zu schwer, um sie auf den Rädern zu halten. Fluchwörter hallten durch die Bergwelt. Zuerst holte ich meine Nikon, die hundert Meter entfernt am Strassenrand lag, dann kümmerte ich mich um mein Motorrad, das aber unmöglich alleine auf die Räder gebracht werden konnte, obwohl ich wenigstens einen der schweren Koffer demontiert hatte. Es verging einige Zeit, bis endlich ein Wiener Auto meinen Weg passierte. Die vier jungen Männer waren netterweise bereit, meinen Töff wieder aufzustellen. Meine Schutzvorrichtungen hatten sich ein erstes Mal bewährt, denn alles war noch intakt.

Wiederum packte ich mein abgeladenes Material, nochmals wurde die Ladung optimiert. Die Passhöhe des Vrsic-Passes (1609 m.ü.M.) war bald erreicht. Die tolle Aussicht lud zu einer Pause ein. Die Abfahrt nach Kranjska Gora war steil, aussichtsreich, aber problemlos. In Jesenice wurde getankt, dann war wieder einmal Autobahn fahren angesagt. Ich fuhr über Ljubliana – Maribor bis nach Lendava im Osten des Landes. Später erfuhr ich, dass ich eigentlich eine Vignette hätte kaufen müssen. Auf einer Raststätte wurde deswegen ein Autofahrer gebüsst. Ich zog aber schnell Leine und kam spesenfrei davon…

Je mehr ich gen Osten fuhr, desto mehr stiegen mir schon ab Maribor, das trotz seiner geringen Meereshöhe unglaublicherweise Ski-Weltcup-Rennen austrägt, die süssen Düfte der Akazien-Bäume in die Nase. Dies verstärkte sich in Ungarn noch mehr. Die unzähligen Bäume sind in voller Blüte und verströmen einen unglaublichen Duft, der einen sogar auf der Autobahn betört. Die ungarische Grenze war bald überquert. Über Lenti und Bak fuhr ich Richtung Zalaegerszeg bzw. Bucsuszentlasló. In Nemesándorháza hatte ich aber Christoph doch nochmals anzurufen; er holte mich in einem Trabi aus dem Dorfzentrum ab. Ich legte mich zuerst einmal in die Wiese und genoss die wirklich liebliche Umgebung. Mein Lager für die nächsten Tage befindet sich in einen alten Wohnwagen gleich neben einem etwas heruntergekommenen Tipi.

„Terra animam“ (www.terra-animam.eu) lebt (noch). Christoph Schmid, den ich schon vor sechs Jahren in Oberbüren als Stellvertreter kennengelernt hatte, hat sich auf diesem wirklich reizvollen, abgelegenen Stückchen Erde seinen Traum eines von A bis Z selber gebauten Hauses verwirklicht. Unterdessen steht das Riegelhaus, verputzt mit einer Lehm-Stroh-Mischung, fix und fertig auf einer Höhe mit herrlicher Aussicht. Unterdessen sind mehrere der Hektar-Parzellen belegt. Es wird Wert auf naturnahes Leben und Bauen gelegt, es werden Hecken und Bäume gepflanzt, Gärten für weitgehende Selbstversorgung angelegt. Das Projekt ist momentan jedoch in einer schwierigen Phase.

Schon am Nachmittag, aber vor allem am Abend beim guten Pasta-Essen schilderte mir Christoph die aktuellen Schwierigkeiten. Die Wasserversorgung wurde seinerseits einmal mit Spendengeldern finanziert, gleichwohl wird ein Wasserzins von den Siedlern verlangt. Ein Streit zwischen „Wassermann“ und Christoph ist letzten Herbst eskaliert, der gar gewalttätig ausgetragen wurde. Christoph und seine Frau Yella wurden unterdessen von der Wasserversorgung abgehängt, sie müssen das Trinkwasser von der Wohnung Christophs Eltern heranbringen. Für Garten und Teich ist das Sammeln von Wasser vom Dach in riesigen Zisternen eminent wichtig. Das heftige Gewitter von dieser Nacht war deshalb nicht nur ein Segen für die Natur, sondern auch für Christophs fast leere Wasserbehälter.

Unterdessen hat sich aber auch noch eine zweite Front aufgetan. Aus nicht wirklich ersichtlichen Gründen will der Strohmann Pali die neuen Siedler plötzlich nicht mehr auf diesem Hügel sehen. Ich habe den Eindruck, dass man die Ausdauer der Siedler unterschätzt hat, man also nicht glaubte, dass sie dauerhaft hier leben möchten. Mittlerweile sind Bijoux‘ von Behausungen (alle in Eigenregie gebaut) entstanden, zumeist aus Holz und in Überfluss vorkommendem Lehm. Christoph lebt mit Yella auf zwei Stöcken, herrlich gemütlich mit selber gebautem Ofen (für den Winter) ausgestattet. Gleich auf der nächsten Hektare hat sich ein österreichisches Pärchen (Claudia und Edward) mit ihren zwei Kindern niedergelassen. Sie leben in einem mit viel Liebe gebauten neuneckigen, einräumigen Rundhaus, ein wahrhaftes Schmuckstück. Ich durfte heute dieses Haus bereits begutachten und staunte nicht schlecht, was hier mit 7000 Euro (incl. Sonnenkollektoren) gebaut werden kann. Die Gemeinschaft lebt aufgrund der Prinzipien der Anastasia-Bücher. Anastasia ist eine Russin, die quasi eins mit der Natur in eben dieser aufgewachsen ist und offenbar einen ganz besonderen Draht zu Natur und den Mysterien dieser Welt gefunden hat. Sie hat einen russischen Industriellen, der mit Handel auf dem Ob beschäftigt war, gleichsam bekehrt, der unterdessen von seinem materialistischen Denken abgelassen hat und Lebensgeschichte und Philosophie dieser offenbar ganz besonderen Frau eingelassen hat und mit ihr unterdessen zwei Kinder gezeugt hat. Die insgesamt zehn Bücher wurden in sehr viele Sprachen übersetzt und werden auf der ganzen Welt gelesen.

Ich wurde heute überaus freundlich empfangen und staune, wie man unserem gelebten, übertriebenen Materialismus eigentlich ganz gut entkommen kann. Wir diskutierten bei Wein und Wasser noch lange über Schwierigkeiten, Sinn und Schönheit dieser Lebensform, bevor ich über die lehmig-sumpfigen Wege meinen Wohnwagen aufsuchte. Unterdessen war ein schweres Gewitter über das Land gezogen, Wasser, das die Natur hier so dringend benötigen kann. Auch Christophs Wasserbehälter wurden mit dem Dachwasser wieder gefüllt.

Km: 1451


Do, 14.05.2015: Pizza in Zalaegerszeg

Frisches Wasser kriegte ich vom österreichischen Pärchen, das ich in zwei Wassersäcken zu meinem Wohnwagen transportierte. Diese Wassersäcke, aufgehängt an einem Ast eines Baumes, dienten als Behälter für eine ziemlich kalte Dusche am frühen Morgen. Es war leicht bewölkt und kühl, mein dünner Schlafsack liess mich in der Nacht etwas frieren.

Nach der Dusche suchte ich den benachbarten Familien-Landsitz Jörgs auf. Er war von Hand damit beschäftigt, den sehr lehmigen Boden so herzurichten, um auf ihm einmal sein Traumhaus zu verwirklichen. Er lebt hier mit der um einiges jüngeren Tessinerin Selina und seinem Sohn Elia. Ich half Jörg beim Abstechen des Lehmbodens, der furchtbar klebrig war und meine Crocs im Nu verklumpen liess. Bald waren wir während der Arbeit in philosophische Diskussionen vertieft. Er sieht die Welt an einem Wendepunkt, spricht von „planetarischem Erwachen“, für mich reichlich psychologisierend übertreibend, aber doch sehr interessant. Jörgs wohnen momentan in einer einfachen Hütte, ein Badehaus wurde auch schon gepflastert, eine Naturdusche mit Warmwasser aus einem gerollten schwarzen Schlauch ist bereit, der Garten spriesst dank des häufigen Mulchens vom Feinsten. Und überall wachsen die verschiedensten Blüten, die Luft ist getaucht in den Duft der Akazien (Robinien). Ich kann an keinem der unzähligen Bäume vorbeigehen, um nicht mindestens einige dieser süss duftenden Blumen zu kosten.

Am Nachmittag begleitete ich eine Gruppe von Siedlern nach Zalaegerszeg. Schon lange hatten sie abgemacht, in einer Pizzeria essen zu gehen und nachher ein Eis essen zu gehen. Anschliessend wurde im Aldi (!) eingekauft.

Am Abend sass ich noch lange in Christophs Haus. Wir diskutierten bis zwei Uhr nachts. Sein Denken ist erstaunlich russisch angehaucht. Am Ukraine-Konflikt sei vor allem die Nato und die USA schuld. Er erzählte von einigen für mich wenig glaubwürdigen Geschehnissen, die mich sehr an Verschwörungstheorien erinnern. Es wurde ordentlich emotional und ich wehrte mich mit Kräften gegen einige abstruse Theorien.

Km: 1451


Fr, 15.05.2015: Regentag und ein erster Besuch

In der Nacht kam der grosse Regen. Es prasselte auf das Wohnwagen-Dach, die perfekte „Immer-wieder-Einschläferungsmethode“, sodass ich erst gegen um halb zehn Uhr aufstand. Gegen die Kälte schützte ich mich in dieser Nacht mit Töffklamotten, die ich über mich legte.

Um zehn Uhr war der Besuch eines österreichischen Filmemachers angesagt, der gerne diese Lebensweise in einen Film verpackt hätte. Aufgrund der unsicheren Entwicklung der Siedlung legte man das Projekt jedoch noch auf Eis, dafür wurde über eine Langzeitdoku diskutiert oder Aufnahmen über Einzelheiten wie die Bauweise eines selbstgefertigten Hauses oder eines Ofens. Es erschienen weitere Dorfbewohner, unter anderem Mike und seine um einiges jüngere Freundin Lina. Da war aber auch die rege Heike und Reinhold, die wohl um die gut fünfzig sind. Es war den ganzen Tag kühl und feucht, eine richtig wohlige Wärme sollte sich erst am Abend einstellen, als wir Böhringers mit ihren vier lebendigen Kindern besuchten, die sich ein Haus im Dorf gekauft haben, aber das Ziel haben ebenfalls einen Familien-Landsitz zu gründen. Reinhold ist Imker und erklärte den Siedlern den Umgang mit Bienen in der Siedlung. Nach einem Bier schlenderten Yella, Christoph und ich nach Hause, und ich legte mich schon früh schlafen.

Km: 1451


Sa, 16.05.2015: Besuch aus Budapest

Auch heute wurde mein Frieden bei meinem Wohnwagen recht früh gestört, als viele Siedler bei meinem Wohnwagen erschienen mit Mengen von köstlichen vegetarischen Gerichten, welche für die wichtigen Gäste aus Budapest bereitgestellt wurden. Dabei wurde das Geschirr aus meinem Wohnwagen benötigt. Die Ungarin Piroschka ist Verlegerin der Anastasia-Bücher und hat einen Überblick über ähnliche Familien-Landsitze in Ungarn, mit der eine Zusammenarbeit angestrebt wird. Der Einstieg fand im Kreis statt, beinahe schon etwas meditativ. Zuerst zeigten wir den sieben Besuchern die bestehenden Landsitze, besuchten Jörgs Bude und später Mikes und Linas idyllische Umgebung mit Gewächshaus, angelegtem Teich und kleinem Rundhaus. Mike hält auch einige Schafe im eingezäunten Teil ihres Hektars. Er nahm einige essbare Rohrkolbenpflanzen mit, wir passierten Palis Haus, des Gegners und Problemmachers und besichtigten Yellas und Christophs Haus, das grösste und am aufwändigsten gebaute mit seinen zwei Stöcken. Hunde, Katzen, Gänse und grosse Hühner begrüssten uns, wir fanden Eintritt ins Haus, wo Christoph Bauweise des Gebäudes und Ofens erklärte. Er sagt selber, dass er heute wohl anders und kleiner bauen würde. Über drei Jahre waren Christoph und Yella mit dem Bau dieses stattlichen Hauses beschäftigt.

Wir verpflegten uns mit den diversen Köstlichkeiten, bevor am Nachmittag die Konferenz begann, bei der über die Zusammenarbeit gesprochen wurde. Man erhofft sich Synergien, um solche Landsitze legal initiieren zu können. Eigentlich ist das ganze heute schon möglich, solange kein Kläger auftaucht. Und dies ist ja hier momentan gerade der Fall. Schliesslich wurde meditiert, die Kraft des Denkens soll dem Projekt eine Zukunft bescheren. Man möchte sich wieder treffen und überlegt, eine Petition zu starten, damit solche Projekte legal von statten gehen können.

Gegen Abend beobachtete ich zusammen mit Christoph die Funktion seiner neuen Wasserstelle. Aber noch kommt nur eine lehmige Brühe aus der Tiefe. Aber es ist in dieser Situation eminent wichtig, mit der Wasserversorgung unabhängig zu sein. Ich besuchte am Abend nochmals Yella und Christoph mit einer Flasche Wein. Ich versuchte, all die bekannten Siedler zu charakterisieren, und aus der amüsierten Mimik traf ich wohl nicht schlecht…

Km: 1451


Sonntag, 17.05.2015: Sonnenschein und Frieden

Ich sitze im freien Feld neben Tipi und Wohnwagen. Es ist herrlich warm. Der Wind streift durch die unzähligen Akazien. Ich fühle mich frei und überlege, ob dieser Ort auch etwas für mich ist. In der Tat würde mein Ersparten wohl für das ganze Leben reichen. Warum nicht auch ich dem Geldapparat und den Sachzwängen des Westens entfliehen? Und doch reizt mich das kommende Fremde, das Abenteuer. Bestimmt habe ich hier erreicht, wirklich geerdet, zur Ruhe gekommen zu sein. Noch warte ich auf den Brief mit den Helm-Ersatzteilen aus der Schweiz. Einerseits zieht es mich weiter, andrerseits geniesse ich das Gefühl der Zeitlosigkeit an diesem wunderbar ruhigen Ort.

Bald war ich bei der nahen Wasser-Pumpstelle mit Christoph in ein weiteres Gespräch verwickelt. Das Wasser, das sein kleines Pumpwerk ans Licht befördert, ist noch lehmig braun. Der Schmutz muss aus dem Bohrloch gepumpt werden, bis dann hoffentlich bald sauberes Wasser zum Vorschein kommt.

Anschliessend machte ich Hausdienst und wusch sämtliches Geschirr ab. Zuerst musste Regenwasser aufgekocht werden, um eine gewisse Reinheit  des Geschirrs zu erreichen. Leider leerte ich den Kübel unter dem Lavabo nicht, und die ganze Sauce lief mir über den Küchenboden – wodurch wenigstens auch dieser sauber wurde.

Ich lud Yella und Christoph am Abend zum Essen ein. Wir fuhren nach Zalaegerszeg. Das erste Restaurant war gerade am Schliessen, beim zweiten bekam ich eine ordentliche Fleischportion – mittelprächtige Qualität, aber extrem satt machend…

Km : 1451


Mo, 18.05.2015: Post aus der Schweiz

Die Gruppe hier ist offensichtlich in einem Prozess der Findung. Heute erschien Lina bei Yella und Christoph, die als relativer Neuankömmling wohl versuchen wird, die verschiedenen Interessen und Parteien an einen Tisch zu bringen, um Ungereimtheiten aus dem Weg zu schaffen.

Jörg überbrachte mir die grosse Freude eines Briefes aus der Schweiz. Die Helmutensilien sind vollständig angekommen und wurden gleich montiert. Jetzt bin ich wieder frei in der Wahl der Weiterreise. Das Wetter verheisst ab Mittwochnachmittag nichts Gutes, sodass ich wohl höchstens noch morgen hier bleiben werde. Am Nachmittag besuchte ich Heike und Raymund, deren Grundstück wohl am schönsten gelegen ist mit wunderschöner Aussicht auf drei Seiten. Sie arbeiten momentan am Garten und wohnen in einem Bauwagen und wollen die rechtliche Lage noch abwarten, bis sie mit Bauen beginnen.

Gegen Abend half ich Yella und Christoph beim Bau ihres OpenAir-Bettes, nachher diskutierten wir bei Wein nochmals über die diversesten Verschwörungstheorien. Ich bin nach wie vor wenig davon überzeugt, dass sich darin etwas Wahres findet.

Km: 1453


Di, 19.05.2015: Ein Sommertag

Am Morgen bereitete ich den Blog vor, konnte ihn im Haus von Christophs Eltern aber nicht abschliessen, weil mir das Übergangsstück zwischen USB und Internetkabel fehlte.

Am Nachmittag half ich Christoph nochmals beim Auspumpen des Brunnens. Er hofft, dass dieser bald sauberes Wasser liefert. Noch kommt nur eine braune Brühe! Yella machte hervorragend Pizzabrötchen und stillte so meinen Hunger.

Am Abend gab es mir zu Ehren ein Lagerfeuer, an dem wir lange sassen. Herzliche Verabschiedung, denn morgen möchte ich vor dem grossen Regen abreisen.

Km: 1453

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Kommentare: 4
  • #1

    Regula (Freitag, 22 Mai 2015 12:26)

    spannend - was es nicht alles gibt (hab mir die websites der siedler angeguckt). und was für ein eifriger schreiber du bist! dachte früher mal, ich sei die einzige schreibsüchtige und daher leicht gestört. aber zu zeiten der blogs zeigt es sich, dass das eine ziemlich verbreitete angelegenheit ist :-) schön auf diese art ein wenig einblick in deiner reise zu bekommen! ich geh heut abend dein kleines schwesterchen besuchen. lieber gruss, regula

  • #2

    Raffi (Samstag, 23 Mai 2015 08:38)

    Hey Sturzi
    Wow, deine Berichte sind voll genial, du müsstest ein Buch schreiben. Ich wünsche dir eine tolle Reise mit vielen einzigartigen Erlebenissen. Ich freue mich wieder von dir zu lesen. LG Raffi

  • #3

    Dominik (Samstag, 23 Mai 2015 14:17)

    Hallo Herr Sturzenegger

    Ich hoffe es geht dir gut?
    Wo war dein Händy?
    Die Berichte sind spannend und toll.
    Ich wünsche dir schönes Wetter viel Spass ,
    Glück und Freude auf der restlichen Reise.
    GLG Dominik

  • #4

    Chrigi (Sonntag, 24 Mai 2015 09:59)

    Liebe Sturzi
    Pfingstsunntigmorge-ich sitze gmüetlich dehei bi früschem Sunntigszopf und Kaffee und lese ganz fasziniert Din Reisebericht. Unglaublich das Du nebet all däm was Du erläbsch, stundelang mit Dim Töff unterwegs bisch, no so schriebe magsch. Sehr spannend.... es gluschtet mich grad au loszieh!!!!
    Ich freue mich druf Dini wieteri Reis so mit z`verfolge. Gueti wieter Fahrt, mit möglischt wennige Panne und emene ufrächt stehende Töff
    herzlichst us Hauptwil Chrigi